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Das dritte Geheimnis von Fátima?
Das Attentat auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981 erschütterte die Welt. Neben den offiziellen polizeilichen Ermittlungen – hatte der Täter allein gehandelt oder im Auftrag? – gab es immer auch eine religiöse Interpretation der Ereignisse, befeuert vom Papst selbst, der das „Wunder von Fátima“ in Verbindung mit seinem Überleben brachte.
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Was hat das Papst-Attentat mit einem Ereignis zu tun, das sich genau 64 Jahre zuvor zugetragen hatte? Aus Sicht religiöser Kreise hing daran das Leben des Heiligen Vaters. Daher zunächst ein Blick zurück: Am 13. Mai 1917 hatten die zehnjährige Lúcia dos Santos, ihre Cousine, die siebenjährige Jacinta Marto, und deren Bruder, der neunjährige Francisco Marto, beim Hüten der Schafe auf einem Feld unweit der portugiesischen Kleinstadt Fátima eine seltsame Begegnung. In der Nähe einer Steineiche sahen sie eine wunderschöne Frau in einem hellen Mantel. Die Frau soll den Kindern erklärt haben, sie sei vom Himmel herabgestiegen, und bat sie, in genau einem Monat wiederzukommen.
Die Kinder hatten Angst. Lúcia sagte zu den beiden Jüngeren, sie sollten niemanden von ihrem Erlebnis erzählen. Aber die kleine Jacinta konnte nicht anders: Sie berichtete ihrer Familie von der seltsamen Frau. Lúcias Mutter fragte den Pfarrer der lokalen St.-Antonius-Gemeinde um Rat. Dieser riet ihr, den Kindern zu erlauben, am 13. Juni, dem angekündigten Tag der Wiederkehr der mysteriösen Frau, wieder zur Steineiche zu gehen. Er bat nur darum, sich hinterher mit Lúcia unterhalten zu dürfen.
Tatsächlich berichtete Lúcia von einer weiteren Begegnung mit der Frau. Sie war verstört – die Frau hatte den Kindern eine schockierende Mitteilung gemacht: Sie hatte erklärt, Francisco und Jacinta würden bald in den Himmel auffahren; nur Lúcia sei ein langes Leben beschieden.
Am nächsten 13. erschien die Frau erneut. Bald schrieben erste Zeitungen über die seltsamen Vorfälle. Aber die wenigsten glaubten den Kindern. Artur Santos, Beamter der Provinzverwaltung, redete ihnen ins Gewissen. Doch die Kinder hielten an ihrer Geschichte fest. Sie erzählten Santos alles, was sie gesehen hatten – bis auf drei Dinge, die weiterzuerzählen ihnen die Frau verboten habe. Insgesamt sechsmal erschien die Frau den Kindern. Für den 13. Oktober kündigte sie eine letzte Erscheinung an – und ein Wunder, damit auch die Zweifler glauben sollten.
An besagtem Tag strömte eine riesige Menschenmenge nach Fátima. Zeitungen berichteten von bis zu 100 000 Menschen. Viele Besucher waren Gläubige, aber auch viele Spötter und Schaulustige waren gekommen. Was dann geschah, ging als „Sonnenwunder“ in die Geschichte ein. Anwesende erzählten, ein starker Regenschauer habe sie durchnässt. Dann sei die Sonne durch die Wolken gebrochen. Sie sei deutlich dunkler als sonst gewesen und in einem Zick-Zack-Kurs auf die Erde zugeflogen. Binnen Minuten sei die Kleidung der Zuschauer getrocknet.
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Die Aussagen unterschieden sich im Detail, aber die Zeugen waren sich einig, einem außergewöhnlichen Erlebnis beigewohnt zu haben. Bis heute versuchen Naturwissenschaftler, das Phänomen der tanzenden Sonne zu erklären. Einige vermuten, eine Wolke von stratosphärischem Staub habe das Aussehen der Sonne verändert, andere machen Staubwolken aus der Sahara für das Ereignis verantwortlich.
Die katholische Kirche prüfte die Vorgänge genauestens. Nach 17 Jahren erklärte der Bischof von Fátima am 13. Mai 1930 die Erscheinung der heiligen Frau von Fátima schließlich für glaubwürdig. Im Oktober desselben Jahres wurde auch das Sonnenwunder anerkannt. Die Verehrung war nun offiziell erlaubt.
Zwei der drei Kinder von Fátima waren zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Wie von der Frau hervorgesagt, starben Jacinta und Francisco bald nach den Ereignissen an der Spanischen Grippe. Lúcia war das versprochene lange Leben beschieden: Sie starb 2005 im Alter von 97 Jahren.
