Im Russischen Kaiserreich geboren und in den USA aufgewachsen, übernahm Golda Meir 1969 im Alter von fast 71 Jahren als erste Frau die Regierung Israels. Die Kettenraucherin und überzeugte Zionistin pflegte einen Großmutter-Charme, hinter dem sich eine knallharte Politikerin verbarg. Der für Israel sehr bedrohliche…
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Als der demokratische US-Senator Frank Church Golda Meir zu Hause besuchte, konnte er es kaum glauben: Die neue israelische Ministerpräsidentin stand in der Küche und machte für ihn Frühstück. Verblüfft fragte Church, ob er ihr helfen könne. Meir antwortete: „Ja, mit F4-Phantom-Kampfflugzeugen, Luftabwehrraketen und dabei, den sowjetischen Juden die Emigration zu ermöglichen.“
Golda Meir (1898–1978), Spitzname „Eiserne Frau“, scherte sich nicht um Konventionen oder Formalitäten. Ihre ungehobelte Art war ebenso legendär wie ihr Sinn für Humor – auf die Aussage des US-Politikers Robert Kennedy, dass er sich in 20 Jahren einen jüdischen Präsidenten vorstellen könnte, antwortete sie: „Wir haben einen. Nützt auch nichts.“
Wenige Monate nach ihrer Amtsübernahme erreichte Golda Meir Zustimmungswerte von 89,9 Prozent. Dabei galt sie als Frau von gestern, als Relikt aus einer anderen Zeit, die letzte Überlebende der zionistischen Aktivisten des Jischuv, des jüdischen Gemeinwesens in Palästina vor der Gründung des Staates Israel. Sie passte so gar nicht in das neue Israel, in dem die Jugendlichen lieber die Beatles hörten, als im Kibbuz zu arbeiten.
In Kiew geboren, aber als Kind mit ihrer Familie nach Milwaukee, Wisconsin, ausgewandert, machte Golda als erstes Familienmitglied überhaupt einen Schulabschluss. Nach dem Willen der Mutter sollte sie jedoch nicht die weiterführende High School, sondern eine Sekretärinnen-Schule besuchen und bald heiraten. Also zog Golda nach Denver zu ihrer älteren Schwester Sheyna, deren Haus ein Treffpunkt für junge Sozialisten und Zionisten war.
In Denver lernte sie den 21-jährigen Schildermaler Morris Meyerson kennen. Der interessierte sich mehr für Kunst und Musik als für Politik, aber als Golda auf Bitten ihres Vaters nach Milwaukee zurückkehrte, versprach er nachzukommen und sie zu heiraten.
Zurück in Milwaukee, engagierte sich Golda in der zionistischen Arbeiterbewegung „Poale Zion“. Als der schon sehr bekannte spätere Staatsgründer Israels, David Ben Gurion, auf einer Fundraising-Tour die USA besuchte, sollte Golda ihn treffen. Doch weil ihr Verlobter Karten für ein Konzert der Chicagoer Philharmoniker besorgt hatte, ging sie nicht zu Ben Gurions Vortrag – und durfte ihn daraufhin nicht treffen.
Tel Aviv sieht anders aus als in ihren Träumen – und die Aufnahme in den Kibbuz erweist sich als schwer
Die Enttäuschung bestärkte die junge Aktivistin in ihrer zionistischen Überzeugung. Sie stellte Morris vor die Wahl: Entweder er komme mit nach Palästina oder sie werde ihn nicht heiraten. Zunächst verhinderte der Erste Weltkrieg die Reise, doch am 14. Juli 1921 waren beide an dem Ort, von dem sie lange geträumt hatte: Tel Aviv. Mit ihrer romantischen Vorstellung hatte das staubige Dorf jedoch wenig zu tun. Es war unerträglich heiß und schmutzig, und es gab keine Elektrizität.
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Ihrem Selbstverständnis als Pionierin gemäß wollte Golda in den Kibbuz Merhavia eintreten. Nach der dritten Bewerbung erhielten sie und Morris die Erlaubnis, einen Monat auf Probe zu bleiben. Morris hasste den Kibbuz, hielt sich aus allem heraus – und wurde von der Gemeinschaft einstimmig als dauerhaftes Mitglied angenommen. Golda hingegen engagierte sich, doch erst nach langer und hitziger Debatte wurde ihr die Aufnahme gewährt.
Bald wurde sie, weil niemand anderes wollte, als Delegierte zur Versammlung der Kibbuzim geschickt. Dort ergriff sie das Wort – und handelte sich eine Zurechtweisung ein, weil sie Jiddisch, die Sprache der in Mittel- und Osteuropa beheimateten Juden, und kein Hebräisch sprach. Bald reiste sie auch zu den Treffen des „Moetzet HaPoalot“, des Rates der Arbeiterfrauen. Dort stieß sie ihre Mitstreiterinnen vor den Kopf, indem sie die Integration des Rats in die „Histadrut“ forderte, den Dachverband der jüdischen Gewerkschaften.
