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Christen gegen Christen
Eigentlich wollte Augustinus in seiner Heimat ein kontemplatives Leben führen. Doch es kam anders: Nach der Wahl zum Bischof von Hippo stand er plötzlich im Zentrum der Grabenkämpfe christlicher Fraktionen.
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Zurück in Nordafrika, setzte Augustinus seine Idee einer christlichen Gemeinschaft in die Tat um. Im Haus seiner Eltern begann er ein Leben in einer Gruppe von Gleichgesinnten, zu denen wie zuvor sein Sohn gehörte, der allerdings bald darauf starb. Vorbild für Augustinus waren Gemeinschaften aus dem Osten des Reichs, vor allem Ägypten. Schon in Italien hatte Augustinus mit Begeisterung Geschichten von Asketen gehört, die teils allein, teils in Gemeinschaft ihr Leben ganz Gott widmeten. Deren strenge Kontemplation hatte ihn tief beeindruckt.
Das Ideal einer auf freundschaftlicher Liebe gegründeten Gemeinschaft ganz auf Gott konzentrierter Menschen begleitete Augustinus sein Leben lang. Auch der Bischofskirche von Hippo wurde später ein Männerkloster angegliedert, und seine leibliche Schwester stand in derselben Stadt einer Gruppe Nonnen vor.
In einer Regel, die in verschiedenen Fassungen unter Augustinus’ Namen überliefert ist und wohl zumindest aus seinem Umfeld stammt, sind die Grundzüge des klösterlichen Zusammenlebens wie Liebe und Eintracht, Verzicht auf Besitz und Sexualität sowie wechselseitige Kontrolle festgehalten. Seit dem 11. Jahrhundert begannen sich mehr und mehr Gemeinschaften, darunter auch karitative Häuser wie Spitäler, an ihr auszurichten, und noch heute bestimmt sie weltweit das Leben der Angehörigen verschiedener Orden.
Um die für eine solche Existenz nötige Muße musste Augustinus ringen. Ohne öffentliches Amt war er nicht länger von den finanziellen Verpflichtungen gegenüber seiner Heimatstadt befreit. Er entging ihnen schließlich durch eine Schenkung an die örtliche Kirche, eine damals nicht unübliche fromme Form der Steuerflucht.
Die Wahl zum Bischof setzt dem zurückgezogenen Leben ein Ende
Doch schon bald gab es ganz andere Probleme. Später erinnerte sich Augustinus an seinen verhängnisvollen Besuch in Hippo: Er habe nur einen Freund besuchen und einen Ort für ein neues, vielleicht größeres Kloster suchen wollen. Dass der dortige, schon ältere Bischof Valerius ihn auf Druck der Gemeinde bei einem Kirchenbesuch kurzerhand zum Priester weihte, traf ihn schwer.
Wohl wissend um die angesichts des notorischen Priestermangels rabiaten Rekrutierungspraktiken mancher Gemeinden, hatte der durch seine Veröffentlichungen mittlerweile schon recht bekannte Augustinus vakante Bischofssitze stets gemieden. Es half nichts. Man darf annehmen, dass Valerius sein Kirchenvolk sogar ein wenig instruiert hatte: Der junge Mann war ganz sicher ein guter Fang. Mit der gottgeweihten Muße war es jetzt jedenfalls vorbei.
Als Valerius 396 starb, wurde Augustinus sein Nachfolger. Das Amt brachte neben Seelsorge und Predigten auch ganz profane Pflichten mit sich, wie die Verwaltung des Kirchenbesitzes, aber auch den Vorsitz bei gerichtlichen Anhörungen. Hinzu kam Augustinus’ gewaltige literarische Aktivität: Zusätzlich zu seinem Kampf mit dem Manichäismus, von dem Augustinus sich aufgrund seiner Vergangenheit besonders vehement abgrenzen wollte, war er nun gezwungen, sich aktiv in die Kirchenpolitik einzumischen. Die afrikanische Christenheit war seit Anfang des 4. Jahrhunderts in zwei Lager geteilt: das der Katholiken und das der Donatisten.
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Ursprung der Auseinandersetzung war eine umstrittene Bischofsnachfolge. Als wenige Jahre nach dem Ende der letzten großen Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian (284 –305) Caecilianus zum Bischof von Karthago gewählt worden war, regte sich der Widerstand derer, die ihn einen „Verräter“ nannten, weil er angeblich dem Druck der Verfolgung nachgegeben und heilige Schriften ausgeliefert habe. Solche lapsi („Gefallene“) seien des Bischofsamtes nicht würdig. Als Kopf der protestierenden Partei etablierte sich bald ein gewisser Donatus, dessen Anhänger in der Folge nach ihm Donatisten genannt wurden. Sie selbst nannten sich weiter Katholiken und verstanden sich als die „wahre Kirche“.
