Schraut gliedert ihre Kapitel in die Abschnitte einer „typischen“ Frauenbiographie in wilhelminischer Zeit: Sie beginnt mit der Kindheit, einer halbherzigen Ausbildung und Berufswahl, die eher als eine Zwischenlösung bis zur Eheschließung verstanden wurde. Im Weiteren werden gesellschaftliche Rollenbilder der Frau an der Seite ihres Mannes ebenso wie jenes der „alten Jungfer“ charakterisiert. Mit zahlreichen Zitaten untermalt die Autorin die unterschiedlichen Wege mit individuellen Erfahrungen. Bei der Auswahl der vorgestellten Personen bemüht sie sich, die Breite des Bürgertums zu erfassen: Die Frauen stammen zwar weitgehend aus Familien reicher Großgrundbesitzer, Fabrikanten, Militärs und Beamten, aber auch Töchter von selbstständigen Handwerkern und Kirchschullehrern werden vorgestellt. Die meisten durchliefen bis zur Eheschließung eine typische Biographie, die weiteren Weggabelungen des Lebens ergeben die Breite des Buches: Emile Bücher etwa lebte „das typische Leben einer Professorengattin“ und erzählten in zahlreichen Briefen lebendig davon. Daneben stehen kontrastreich Frauen wie Franziska Tiburtius, die erste selbständige Ärztin Berlins, oder Hedwig Dohm, die sich radikal in der Frauenbewegung einsetzte, feministische Essays verfasste und Frauenvereine gründete. Indem Erwartungen und Selbstverwirklichungen nebeneinander gestellt werden, gelingt es der Autorin, die Bedeutung Einzelner auf dem Weg der Emanzipation herauszustellen. Den Abschluss bildet ein Ausblick in das 20. Jahrhundert, welcher der Frage nach den „Nutznießerinnen“ der Frauenbewegung nachgeht und das Ende des bürgerlichen Lebensstils mit dem Beginn der Weimarer Republik ansetzt.
In knapp formulierten, jedoch an Informationen sehr dichten Kapiteln greift die Autorin die wichtigsten Aspekte der Emanzipationsgeschichte in der wilhelminischen Zeit heraus. Fakten und Zitate werden gut lesbar ineinander verwoben und bieten jedem den Zugang, der sich kurz und prägnant mit fundiert recherchiertem Wissen der Thematik annähern möchte. Die im Anhang zusammengestellten Kurzbiographien und Literaturangaben ermöglichen darüber hinaus eine weiterführende Vertiefung zu einzelnen Themenblöcken und Personen.
Rezension: Sabrina Tatz





