Kaum hatte Gaius Julius Caesar 53 v. Chr. Gallien unterworfen, da erhob es sich schon wieder gegen ihn. Unter der Führung des Arvernerfürsten Vercingetorix setzten die Gallier alles daran, ihre Besatzer loszuwerden. Vor den Stadtmauern Alesias kam es zur entscheidenden Feldschlacht.
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Im Winter des Jahres 52 v. Chr. brach in dem von Rom unterjochten Gallien ein Aufstand los. Es begann im Land der Karnuten, wo sich – Caesar zufolge – alljährlich die Druiden aller Gallierstämme versammelten, um Streitigkeiten beizulegen. In der Stadt Cenabum, dem heutigen Orléans, richteten die Karnuten ein Massaker unter den dort lebenden Römern an. Das war vermutlich kein spontaner Ausbruch aufgestauten Hasses, sondern eine von langer Hand geplante Kriegserklärung. Die Karnuten hatten nicht die Absicht, sich allein gegen den mächtigen Feind zu stellen. Auf Rom kam etwas zu, mit dem es bisher nicht gerechnet hatte: ein geeintes Gallien, das ihm geschlossen die Stirn bot.
Daher fand der Aufstand schon am Abend desselben Tages im Land der Arverner seine Fortsetzung. In der Stadt Gergovia, nahe dem heutigen Clermont-Ferrand, verkündete der junge Adlige Vercingetorix (um 82 – 46 v. Chr.), der Tag des Aufbegehrens sei gekommen. Vercingetorix war der Sohn des Fürsten Celtillus, der über die Arverner geherrscht hatte, aber in seinem Streben nach größerer Macht von den eigenen Stammesbrüdern getötet worden war.
Auch Vercingetorix musste sich nun zunächst mit inneren Feinden messen. Sein Onkel Gobannitio sorgte gemeinsam mit weiteren Stammesoberen dafür, dass Vercingetorix verbannt wurde. Denn von Rom abzufallen war ein gewagter Schritt. Und unter den Oberhäuptern vieler Stämme gab es jene, die sich von einer fortgesetzten Zusammenarbeit mit Rom mehr versprachen als von einem Bruch.
Vercingetorix wusste das. Er selbst war von Caesar mit dem Titel „Freund“ geehrt worden. Vielleicht hatte er sogar in der römischen Armee gedient. Doch für ihn war jede Zusammenarbeit mit Rom nun beendet. Er wollte Krieg. Und sein Standpunkt war zweifellos populär unter den Galliern. Der junge Arverner konnte daher eine begeisterte Anhängerschaft um sich scharen und schließlich seine Widersacher aus Gergovia vertreiben.
Hatte es auch in anderen Stämmen ähnliche Machtkämpfe gegeben, so nahmen sie früher oder später alle denselben Ausgang: Senonen, Parisier, Piktonen, Kadurker, Turonen, Aulerker, Lemoviker, Anden und alle Stämme, die an der Atlantikküste siedelten, stellten sich offen gegen Rom und ernannten Vercingetorix zu ihrem Oberbefehlshaber. Die Arverner verliehen ihm zudem den Königstitel.
Wechselndes Schlachtenglück und ein wachsender Verbund gegen Caesar
Gaius Julius Caesar (100 – 44 v. Chr.) war zu dieser Zeit weit weg. Er musste in Italien politische Schlachten ausfechten – gegen Gnaeus Pompeius und gegen den Senat. Während der vergangenen vier Jahre, in denen er Gallien Stück für Stück unterworfen hatte, war seine Macht stetig gewachsen – eine Tatsache, die in Rom für Alarmstimmung sorgte. Caesar musste hart für die Verlängerung seiner Statthalterschaft in Gallien kämpfen. Währenddessen erreichten ihn die Nachrichten über den Aufstand – allerdings bald immer seltener, da die Alpenpässe bereits verschneit waren.
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Hatten die Gallier gehofft, er werde seine Armee nicht rechtzeitig erreichen, so wurde diese Hoffnung enttäuscht. Mit neuen Rekruten überquerte Caesar die Cevennen und stand kurz darauf mitten im Land der Arverner, wo er seine Truppen auf die Bevölkerung losließ. Vercingetorix war nun gezwungen, in seine Heimat zurückzukehren. Doch Caesar war schon wieder unterwegs – zuerst nach Vienna (heute Vienne) und dann ins Land der Lingonen, wo er wenig später seine gesamte Streitmacht zusammenzog.