Zum Zeitpunkt von Augustinus’ Bischofsweihe gab es in vielen Städten und Dörfern der Provinz zwei christliche Gemeinden, eine katholische und eine donatistische. Diesen für beide Seiten unbefriedigenden Zustand, der nicht selten in offene Gewalt umschlug, zu beenden, das erschien Augustinus als eine seiner dringlichsten Aufgaben. Die Mittel, die er dazu wählte, brachten ihm die zweifelhafte Ehre der Bezeichnung als „Vater der Inquisition“ ein.
Dabei begann alles sehr friedfertig: Auf verschiedenen Konzilien einigte man sich auf die Strategie, donatistische Kollegen zu Streitgesprächen zu überreden, in denen dann, davon war Augustinus überzeugt, anhand von Akten und Bibelstellen gezeigt werden könne, wer recht habe, nämlich die katholische Seite.
In der Sache ging es nicht ausschließlich um Theologisches, sondern auch um ganz weltliche Probleme wie den rechtmäßigen Besitz von Kirchengebäuden oder den Umgang mit gewalttätigen Anhängern der Donatisten, den sogenannten Circumcellionen. Dahinter stand aber die grundsätzlichere Frage nach dem Selbstverständnis der „wahren Kirche“ und danach, welcher Statuts den lapsi in ihr zukam. Manche Donatisten forderten eine erneute Taufe für alle von einem „gefallenen“ Bischof Getauften. Für die katholische Seite war dies ein Skandal.
Eine neue Dimension erhielt der Streit dadurch, dass Augustinus als Antwort auf donatistische Vorwürfe die bis heute gültige Position vertrat, dass die von der Kirche gespendeten Sakramente per se gültig seien, unabhängig von der moralischen Verfassung des einzelnen Priesters. Außerdem sei die Kirche keine Gemeinschaft der Heiligen, sondern eine gemischte Körperschaft, in der Sünder und Erwählte zusammenlebten, bis sie von Gott am Ende der Zeit getrennt würden.
Die Donatisten beharren auf ihren Positionen
Im historischen Rückblick schließlich ging es auch darum, ob sich die afrikanische Kirche weiterhin als Gemeinschaft der Märtyrer und Verfolgten verstehen sollte, wie es die Donatisten taten, oder ob sie letztlich die ganze Gesellschaft umfasste, auch die anscheinend weniger vollkommenen Christen, die seit der Anerkennung des Christentums mehr und mehr in die Kirche strömten. Verfolgung, so argumentierte Augustinus, erleide man jetzt weniger durch Kaiser und Soldaten als durch innere Feinde, durch Sünder und Häretiker, vor allem aber durch die eigenen alltäglichen Versuchungen.
Mehrfach machte man auf katholischen Konzilen den donatistischen Bischöfen das Angebot, mitsamt ihrer Gemeinde überzulaufen, ohne die eigene Führungsrolle in der Kirche zu verlieren. Aber die Gegenseite sah keinen Grund, von ihrer Position abzurücken, und entzog sich nach Möglichkeit der Auseinandersetzung, besonders der mit dem gefürchteten Disputanten Augustinus.
Die katholische Seite reagierte, indem sie in immer größerem Maß die kaiserliche Verwaltung einbezog. Gesetze gegen unliebsame Spielarten des Christentums gab es schon länger, aber selbst dort, wo sie sich auf die Donatisten beziehen ließen, mangelte es oft an Konsequenz in der Durchsetzung. Die Verwaltung der Provinzen oblag adligen Männern, die selten aus Africa stammten und noch seltener dort blieben. Kurze Amtszeiten, wenig Personal und eine generell geringe administrative Durchdringung ließen viele kaiserliche Verordnungen verpuffen.
Die katholischen Bischöfe wandten sich daher direkt an den weströmischen Kaiser Honorius (395 – 423) in Ravenna. Dieser überblickte zwar die Lage vor Ort nicht, erließ aber mehrfach Gesetze, die all jenen mit Vermögensstrafen drohten, die sich zum Donatismus bekannten. Schließlich entsandte er einen Sonderbeauftragten, der im Jahr 411 ein Streitgespräch moderieren und nach der Anhörung ein Urteil fällen sollte. Dass dieses letztlich zugunsten der Katholiken ausging, überraschte niemanden. Die sogenannte Konferenz von Karthago lieferte aber in der Folge die Rechtfertigung für ein immer schärferes Vorgehen gegen die donatistischen Gemeinden.
