Dr. Sebastian Rojek
Bei dem Thema der muslimisch-jüdischen Beziehungsgeschichte könnte man angesichts des seit Jahrzehnten in unterschiedlicher Intensität stattfindenden Nahostkonflikts sowie islamistisch motivierter Gewalttaten gegen Jüdinnen und Juden überall auf der Welt davon ausgehen, dass es sich um eine Geschichte handle, die hauptsächlich durch blutige Konflikte geprägt ist. Der in London Internationale Geschichte lehrende Marc David Baer leugnet keineswegs all diese Konflikte in seinem Überblick über die letzten 1000 Jahre religiöser und politischer Beziehungen, er zeigt aber, dass es durchaus immer wieder Phasen gab, in denen die Religionen eher mit- statt gegeneinander lebten.
Er erzählt von jüdischen Gelehrten in der arabischen Welt, von Wissens- und Ideentransfers, rechtlichen Regelungen und wechselseitigen Einflüssen. Sein Buch hilft dabei, eine komplexe Geschichte besser zu verstehen und auch die Konflikte der Gegenwart, die nur teilweise religiös motiviert sind, mit historischer Tiefenschärfe zu betrachten. Es stellt den Ideologen beider Seiten, welche die muslimisch-jüdische Beziehungsgeschichte als ewiges Ringen darstellen möchten, eine differenzierte Analyse entgegen, die sich kritisch mit existierenden Mythen auseinandersetzt.
Marc David Baer, Kinder Abrahams. Das lange Jahrtausend muslimisch-jüdischer Geschichte. Rowohlt, Hamburg 2026, 496 Seiten, € 38,–.





