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Das Ende der Athener Philosophenschule
Der römische Kaiser Justinian I. (527– 565) setzte die neuplatonischen Philosophen unter Druck: Die Lehren Platons und der Glaube an die alten Götter waren im christianisierten Römischen Reich unerwünscht. Damaskios, der letzte Leiter der Philosophenschule in Athen, und seine Schüler standen auf verlorenem Posten.
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Der Perserkönig Chosrau I. Anoschirwan (532 –579) war ein grausamer Herrscher: Bereits als Thronfolger seines Vaters Kavadh I. (499 –531) hatte er 528/29 die sozialrevolutionäre religiöse Bewegung der Mazdakiten in einem brutalen Massaker beseitigen lassen, nach dem Tod seiner Vaters im September 531 schlug der neue Herrscher eine Adelsrevolte nieder und ließ seine beiden Brüder Zham und Kawus ermorden.
Doch der „König der Könige“ agierte auch weitsichtig: Er reformierte das Steuersystem und das Heer, baute die Infrastruktur aus, beschnitt die Macht des Adels und stärkte Bürokratie sowie Zentralgewalt. Zudem war Chosrau gebildet, er hatte Interesse an Religion, Philosophie, Naturwissenschaft und Medizin. Er empfing christliche Bischöfe und Gelehrte wie den Philosophen Uranios aus Konstantinopel; der Arzt Tribunus aus Palästina wirkte an seinem Hof; der Philosoph Paulos der Perser widmete ihm eine Einführung in die aristotelische Logik in syrischer Sprache.
Der persische Herrscher zeigt Interesse an Philosophie
Im Oströmischen Reich war der König für seine Kenntnisse in griechischer Literatur und Philosophie bekannt. Zu den prominentesten Gästen an seinem Hof in Ktesiphon am Tigris gehörte aber zweifellos eine Gruppe von sieben neuplatonischen Philosophen aus Athen, die „höchste Blüte der Philosophie unserer Zeit“, wie der byzantinische Historiker Agathias Ende des 6. Jahrhunderts schrieb. Unter der Leitung des Athener Scholarchen (Schulleiter) Damaskios (um 460 – nach 538) waren die Philosophen im Frühjahr 532 nach Persien gereist, weil sie für sich im christlichen Reich des seit 527 regierenden Kaisers Justinian keine Möglichkeit mehr für eine Schultätigkeit sahen.
Sie hatten ihre Philosophenschule in Athen geschlossen und waren mit ihrer Bibliothek in Richtung Osten aufgebrochen, wo sie für sich eine Zukunft erhofften. Aufgrund der Berichte über Chosrau sahen die Neuplatoniker nun in Persien Königsherrschaft und Philosophie vereint; zudem waren die Perser aus der Perspektive eines oströmischen Heiden relativ tolerant gegenüber Andersgläubigen.
Die Reisenden sahen sich allerdings bald in ihren Hoffnungen getäuscht: irritiert über die fremde Kultur, abgeschreckt von der schwierigen politischen und sozialen Lage in Persien nach den Mazdakiten-Unruhen und desillusioniert, weil die Kenntnisse der Philosophie Chosraus doch eher oberflächlich waren. Der König interessierte sich mehr für Naturwissenschaften und praktische Fragen seines Reformprogramms als für die neuplatonischen Ideen der Athener.
Daher nutzten die sieben Gelehrten bald eine günstige Chance zur Rückkehr: Kaiser Justinian beendete in zähen Verhandlungen mit Chosrau den langanhaltenden Konflikt mit Persien, um seine Ziele im Westen erreichen zu können. Im sogenannten Ewigen Frieden, der im September 532 abgeschlossen wurde, pochte der Perser nun auf eine Schutzklausel für die paganen Philosophen um Damaskios, denen damit eine sichere Heimkehr ins Römische Reich offenstand.
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Doch wer war der letzte Athener Scholarch Damaskios? Was wissen wir über seine neuplatonische Schule? Und warum musste er sie schließen? Damaskios steht am Ende einer langen Reihe platonischer Philosophen. Er war ein fanatischer Anhänger des alten Götterglaubens in einer beinahe vollständig christianisierten Umwelt. Im Lauf des 5. Jahrhunderts verloren die paganen Philosophen allen Einfluss in der Gesellschaft, ihre Freiräume für Lehre, Forschung und Götterkult wurden sukzessive eingeschränkt, ihnen drohten nun verstärkt Verfolgung und Zwangskonversion.
