In einer der vielen bestechenden Passagen skizziert er den Wert sozialer Normen und Regeln, wenn sie für alle gDas griechische Wunderelten: Wer glaube, Familie, Eigentum und persönliche Stellung seien einigermaßen sicher, weil er einen schnellen und zuverlässigen Rückgriff auf funktionierende Institutionen habe, falls man ihn angreife, beraube oder beleidige, habe bessere Gründe, planend und handelnd in eine stabile Zukunft zu investieren, etwa indem er seine eigenen Kompetenzen verbessere und Netzwerke knüpfe.
Ein neoliberales Pamphlet? Nein, vielmehr eine aufregend andere Geschichte der antiken Hellenen! Auf breiter und solider, stets behutsam reflektierter Datengrundlage zeigt Ober etwa, dass die Griechen zwischen Homer und Aristoteles reicher waren, als bisher meist angenommen wurde – das Wohlstandsniveau der prosperierenden Stadtstaatenökologie auf dem Boden des antiken Hellas wurde dort erst im 20. Jahrhundert wieder erreicht.
Als wichtigste Voraussetzungen für eine langfristig bestehende wirtschaftliche, politische und kulturelle Blüte führt der Autor eine breite Teilhabe an der Politik sowie begründetes Vertrauen in die Zukunft vor, ferner öffentliche Einrichtungen, die beides sichern. Damit wirbt Ober, dem grundlegende Studien zur athenischen Demokratie zu verdanken sind, zugleich implizit für eine Rückgewinnung des politischen Raumes, der – wie aktuell vielerorts zu besichtigen ist – gerade dann erodiert, wenn viele Bürger der Ansicht sind, nicht faire Regeln und eine Vertrauen schaffende öffentliche Ordnung und Kommunikation bestimmten das Geschehen, sondern Eliten-Egoismus, Intransparenz und Korruption. Das „griechische Wunder“ oder Christian Meiers „Könnensbewusstsein“ – hier erfahren sie eine überzeugende Erklärung.
Viele der von Josiah Ober erörterten Fragen sind für die Antike wie für die Gegenwart bedeutsam, etwa: Wie können in einer direkten Beratungs- und Abstimmungsdemokratie Bürger ihr Wissen zum Nutzen der Gemeinschaft einbringen, ohne dass der Betrieb durch Teilinteressen oder destruktives Verhalten sabotiert wird? Weil der Autor neue Denkwege aufzeigt, eine alte Geschichte anders erzählt und dabei immer wieder Disziplingrenzen überwindet, ist ihm ein intellektuell mitreißendes Buch gelungen, das viele, viele Leser verdient.
Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter





