Das Byzantinische Reich bestand über mehr als eintausend Jahre, seine Verdienste für die gemeinsame europäische Geschichte sind vielfältig, sie liegen im Bereich der Tradierung von römischem Recht und antiker Bildung ebenso wie im jahrhundertelangen Grenzkampf gegen äußere Feinde. Der Hauptstadt Konstantinopel kam an Größe, Glanz und Schönheit keine andere Stadt des Kontinents gleich, sie war das Maß aller Dinge, wie uns viele zeitgenössische lateinische Quellen verraten. Doch ungeachtet dessen ist die allgemeine Kenntnis über dieses Reich vergleichsweise gering geblieben, was sicherlich zu einem guten Teil an dem immer noch national-staatlich geprägten Geschichtsunterricht liegt. Die Sprache der byzantinischen Quellen ist zumeist griechisch, was auch viele Mittelalterhistoriker vor einer tieferen Auseinandersetzung zurückschrecken läßt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Abfassung von allgemeinen Einführungen und Handbüchern, die sich an weitere Kreise wenden, eine absolute Notwendigkeit. Der Berliner Byzantinist Ralph-Johannes Lilie hat sich dieser Herausforderung gestellt und, um es vorweg zu nehmen, ein mustergültiges Werk geschaffen. In einer schönen erzählenden Sprache und unterstützt durch zahlreiche geistreich kommentierte Abbildungen wird die Geschichte jenes Reiches, das sich selbst als unmittelbare Fortführung des imperum Romanum verstand, von der späten Antike bis zu seinem Untergang im Jahre 1453 dargestellt. Nach einem kurzen, mit “Byzanz in der Welt des Mittelalters” betitelten Prolog, der die Rezeptionsproblematik schildert und allgemeine Charakteristika der byzantinischen Lebenswelt aufzeigt, setzt unter dem Schlagwort “Monopol” der erste Hauptteil des Buches ein, der “Ostrom als alleinige Vormacht des christlichen Europas (4.-8. Jahrhundert)” beschreibt. Der Bogen führt von der Tetrarchie Diocletians über das Goldene Zeitalter Justinians I. bis zu den Anstürmen der Araber im 7. und 8. Jahrhundert. Der zweite Hauptteil, “Konkurrenz” genannt, widmet sich der beginnenden Auseinandersetzung mit dem westlichen Kaisertum, bevor der dritte Hauptteil unter dem Titel “Abwehr” die Zeit zwischen 1071, der Schlacht von Mantzikert, in deren Folge weite Teile Kleinasiens verloren gingen, und 1204, dem verhängnisvollen Datum der Eroberung Konstantinopels durch westliche Kreuzritterhorden, beschreibt. Ein letzter Abschnitt, “Niedergang” betitelt, zeigt das Byzantinische Reich als einen Kleinstaat, der zunehmend unter die Gewalt der Osmanen gerät und diesen schließlich erliegt. Ein kurzer Epilog behandelt die Thematik “Byzanz und das Abendland”. Die Darstellung bewegt sich insgesamt auf einem sehr hohen Niveau und berücksichtigt durchgängig die Ergebnisse der neueren Forschung, im Gegensatz zu manch anderem jüngst erschienenen Handbuch wird hier kein altes Wissen in neuem Gewand vorgelegt. Besonders lobenswert ist die Existenz eines gesonderten Abschnittes “Strukturen und übergreifende Linien” zum Ende eines jeden Hauptteiles, der nach der Darstellung der Ereignisgeschichte Raum für tiefere Analysen bietet. Man mag einräumen, daß Byzanz noch mehr gewesen ist, gerade in der frühbyzantinischen Zeit sogar bis nach Äthiopien und in den Fernen Osten ausgegriffen hat, Aspekte, die hier nicht so ausgeprägt präsentiert werden, doch kann man dies als Zusatzinformationen für den fortgeschrittenen Leser zunächst vernachlässigen. Es sind jetzt genau vierzig Jahre her, daß Georg Ostrogorsky die letzte Auflage seiner Geschichte des byzantinischen Staates veröffentlicht hat und damit jenes Werk publizierte, welches das maßgebliche Handbuch zur Fragestellung werden sollte. Ohne Übertreibung darf man abschließend sagen, daß die anzuzeigende Arbeit die Qualität und Klasse hat, dieses hohe Erbe jetzt anzutreten.