Doch was waren die drei Geheimnisse, deren Hüterin sie war? Lúcia entschied sich 1921 für ein Leben im Kloster. Später schrieb sie die ersten beiden Geheimnisse auf, schließlich auch das dritte. Der Inhalt der ersten beiden Geheimnisse wurde 1941 veröffentlicht. Sie sagten den Beginn eines Krieges, sein Ende und den Beginn eines neuen voraus, an dessen Ende die Bekehrung Russlands stehe. Der Text mit dem dritten Geheimnis wurde versiegelt. Erst Papst Johannes XXIII. (1958 –1963) las ihn – und entschied sich gegen die Veröffentlichung.
Die Geheimhaltung bot Anlass für Spekulationen. 1981 entführte der 55-jährige Australier Laurence James Downey, ein ehemaliger Trappistenmönch und Tourguide in Fátima, ein Flugzeug einer irischen Fluglinie und verlangte die Veröffentlichung des dritten Geheimnisses. Französische Spezialeinheiten überwältigten ihn nach der Landung in Le Touquet.
Elf Tage später, am 13. Mai 1981, am Fátima-Tag, fuhr Johannes Paul II. in einem offenen Jeep über den Petersplatz. Der türkische Rechtsradikale Mehmet Ali Ağca, Jahrgang 1958, zielte mit einer Pistole auf den Kopf des Papstes. Er drückte ab – das Geschoss streifte den Papst aber nur. Denn überraschend hatte sich Johannes Paul II. vorgebeugt, um einige Heiligenbilder zu segnen, die ihm Gläubige entgegenhielten. Auch der zweite Schuss war nur ein Streifschuss. Ağca zielte nun auf den Rumpf, schoss und traf den Papst schwer, aber nicht tödlich. Sekunden später wurde Ağca vom Chefleibwächter Camillo Cibin überwältigt. Der Jeep raste los. Zehn Minuten später traf Johannes Paul II. in der Gemelli-Klinik der Katholischen Universität vom Heiligen Herzen ein.
Dem sportlichen Johannes Paul II., als guter Fußballer und Skifahrer bekannt, kam sein guter Allgemeinzustand zugute. Er hatte viel Blut verloren – und sehr viel Glück gehabt. Nach der fünfstündigen Operation konnte Chefchirurg Francesco Crucitti seine Verwunderung über den Weg der Kugel durch den Körper nicht verbergen, die den Darm getroffen, aber die Aorta und zentrale Nervenbahnen verfehlt hatte: „Es scheint so, als ob eine magische Hand die Kugel von Ihren lebenswichtigen Organen abgelenkt hat“, soll er dem Papst berichtet haben.
Bald erfuhr Johannes Paul II., dass es seine Bewegung hin zu den Gläubigen gewesen war, die ihm das Leben gerettet hatte. Und er erinnerte sich, was auf den Bildern zu sehen gewesen war, die ihm die Menschen entgegenstreckten: die heilige Frau von Fátima.
Er ließ seinen Sekretär den Umschlag mit dem dritten Geheimnis von Fátima aus dem Vatikan holen – und las dort Folgendes: „Wir haben … einen Engel gesehen, der ein Feuerschwert in der linken Hand hielt; es sprühte Funken, und Flammen gingen von ihm aus, als sollten sie die Welt anzünden; doch die Flammen verloschen, als sie mit dem Glanz in Berührung kamen, den Unsere Liebe Frau von ihrer rechten Hand auf ihn ausströmte … Und wir sahen … einen in Weiß gekleideten Bischof – wir hatten die Ahnung, dass es der Heilige Vater war … der Heilige Vater [ging] durch eine große Stadt, die halb zerstört war …, [und] betete er für die Seelen der Leichen, denen er auf seinem Weg begegnete … Da wurde er von einer Gruppe von Soldaten getötet, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen.“ Für Johannes Paul II., der das „M“ für Maria in sein päpstliches Wappen aufgenommen hatte, war die Sache klar: Die Gottesmutter hatte ihn gerettet. Sie habe die Kugel auf ihrem Weg durch seinen Körper geleitet. Für die Welt blieb das dritte Geheimnis vorerst ein Rätsel.
Doch außer dem Papst und der alten Nonne Lúcia dos Santos wusste bald noch ein anderer Mensch Bescheid. Der Besuch von Johannes Paul II. im Gefängnis von Rebibbia im Nordosten Roms sorgte 1983 weltweit für Schlagzeilen. Worüber hatte der Papst mit Ağca gesprochen? Heute herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass der Papst den Muslim Ağca in das dritte Geheimnis von Fátima einweihte. Dieser soll schockiert gewesen sein. Ausgerechnet Maria, die auch von Muslimen in aller Welt verehrt wird, sollte den Papst gerettet haben?
