Prof. Dr. Ulrich Wyrwa
Die „autoritäre Versuchung“ (Ralf Dahrendorf), in die westliche Gesellschaften geraten sind, und die Entwicklung diktatorischer Regime im Osten haben zu einem inflationären Gebrauch des Begriffs Faschismus geführt und dessen Bedeutung verwässert. Daher ist es begrüßenswert, dass Stefan Breuer, Autor grundlegender Studien zum völkischen Denken und zum deutschen Rechtsextremismus vom Kaiserreich bis zum „Dritten Reich“, seine 2005 erschienene Monographie über Deutschland, Frankreich und Italien in der Zwischenkriegszeit nun in einer aktualisierten, stark überarbeiteten und um weitere Länder erweiterten Ausgabe vorgelegt hat. In seinem Vorwort geht er kurz auf Kritik an der ersten Ausgabe ein und betont die Notwendigkeit einer Klärung der Begriffe, zumal des Faschismus-Begriffs, weil dieser „im politischen Tageskampf zu verschleißen“ droht.
Nationalismus, so führt Breuer – ausgehend von Max Webers typologischen Erörterungen – in seiner Einleitung aus, tritt in verschiedenen Formen hervor, während der Begriff Faschismus sich auf Parteien bezieht, die von einem charismatischen Anführer, einer gemeinsamen Gewaltpraxis und der Erwartung auf Patronage zusammengehalten werden. Es gab aber keine für den Faschismus verbindliche Weltanschauung oder Ideologie, doch die von den faschistischen Bewegungen betonte Ungleichheit der Menschen zeigt ihre Zugehörigkeit zur politischen Rechten.
Nach der Definitionsfrage wendet sich Breuer dem italienischen Fall zu und verfolgt die Entwicklung vom nationalen Sozialismus zum sozialen Nationalismus, der in den revolutionären Syndikalismus überging und unter der künstlerischen Avantgarde zur Ästhetisierung der Politik und zur Politisierung der Ästhetik führte. Für Deutschland geht Breuer den völkischen Wurzeln der NSDAP nach und macht an ihr einen neuen Nationalismus aus, der in einen Rassenaristokratismus überging.
Den Abschluss bilden Fallstudien über Frankreich sowie die in der ersten Auflage nicht thematisierten Länder Spanien, Rumänien und Kroatien: die Falange Española, die Legion „Erzengel Michael“ und die Ustaša. Die Bewegungen dieser vier Fälle bilden nach Breuer heterogene Erscheinungen, die eher nicht auf einen gemeinsamen Begriff zu bringen sind. Einwände dagegen, den italienischen und den deutschen Fall unter dem Begriff Faschismus zusammenzufassen, weist Breuer scharf, aber nur beiläufig zurück.
Die Erwartungen eines europäischen Panoramas, die der Titel der Neuausgabe erwarten lässt, werden jedoch enttäuscht. Es bleiben erhebliche Lücken. So fehlt der Austrofaschismus bzw. Klerikalfaschismus in Österreich, ferner Portugals „Neuer Staat“. Ungarn mit seiner Pfeilkreuzlerbewegung wird nur einmal kurz in einer Anmerkung erwähnt. Unberücksichtigt bleiben auch die baltischen Bewegungen, etwa das „Donnerkreuz“ (Pērkonkrusts) in Lettland.
Breuer konzentriert sich ganz auf die Zwischenkriegszeit. Auf die Gegenwart und den inflationären Gebrauch des Faschismusbegriffs geht er nicht ein. So bleibt abzuwarten, ob Breuer dennoch mit seinen typologischen Differenzierungen Klarheit in die verworrenen Debatten über den Begriff Faschismus bringen kann.
Stefan Breuer, Nationalismus und Faschismus. Rechtsradikale Bewegungen und Parteien im Europa der Zwischenkriegszeit. Campus Verlag, Weinheim 2025, 289 Seiten, € 34,–.