Um die zunehmend kriselnde Ehe mit Morris zu retten, verließen beide den Kibbuz. Das Paar zog erst nach Tel Aviv, dann nach Jerusalem, es folgten das erste Kind, die erste Trennung, Affären, das zweite Kind und die erneute Trennung. Auf Vermittlung von David Remez, einem Vertrauten Ben Gurions und Liebhaber Goldas, wurde sie schließlich zur Leiterin des „Moetzet HaPoalot“ ernannt. Der Schlüssel zur Macht aber war die „Histadrut“.
1928 schickte die Gewerkschaft Golda als Spendenwerberin in die USA. Golda lernte schnell, dass die jüdischen Organisationen in Palästina ohne den politischen Einfluss und vor allem das Geld der reichen amerikanischen Juden nicht überlebensfähig waren.
In den 1930ern wuchsen in Palästina die Spannungen zwischen den Zionisten, den Arabern und der britischen Besatzungsmacht. Die Briten wollten vor allem Unruhen vermeiden und erlaubten jüdische Einwanderung daher nur in kleinem Maßstab. 1936 entwickelte die Peel-Kommission die Idee einer Zweistaatenlösung für Palästina. Auf dem zionistischen Kongress in Zürich wurde der Plan diskutiert. Während Ben Gurion der Ansicht war, dass auch ein kleines Land mit jüdischer Mehrheitsbevölkerung besser sei als eine jüdische Minderheit in einem arabischen Staat, war Golda schockiert ob der geringen Größe des im Plan vorgesehenen Landes. Sie argumentierte, dass eine Zustimmung die Verhandlungsposition verschlechtern würde, sollten die Araber den Plan ablehnen – was diese noch während des Kongresses taten.
Kämpferin für einen eigenen Staat und vor allem erfolgreiche Spendensammlerin
Golda Meir war im inneren Zirkel um Ben Gurion angekommen. Sie begann, bei der illegalen Einwanderung von Juden zu helfen. Im Mai 1939 veröffentlichte der britische Premierminister Neville Chamberlain (1937–1940) dann das sogenannte Weißbuch. Die Idee der Teilung wurde aufgegeben. Fünf Jahre lang sollten jeweils 75 000 Juden einwandern dürfen. Danach dürfe dies nur noch mit arabischer Zustimmung geschehen.
Die Zionisten sahen das „Weißbuch“ als Verrat an. Beim zionistischen Kongress in Genf im August 1939 wurden Pläne für einen Aufstand geschmiedet. Doch eine Woche später begann der Zweite Weltkrieg – und die Juden in Palästina riefen nicht mehr zum Aufstand, sondern zum Dienst in der britischen Armee auf. In den Kriegsjahren kümmerte sich Golda weiter um die illegale Einwanderung – und pflegte zeitgleich den Kontakt zu den britischen Behörden. Der neue Premierminister Clemens Attlee (1945–1951) setzte nach dem Krieg jedoch die alte Palästina-Politik fort. Die zionistischen Untergrundgruppen „Irgun“ und „Lechi“ verübten Terroranschläge, die von den Briten mit harten Maßnahmen beantwortet wurden. Am 29. Juni 1946 wurde ein großer Teil der zionistischen Führung verhaftet, bis auf Ben Gurion, der gerade in Paris war, und Golda, die als nicht wichtig genug eingestuft wurde.
Tatsächlich verfügte sie noch nicht über genügend Autorität, um die Aktivitäten der radikaleren Kräfte zu stoppen. Am 22. Juli 1946 kamen bei einem Terroranschlag auf das „King David Hotel“ in Jerusalem 91 Menschen ums Leben.
Schließlich überwies Attlee die Palästinafrage an die UN. Während das „United Nations Special Committee on Palestine“ tagte, traf sich Golda heimlich mit König Abdullah von Transjordanien. Würde der seine „Arabische Legion“ einsetzen, in der 15 000 kampferprobte Soldaten unter dem Kommando britischer Offiziere dienten, hätte ein jüdischer Staat schlechte Überlebenschancen. Abdullah war aber eher daran interessiert, die Macht des radikal antizionistischen Großmuftis Mohammed Amin al-Husseini zu beschneiden, der während des Krieges mit den Nazis kollaboriert hatte.