Caesar gelang es stets, sowohl bedacht als auch schnell zu handeln. Das machte ihn für seine Feinde so gefährlich. Vercingetorix wusste, dass es fatal sein würde, stets nur zu reagieren. Er musste wieder die Initiative ergreifen. Deshalb marschierte er ins Land der Boier, um dort gegen die gallischen Verbündeten Roms vorzugehen, die Caesar noch hatte. Caesar entschied sich, nun den direkten Schlagabtausch mit Vercingetorix zu suchen. Zuerst eroberte und zerstörte er Cenabum – jene Stadt, in der die Karnuten den Aufstand begonnen hatten. Dann wandte er sich nach Südosten und traf schließlich bei Noviodunum (heute Neuvy-sur-Barangeon) auf Vercingetorix. Es kam zu einer Reiterschlacht, die Caesar für sich entscheiden konnte.
Die Gallier zogen sich zurück und wichen den Römern von nun an aus. Vercingetorix verlegte sich auf die Taktik der verbrannten Erde. Auch die Stadt Avaricum (das heutige Bourges) wollte Vercingetorix lieber zerstören, als sie den Römern zu überlassen. Doch damit konnte er sich nicht durchsetzen. Caesar belagerte die Stadt und nahm sie nach mehrwöchiger Belagerung schließlich ein.
Dann wandte sich der römische Feldherr wieder dem Land der Arverner zu. Sein Ziel war nun Gergovia, die wichtigste Festung des Stammes. Dort wendete sich das Kriegsglück. Die Bergfeste erwies sich als uneinnehmbar. Vercingetorix fügte Caesar an diesem Ort eine der schwersten Niederlagen seiner Laufbahn zu. Triumphierend konnten die Gallier schließlich zuschauen, wie die Römer abzogen.
Rom war bezwungen worden. Und da es immer mehr danach aussah, als könnte der Aufstand tatsächlich mit der Befreiung Galliens enden, schlossen sich ihm nun auch die meisten jener Stämme an, die bislang zu Caesar gehalten hatten. Der Statthalter Galliens stand nach seinem jahrelangen Aufstieg vor dem tiefen Fall.
Die gallischen Stämme wittern die Chance auf einen großen Sieg
Unterdessen hielten die gallischen Stämme eine Versammlung ab. Bis auf drei Stämme folgten alle dem Ruf der Aufständischen. Nur Remer und Lingonen hielten unbeirrt zu Rom. Und die Treverer hatten ihren eigenen Krieg auszufechten – gegen die Germanen. Vercingetorix blieb unangefochtener Anführer. Die Armee, die sich nun in allen Teilen Galliens rüstete, war der Caesars deutlich überlegen. Von möglicher Verstärkung aus Italien war Caesar abgeschnitten.
Doch Caesar hatte Mittel und Wege, sich Verstärkung zu holen. Er schickte Boten zu den germanischen Stämmen, die sich Rom unterworfen hatten. Diese sollten ihm Reiter stellen. Und die Germanen gehorchten. Nachdem er so seine Reihen aufgefüllt hatte, setzte er seine Truppen in Marsch – und traf auf die Armee des Vercingetorix.
Die Gallier sahen den Tag des endgültigen Triumphes gekommen. Ihre Reiter leisteten einen Schwur, zweimal durch die gesamte römische Formation zu pflügen. Und so brach die Hölle über die Römer herein. Sie gerieten sofort in arge Bedrängnis. Caesar selbst war mitten im Kampfgetümmel. Er verlor sein Kurzschwert – schon war es die erste Trophäe eines sicher geglaubten gallischen Sieges. Dennoch kam es anders: Es waren die germanischen Reiter, die dafür sorgten, dass sich das Blatt wendete. Ihre Kampfkraft stoppte den Ansturm der Gallier, für die der Tag völlig unerwartet in einer Niederlage endete.
Caesar belagert die Stadt Alesia
Des sicher geglaubten Sieges beraubt, zog sich Vercingetorix nun mit seinem Heer nach Alesia (im heutigen Burgund) zurück, verfolgt von den Römern, die umgehend mit der Belagerung der Stadt begannen. Es war nicht die erste Belagerung dieses Krieges, aber es wurde die wichtigste. Heute ist sie wohl die berühmteste der römischen Geschichte.
Caesars Legionäre umschlossen die ganze Stadt mit mehreren Linien aus Gräben, Wällen und Palisaden. Alle 27 Meter errichteten sie einen Turm. 23 Festungen boten schon bald für eine viel größere Armee Platz, als Caesar überhaupt zur Verfügung stand. Gegen die Ausfälle der Gallier schützten sich die Römer zusätzlich durch Fallen: bedeckte Gräben mit angespitzten Pfählen darin. In etwa einem Monat würden Vercingetorix und den Seinen die Vorräte ausgehen. So lange mussten die Römer standhalten.