Für die Christen und ihren christlichen Staat hatte Damaskios nur abschätzige und hasserfüllte Worte: Sie hätten die alten Sitten der Väter aufgegeben und eine „neue Ordnung“ errichtet, die alles zum Schlechteren führe. Damaskios reflektierte aber durchaus den bevorstehenden Untergang seiner traditionellen Welt. Sein Blick in die Zukunft war pessimistisch, ja resignativ: Die Stimme der Wahrheit drohe ganz zu verstummen. Da die Menschen den Aufgang des göttlichen Lichtes nicht ertragen könnten, werde das Licht verlöschen. Seine Sicht: Gegen das Gute und Schöne, den Götterkult, die hellenische Bildung (paideia) und die Philosophie wüte ein „Sturm der Notwendigkeit“, der die alte pagane Welt hinwegfege.
Typischer Bildungsweg eines spätantiken Philosophen
Der um 460 geborene Damaskios entstammte einer wohlhabenden Familie aus Damaskus in Syrien. Über seinen Lebensweg informiert vor allem die von ihm um 515/520 verfasste Biographie seines Lehrers Isidoros von Alexandria. In diesem Werk berichtet Damaskios nicht nur über seinen Lehrer, sondern zeichnet zudem ein buntes Tableau der Lebenswelten paganer Gelehrter im Osten des Reiches, vor allem in den beiden Bildungszentren Athen und Alexandria.
Damaskios hatte in beiden Städten studiert und durchlief so den üblichen Bildungsweg eines spätantiken Philosophen: Mit etwa 15 Jahren reiste er aus seiner syrischen Heimat zusammen mit seinem jüngeren Bruder Iulianos nach Alexandria, um dort bei dem bekannten Sophisten Theon drei Jahre Rhetorik zu studieren. Dieses Studium bereitete auf eine Karriere als Anwalt, im Staatsdienst oder als Rhetoriklehrer vor. Damaskios nahm dann seit 478 die lukrative Tätigkeit als Rhetoriklehrer auf; doch seien ihm, wie er selbst sagt, der rhetorische Unterricht und das Auftreten als Sophist in Alexandria zunehmend verhasst geworden.
In dieser Aussage scheint noch einmal der alte Gegensatz zwischen Philosophie und Rhetorik auf, der die griechische Geistesgeschichte seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. durchzogen hatte. Schon während seines Studiums knüpfte Damaskios erste Kontakte zu den neuplatonischen Kreisen in Alexandria und hörte gelegentlich philosophische Vorlesungen. Um 487 gab er den Rhetorikunterricht in Alexandria endgültig auf und wandte sich der Philosophie und der Suche nach der einen „göttlichen Wahrheit“ zu: Er ging zum Studium nach Athen, dem damals führenden Zentrum paganer Philosophie.
Gern spricht man mit Blick auf Athen von der „spätantiken Akademie“, dies ist jedoch ungenau. Die alte platonische Schule im Gymnasium der Akademie vor den Toren Athens war im 1. Jahrhundert v. Chr. untergegangen. Das Schulgelände des Philosophen Platon (428/27 – 348/47 v. Chr.) und die Akademie wurden im Jahr 86 v. Chr. von dem römischen Feldherrn Sulla im ersten Mithridatischen Krieg bei der Eroberung Athens verwüstet. Natürlich hatte es danach in Athen noch viele platonische Lehrer gegeben, Mark Aurel richtete sogar einen kaiserlichen Lehrstuhl für Platonismus ein, der bis zum Einfall der Heruler im Jahr 267 bestand.
All diese privaten und öffentlichen Lehrer hatten aber keinen institutionellen Verbund. Erst Ende des 4. Jahrhunderts begründete der Schriftsteller Plutarchos von Athen (gest. 431/32) dort eine neue Schule, die sich am organisatorischen Modell der alten Akademie Platons orientierte. Er etablierte eine feste Institution unter einem Scholarchen und mit einer geregelten Nachfolge, die den Bestand der Schule sicherte. Nach dem Tod des Scholarchen wählten die Schüler einen Nachfolger (diadochos), der den Schulbesitz übernahm und die platonische Lehrtradition fortführte.
Der „göttliche Platon“ galt den Neuplatonikern als der ideelle Gründungsvater der Schule, seine „Dialoge“ verkündeten ihnen die „göttliche Wahrheit“. Platons Grab in der alten Akademie wurde kultisch verehrt, sein Geburtstag mit einem Symposion gefeiert, seine „Dialoge“ waren zentraler Lehrinhalt. Diese Schule war eine private Lehrinstitution im Haus des Plutarch südlich der Akropolis, sie finanzierte sich aus einem Stiftungsvermögen (diadochika) mit Einkünften von mehr als 1000 solidi (Goldmünzen) jährlich.
