von ANNA JOISTEN
Wie viele Frauen der Vergangenheit stand Clara Licht im Schatten ihres Ehemanns. Hugo Licht gehörte zu den bedeutendsten Leipziger Architekten im ausgehenden 19. Jahrhundert. Clara dagegen war – so wie es dem zeitgenössischen Rollenbild entsprach – für den Haushalt und die Erziehung der Kinder zuständig. Gleichzeitig genoss sie die Privilegien einer großbürgerlichen Ehefrau, die zudem aus einer herausragenden Berliner Industriellenfamilie stammte. Aufgewachsen in der Zeit zwischen gescheiterter Revolution und Reichsgründung, erlebte sie die zunehmende Industrialisierung und Urbanisierung, die Anfänge der Frauenbewegung sowie bahnbrechende Fortschritte in Wissenschaft und Medizin.
Dass man heute etwas darüber weiß, wie diese Frau ihren Alltag gestaltete und was sie dachte, ist den Tagebüchern zu verdanken, die sie hinterließ. Den ersten Versuch, Tagebuch zu führen, machte Clara mit 13 Jahren. Ein Jahr hielt sie durch, dann verlor sie das Interesse. Es dauerte 20 Jahre, bis ihr das Buch wieder in die Hände fiel und sie den – wenn auch nur kurz bestehenden – Entschluss fasste, es fortzuführen. Als sie schließlich mit Mitte 30 in eine Lebenskrise geriet, weil eines ihrer Kinder starb, nahm sie einen dritten Anlauf. Fortan füllte sie über 28 Jahre hinweg bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1913 Seite um Seite mit ihren Notizen. Die Tagebücher befinden sich heute als Geschenk der Nachfahren der Familie Licht im Besitz des Stadtarchivs Leipzig. Nun sind sie erstmals im Druck erschienen.
Zum einen waren es alltägliche und familiäre Erfahrungen, die Clara Licht niederschrieb: Sie thematisierte den beruflichen Aufstieg ihres Ehemanns, die Entwicklung der Kinder sowie die Beziehung zu ihren Eltern. Über ihr Hausfrauendasein war sie alles andere als glücklich, sah sich als „Pferd in der Tretmühle“. „Man wird durch den Mann nur zum unbezahlten Dienstmädchen heruntergedrückt“, so ihre Sicht auf die Ungleichheit in der Ehe.
Zum anderen berichtete Clara Licht über Konzertbesuche, Theateraufführungen, Kunstausstellungen und Teilnahme an gesellschaftlichen Events. Über einen Auftritt der französischen Sängerin Yvette Guilbert etwa berichtete sie mit Blick auf deren Attraktivität amüsiert, dass sich im Publikum „besonders ältliche Herren“ befunden hätten, die sonst nie ein Konzert besuchten. Darüber hinaus reflektierte sie auch politische und tagesaktuelle Ereignisse, über die sie aus Tageszeitungen erfuhr, etwa über Katastrophen wie den Untergang der „Titanic“ oder Erfindungen wie das Zeppelin-Luftschiff.





