Ist von Geld- und Glücksspiel die Rede, taucht das Falschspiel fast zwangsläufig als treuer Trabant auf. Regelmäßig widmen sich ihm Gesetzbücher und „Policeyordnungen“ des Mittelalters und der frühen Neuzeit, und in der Belletristik ist die Figur des betrügerischen Spielers eine immer wiederkehrende Gestalt – von den spanischen „Pikaro“-Romanen über Gogols „Die Spieler“ bis hin zu den subtilen Strategien von Norbert Jacques’ Dr. Mabuse oder dem „Tricheur“ von Sacha Guitry. Ein Werk aus dem 17. Jahrhundert sah in diesem Phänomen „fast eine Seele des Spiels“; zumindest aber galt es als dessen unerwünschte Begleiterscheinung. Damit stand das Falschspiel in einer Reihe mit dem Fluchen, dem Schwören oder dem Verwenden blasphemischer Ausdrücke, die das Spielen ebenso notorisch störten. Bis weit in die frühe Neuzeit galt das Falschspiel als ein verabscheuenswertes Delikt. Andererseits wissen wir spätestens seit Johan Huizinga, dass das Falschspiel nur der Schein des Spiels ist. Falschspieler konterkarieren das Wesenseigene des Spiels, nämlich seine Regelgebundenheit, und heben es dadurch letztlich auf.
Dem stand die gesetzliche, soziale und moralische Zurückweisung gegenüber. Wer die Regeln missachtete und durch spielfremde Mittel und Machenschaften im Spiel Gewinn zu erzielen trachtete, musste teilweise drakonische Sanktionen fürchten. 1270 heißt es im Gesetzbuch von Selmec (Banská Štiavnica): „Man sol den felscher die würffl durch die hannt slagen“ – eine Bestimmung, die noch 200 Jahre später in Buda zu finden ist. In Bologna hätte im 13. Jahrhundert ein überführter Falschspieler mit dem Verlust eines Daumens rechnen müssen. Die Beispiele ließen sich mehren. Und wenn auch die Drastik der Strafen abnahm, hatten Spielbetrüger immer mit Sanktionen durch die Mitspielenden zu rechnen.
Erscheint nun das Falschspiel als gleichsam zeitlos, so ändern sich doch die Betätigungsfelder und Wahrnehmungsmuster und damit die Möglichkeiten der Kriminalisierung. Die zunehmende Monetarisierung der Gesellschaft und sich intensivierende Marktbeziehungen, aber auch die wachsende Bedeutung des Spiels als Faktor der Geselligkeit eröffnen immer mehr und differenziertere Überlebensstrategien. Daraus erwächst das Problem, dem Giacomo Casanova in gewohnt deutlicher Manier Ausdruck verliehen hat und das eine klare Unterscheidung zwischen Falsch- und Berufsspiel oftmals erschwert. So seien „alle, die vom Spiel zu leben genötigt sind, unweigerlich Gauner“, wobei er gleichzeitig einräumt, dass man sehr wohl auf diese Art leben könne.
Dies steht zum einen der orthodoxen Auffassung, dass Spiel Nicht-Arbeit sein solle, diametral entgegen, und verweist andererseits auf die soziale Stigmatisierung. Bereits in den frühesten Schriften erkennt man das Falschspiel als soziales und ökonomisches Problem, als zusätzliches Bedrohungsszenario in der alltäglichen Prekarität der Lebensverhältnisse. Der „Liber vagatorum“ behandelt die „Joner“, in denen man die späteren Gauner erkennt; „La mort au pipeurs“ aus dem Jahr 1607 diagnostiziert das Überhandnehmen der Betrügereien im Spiel als Syndrom einer korrupter gewordenen Zeit, und nie fehlt der Hinweis, dass es sich bei den Falschspielern um eine meist organisierte Gegenwelt handelt…





