Quidde stützte sich bei der Entwicklung des wirkmächtigen Begriffs „Caesarewahn(sinn)“ auf die Kaiserdarstellung bei Sueton und Cassio Dio, wie der an der Universität Mainz lehrende Althistoriker Thomas Blank zeigt. Nicht bewusst war dabei dem Mann des 19. Jahrhunderts, dass die beiden römischen Historiographen bereits auf tradierte Stereotype zurückgegriffen hatten. Diese bezogen sich auf den Topos des „schlechten Kaisers“ bzw. des „Tyrannen“, der einem „guten Herrscher“ gegenübergestellt wurde.
Nach dem Aussterben der Geschlechter der Claudier und Flavier wollten sich nämlich die Nachfolger, wie etwa Trajan (98–117), bewusst von der Regierungspraxis ihrer Vorgänger absetzen und zugleich an frühere Herrscher und deren angeblich „gute Regierung“ anknüpfen. Deshalb wurde ein Katalog typischer guter und schlechter Herrschereigenschaften entwickelt. Plinius etwa betonte in seiner Lobrede auf Trajan im Jahr 100 n. Chr., dieser halte sich nicht wie sein Vorgänger, der unberechenbare Kaiser Commodus, für einen Gott, und unter Trajan, dem „primus inter pares“, könne man freiheraus reden und müsse nicht ständig in Angst leben. Zentraler Punkt aber war, dass im Gegensatz zu der Tyrannis eines vom Caesarenwahn befallenen Kaisers unbedingt eine Interesseneinheit von Kaiserhaus und Senat gegeben sein sollte – kein Herrscher sollte sich mehr über die Elite Roms erheben.