Wir dürfen uns diese kleine Gruppe aus dem Lehrer und seinen Schülern jedoch nicht als eine Universität im modernen Sinn vorstellen, sie war eher eine Lebensgemeinschaft aus dem Scholarchen und seinen hetairoi, seinen engeren Schülern, die gemeinsam mit dem Lehrer studierten, Gastmähler durchführten, die alten Götter verehrten und oft über mehrere Jahrzehnte der Schule treu blieben. Zu diesem kleinen Kreis (kaum mehr als zehn bis 20 Schüler) kamen dann noch die gelegentlichen „Hörer“.
Im Mittelpunkt des Studiums stehen die „Dialoge“ Platons
Plutarchs Schüler Syrianos aus Alexandria baute die Schule weiter aus, aber erst Proklos aus Xanthos in Lykien, der bedeutendste Denker der Epoche, der in den 440er Jahren nach dem Tod Syrians die Leitung der Schule übernommen hatte und sie bis zu seinem Tod 485 führte, machte sie zur wichtigsten philosophischen Lehrinstitution im Reich.
Die Unterstützung durch Athener Honoratioren wie Archiadas und seinen Schwiegersohn Theagenes sicherte den Philosophen einen lokalen Freiraum für ihren paganen Lehrbetrieb, der an anderen Orten undenkbar gewesen wäre. Trotz der Tempelschließungen in Athen konnte Proklos südlich der Akropolis weiterhin weitgehend ungestört lehren und die alten Götter verehren.
Proklos formte auch das neuplatonische Lehrprogramm Athens weiter aus: Nach einer Einführung (Propädeutik), die vor allem auf die seelische Reinigung der Studenten abzielte, bestand das Studium in der ersten Phase aus der Lektüre und Interpretation einer festgelegten Folge von Schriften des Aristoteles und der zwölf kanonischen „Dialoge“ Platons, die Satz für Satz gelesen und allegorisch ausgedeutet wurden.
Danach folgte das „Hauptstudium“ mit der Exegese der „heiligen Texte“ der Neuplatoniker – dazu zählte das religiöse Lehrgedicht „Chaldäische Orakel“ – und der vertiefenden Erörterung systematischer Fragen. Der Studiengang diente dabei in erster Linie der Erkenntnis des neuplatonischen Göttlichen, verfolgte aber auch das Ziel der Befreiung der Seele des Philosophen und der „Angleichung an den Gott“, also einer ekstatischen Vereinigung und Gotteserkenntnis zugleich.
Für den heutigen Leser sind diese Texte unzugänglich. Sie waren auch im 5. Jahrhundert nur für eine sehr kleine Elite von hochgebildeten Gelehrten verständlich. Als eine mystische Einweihung in göttliche Geheimnisse wurde auch der zweite Gegenstand des „Hauptstudiums“, die „Theurgie“, verstanden. Dieses „Gotteswerk“ waren Praktiken, mit denen man die Götter anrufen konnte, um so Wunder zu bewirken. Proklos habe auf diese Weise, berichtet sein Biograph Marinos, Kranke geheilt, Regen erzeugt und Erdbeben beruhigt. Damit ist ein Phänomen des Zeitgeistes der Spätantike angesprochen: Christen wie Heiden hatten ihre „heiligen Männer“ und ihre „heiligen Frauen“, die angeblich über übermenschliche Qualitäten und einen direkten Zugang zum Göttlichen verfügten und so wundersame Werke vollbringen konnten.
Als Damaskios um 487 nach Athen kam, war Proklos allerdings schon zwei Jahre tot; sein Schüler und Nachfolger Marinos von Neapolis – laut Damaskios ein mittelmäßiger Gelehrter – hatte die Schulleitung übernommen. Um 490 holte Damaskios den Kandidaten für Marinos’ Nachfolge, Isidoros, aus Alexandria ab und bereiste mit ihm den Nahen Osten und Kleinasien, wo sie überall Zeugnisse des alten Götterglaubens sammelten und alte Tempel, Kultstätten und Wundermänner aufsuchten, über die Damaskios in der „Vita Isidori“ tief beeindruckt berichtet.
Isidoros und Damaskios weichen nach Alexandria aus
Der neue Scholarch Isidoros traf an der Athener Schule aber auf eine starke lokale Opposition um den Proklos-Schüler Hegias und verließ daher die Stadt bald wieder; sein treuer Schüler Damaskios ging mit ihm. In Alexandria setzte er sein Studium bei Isidoros und einem weiteren Philosophen, Ammonios, fort. Beide Schüler des Proklos galten als erste Autoritäten; als Assistenzlehrer machte sich aber auch Damaskios in Alexandria bald einen Namen. Um 515 wurde er schließlich von den Schülern in Athen zum neuen Scholarchen gewählt und ging nach Griechenland.