Am 29. November 1947 stimmte die UN der Teilung Palästinas zu. Anfang 1948 wurde Golda erneut in die USA geschickt. Um für eine ausreichende Bewaffnung des neuen jüdischen Staates zu sorgen, musste sie das Establishment der reichen, englisch-sprechenden und voll amerikanisierten Juden überzeugen. Am 25. Januar trat sie im Chicagoer „Sheraton Hotel“ vor dem „Council of Federations and Welfare Funds“ auf und erinnerte daran, was Israel für die Juden weltweit bedeutete: „Wenn 700 000 Juden in Palästina überleben können, kann das jüdische Volk als solches überleben, und die jüdische Unabhängigkeit ist gesichert. Wenn dieselben 700 000 Juden getötet werden, hat sich der Traum des jüdischen Volkes von einer jüdischen Heimat für viele Jahrhunderte erledigt.“ Als sie zurückflog, hatte sie 50 Millionen Dollar gesammelt.
Zurück in Palästina, übernahm Golda Meir das Kommando über Jerusalem, das von den Paramilitärs des Großmuftis zwischenzeitlich von der Außenwelt abgeschnitten worden war. Doch als am 2. März 1948 die erste Übergangsregierung des neuen jüdischen Staates gebildet wurde, erhielt sie zwar einen Sitz im Nationalrat, aber keinen Regierungsposten: Das Kabinett war eine sorgfältig ausbalancierte Koalition zionistischer Gruppen.
Der steinige Weg bis an die Spitze des jüdischen Staates
Als am 14. Mai 1948 um Mitternacht das britische Mandat für Palästina auslief, Ben Gurion den Staat Israel ausrief und der Krieg begann, musste sie sich einem ganz akuten Problem widmen: Während die arabischen Angreifer über reguläre Armeen mit Panzern und Flugzeugen verfügten, hatten die jüdischen Aktivisten vor ihrer offiziellen Staatsgründung keine Waffen kaufen können. Am 16. Mai erhielt Golda Meir als erster Mensch überhaupt einen israelischen Reisepass – und flog erneut in die USA. Von New York aus ging es dann direkt weiter nach Moskau, wo sie Botschafterin wurde: Überraschend hatte die Sowjetunion den Teilungsplan für Palästina unterstützt und als zweites Land überhaupt (nach Guatemala) den Staat Israel anerkannt.
In der Sowjetunion musste die Botschafterin schnell feststellen, dass die Sowjets den Teilungsplan nur unterstützt hatten, um die Präsenz der Briten im Nahen Osten zu beenden. Jeder ihrer Versuche, Beziehungen zu Behörden herzustellen, schlug fehl. Auch die Kontaktaufnahme zu russischen Juden scheiterte, bis sie auf einem Empfang anlässlich des 31. Jahrestags der Oktoberrevolution von Polina Molotow, der Frau des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow, angesprochen wurde – auf Jiddisch. Polina empfahl ihr, doch einmal die Moskauer Choral-Synagoge zu besuchen. Für die Frau des Außenministers hatte die Unterhaltung schwerwiegende Folgen: Sie wurde ins Arbeitslager deportiert. Doch die Golda Meir folgte ihrem Rat.
Schon bei ihrem zweiten Besuch am jüdischen Neujahrsfest Roch ha-Schanah war die Synagoge bis auf den letzten Platz gefüllt. Tausende feierten die israelische Botschafterin, als sie das Gotteshaus verließ. Bei ihrem nächsten Besuch an Jom Kippur spielten sich ähnliche Szenen ab. Nur einen Monat später startete Stalin seine antijüdische Kampagne, die sich auch gegen Israel richtete. Außenminister Mosche Scharet zog Golda Meir ab.
Im März 1949 übernahm sie als Arbeitsministerin die Aufgabe, Jobs und Unterkünfte für die vielen Einwanderer zu schaffen, die aus Polen, dem Jemen, Ungarn, Libyen, Tschechien, dem Irak und vielen anderen Ländern ins Land strömten. In den USA warb Golda Meir Mittel für ein gewaltiges Bau- und Infrastrukturprogramm ein: Die Amun-Israeli Housing Corporation gab Anleihen aus, die von der israelischen Regierung gesichert wurden.
Die 1950er Jahre waren eine Zeit der privaten und beruflichen Rückschläge: Ehemann Morris starb ebenso wie ihr Liebhaber Remez, eine Kandidatur für das Bürgermeisteramt von Tel Aviv scheiterte, nachdem sie die Ultra-Orthodoxen gegen sich aufgebracht hatte, und im Land wuchs eine neue Generation politischer Falken um Mosche Dajan und Ben Gurions Protegé Schimon Peres heran.
