AKTUELL ihre Katastrophe erlebten – scheinbar zerrann das Schicksal der Verlierer im bloßen Vergessen. Jetzt konzentriert sich das kluge Buch von Manfred Clauss auf die großen Kriegsniederlagen des Mittelalters, auf ihre Darstellung, Deutung und Bewältigung. Ausgangspunkt ist die provozierende These des Historikers Reinhart Koselleck, dass Siege als selbstverständlich empfunden wurden, Niederlagen aber bei den Betroffenen Lernprozesse hervorriefen. Wie sollte man das Geschehen in die göttliche Weltordnung einfügen? Wie konnte man es seinen Kindern erklären? Welche Rolle spielte das eigene Versagen, der Verrat, das schlechte Wetter? Clauss bestätigt und erweitert die Antworten auf solche Fragen. Seine Studie bietet ein Musterbeispiel für den modernen Umgang mit alten Quellen, ihren typologischen Mustern und Erzähltraditionen. Hier stehen unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dasselbe Ereignis nebeneinander, ohne dass es um die einzige historische Wahrheit ginge. Man muss freilich schon viel über die Fakten wissen, um diesen theoretischen Zugriff auf mittelalterliche Perspektiven ohne chronologische Abläufe zu genießen. Wer aber die Kriegsgeschichte bereits gut kennt, kann ihre Quellengrundlagen jetzt neu beurteilen. Prof. Dr. Bernd Schneidmüller
Martin Clauss, Kriegsniederlagen im Mittelalter. Darstellung – Deutung – Bewältigung. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn/München/Wien/Zürich 2010, 361 Seiten, € 48,–. Mehr zum Thema Martin Clauss, Ritter und Raufbolde. Vom Krieg im Mittelalter. Primus Verlag, Darmstadt 2009, 143 Seiten, € 16,90.
der kunstvollen Darstellung des Stoffes. Wozu also eine weitere Lebensdarstellung des Vergessener Krieg gewiss außergewöhnlichen, aber wahrlich nicht unbeEines der zentralen Ereigniskannten Militärs, dessen Einse am Beginn des 18. Jahrhuntrag allein in populären Enzyderts war zweifellos der Spaklopädien wie „wikipedia“ nische Erbfolgekrieg (1701– länger ist als derjenige der 1714). Schon einige Zeit vor meisten Kaiser des Heiligen dem Tod des letzten spaniRömischen Reiches Deutscher schen Habsburgers Karl II. hatNation? Sollten wider Erwarte – vor dem Hintergrund der ten doch noch neue Quellen Hegemoniestreitigkeiten zwiaufgetaucht sein, die auf die schen Ludwig XIV. und den öseine oder andere Entscheidung terreichischen Habsburgern – des Friedländers ein neues die spanische Erbfolgefrage die Licht werfen? Politiker Europas beschäftigt. Man wird zunächst sagen Alle Teilungspläne und andere Prof. Dr. Karl Vocelka müssen, was der schmale Essay Lösungsansätze fanden keine des an der Universität InnsVerwirklichung, so dass 1701 bruck lehrenden Historikers ein langer Krieg begann – der Robert Rebitsch, der zahlreiche letztlich wieder mit einer TeiBücher und Aufsätze zur polilung des spanischen Erbes entischen und Militärgeschichte dete. Dieser Krieg wurde nicht des 16. und 17. Jahrhunderts nur an verschiedenen Fronten publiziert hat, nicht sein will: Europas (Oberitalien, spanische Er will keine chronologisch Niederlande, Heiliges Römiaufgebaute, ins Detail gehensches Reich und Spanien) gede Biographie sein, keine erführt, sondern auch in den Koschöpfende Charakterskizze lonien, wo sich Frankreich und und auch keine neue ForEngland als Konkurrenten geStefan Smid, Der Spanische schungsarbeit. Weder werden genüberstanden. Somit kann Erbfolgekrieg. Geschichte eines neue Quellen ausgewertet und man diesen Krieg mit Fug und vergessenen Weltkriegs (1701– Zitate belegt noch ForschungsRecht, wie es auch der Titel des 1714). Böhlau Verlag, Köln/ positionen im engeren Sinn Buches tut, einen Weltkrieg Weimar/Wien 2010, 580 Seiten, diskutiert. Der Leser findet keinennen. € 69,90. ne Anmerkungen vor; lediglich Dem Autor des umfangreiknappe Literaturhinweise. chen Bandes – kein Historiker, Im Mittelpunkt des Essays, sondern Professor für bürgerAufsteiger, Feldherr, der insgesamt gut lesbar ist liches und Zivilprozess-Recht Machtmensch und keiner Vorkenntnisse bein Kiel – gelingt es, dieses komplexe Thema mit großer Auch fast vier Jahrhunderte darf, stehen „Profile des Machtmenschen Wallenstein“. Gründlichkeit darzustellen. Die nach der Ermordung Albrecht diplomatischen Aktivitäten von Wallensteins 1634 im böh- Der böhmische Adlige wird in finden ebenso Berücksichtimischen Eger geht eine unge- einem systematischen Zugriff als Aufsteiger, Feldherr, Langung wie die militärischen brochene Faszinationskraft desherr, Kriegsunternehmer, Aktionen der kriegführenden von der schillernden Figur des Parteien. Neben der reinen Er- kaiserlichen Generalissimus eignisgeschichte, durch deren aus, dem bis zur Gegenwart Betrachtung die Darstellung bekanntesten Feldherrn des dominiert wird, lässt sich SteDreißigjährigen Krieges. fan Smid allerdings auch auf Ganze Generationen von Aspekte des Krieges ein, die Geschichtsforschern und neuere Ansätze der historischen Schriftstellern suchten nach Forschung spiegeln, die strukder „Lösung der Wallensteinturellen Gegebenheiten der frage“ – so bereits 1881 der Armee etwa oder die Finanzie- deutschböhmische Historiker rung des Krieges (so im Kapitel Edmund Schebek – und damit „Militärische Potentiale“). vor allem nach einer Antwort, Andere spannende Themen- ob der mächtige Militär tatRobert Rebitsch, Wallenstein. bereiche wie etwa die Propasächlich zum Verräter am Kai- Biografie eines Machtmenschen. ganda und Medienpolitik der ser in Wien geworden und Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weikriegführenden Mächte oder daher zu Recht auf Befehl Fer- mar 2010, 254 Seiten, € 19,90. die Implikationen auf die Bedinands II. getötet worden sei. Weitere Literatur völkerung fallen ganz weg oder Noch 1971 legte Golo Mann Luise Schorn-Schütte, Konfeskommen zu kurz, was zum Teil eine umfängliche Biographie sionskriege und europäische auch mit der Literaturauswahl Wallensteins vor, die in ihrem Expansion. Europa 1500 –1648. zusammenhängt, die von traausgewogenen Urteil ebenso Verlag C. H. Beck, München 2010, € 14,95. ditionellen politisch-militärizu überzeugen wusste wie in