Dort sorgte er für eine letzte Blüte der Schule. Damaskios’ Kommentare und philosophische Werke zeugen von einer intensiven Lehrtätigkeit, er profilierte die Athener Schule erneut als Zentrum paganen Götterglaubens und machte sie wieder für Schüler aus dem ganzen Reich attraktiv, wie die Liste seiner Studenten erweist: Simplikos aus Kilikien, Eulamios aus Phrygien, Priskianos aus Lydien, Hermeias und Diogenes aus Phoinikien sowie Isidoros aus Gaza.
Damaskios war zu keinen Kompromissen gegenüber der christianisierten Umwelt bereit. Doch der Schule fehlten mittlerweile lokale Unterstützer in Athen, die ihre schützende Hand über die pagane Institution hielten. Kaiser Justinian wollte den Staat durchgängig christianisieren und setzte bereits zu Beginn seiner Herrschaft klare religionspolitische Akzente gegen die „Heiden“. Im Jahr 529 kam es zu einer antipaganen „Säuberung“ am Hof in Konstantinopel; zudem erließ Justinian eine Reihe von Gesetzen, die die Tätigkeit paganer Beamter, Rechtsgelehrter und Advokaten untersagte.
529 verbot der Kaiser zudem paganen Philosophielehrern den Unterricht und forderte von ihnen eine Bekehrung zum Christentum. Faktisch richtete sich dieses Gesetz, das auch der byzantinische Chronist Malalas erwähnt, in erster Linie gegen die bekannte Athener Schule unter Damaskios. Gegenüber den Philosophen in Alexandria, die ihr Heidentum nicht derart offen zur Schau stellten, wurde dieses Gesetz dagegen nicht angewandt. Dahinter standen vor allem religionspolitische Motive: Die umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit des Damaskios und vor allem seine programmatische „Vita Isidori“, in der ein paganes Lebensideal entworfen und der christliche Staat und die Kirchenoberen offen kritisiert wurden, sah man am Kaiserhof als Ärgernis an.
Kein Schulbetrieb mehr möglich
Die Schule galt als Zentrum des radikalen Neuplatonismus und der Theurgie, die für Christen gottlose Zauberei darstellte. Zudem übte das alte Bildungszentrum Athen als kultureller Gedächtnisort und als zentrale Stätte der hellenischen Bildung auf Teile der Oberschicht im Oströmischen Reich immer noch eine sehr große Anziehungskraft aus. Dies sollte nun unterbunden werden.
Wahrscheinlich wurde 529 von den lokalen Behörden der Lehrbetrieb an der privaten Schule untersagt, nachdem sich Damaskios und seine Schüler der Anordnung des Kaisers, sich zum Christentum zu bekehren, widersetzt hatten. Vermutlich drohten die Behörden Athens zudem damit, dass man die im Gesetz Justinians angedrohten Strafen – Konfiskation des Besitzes und Verbannung – verhängen werde, wenn die Philosophen das Lehrverbot nicht beachteten.
Diese Maßnahmen bedeuteten somit faktisch das Ende der Schule. Zwar wurde der Besitz der Schule nicht konfisziert, und die Gemeinschaft der Philosophie konnte sich weiter im Privathaus des Scholarchen versammeln, jedoch zwang das Lehrverbot Justinians die Gelehrten, den Unterrichtsbetrieb einzustellen. Justinian schloss also nicht die Schule von Athen, sorgte aber dafür, dass die Philosophen sie selbst schließen mussten.
Im Frühjahr 532 führte Damaskios schließlich, wie berichtet, seine Schüler nach Persien, um hier eine neue Schule aufzubauen. Doch dieses gewagte Experiment des Kulturtransfers scheiterte, die sieben Gelehrten traten wenige Monate später ihre abenteuerliche Rückreise an. Wohin die Philosophen zurückkehrten, bleibt indes ein Rätsel. Der alte Philosoph Damaskios ging wohl in seine syrische Heimat zurück und dürfte hier bald verstorben sein; ein letztes Lebenszeichen stellt das im Februar 538 von ihm verfasste Grabepigramm auf seine Sklavin Zosime aus Emesa dar.
Sein Schüler Simplikios schrieb in den folgenden Jahren – vielleicht in Syrien oder in seiner kilikischen Heimat – im Verborgenen einige umfangreiche Kommentare zu Aristoteles, die noch einmal das gesamte philosophische Wissen der Antike von den Vorsokratikern bis zu Damaskios vor dem erstaunten Leser ausbreiten. Das Licht der Athener Philosophie war jedoch erloschen.
Autor: PD Dr. Udo Hartmann
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