Es war aus dem Ostteil des Römischen Reiches hervorgegangen: Mehr als 1000 Jahre – von der Spätantike bis ins späte Mittelalter hinein – bildete das Byzantinische Reich einen Machtfaktor im Mittelmeerraum. Nachdem sich die Größe seines Territoriums im Laufe der Jahrhunderte mehrfach verändert hatte, kam schließlich im Jahr 1453 das dramatische Ende: Die Osmanen eroberten Konstantinopel und der letzte byzantinische Kaiser starb bei der Verteidigung der einst glanzvollen Hauptstadt.
Bewegung hatte in Byzanz viele Facetten
Mit der Erforschung des legendären Kaiserreiches beschäftigt sich aktuell ein Forscherteam um Claudia Rapp von der Universität Wien. Im Rahmen des mit dem Wittgenstein-Preis ausgezeichneten Projekts “Mobility, Microstructures and Personal Agency in Byzantium” untersuchen die Wissenschaftler die vielfältigen Formen der Mobilität, die bisher offenbar kaum beachtet wurden. Sie analysieren dazu historische Quellen und decken auch neue Spuren auf.
„Byzanz galt in der Geschichtsschreibung bisher als statisch, verfestigt bis hin zu verknöchert”, erklärt Rapp. Doch wie sie berichtet, zeichnet sich in ihrer Forschung ein deutlich komplexeres Bild ab. Was die Bewegungen von Menschen betrifft, wird ihr zufolge deutlich, dass Mobilität in Byzanz durchaus einen Motor der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung darstellte: “Durch die häufige Veränderung der Reichsgrenzen gab es immer wieder neue Nachbarn, mit denen die Byzantiner in Interaktion traten”, erklärt die Forscherin.
Ein interessantes Beispiel dafür waren ihr zufolge die Armenier aus der Kaukasusregion. „Einerseits waren sie vor Ort wichtige Verbündete, andererseits sind immer wieder Gruppen von ihnen nach Byzanz gekommen“. Dort leisteten sie ihren Beitrag zur Gesellschaft – kulturell, als Beamte, im Militär”, so Rapp. Umgekehrt kam es ebenfalls zu Bewegungen: Byzantiner migrierten in andere Regionen und brachten ihre kulturellen Errungenschaften mit. Über die christlich-orthodoxe Mission verbreitete sich die byzantinische Kultur etwa auch im slawischen Raum, wie Freskenmalereien in spätmittelalterlichen serbischen Kirchen noch heute verdeutlichen.
Spurensuche im Katharinenkloster
Die Mobilität war facettenreich und hinterließ überall deutliche Spuren, sagt Rapp. Dies zeigte sich auch an einem entlegenen Ort im einstigen Machtbereich von Byzanz: dem Katharinenkloster am Sinai. Rapp und ihre Kollegen haben sich in der Bibliothek des uralten Komplexes auf Spurensuche begeben. “Das Kloster zog Pilger, Mönche und Handlungsreisende an. Anhand der Sinai-Handschriften können wir nachvollziehen, wer dort wie gewirkt hat”, sagt Rapp.
Die Historiker gehen bei ihrer Forschung auch buchstäblich in die Tiefe: “Viele Pergamente wurden mehrfach verwendet, die älteren Schriften ausradiert. Mit der Multispektralfotografie konnten wir die Handschriften Schicht für Schicht wieder sichtbar machen und die Verteilung der Sprachen in den unterschiedlichen Zeitstufen untersuchen“ sagt Rapp. Dabei zeichnete sich ab: Die Kulturkontakte verschoben sich im Zuge der Veränderungen der politischen Konstellationen. “So vermehren sich die Handschriften in georgischer Sprache im Kloster, seit im späten 9. Jahrhundert viele Mönche verschiedenster Sprachgruppen aus dem Heiligen Land im Sinai Zuflucht suchten“.





