Ausbeutung und Terror: Das Herz der Finsternis - wissenschaft.de | DAMALS
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Das Herz der Finsternis
Anfangs sah es nicht danach aus, dass Leopold II. genügend Mittel besaß, um den Kongo auf Dauer zu kontrollieren. Nach wenigen Jahren stand der König vor dem Ruin. Aber dann wurde der Fahrradreifen erfunden und wilder Kautschuk zu einem gefragten Produkt. Dies führte zur Errichtung eines menschenverachtenden Systems…
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von CHRISTOPH DRIESSEN
Ein alter verrußter Heckraddampfer kämpfte sich im August des Jahres 1890 mit qualmendem Schornstein den Kongo hinauf. An beiden Ufern breitete sich Urwald aus. Immer tiefer drang das Schiff in die Wildnis vor, passierte Sandbänke mit dösenden Krokodilen und Nilpferden, Wasserfälle und Stromschnellen. Kapitän Józef Konrad Korzeniowski hatte seit seiner Kindheit in Polen davon geträumt, ins Innerste Afrikas zu reisen. Wie vielen Europäern erschien es ihm als wilde und rätselhaft fremde Gegenwelt zur bürgerlichen Gesellschaft. Aber jetzt, da dieser Traum wahr wurde, war alles ganz anders, als er es sich ausgemalt hatte.
Der 32 Jahre alte Korzeniowski litt an einem Fieber, und der endlose schweigende Dschungel bedrückte ihn. Aber das wirklich Schlimme war etwas anderes. Er hatte den Eindruck, als führe ihn der Fluss geradewegs ins Grauen – zum blinden Fleck der menschlichen Zivilisation. Berichte über furchtbare Grausamkeiten waren zu ihm vorgedrungen: weiße Kolonisatoren, die ihren Gartenzaun mit den Schrumpfköpfen getöteter Einheimischer verzierten. Er selbst sah später Leichen am Weg liegen und ein Skelett an einem Pfosten hängen. Am Stützpunkt Stanley Falls angekommen, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Nun hatte er nur noch einen Gedanken: Raus aus dieser Hölle!
Neun Jahre später verarbeitete er seine Erlebnisse zu einem Roman in englischer Sprache, den er später unter dem Autorennamen Joseph Conrad veröffentlichte: „Heart of Darkness“, („Herz der Finsternis“) – ein literarischer Angriff auf den Kolonialismus. Dieses Werk der Weltliteratur hat wesentlich dazu beigetragen, das Interesse an einer Geschichte wachzuhalten, die ebenso unglaublich wie erschütternd ist: die Inbesitznahme und Ausplünderung Zentralafrikas durch einen einzelnen Menschen. Der altersschwache Dampfer, auf dem Korzeniowski seine Fahrt in die Finsternis angetreten hatte, war nach diesem Mann benannt: „Roi des Belges“ hieß das Schiff – König der Belgier. Und das war Leopold II.
In seinem Privatreich in Afrika ist Leopold II. der absolute Herrscher
Der König war bei der Berliner Konferenz selbst nicht zugegen gewesen, aber er hatte natürlich alles mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Nun war er am Ziel: Am 1. Juni 1885 – neun Jahre nachdem er den Artikel in der „Times“ gelesen hatte – erwachte er im Schloss von Laeken als Souverän eines neuen Staates von gewaltigen Ausmaßen. Viele Millionen Afrikaner wurden über Nacht einem Mann unterstellt, von dem sie noch niemals gehört hatten und der ihr Land auch niemals betreten würde. Leopolds neues Reich war etwa 80-mal so groß wie Belgien, mit Bergen, höher als die Alpen, und Regenwäldern, die an Größe nur vom Amazonas-Gebiet übertroffen wurden. Und während Leopold in Europa an der Spitze einer konstitutionellen Monarchie stand, in der das Parlament das Sagen hatte, war er in Afrika der absolute Herrscher.
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All dies hatte er völlig allein erreicht, ohne Hilfe des belgischen Staates, einzig aufgrund seiner überragenden Intelligenz, Durchsetzungskraft – und Skrupellosigkeit. Er nannte seine Privatkolonie „État Indépendant du Congo“ – Kongo-Freistaat. Die Nationalflagge war ein gelber Stern auf tiefblauem Untergrund. Das Blau stand für den dunklen Kontinent, das Gelb für das Licht der Zivilisation.
