Auf den ersten Blick scheint die junge Frau aufrecht zu stehen. Tatsächlich hat Klimt die Sitzposition ornamentreich „verschleiert“: Rücken- und Armlehnen sind an den Linien unterschiedlicher Muster erkennbar; an den Fußenden bläht sich das Kleid ballonartig auf. Der blasse Hautton über dem Dekolleté kontrastiert mit dem schwarzen Haar, den dunklen Augen und dem auffallend großen, rot geschminkten Mund. Der Blick ist leicht melancholisch, die feingliedrigen, gefalteten Hände unterstreichen die elegante Haltung. Das dekorative Gold-Silber-Spiel verrät Klimts starkes Faible für den Japonismus, der goldfarbene Hintergrund byzantinischen Einfluss.
Ende der 1990er Jahre entbrannte um die „Goldene Adele“ ein modellhafter Restitutionsstreit. Denn bisher war politisch und amtlich gedeckter Kunstraub kein öffentliches Thema gewesen. Maria Altmann, Adeles Nichte, erhob Anspruch auf die Rückgabe des Familienerbes, insgesamt fünf Bilder. Nach der Enteignung der jüdischen Großbürgerfamilie durch die Nazis ging nach 1945 der Bilderschatz wie selbstverständlich in den Besitz der Republik Österreich respektive des Wiener Belvedere über.
Die Regierung und die Direktion des renommierten Bundesmuseums verweigerten zunächst vehement die Rückgabe mit der Begründung, die Klimt-Bilder seien Teil der Identität Österreichs. Zwei Prozesse in Wien und Los Angeles endeten mit widersprüchlichen Urteilen, sodass sich die Streitparteien auf ein Wiener Schiedsgericht einigten, das die Restitution letztlich als rechtens bewertete.
Nach sechs Jahren Rechtsstreit wurden am 14. März 2006 die Klimt-Werke nach Los Angeles, dem Wohnsitz Maria Altmanns, gebracht. Vor dem Abtransport standen die Wiener im Belvedere tagelang Schlange, um einen letzten Blick auf die „Dame in Gold“ zu werfen: „Ciao, Adele“ stand auf Plakaten zu lesen.
Der amerikanische Kosmetikhersteller und Kunstmäzen Ronald Lauder hatte zuvor Klimts Meisterwerk für 135 Millionen Dollar gekauft – damals der höchste Preis, der je auf dem Kunstmarkt bezahlt worden war. Seither ist Lauders Neue Galerie in New York die neue Heimat der „Goldenen Adele“. Die Wiener werden sich daran wohl nie gewöhnen.





