AKTUELL Kapitaljongleur, Förderer und Politiker gezeigt – nur am Ende steht hinter dem Kapitel „Der Verräter“ ein Fragezeichen. Im Grunde werden die seit langem bekannten Daten und Entwicklungen nur schubladenähnlich neu geordnet, und dies nicht einmal besonders originell. So gilt das Kapitel „Der Förderer“ nicht dem Mäzen und Stifter, wie man vermuten könnte, sondern dem Personalpolitiker; dargestellt werden aber nur die Lebensläufe von fünf Truppenführern, die Wallenstein ihre militärische Karriere verdanken. Für Fachleute bietet das Büchlein nichts Neues, historisch Interessierte sollten unverändert zu Golo Mann greifen. Prof. Dr. Joachim Bahlcke
Dichter der Deutschen Mehr als 4 000 Menschen gaben dem 1798 in Fallersleben geborenen August Heinrich Hoffmann 1874 das letzte Geleit. Sie ehrten den politischen Dichter, der 1840 mit seinen „Unpolitischen Liedern“ berühmt geworden war, den Dichter vielgesungener Kinderlieder wie „Ein Männlein steht im Walde“ oder „Alle Vögel sind schon da“, und auch den Wissenschaftler, der in Bibliotheken nach Handschriften suchte, sie herausgab und für seine Verdienste um die Erforschung der altniederländischen Sprache geehrt wurde. Seine politischen Lieder kosteten ihn 1842 an der Universität Breslau seine Professur für Deutsche Sprache und Literatur, die er gegen den Widerstand seiner Kollegen 1830 mühsam errungen hatte. Fortan musste er sein Leben und später das seiner Familie als Schriftsteller finanzieren. Erst 1860, als er Bibliothekar in Corvey wurde, konnte er wieder verstärkt wissenschaftlich arbeiten, doch Anschluss an die Germanistik fand er nicht mehr. Über Hoffmann von Fallersleben sind zahlreiche Studien zu allen Facetten seines Lebens erschienen. Er selber hat das Bild, das sich die Nachwelt von seinem Leben macht, mit den sechs Bänden seiner Erinwww.damals.de
nerungen nachdrücklich geprägt. Auch Bernt Ture von zur Mühlens Biographie folgt ihnen, korrigiert sie aber dort, wo Hoffmanns selbstkonstruiertes Lebensbild zu sehr von seinem wirklichen Lebensweg abweicht. Der Schriftsteller darbte nicht, als er aus dem Staatsdienst entlassen wurde, er erhielt Spenden politischer Sympathisanten, behauptete sich erfolgreich auf dem Literaturmarkt und beschloss sein Leben als wohlsituierter Bürger. Der preußische Staat hatte ihn ausgestoßen, doch die staatliche Einigung unter preußischer Militärführung versöhnte ihn. Seine letzten Lieder priesen den preußischen Monarchen als Vollender der deutschen Einheit, wenn auch nicht in den Grenzen, die das „Lied der Deutschen“ besingt. Der Autor analysiert nicht, er will erzählen – und das gelingt ihm. Wer eine Analyse der literarischen und wissenschaftlichen Werke oder der politischen Entwicklung Hoffmanns von Fallersleben sucht, der sollte zu anderen Büchern greifen.
Drei Fäden verwebt Ladislaus Löb, früherer Professor für Germanistik an der University of Sussex in Brighton, in seinem Buch über seinen Retter Rezsö Kasztner: seine eigene Lebensgeschichte, die äußerst komplizierte und häufig verwirrende Story der Rettungsversuche und -erfolge Kasztners und schließlich den Kasztner-Prozess nach dem Krieg in Israel. Löb muss dem Leser viel erzählen und erklären, angefangen von seiner Kindheit in Siebenbürgen, über die Flucht mit dem Vater nach Budapest und den Weg durch BergenBelsen bis in die Freiheit, durchsetzt mit Details der ungarischen Geschichte und Politik der 1940er Jahre, bis er zur wirklichen Kernfrage des Buchs kommen kann: Wer war eigentlich Kasztner, und warum bleibt er, vermutlich für immer, eine der Figuren der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die am schwersten einzuordnen sind? Kasztner wanderte nach Prof. Dr. Dieter Langewiesche dem Krieg mit Frau und Tochter nach Palästina aus und arbeitete dort unter anderem als Regierungssprecher. Und dann, wie Löb in einem Satz zusammenfasst: „… eskalierte eine scheinbar lächerliche Beleidigung zu einem Gerichtsverfahren, das nicht bloß Kasztner ruinierte, sondern den ganzen Staat Israel bis in seine Fundamente erschütterte.“ Kasztner, selbst Jude und Bernt Ture von zur Mühlen, Ungar, wurde beschuldigt, Hoffmann von Fallersleben. Bio- letztendlich mit den Nazis kolgraphie. Wallstein Verlag, Götlaboriert und einige von ihnen tingen 2010, 400 Seiten, € 24,90. später in Nürnberg geschützt Mehr zum Thema zu haben. Zwar habe er mit Hans-Werner Hahn/Helmut Bergroßem Ehrgeiz viele – oft priding, Reformen, Restauration vilegierte – Juden durch seine und Revolution 1806 –1848/49. Verhandlungen und Geschäfte Gebhardt. Handbuch der Gemit Eichmann und anderen schichte, Band 14. Verlag KlettNazi-Führern gerettet, aber – Cotta, Stuttgart, 10. völlig so der Vorwurf – er habe zuneu bearbeitete Auflage 2010, gleich die Vernichtung von 712 Seiten, € 42,–. Abertausenden in Kauf geAnne Roerkohl, Deutschland auf dem Weg zum Nationalstaat nommen, also mitverschuldet. Kasztner wurde verurteilt. 1815–1871. DVD mit DVD-ROMSeine spätere Rehabilitation Teil, Dokumentarfilm GmbH, konnte er nicht mehr erleben, Münster 2010, € 39,90. Andreas Fahrmeir, Revolutionen er wurde 1957 von jungen Israelis als „Verräter“ ermordet. und Reformen 1789 –1850. VerDies ist ein sehr informatilag C. H. Beck, München 2010, 304 Seiten, € 14,95. ves Buch. Es erlaubt neben