1956 wurde Golda Meir zur Außenministerin ernannt – zum Entsetzen ihres Vorgängers Scharet, der wusste, dass Golda für Diplomatie die Geduld fehlte. Sie wurde das Gesicht Israels, aber hinter den Kulissen zogen Peres und Dajan die Strippen. Als Großbritannien, Frankreich und Israel vor dem Sues-Feldzug 1956 geheime Verhandlungen in Paris führten, war Golda Meir nicht dabei – wohl aber Dajan und Peres. Und als es darum ging, den diplomatischen Scherbenhaufen aufzukehren, den die Operation verursacht hatte, führte der US- und UN-Botschafter in Personalunion, Abba Eban, die Verhandlungen. 1965 wurde Golda nach dem Rücktritt Ben Gurions Generalsekretärin der Partei „Mapai“. In der Euphorie über den sensationellen Erfolg im Sechstagekrieg gelang ihr im Januar 1968 die Wiedervereinigung dieser in viele Gruppen zersplitterten Arbeiterpartei. Und als Ministerpräsident Levi Eschkol Anfang 1969 starb, übernahm sie die Regierung.
Die neue Ministerpräsidentin Israels erbte jedoch nicht das sozialistische Paradies, von dem sie einst geträumt hatte, sondern ein Land, in dem mehr als ein Dutzend Parteien mitreden wollte, das in einen Abnutzungskrieg mit Ägypten verwickelt war und somit vor großen innen- sowie außenpolitischen Herausforderungen stand.
Aus der Zeit gefallen: Ihre Vision von Israel ist ein modernes Schtetl
Es fiel ihr schwer, mit dem ökonomischen, technologischen und gesellschaftlichen Wandel der späten 1960er und frühen 1970er Jahre umzugehen. Werte wie Individualismus und Selbsterfüllung blieben ihr fremd.
Zum größten innenpolitischen Problem wurde der Umgang mit den Mizrachim, den orientalischen Juden. Während die politische Führung von osteuropäischen Einwanderern dominiert wurde, standen die Mizrachim ganz unten auf der sozialen Leiter. Und Meir, die einmal gesagt hatte, dass jemand, der kein Jiddisch spreche, kein echter Jude sei, war bei ihnen besonders unbeliebt. Es war nicht so, dass sie die sozialen Probleme der Mizrachim nicht erkannte – nur war ihre Vision von Israel ein modernes „Schtetl“ (siehe DAMALS-Ausgabe 5-2021).
Außenpolitisch hatte Golda Meir zwei Probleme zu lösen: den Umgang mit den besetzten Gebieten und den Konflikt mit Ägypten. Die Idee eines palästinensischen Volkes war ihr suspekt. Gegen Hinweise ihrer Berater, dass sich nach 1948 eine neue Identität gebildet habe, verwahrte sie sich: „Es gibt keine Palästinenser.“ Mangels parlamentarischer Mehrheiten wählte sie eine abwartende Haltung.
Verteidigungsminister Mosche Dajan, der für die Verwaltung der besetzten Gebiete zuständig war, schuf unterdessen Fakten. Er war überzeugt, dass sich muslimische und jüdische Bewohner näher kommen müssten, und erlaubte den Bewohnern der besetzten Gebiete, sich frei in ganz Israel zu bewegen. Im Gegenzug durften Juden Land in der Westbank kaufen.
Am Sues-Kanal lieferten sich derweil israelische und ägyptische Truppen fast täglich Gefechte. Vermittlungsversuche der USA blieben ergebnislos, während Ägypten mit sowjetischer Hilfe seine Armee modernisierte. Selbst als Jordaniens König Hussein Ende September 1973 vor einem Großangriff warnte, blieben die siegesgewohnten Israelis zuversichtlich. Golda wies den Rat ihres Stabschefs David Elazar zurück, einen Präventivschlag durchzuführen. Hatten die Militärs ihr nicht versichert, dass die regulären Truppen den Feind aufhalten könnten, bis die Reserve mobilisiert sei?
Sie konnten es nicht: Am 6. Oktober 1973, am höchsten Feiertag der Juden, Jom Kippur, griffen Ägypten und Syrien Israel an. Erst am dritten Tag gelang es, das Kriegsglück zu wenden. Nachdem die USA zugesichert hatten, Israel mit Nachschub zu versorgen, gelang es den Streitkräften unter Verteidigungsminister Mosche Dajan, die dritte ägyptische Armee einzukesseln. Um ihre Vernichtung zu verhindern, willigte Präsident Anwar As-Sadat erstmals in direkte Verhandlungen mit Israel ein.
Für Meir war der verlustreiche Krieg der Anfang vom Ende. Zwar bildete sie nach der Knesset-Wahl vom Dezember 1973 noch einmal eine Regierung, aber das Vertrauen in sie war erschüttert. Am 11. April 1974 gab sie ihren Rücktritt bekannt.
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