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Im postkolonialen Tunnel

Autor: Dr. Daniel Lange

Die Deutschen lieben Namibia: 2024 reisten von 1,45 Millionen Reiselustigen 111 200 Deutsche in den südwestafrikanischen Staat. Da nur aus Südafrika, Angola und Botswana mehr Besucher in die seit 1990 von Südafrika unabhängige Republik mit …

Im postkolonialen Tunnel
Die Deutschen lieben Namibia: 2024 reisten von 1,45 Millionen Reiselustigen 111 200 Deutsche in den südwestafrikanischen Staat. Da nur aus Südafrika, Angola und Botswana mehr Besucher in die seit 1990 von Südafrika unabhängige Republik mit ihren 3,1 Millionen Einwohnern kamen, lässt sich erahnen, wie wichtig die deutsche Tourismussparte für sie ist. Vor Ort gestalten deutschstämmige und deutschsprachige Namibianer, deren Vorfahren in kolonialer deutscher Zeit oder nach späteren gesellschaftlichen Umbrüchen in Deutschland ins Land kamen, sowie heutige deutsche Auswanderer Namibias Gesellschaft mit und stehen so auch für die vielen deutsch-namibischen Verbindungen. Dazu legt Henning Melber nun eine „Geschichte Namibias“ vor.
Autor
Dr. Daniel Lange
17. September 2026
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Rezensionen

Dr. Daniel Lange

Die Deutschen lieben Namibia: 2024 reisten von 1,45 Millionen Reiselustigen 111 200 Deutsche in den südwestafrikanischen Staat. Da nur aus Südafrika, Angola und Botswana mehr Besucher in die seit 1990 von Südafrika unabhängige Republik mit ihren 3,1 Millionen Einwohnern kamen, lässt sich erahnen, wie wichtig die deutsche Tourismussparte für sie ist. Vor Ort gestalten deutschstämmige und deutschsprachige Namibianer, deren Vorfahren in kolonialer deutscher Zeit oder nach späteren gesellschaftlichen Umbrüchen in Deutschland ins Land kamen, sowie heutige deutsche Auswanderer Namibias Gesellschaft mit und stehen so auch für die vielen deutsch-namibischen Verbindungen. Dazu legt Henning Melber nun eine „Geschichte Namibias“ vor.

Diesen vielversprechenden Titel fängt der Autor jedoch gleich wieder ein, in dem er seinen Text auf eine „kleine Geschichte Namibias“ reduziert, die zwischen journalistischem und akademischem Stil hin- und herschwankt. Zwar bilden die von der Frühgeschichte bis zu den aktuellen politischen Ereignissen Namibias gegliederten neun Kapitel mit markanten historischen Wegmarken einen klaren chronologischen Rahmen. Aber warum welche Entwicklungen in den einzelnen behandelten Epochen wie intensiv geschildert werden und nach welchem Muster sie aus- bzw. nicht ausgewählt wurden, bleibt offen. Auch wäre hilfreich gewesen, deutlicher zu klären, an welche Zielgruppe sich das Buch eigentlich richtet – Neugierige, Forscher, Touristen? Diese konzeptionelle Unentschlossenheit führt dazu, dass viele Aspekte nur angerissen werden können.

An Schwung gewinnt der Band, wenn der Autor sachlich formuliert und ausgewogen informiert, etwa über die internationalen Verhandlungen in den 1980er Jahren zur Befreiung Namibias aus der Umklammerung der südafrikanischen Herrschaft, oder wenn er zum freien Namibia Bilanz zieht. Mit Kritik an der dort seit 1990 regierenden Südwestafrikanischen Volksorganisation spart er dabei nicht. Seine Zeilen lesen sich aber immer dann unversöhnlich, wenn er deutsche und südafrikanische Facetten in Namibias wechselvoller Geschichte in extremer Tonart markiert („megalomanische Kolonialpläne“, „imperiale Herrenmenschenart“, „Rassenwahn“). Das mutet genauso befremdlich an, wie wenn bezüglich des Farmlands in Namibia von „weißem“ Besitz die Rede ist – so, als ob auch heute noch Namibier sich ob ihrer Hautfarbe rechtfertigen müssten. Entstanden ist so in weiten Teilen eher eine persönliche Inventur des Autors zu Namibias Widerstandshistorie (was durch die vielen Hinweise auf seine eigenen und weitere Schriften des aktivistischen Milieus untersetzt wird – hier hätte sich eine breitere Literaturauswahl angeboten).

Der formulierte Anspruch, mit seinem Buch „den Menschen Deutschlands und Namibias, ihren Bindungen und Verwicklungen besondere Aufmerksamkeit zu schenken“, bleibt damit auf der Strecke. Zu gern hätte man nämlich viel mehr genau darüber erfahren, was denn in den deutsch-namibischen Beziehungen jenseits vergangenheitsfokussierter Debatten das oft zitierte „Besondere“ eigentlich ausmacht. Aber was in Namibia deutschen Bezug hat, atmet bei Melber stets den Geist des Vorwurfsvollen, wird als „koloniales Relikt“ oder „romantisierend“ abgetan. Überall wähnt er „asymmetrische Machtverhältnisse“ oder postkoloniale „Amnesie“. Dieser Tunnelblick wird den vielfältigen Kontakten zwischen beiden Ländern nicht gerecht. Als kenntnisreiche Ergänzung für ein erstmals mit Namibia befasstes Publikum lässt sich Melbers Schrift zwar vermerken. Aber die Ankündigung des Verlags, hier sei ein „eindrucksvolles“ und „hoffnungsvolles“ Porträt Namibias entstanden, ist deutlich überhöht.

Henning Melber, Geschichte Namibias. Von der deutschen Kolonie bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 2026, 203 Seiten, € 18,–.

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