Allerdings hatte Leopold ein großes Problem: Sein Herrschaftsanspruch über den Kongo bestand in der Praxis nur aus vereinzelten Stützpunkten. Um den Kongo auch tatsächlich unter seine Kontrolle zu bekommen, musste er Eisenbahnlinien und Straßen anlegen, eine Verwaltung aufbauen und Soldaten anwerben. Ebendamit begann er nun, doch die Investitionen überstiegen selbst seine – beachtlichen – finanziellen Mittel. Bald war sein Vermögen aufgebraucht.
1889 ließ er deshalb noch einmal eine Konferenz in Brüssel einberufen, diesmal zur Bekämpfung des innerafrikanischen Sklavenhandels, wie es hieß. Um dies finanziell zu ermöglichen, ermächtigten ihn die europäischen Regierungen, Einfuhrzölle zu erheben – mit dem ursprünglich versprochenen Freihandel war es damit nun auch offiziell vorbei. Normalerweise hätte man Proteste erwarten müssen, doch wieder überzog Leopold die bittere Pille mit einem Zuckerguss vermeintlicher Wohltätigkeit.
Sein Sprachrohr Stanley hielt den Belgiern bei dieser Gelegenheit vor: „Worin besteht die Größe eines Monarchen? Wenn ausschlaggebend die Größe seines Territoriums ist, dann ist der Zar von Russland der größte von allen. Wenn die Großartigkeit und Macht des Militärapparats entscheidend ist, dann gebührt Wilhelm II. der erste Platz. Wenn aber königliche Größe in der Weisheit und Güte eines Herrschers besteht, der über sein Volk so umsichtig wacht wie ein Hirte über seine Herde, dann ist der größte Herrscher der eure.“
In Wahrheit besaß Leopold gar nicht die Mittel, um gegen die mächtigen Warlords vorzugehen, die den innerafrikanischen Sklavenhandel beherrschten. Er war im Gegenteil von ihnen abhängig, denn sie belieferten ihn mit Elfenbein, seiner Haupteinnahmequelle. Deshalb unterhielt Leopold sogar beste Beziehungen zu dem berüchtigtsten aller Sklavenhändler, Mohammed bin Hamed oder Tippu Tip. Noch während die Konferenz zur Bekämpfung des Sklavenhandels in Brüssel lief, richtete er einen überaus freundlichen Brief an ihn und lud ihn zu einem Besuch in Belgien ein. Dabei duzte er ihn sogar: „Du brauchst dir nicht die geringsten Sorgen zu machen, denn ich werde dich in Belgien mit allen denkbaren Annehmlichkeiten überladen“, versicherte er.
Auch nach der Konferenz verharrte der Kongo-Souverän jedoch in großer Geldnot. Das „weiße Gold“, das Elfenbein, das in Europa zu Klaviertasten, Billardkugeln, Kruzifixen und falschen Zähnen verarbeitet wurde, konnte seine Investitionen nicht aufwiegen. 1890 war Leopold praktisch bankrott und musste die belgische Regierung um ein Millionendarlehen anflehen. Lange würde er nicht mehr durchhalten können. Es sah ganz danach aus, dass er sich verhoben hatte – genauso, wie es viele vorausgesehen hatten. Ein einzelner Mensch als Besitzer eines großen Teils von Zentralafrika – das war ja auch verrückt.
Erfindung des Fahrradreifens macht Kautschuk zum begehrten Gut
Doch dann geschah etwas, das alles veränderte. 1888 hatte der schottische Tierarzt John Boyd Dunlop den aufblasbaren Gummireifen erfunden. Diese Neuheit revolutionierte den Verkehr – denn sie löste mittelfristig einen Fahrradboom aus. Und da Gummi aus Kautschuk bestand, explodierte 1890 die Nachfrage nach diesem Pflanzensaft. Auf einen Schlag wurde der Kongo ungeheuer wertvoll, denn Kautschuklianen wuchsen dort in Hülle und Fülle.
Leopold war gerettet. Er reagierte darauf, indem er 1891/92 das sogenannte Domänen-System (système domanial) einführte. Dies bedeutete, dass alles Land, das nicht bereits von der indigenen Bevölkerung kultiviert wurde, als brachliegend betrachtet wurde und dem Staat, sprich Leopold, zufiel. Dies waren etwa 99 Prozent des gesamten Territoriums. Alle natürlichen Ressourcen, die sich dort befanden, gehörten demnach dem Kongo-Freistaat, und nur dieser besaß das Recht, sie zu nutzen, zu verkaufen oder auch Konzessionsrechte an Privatgesellschaften weiterzuvergeben. Letzteres tat Leopold im großen Stil, um die Ausbeutung schneller voranzutreiben.
