Indien, die zweitgrößte Nation der Erde, und seine Nachbarstaaten geraten offenbar wieder verstärkt ins Interesse der Öffentlichkeit. Zur Geschichte des indischen Subkontinents – unter Fachleuten zumeist Südasien genannt – liegen inzwischen auf deutsch eine ganze Anzahl historischer Einführungen vor, und gerade der Verlag C. H. Beck tut sich hier lobenswert hervor. Die beiden hier vorgestellten Bände ergänzen sich in ihrer Thematik und sollen – eine eher ungewöhnliche Konzep?tion – das Altertum in einem, die Neuzeit in einem zweiten Band abdecken. Diese Konzeption des Verlags, welche auch bei den Autoren nicht ungeteilt positiv ankam, soll hier kommentiert werden. Zuerst aber das Positive: Beiden Autoren gelingt die Lösung der nicht leichten Aufgabe, auf je etwa 100 Seiten Geschichte präzise und leicht verständlich zu schreiben. Dabei zeigt sich vor allem in Witzels Buch, wie sehr Altertumswissenschaft und heutige Politik sich beeinflussen. Den indischen Rechtsradikalen und ihren neu-„arischen“ Freunden im Westen wird es nicht ge?fallen, daß hier ein Buch vorliegt, das klar und allge?mein?ver?ständlich ihre wohlfeilen Geschichtsmythen widerlegt. Auch ist es sinnvoll, seine geographischen und vorge?schichtlichen Einleitungskapitel als Einführung in beide Bände zu betrachten, um ein Verständnis dafür zu gewinnen, wieviel Geschichte sich in Südasien, einem Raum so groß wie Europa, in den letzten sechs Jahrtausenden ereignet hat. In den weiteren Kapiteln werden Erkenntnisse der Philologie, Archäologie und die wenigen historischen Quellen zu einer interessanten Lektüre verwoben. Liegt der Schwerpunkt bei Witzel auf der ältesten Geschichte von der Indus-Kultur bis zum ersten nordindischen Großreich um 300 v. Chr., so ist es bei Rothermund die Neuzeit, also das Mogulreich, die Kolonialzeit, die Freiheitsbewegung und die Indische Union. Beide Bände beschreiben kurz die Zwischenzeit, wobei die Grenze um etwa 500 (Untergang des „klassischen“ Gupta-Reichs) liegt. Auch hier gilt: Trotz notwendiger Beschränkung wird das Wesentliche gesagt. Die Kapitel zur frühen Zeit sind Musterbeispiele strukturgeschichtlicher Darstellung, später dominiert die politische Geschichte. Heutige Konflikte können in ihrer Entstehung verfolgt werden, und manches „Geheimnis“ Indiens löst sich beim Leser in Verstehen auf. Beide Bände sind mit Karten, Register und Zeittafel ausgestattet. Kann man aber aus all dem Positiven schließen, daß die Geschichte Südasiens damit zur Genüge dem Wissensbedürftigen nahegebracht ist? Leider nein. Nicht umsonst sind es ein Veda-Spezialist und ein Neuzeit-Historiker, die der Verlag als Autoren verpflich?tete. Wenn man auch mit Vokabeln wie „Altertum“ und „Neuzeit“ vorsichtig sein muß, bleibt doch zu erkennen, daß zwischen den Spezialgebieten der Autoren eine große Lücke klafft, und daß auch thematisch die Zeit, die man als „Mit?telalter“ bezeichnen kann, eher als Nach- oder Vorzeit des eigentlichen Themas behandelt wird. Klar ist, daß die Autoren aus der Verlagsvorgabe das Beste gemacht haben. Somit ist der Verlag zu fragen, ob die Geschichte des mittelalterlichen Indien tatsächlich nicht verkäuflich ist. Welche Vorstellungen stehen hinter der Verlagskonzeption? Das alte Indien ist zumindest seit Hegel als Folie der europäischen Vorzeit mißbraucht worden und als romantischer Mythos bis heute leider höchst lebendig. Es ist also irgendwie „unser“; wäre dies nicht so, müßte Witzel den politischen Mißbrauch der Mythen über Indien nicht kritisieren. Das moderne Indien schließlich gilt als chaotisches „Land der Gegensätze“, läßt sich aber im Zeitalter von Globalisierung, IT-Technik und Atombombe nicht ignorieren. Dazwischen ist nichts, was diesen Klischees entspricht, sondern eine Geschichte von der Komplexität der europäischen der gleichen Zeit. Diese mittelalterliche indische Geschichte ist jedoch die Grundlage des heutigen Indiens und seiner Nachbarstaaten. Es ist daher höchst bedauerlich, daß man dem Verlag keinen Band zur Geschichte Indiens zwischen 400 und 1500 plausibel machen konnte.