Die Frage der vermeintlichen göttlichen Intervention ist nicht zu klären. Doch nicht weniger mysteriös war die Frage nach den Hintergründen der Tat. Heute dominiert die These, dass Ağca vom bulgarischen Geheimdienst für das Attentat angeheuert wurde, der in den 1980ern so etwas wie die Filiale des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU in Italien war. Der polnischstämmige Papst hatte am 16. Dezember 1980 einen geharnischten Brief an den KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew geschrieben und dazu beigetragen, dass Erwägungen einer sowjetischen Militärintervention in Polen fallengelassen wurden – die massiven Streiks der polnischen Werftarbeiter hatten die UdSSR beunruhigt. Ali Ağca, nach dem wegen des Mordes an dem Chefredakteur der türkischen Tageszeitung „Milliyet“ gefahndet wurde, sei daraufhin auf Geheiß des Kremls vom bulgarischen Geheimdienst für das Attentat angeheuert worden.
Im November 1982 verhafteten italienische Ermittler den mutmaßlichen bulgarischen Agenten Sergei Antonow, der, wie Fotos belegen, während des Attentats nur wenige Schritte von Ağca entfernt auf dem Petersplatz gestanden hatte. Zwei verdächtige bulgarische Diplomaten entzogen sich der Vernehmung, indem sie Italien fluchtartig verließen. Der Prozess gegen Antonow wurde zum Eklat. Ağca selbst trat als Zeuge auf, widerrief vorherige Aussagen und erklärte sich selbst zum wiedergeborenen Messias. Antonow wurde freigesprochen.
Keine der seitdem gehandelten Theorien, keiner der unzähligen Artikel konnte schlagkräftige Beweise liefern. Der Attentäter trug seinen Teil zum Verwirrspiel bei. Mal gab er den iranischen Ajatollah Khomeini, mal die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), mal die „Grauen Wölfe“, eine Gruppe türkischer Rechtsextremisten, als Drahtzieher an. Andere ins Spiel gebrachte Theorien kreisten um die Mafia, die konservative katholische Organisation Opus Dei, eine Intrige innerhalb des Vatikans oder eine von der NATO gesteuerte Geheimorganisation.
Als gesichert gilt heute allein, dass Ağca kein geistig verwirrter oder ideologisch beseelter Einzeltäter war. Um seine Spuren zu verwischen, reiste er vor dem Attentat kreuz und quer durch Italien, er verfügte über gut gefälschte Papiere und eine brandneue Pistole des Typs Browning HP 35 aus belgischer Produktion. Er verhielt sich wie ein Profi.
Nur zehn Wochen nach dem Attentat begann in Rom sein Prozess. Wie ein Capo der Cosa Nostra musste Ağca hinter Panzerglas Platz nehmen. Verbindungen zu mutmaßlichen Hintermännern kamen nicht zur Sprache. Nach drei Tagen wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.
Anlässlich des nächsten Jahrestages der heiligen Frau von Fátima im Jahr 1982 reiste Papst Johannes Paul II. nach Portugal. Und während der Abendmesse am 12. Mai wurde ein zweites Attentat auf ihn verübt. Der Attentäter Juan María Fernández y Krohn, der versuchte, den Papst mit einem Bajonett anzugreifen, war ein Anhänger des abtrünnigen Erzbischofs Marcel Lefebvre. Lefebvre hatte 1970 die erzkonservative Piusbruderschaft gegründet, deren Anhänger die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnen, und Fernández vier Jahre zuvor unerlaubterweise zum Priester geweiht. Auch dieses Mal war es der Chef der päpstlichen Leibwache, Camillo Cibin, der den Attentäter überwältigen konnte. Fernández wurde später zu sechs Jahren Haft verurteilt.
Am 13. Mai 2000 lüftete Johannes Paul II. bei einer weiteren Reise nach Fátima endlich das Rätsel um das dritte Geheimnis. Wenige Tage später wurde Ağca auf Bitten des Papstes aus der Haft entlassen und in die Türkei abgeschoben, wo er bis 2010 den Mord am Journalisten Abdi Ipekçi absaß.
Die Kugel, die den Körper des Papstes durchschlagen hatte, ziert heute die Krone einer Statue der Muttergottes in Fátima. Mehr als sechs Millionen Menschen pilgern jedes Jahr in den kleinen Ort in Portugal.
Autor: Felix Melching
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