Dass dabei auch Gewalt seitens der kaiserlichen Behörden ausgeübt wurde, war für Augustinus ein notwendiges, aber letztlich heilsames Übel, das er mehrfach verteidigte. Die „Mauern der festen Gewohnheit“ ließen sich manchmal nicht anders bekämpfen. Es wäre jedoch historisch verfehlt, Augustinus allein mangelnde Toleranz vorzuwerfen. Die Idee der Gewissens- und Religionsfreiheit war in der Antike unbekannt, und gerade für Augustinus ergab sich die Gewalt aus seinem Verständnis pastoraler Fürsorge. Er sah sich berechtigt und berufen, andere zu ihrem Glück zu zwingen.
Ist der Mensch von Geburt an ein Sünder?
Den Donatisten hatte Augustinus vorgeworfen, dass sie sich auf eine Idee der reinen Kirche kaprizierten, die unter den Bedingungen der sündigen Welt schlicht unmöglich, ja sogar Ausdruck von Selbstgefälligkeit sei. Dieses Thema griff er wieder auf in der zweiten großen Kontroverse seines Lebens, dem teilweise noch erbitterter geführten sogenannten Pelagianismus-Streit. Diesmal ging es von Beginn an um komplexe theologische Probleme.
Im Herbst des Jahres 411 – er hatte gerade einen Erfolg gegen die Donatisten erzielt – kam Augustinus zu Ohren, dass ein gewisser Pelagius und seine Schüler Ansichten zur Kindstaufe verbreiteten, die vielem zuwiderliefen, was Augustinus bislang entwickelt und geschrieben hatte. So behaupteten sie, die Natur des Menschen sei durch Adams Fehltritt gar nicht grundsätzlich verdorben worden, weshalb es auch nicht nötig sei, kleine Kinder zu taufen, die ja noch gar keine Gelegenheit gehabt hätten zu sündigen.
Die heute weitverbreitete Praxis der Kindstaufe begann sich damals gerade durchzusetzen, Augustinus selbst war erst als erwachsener Mann getauft worden. Pelagius’ Lehren zielten nun auf einige für ihn wichtige Punkte: Wenn Kinder, die ohne Taufe sterben, weder in den Himmel noch in die Hölle kämen, sondern in einer Art mittlerem Ort verblieben, dann bedeute das, dass der Mensch bei Geburt zunächst weder gut noch schlecht sei, sondern moralisch neutral. Das wollte Augustinus nicht akzeptieren (siehe Artikel Seite 22). Der Mensch sei, so argumentierte er, als Nachfahre Adams von Geburt an sündig, seine Natur sei korrupt, und deshalb bedürfe schon das Kind der erlösenden Taufe.
Pelagius ging dagegen davon aus, dass der Mensch grundsätzlich dazu in der Lage ist, ohne Sünde zu leben. Sein Argument: Wie sonst könnte man zu moralischem Verhalten motivieren? Für Augustinus ist der menschliche Wille selbst beschädigt, nicht mehr wirklich frei. Jede moralische Handlung gehe ausschließlich auf Gott zurück, der seine Gnade nach einem verborgenen Ratschluss verteile. Hinter dem moralischen Perfektionismus seines Gegners witterte er Hochmut.
Pelagius fand mit seinen Ansichten durchaus Anklang und wurde zum Entsetzen Augustins auf mehreren Synoden vom Vorwurf der Häresie freigesprochen. Augustinus startete nun eine regelrechte Kampagne mit Traktaten und Briefen gegen Pelagius. Macht und Einfluss innerhalb der Großkirche spielten dabei keine geringe Rolle. Nach einigem Hin und Her, bei dem die afrikanischen Bischöfe auch mit dem Bischof von Rom, in dogmatischen Fragen bereits eine gewichtige Stimme, aneinandergerieten, beendete ein kaiserliches Machtwort den Streit. Pelagius wurde verurteilt, und auch der römische Bischof folgte dieser Linie. „Causa finita“ („Die Sache ist beendet“), behauptet Augustinus selbstbewusst in einer Predigt aus dem Jahr 417.
Dennoch sah er sich noch Jahre später in Julian, dem Bischof von Aeclanum, mit einem Anhänger des Pelagius konfrontiert. Julian vertrat seine Position so brillant und scharfzüngig, dass Augustinus argumentativ in Nöte geriet. War die Vorstellung eines vererbbaren Bösen jenseits des freien Willens nicht ein Rückfall in den Manichäismus? Noch in seinem letzten größeren Werk arbeitete sich Augustinus an Julian ab. Es blieb unvollendet.
Militärische, nicht intellektuelle Kämpfe bestimmten das Ende seines Lebens. 429 betraten die Vandalen von Spanien aus die Provinz Africa proconsularis und standen ein Jahr später vor Hippo. Den Fall der Stadt und das Ende des römischen Africa erlebte Augustinus, „letzter und größter Denker der Antike“ (so hat es der protestantische Theologe Ernst Troeltsch formuliert), nicht mehr. Er starb am 28. August 430. Seine Bibliothek und sein Archiv wurden gerettet.
Autor: Kai Preuss
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