Alles hatte mit einem bereits mehrfach verschobenen Test begonnen: Durch gezieltes Herbeiführen eines GAU (also eines „Größten anzunehmenden Unfalls“, der aber noch kontrolliert werden kann) sollte geprüft werden, ob die Kühlmittelpumpen des Reaktorblocks 4 in einer solchen Situation noch eine Minute weiterlaufen würden. Als es bei diesem Test zu Problemen kam – der Reaktor war versehentlich viel zu stark heruntergefahren worden –, traf der verantwortliche Schichtleiter gegen den Einspruch des für den Test zuständigen Ingenieurs eine fatale Entscheidung: Statt den Test abzubrechen, ließ er den Reaktor wieder hochfahren, um dann erneut die GAU-Simulation zu starten.
Als sich beim Hochfahren das Kühlmittel zu stark erhitzte, sollte der Reaktor erneut heruntergefahren werden. Durch einen technischen Defekt blieben aber die Steuerstäbe so unglücklich im Reaktorkern stecken, dass die Kernspaltung weiter zunahm, statt gedrosselt zu werden. Das gesamte System überhitzte, der Block explodierte.
Zwei Arbeiter starben bei der Explosion, viele Bedienstete des Kernkraftwerks sowie zahlreiche zur Räumung und Versiegelung der strahlenden Ruine eingeteilte Arbeiter und Piloten sollten ihnen in den folgenden Wochen und Monaten in den Tod folgen – in kürzester Zeit verstrahlt und später qualvoll gestorben. Eine radioaktive Wolke verteilte sich weltweit über die Atmosphäre.
Die zuständigen Behören, sowohl regional als auch die Entscheider in Moskau, hielten die Katastrophe zunächst geheim und kommunizierten auch dann, als im Westen Messungen erkennen ließen, dass es einen nuklearen Unfall gegeben haben musste, nur das Nötigste. Tausende von Menschen in der Region mussten die nahe Tschernobyl gelegene Stadt Prypjat verlassen – bis heute sind sie nicht in ihre Heimat zurückgekehrt
Weltweit, nicht zuletzt in Europa, waren die Folgen zu spüren: Auf freiem Feld gezogenes Gemüse, Pilze, Wildfleisch waren vorerst nicht essbar, Milch von Weidekühen konnte nicht getrunken werden, auf Kinderspielplätzen musste der Sand ausgetauscht werden. Und die Diskussion über die friedliche Nutzung der Atomkraft flammte heftig auf.
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