Nach der großen Hitler-Biographie von Ian Kershaw kommt schon wieder ein Riesenwerk über die Epoche aus England. Diesmal sollen es sogar drei Bände werden. Der jetzt erschienene erste Band des Überblickswerks von Richard Evans behandelt den „Aufstieg“ des Nationalsozialismus und reicht bis weit in das Jahr 1933 hinein. Die beiden weiteren Bände sollen die „Diktatur“ (1933–1939) und den „Krieg“ (1939–1945) behandeln. Der Verfasser Richard J. Evans ist Professor in Cambridge und hat sich mit Büchern etwa über die Cholera in Hamburg und die Todesstrafe 1532 bis 1987 als vorzüglicher Kenner der deutschen Geschichte ausgewiesen. Die Nazi-Zeit war nicht sein Hauptfeld, bis er sich vor einigen Jahren als Gutachter im berühmten David-Irving-Prozeß darein vertiefen mußte. Evans eröffnet sein Werk mit dem Satz: „Am Anfang war Bismarck.“ Er sei eine „Schlüsselfigur für die Vorge?schichte des Dritten Reichs“ gewesen. Nicht, als ob Hitler ein zweiter Bismarck gewesen wäre. So grobschlächtig ist Evans nicht. Er kennt natürlich die Unterschiede. Dennoch habe mit der Begründung des Reichs ein „deutscher Sonderweg“ begonnen, der ins Dritte Reich führte. Aber wie? Evans ist entschieden und ausgewogen zugleich. Er verweist auf den Militarismus, läßt jedoch nicht unerwähnt, daß es solche Erscheinungen auch anderswo gab. Beim Antisemitismus führt er dessen Wort?führer und ihre aberwitzigen Ergüsse eindrucksvoll vor und sagt dann, derlei sei vor 1914 in Frankreich oder Rußland virulenter gewesen. Also muß es noch andere Gründe dafür gegeben haben, daß es in Deutschland zum Mord an den europäischen Juden kam. Das muß Evans im dritten Band erklären. Beim Versailler Vertrag schildert er, wie schrecklich die Deutschen ihn empfanden, und fügt dann völlig zu Recht hinzu, ganz so schlimm sei er nicht gewesen. Evans will vor allem erzählen, und was er erzählt, das hat es alles wirklich gegeben. Aber was gab den Ausschlag? Was waren die Ursachen? Immer wieder läßt Evans auch einfache Menschen zu Wort kommen. Aber haben sie die Geschichte gemacht? Geht sie aus Stimmungen hervor oder nicht doch aus Entscheidungen, etwa bei den Wahlen? Natürlich weiß Evans, daß die NSDAP in freien Wahlen nie eine Mehrheit erhielt. Hitler kam „als Ergebnis einer politischen Intrige in sein Amt“. Die letzten beiden Kapitel sind besonders glänzend: Terror auf der einen Seite, Begeisterung auf der anderen. Beim Reichstagsbrand erzählt Evans zuerst die lange Reise van der Lubbes nach Berlin, bei „Hitlers Kulturrevolution“ ausführlich von Martin Hei?deg?ger. Wieder verschwindet die Erklärung oft hinter der Erzählung. Und doch hat Evans vielleicht recht. Vielleicht gibt es die eine Erklärung gar nicht, und wir müssen uns mit einer Erzählung begnügen. Jedenfalls ist dies ein überaus lesbares Buch. Selbst wer schon viel weiß, erfährt noch manche neuen Einzelheiten. Man darf auf die folgenden Bände gespannt sein.
Rezension: Jäckel, Eberhard