Die Krieger in Alesia waren für Caesar nicht das einzige Problem. Bevor die Gräben und Palisaden einen Ausbruch der Belagerten verhindern konnten, hatte Vercingetorix seine Reiterei fortgeschickt, um alle Stämme anzuweisen, nach Alesia zu kommen. Eine gewaltige Armee machte sich auf den Weg. Und Caesar wusste, dass er bald selbst der Belagerte sein würde. Er ließ einen nach außen gerichteten Verteidigungsring errichten und alle Nahrungsmittel heranschaffen, die das Umland hergab.
Über eine Viertelmillion Gallier waren bald auf dem Weg nach Alesia. Bevor sie dort ankamen, verging allerdings mehr als ein Monat – in Alesia gingen die Vorräte zur Neige. Und noch bevor eine Schlacht geschlagen worden war, gab es die ersten Opfer. Um nicht hungern zu müssen, entschieden die eingeschlossenen Krieger, die Angehörigen des Stammes der Mandubier, die eigentlichen Bewohner Alesias, aus der Stadt zu jagen. Verzweifelt wandten diese sich nun an die Römer. In „De bello Gallico“ schreibt Caesar (über sich selbst, wie üblich, in der dritten Person): „Als sie zu den römischen Befestigungen kamen, baten sie unter Tränen inständig, man möchte sie in die Knechtschaft aufnehmen und ihnen zu essen geben. Caesar aber verhinderte durch die auf dem Wall verteilten Wachen ihre Aufnahme.“ Die Manubier blieben eingeschlossen zwischen zwei Armeen und gingen zugrunde.
Dann traf das gallische Entsatzheer ein. Die Römer standen nun einer etwa vierfachen Übermacht gegenüber. Mit einem Reitergefecht wurde die Schlacht um Alesia begonnen. Caesar musste jetzt an zwei Fronten kämpfen. Vercingetorix nutzte die Entlastung durch den Ansturm seiner Verbündeten sofort, um mit dem Zuschütten des ersten römischen Belagerungsgrabens zu beginnen.
Die römische Reiterei pflügt von hinten durch das Gallier-Heer
Am nächsten Tag warteten die Römer lange auf die nächste gallische Offensive. Noch als die Sonne unterging, regte sich nichts. Erst um Mitternacht ertönte schließlich der Karnyx – auch „Drachentrompete“ genannt – des Vercingetorix. Der Vorteil der nun selbst belagerten Römer war es, dass sie in ihrer ringförmigen Befestigungsanlage die Truppen schnell dorthin verlagern konnten, wo sich gerade der größte Druck durch die Angreifer aufbaute. Als die ersten Sonnenstrahlen das Schlachtfeld erhellten, war es den Galliern noch immer nicht gelungen, das römische Bollwerk zu bezwingen.
Die Ingenieurskunst der Römer stellte eine größere Herausforderung dar, als es die gallischen Befehlshaber erwartet hatten. Auf der Suche nach Schwachstellen im Befestigungsring wurden sie schließlich fündig. Die Hanglage eines der römischen Kastelle ermöglichte es, die Befestigung von oben aus anzugreifen.
In der folgenden Nacht ließen die Anführer des gallischen Entsatzheeres deshalb mehrere zehntausend der besten Krieger dort Aufstellung beziehen. Gegen Mittag griffen sie dann – unterstützt von Vercingetorix’ Truppen in Alesia – mit aller Macht von beiden Seiten an. Kampfgeheul ertönte überall um die Römer herum und verlangte ihnen eiserne Disziplin ab. Mit Steinen, angespitzten Pfählen und Schleudern setzten sie sich gegen die Angreifer zur Wehr und mussten unterdessen darauf vertrauen, dass der Kampflärm in ihrem Rücken keine unmittelbare Gefahr für sie darstellte.
Um die Römer überdies zu zwingen, sich auf die Anlage zu verteilen, griffen die Gallier immer wieder auch an anderen Abschnitten an. Der Ansturm flaute nie ab. Ein großer Vorteil der zahlenmäßigen Überlegenheit war es, dass erschöpfte Krieger durch ausgeruhte abgelöst werden konnten. Die Römer kämpften dagegen schnell am Limit ihrer Kapazitäten. Während ihre Kraft schwand, schütteten die Gallier Graben um Graben zu.
