Indien ist das Land der Tempel und Paläste. Es verwundert kaum, dass das europäische, koloniale Erbe auf dem Subkontinent im offiziellen Tourismusmarketing ein Schattendasein fristet. Eingedenk der langen wie oft auch brutalen europäischen Dominanz ist es den indischen Entscheidungsträgern nicht zu verdenken, dass die materiellen Überreste der einstigen Fremdherrscher nicht zu den vorrangigen Zielen des Denkmalschutzes zählen.
Europäische Friedhöfe mit kunsthistorisch einzigartigen Grabdenkmälern, deren Ursprünge bis in das 17. Jahrhundert zurückreichen, sind zum großen Teil dem Verfall preisgegeben. Steigende Grundstückspreise und Landhunger machen manchem erhaltenswerten historischen Bauwerk den Garaus. Allein einige herausragende europäische Kirchen und Festungen in den Metropolen bilden die Ausnahme.
Baudenkmäler der dänischen Kolonialzeit werden restauriert
Umso bemerkenswerter erscheint es, dass beim materiellen Erbe in den einstigen dänischen Besitzungen in Indien seit geraumer Zeit eine entgegengesetzte Tendenz beobachtet werden kann. Dass dort heute eine Reihe architektonisch wertvoller Baudenkmäler aus dem 18. und beginnenden 19. Jahrhundert wieder in ihrem alten Glanz erstrahlt, ist dem behutsamen Engagement dänischer und indischer Akteure sowie der Tatsache zu verdanken, dass sich Dänemark als Kolonialmacht im Gegensatz etwa zu Deutschland oder Großbritannien heute als eher unverdächtig ausnimmt.
Dabei zählte die dänische Monarchie neben Portugal, den Niederlanden und Großbritannien zu den Mächten mit der ältesten Präsenz in Indien. Bereits 1618 brachen vier Schiffe einer dänischen Ostindienkompanie von Kopenhagen aus in Richtung Südasien auf. Auf Umwegen erreichten die Nordeuropäer den kleinen, im Südosten Indiens gelegenen Fischerort Tharangambadi – in europäischer Verballhornung unter dem Namen Tranquebar bekannt. Dort reckten sich bald die gravitätischen Mauern der auch heute noch existierenden Festung Dansborg in die Höhe.
Nach einem vielversprechenden Anfang mit Pfeffer, Nelken, Muskat und Baumwolltuchen verdüsterte sich der Himmel über dem Kolonialprojekt bald. Mit einer missglückten Expansionspolitik taumelte der dänische Monarch Christian IV. in den Dreißigjährigen Krieg und stürzte sein Land damit in eine tiefe Wirtschaftskrise. Erst das 18. Jahrhundert brachte wieder eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung im interkontinentalen Warenaustausch mit sich.
Aus dem Aschenputtel Tranquebar entwickelte sich nun eine architektonische Perle am Indischen Ozean, in der die indische Mehrheitsbevölkerung allerdings dauerhaft in die zweite Reihe eines eigenen Stadtteils verbannt blieb. 1755 erwarben die Nordeuropäer mit dem Ort Serampore (Shrirampur) einen zweiten Stützpunkt nahe der indisch-britischen Metropole Kalkutta. Weitere kleinere Niederlassungen und für einige Jahre auch die Nikobarischen Inseln folgten.





