von DAVID NEUHÄUSER
Um zwölf Uhr mittags an diesem 26. Juni 1953 eröffnete Georgi M. Malenkow, von 1953 bis 1955 Vorsitzender des Ministerrats der Sowjetunion, im Kreml die kurz zuvor einberufene Sondersitzung. Es sollte eigentlich um eine ganze Reihe von Themen gehen – der tatsächliche Zweck der Zusammenkunft wurde jedoch schnell offensichtlich: Nikita S. Chruschtschow, der kurz davor war, den Kampf um die Nachfolge Stalins an der Spitze der Sowjetunion für sich zu entscheiden, sprang plötzlich auf und setzte zu einem Rundumschlag gegen den Innen- und Polizeiminister Lawrenti Berija an. Dieser, so wurde später erzählt, sei völlig perplex gewesen. Er habe gefragt, ob all das ein Scherz sei. Dann sei ihm gedämmert, dass seine Gegner ihn ausmanövriert hatten. „Ich bin in eine Falle getappt“, habe er ausgerufen.
Berija hatte als williges Werkzeug Stalins die Säuberungen, die Schauprozesse, den permanenten Terror der 1930er Jahre maßgeblich orchestriert, hatte auch während des Zweiten Weltkriegs die Jagd auf vermeintliche Konterrevolutionäre fortgesetzt; und auch nach 1945 konnte er sich trotz Rückschlägen Stalins Vertrauen bewahren. Aber nun – ein Vierteljahr nach dessen Tod am 5. März 1953 – wurde sein Schicksal besiegelt.
Berija kam 1899 als Sohn armer georgischer Bauern im abchasischen Dorf Mercheuli, nahe der Stadt Sochumi, auf die Welt. Nach seinem Schulabschluss in Sochumi im Jahr 1915 zog er nach Aserbaidschan. An der technischen Schule in Baku, wo er seine Ausbildung fortsetzte, gründete er eine illegale marxistische Gruppe. Im Juni 1917 – Zar Nikolaus II. hatte bereits abgedankt – wurde er an die Front geschickt. Auch im Krieg setzte er seine politische Agitation fort, diesmal unter den Soldaten. Nach Kriegsende machte er seinen Abschluss, trat der SDAPR (Bolschewiki), der bolschewistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, bei und setzte sich an die Spitze einer kommunistischen Technikerorganisation, die in der 1918 ausgerufenen Aserbaidschanischen Demokratischen Republik illegal war.
Die Lage änderte sich am 27. April 1920: Mit einem Umsturz übernahmen die Bolschewiki in Aserbaidschan die Macht, die nicht einmal zwei Jahre alte, am Westen orientierte Demokratie war am Ende. Als bewährter Parteisoldat bekam Berija nun den Auftrag, in sein heimatliches Georgien zurückzukehren, um dort im Untergrund einen bewaffneten Aufstand vorzubereiten. An einem Aufstand konnte Berija aber in Georgien nicht mitwirken. Er wurde verhaftet, eingesperrt und – nachdem er einen Hungerstreik organisiert hatte – nach Aserbaidschan abgeschoben. Dort setzte er nicht nur seinen akademischen Bildungsweg fort (diesmal am polytechnischen Institut in Baku), sondern stieg auch in der aserbaidschanischen Tscheka, der Geheimpolizei, auf.