Strategie und eiserner Wille der Gallier hatten Erfolg. Überall geriet die römische Verteidigung ins Wanken. Der schwächste Teil der Befestigung wurde schließlich von den Römern aufgegeben. Sofort machten sich die Gallier daran, die Wälle einzureißen. Caesar versuchte unterdessen, den zusammenbrechenden Widerstand erneut zu mobilisieren.
Siegesgewissheit auf gallischer Seite wäre sicherlich gerechtfertigt gewesen. Umso größer war das Entsetzen, als in ihrem Rücken die römische Reiterei auftauchte. Den Römern war es gelungen, ihre berittenen Soldaten abseits des zentralen Kampfgetümmels heimlich abzuziehen und in einem weiten Bogen hinter die Schlachtreihen der Angreifer zu führen. Nun pflügte die römische Kavallerie mit Gewalt durch das überrumpelte gallische Heer, das sich fast sofort zur Flucht wandte. Als die Truppen des Vercingetorix auf der anderen Seite dessen gewahr wurden, flohen sie ebenfalls. Die Schlacht war verloren. Wieder einmal hatte sich das Blatt gewendet.
Vercingetorix wird in Romvorgeführt und erdrosselt
Alesia war nun Caesar ausgeliefert. Dieser forderte die Herausgabe der Heerführer – allen voran Vercingetorix. Plutarch schreibt: „Vercingetorix, der große Führer des Krieges, legte seine glänzendsten Waffen an und begab sich auf prächtig geschmücktem Pferd zum Tor aus der Stadt hinaus. Im römischen Lager ritt er einmal um die kleine Bühne herum, auf der Caesar thronte, dann sprang er vom Pferd, warf die Rüstung ab und setzte sich zu Caesars Füßen.“
Vielleicht hatte er darauf gehofft, dass Caesar ihn aus strategischen Überlegungen heraus verschonen würde. Doch der Statthalter Galliens vergab nicht. Er ließ den Gallier-Anführer in Ketten legen und nach Rom bringen, wo er sechs Jahre lang im Kerker sitzen sollte.
Erst als Caesar – inzwischen in der Rolle des Dictators – einen Triumphzug zur Feier seiner Siege in Gallien und im anschließenden römischen Bürgerkrieg veranstaltete, wurde Vercingetorix in Rom dem Publikum vorgeführt. Anschließend wurde er im Mamertinum am Forum Romanum erdrosselt.
In seinem „De bello Gallico“ beschreibt Caesar Alesia als epische Endschlacht, in der alle Fäden zusammenlaufen, und Vercingetorix als beinahe überlebensgroßen Widersacher. Ganz so war es nicht. Caesar brillierte darin, die Geschehnisse dem dramaturgischen Aufbau unterzuordnen. Neben Vercingetorix gab es weitere wichtige Heerführer: Commius beispielsweise, von Caesar zum König der Atrebater gemacht, war einer der wichtigsten Verbündeten Roms gewesen und wurde zu einem Anführer des Aufstandes, den er selbst nach dem Fall Alesias fortsetzte. Auch andere romanisierte Gallier hatten die Allianz mit Rom aufgekündigt und dabei teilweise gegenseitige Feindschaften begraben, so etwa Eporedorix und Viridomarus.
Natürlich war Vercingetorix als Oberbefehlshaber der gallischen Armee eine der wichtigsten Figuren der Erhebung, doch der Aufstand war nicht auf Gedeih und Verderb mit ihm verbunden. Andere hielten ihn am Leben. Und ihr Kampf fand vor den Toren Alesias keineswegs ein Ende. Aulus Hirtius, der Caesars „De bello Gallico“ fortsetzte, zerstört die kunstvolle Dramaturgie der ursprünglichen sieben Bücher, indem er berichtet, dass die Gallier unbeirrt weiterkämpften. Erst ein Jahr später war die letzte Schlacht geschlagen.
Alesia wurde zum Mythos. Im 19. Jahrhundert ließ Kaiser Napoleon III. am Schauplatz der Schlacht eine6,6 Meter hohe Kolossalstatue des Vercingetorix errichten. Der Gallierfürst war nun nicht mehr nur ein antiker Freiheitskämpfer, sondern der Urfranzose schlechthin. Seine Geschichte sollte Identität stiften, Frankreich fester zusammenschweißen – und es war kein Zufall, dass die Gesichtszüge der Kriegerstatue stark an den Kaiser selbst erinnerten.
Autor: David Neuhäuser
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