Der Erfolg der kemalistischen Kulturrevolution und der unbedingten Verwestlichung – gerade im Bildungsbereich – ließ sich vor allem im urbanen Raum und nicht zuletzt in Ankara verfolgen und schuf dort eine kemalistische Elite. Diese unterschied sich allerdings radikal von der ländlichen, den Traditionen und der Religion verhafteten Bevölkerung, die trotz aller Maßnahmen nicht dem Idealtyp des neuen modernen Türken bzw. der Türkin entsprechen konnte oder wollte.
Zudem darf man nicht vergessen, dass die junge Türkei durch die lange Phase fast ununterbrochener Kriege seit 1911 ein zutiefst zerrüttetes und traumatisiertes Land war. Allein zwischen 1914 und 1922 starben infolge von Kriegshandlungen, Epidemien oder Völkermord etwa 4,6 Millionen Menschen (darunter über eine Million Armenier). Rund 2,3 Millionen flohen aus dem Osmanischen Reich, das durch die Gebietsverluste ohnehin an Bevölkerung verlor.
1923 waren von einst rund 2,8 Millionen Nicht-Muslimen nur noch etwa 300 000 im Land verblieben, allein 1,2 Millionen orthodoxe Christen mussten im Rahmen eines Bevölkerungsaustausches die Türkei verlassen (im Gegenzug kamen 400 000 Muslime aus Griechenland).
Durch den Friedensvertrag von Lausanne (1923) wurde – ähnlich dem früheren osmanischen Millet-System – nur den Juden und Christen (mit Ausnahme einzelner Gruppen, etwa Aramäern und Chaldäern) ein Minderheitenstatus gewährt. Große Teile des östlichen Anatolien waren kurdisch besiedelt; doch für sie formulierte man keinen Minderheitenschutz. Die Kurden sollten sich als Teil der muslimischen Nationalgemeinschaft sehen. Atatürks Turkisierungspolitik betraf vor allem die kurdische Bevölkerung, und Autonomiebestrebungen wurden zum Teil mit massivem Militäreinsatz niedergeschlagen, so etwa beim Scheich-Said-Aufstand von 1925 oder beim Dersim-Aufstand von 1937/38. Diese Ereignisse wirken bis heute nach.
Die Republik Türkei hatte zwar feste nationalstaatliche Grenzen, aber keine homogene Bevölkerung. Neben den auf eine verschwindend geringe Zahl reduzierten und meist in Städten wie Ankara oder Istanbul lebenden Nicht-Muslimen waren es überwiegend Muslime, deren ethnische Hintergründe ebenso vielfältig waren wie ihre religiösen Auffassungen. Diesen wurde mit der kemalistischen Kulturrevolution der osmanisch-islamische Bezugsrahmen entrissen und stattdessen eine homogene kollektive türkisch-sunnitische Identität übergestülpt – mit erzieherisch-autoritärem Ansatz.
Die kemalistischen Prinzipien wurden 1931 in das Programm der Republikanischen Volkspartei – CHP (Cumhuriyet Halk Partisi) aufgenommen und 1937 in die Verfassung eingeschrieben. Die sechs Prinzipien – Republikanismus (cumhuriyetçilik), Populismus (halkçılık), Etatismus (devletçilik), Revolutionismus / Reformismus (inkılâpçılık / devrimcilik), Laizismus (laiklik) und Nationalismus (milliyetçilik) – finden sich auch als „sechs Pfeile“ auf dem Parteiemblem der CHP. Die von Atatürk etablierte Einparteienherrschaft konnte bis Ende der 1940er Jahre aufrechterhalten werden.





