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Das Ende des Zarenreichs
Geschichte & Archäologie

Das Ende des Zarenreichs

Im Unterschied zur Oktoberrevolution fristet die bürgerliche Februarrevolution von 1917 in der Geschichtsforschung ein Schattendasein – dabei stehen beide Ereignisse in enger Verbindung miteinander. Unbestritten ist, dass das Revolutionsjahr 1917 in Russland nicht nur einen Regimewechsel, sondern auch einen Epochenumbruch darstellte.
Autor
Redaktion wissenschaft.de
06. April 2026
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie

In beeindruckender Weise beschreibt der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski den Untergang der 300-jährigen Herrschaft der Romanow-Dynastie und des russischen Imperiums. 1917 war das Ende der Monarchie, Russland wurde Republik. Baberowski gibt erzählend die Ereignisse wieder, die sich in für alle Beteiligten unerwarteter Schnelligkeit verdichteten. Die Leser werden Augenzeugen einer historischen Reise durch das Revolutionsjahr 1917, ein Jahr der Anarchie.

In seinem Buch hebt Baberowski die Unberechenbarkeit und Unkontrolliertheit historischer Prozesse hervor. Das Zarenreich steckte 1917 in einer tiefen Krise, die auf den jahrzehntelangen Reformstau zurückzuführen war. Doch die herrschenden Eliten, der Zar und sein Hof, das Militär und die Ministerialbürokratie, verfügten über keine Kompetenz des Krisenmanagements. Die Autokratie und die Duma – nach dem Soziologen Max Weber ein Scheinparlament, zersplittert und abhängig von der Gunst des Zaren – waren von den Herausforderungen des Ersten Weltkrieges, der Versorgungskrise und der wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung des Vielvölkerreichs überfordert.

Es ist das Wesen einer Autokratie, dass sie auf eine Person zugeschnitten ist. Russland tat sich mit demokratischem Meinungspluralismus und bürgerlicher Zivilgesellschaft schwer. Die Duma besaß als Parlament kaum Richtlinienkompetenz. Nikolaus II. war ein Autokrat wider Willen, was seine zögerliche Politik bestimmte. 1917, im letzten Kriegsjahr, hielt er sich im Hauptquartier der russischen Armee in Mogiljow auf, fernab von der Hauptstadt Sankt Petersburg. Als Selbstherrscher war er nicht in der Lage, sich ein präzises Bild von der Lage in der Hauptstadt zu machen; er war abhängig von den Informationen seiner Entourage, die den Zaren vor der Krisenentwicklung schonen wollte, um ihre eigene Politik zu betreiben. Hofkamarilla und Generäle waren vor allem auf den Erhalt ihrer Pfründe bedacht und begleiteten ungewollt den Zaren auf der letzten Fahrt in den Abgrund.

Im Revolutionsjahr 1917 zeigte sich, dass die Eliten den Kontakt zur Bevölkerung verloren hatten, die Einsicht in deren realen Verhältnisse fehlte. Diese Arroganz und Ignoranz rächten sich nun im Ausbruch von Unruhen, getragen von frustrierten Soldaten und Arbeitern. Das Vielvölkerreich befand sich in Auflösung, die nicht mehr aufzuhalten war. Als fatal erwies sich die Schwäche der Duma: Liberale und gemäßigte Sozialisten besaßen weder Plan noch Autorität. Überall bildeten sich spontan Soldaten- und Arbeiterräte, die eine neue Zeit einleiteten. Die Radikalisierung nahm Fahrt auf. Acht Monate nach der Abdankung des Zaren sollten die Bolschewiki unter der Führung Lenins die Macht übernehmen und die Diktatur des Proletariats errichten.

Rezension: PD Dr. Eva-Maria Stolberg

Jörg Baberowski
Die letzte Fahrt des Zaren
Als das alte Rußland unterging
Verlag C. H. Beck, München 2025, 380 Seiten, € 28,–

BaberowskiZaren
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