Denn anstatt das Christentum in eine Geschichte von Aufstieg, Dominanz und Niedergang (durch die Säkularisierung seit der Aufklärung) einzuschreiben, formuliert er provozierend, jede geistige Bewegung in der westlich geprägten Welt bis in die Gegenwart hinein, bis auch zur erhöhten Sensibilisierung für Ungerechtigkeiten und Rassismus unserer Tage, trage eine „christliche DNA“ in sich. Was wir auch denken und tun, überall, so Holland, stecken (auch) Jesus und Paulus drin.
Um das plausibel zu machen, stellt der Autor das frühe, antike Christentum als eine alle sozialen, moralischen und politischen Fügungen und Werte radikal umwälzende Bewegung dar. Gemeint ist damit nicht die Amtskirche, die sich bekanntlich rasch in die „Welt“ einfügte, sondern das immer wieder neu mobilisierte emanzipatorische Potential der christlichen Botschaft: die Gleichheit aller Menschen vor Gott, die Freiheit des Christenmenschen, die revolutionäre Kraft endzeitlichen Denkens, die Erlösung am Jüngsten Tag. Als Geschöpf Gottes hat jeder Mensch einen Wert, darf daher nicht verworfen oder erniedrigt werden.
Für das Mittelalter ist das plausibel, kam doch die schärfste Kritik an einer hierarchischen, satten, erschlafften Kirche stets von entschiedenen Christen, beginnend mit den frühen Bettelorden bis zur Kirchenreform des Spätmittelalters. Luthers Reformation gehört ebenso in diesen Kontext. Doch auch alle großen säkularen Konflikte der Neuzeit – zeitgemäß hebt Holland den Kampf für und wider die Sklaverei sowie aktuell unter dem Stichwort „#MeToo“ den Einsatz für die sexuelle Selbstbestimmung heraus – wurden oder werden nach Meinung des Autors auf beiden Seiten mit im Kern christlichen Argumenten ausgetragen, und zwar auch dann, wenn sich die Wortführerinnen und Wortführer nicht als religiös verstehen.
Holland scheut dabei provozierende Bonmots nicht: Eine Lehre wie die von den Menschenrechten könne mit mehr Zustimmung und Unterschriften rechnen, „wenn ihre Ursprünge bei den Kirchenrechtlern des Mittelalters verborgen blieben“, und die Entdeckung der frühen Christen, dass es eine Quelle der Macht sein konnte, ein Opfer zu sein, befeuert die identitätspolitische Debatte unserer Tage tatsächlich.
Selbst wer die große These nicht überzeugend findet, weil sie in ihrer Zuspitzung mitunter an den Wettlauf zwischen Hase und Igel denken lässt, und weil ein rein ethisch-anthropologisches, jeder Spiritualität entkleidetes Christentum, das in letzter Konsequenz sogar Gott entbehren kann, schwer zu denken ist, wird die mit zahlreichen erhellenden Details aufwartende, zudem glänzend geschriebene Schilderung spannend und anregend finden. Holland macht eindrucksvoll klar, dass sich auch der Mensch unserer Zeit nicht dauernd selbst neu erfinden kann, mag er sich noch so vehement gegen Traditionen wenden.