Die auf Konzessionsbasis agierenden Gesellschaften spielten von nun an eine beherrschende Rolle. Eine von ihnen, „Anversoise“, beutete nördlich des KongoFlusses ein Gebiet aus, das doppelt so groß war wie Irland. Südlich des Flusses beherrschte die „Anglo-Belgian Rubber Company“ ein ähnlich großes Territorium. Die Einkünfte aus der Krondomäne – zehnmal so groß wie Belgien – flossen ohne Umweg direkt in Leopolds Taschen. Aber auch bei den Konzessionsunternehmen kassierte er kräftig mit, oft war er sogar Hauptaktionär. So hatte Leopold die indigene Bevölkerung enteignet und sich das Land persönlich überschrieben.
Alles musste jetzt schnell gehen. Denn schon zeichnete sich ab, dass Kautschukpflanzen bald in Asien und Lateinamerika im großen Stil angebaut werden würden. Das würde allerdings ein paar Jahre dauern – und so lange gab es ausschließlich Wildkautschuk. Leopold war entschlossen, diese Zeit zu nutzen. Und er wusste auch schon, wer das Naturgummi für ihn ernten sollte: die Bevölkerung. Jeder Bewohner des Kongo-Freistaats sollte von nun an eine Kautschuk-Steuer entrichten.
Plötzlich verstärkte sich der Zugriff auf die Menschen. Leopolds Instrument dafür waren die Lizenzunternehmen sowie die 1885 gegründete „Force Publique“, die stärkste Armee Zentralafrikas. Geführt wurde sie von ehemaligen belgischen Offizieren. In den Rängen darunter folgten europäische Söldner und Abenteurer, etwa Italiener, Schweizer und Schweden, ganz unten standen schwarze Afrikaner. Sie traten der Kolonialarmee teilweise freiwillig bei, wurden oft aber auch zwangsverpflichtet.
Die weißen Offiziere besaßen nahezu unumschränkte Befehlsgewalt; das Einzige, was von ihnen erwartet wurde, war, für genügend Nachschub an Kautschuk zu sorgen. Zu diesem Zweck zwangen sie die Einheimischen massenhaft, in den Wald auszuschwärmen, die Kautschuk-Ranken anzuritzen, den klebrigen Saft aufzufangen und zu Brocken zu verarbeiten.
Unvorstellbar brutales System der Ausbeutung mit Weißen an der Spitze
Oft mussten die Sammler 35 Meter hoch auf Bäume klettern, auch während der Regenzeit, wenn sich der Urwald in einen Sumpf verwandelte, und in ständiger Gefahr, von Leoparden angegriffen zu werden. Um den Kau-tschuk zu trocknen, schmierten sie sich ihn auf den nackten Oberkörper und die Beine – die geronnene Masse von dort wieder abzuziehen, war schmerzhaft. Für drei bis vier Kilo Kautschuk musste ein Sammler zwei Wochen lang arbeiten.
Dieser Zwang wurde jetzt flächendeckend angewandt. Eine gängige – und in der Region schon vorher verbreitete – Methode, um die Arbeiter gefügig zu machen, war es, die Frauen und Kinder eines Dorfes als Geiseln zu nehmen und so lange festzuhalten, bis die Männer die verlangte Menge von Kautschuk eingesammelt hatten. Wer nicht spurte, bekam die chicotte, die gefürchtete Peitsche aus geflochtener Nilpferdhaut, zu spüren. 100 Schläge damit waren tödlich.
Doch noch berüchtigter sollte der Kongo für eine andere Grausamkeit werden: Da die belgischen Kommandanten ihre Soldaten im Verdacht hatten, Kugeln für die Jagd zu verschwenden, verlangten sie von ihnen, für jede verschossene Kugel eine abgetrennte Hand vorzulegen – zum Beweis dafür, dass sie die Munition nicht zweckentfremdet hatten. Um doch ein Tier schießen zu können, zwangen die Soldaten die Dorfbewohner mitunter, bei lebendigem Leib eine Hand zu opfern. Es gibt Fotos, die Körbe voller abgehackter Hände zeigen, oder Kinder, die nur noch zwei Armstümpfe hochhalten. Diese Fotos gingen noch zu Lebzeiten Leopolds um die Welt (siehe nächstes Kapitel), was dazu führte, dass der Kongo-Freistaat bis heute als der Staat der Handabschneider in Erinnerung ist.
Ob die Verstümmelung lebender Menschen aber tatsächlich im großen Maßstab vorkam, ist unklar. Es fehlen dazu Aufzeichnungen. Eine Schilderung stammt von einem Mädchen, das eine Missionsschule besuchte. „Als ich noch ein Kind war“, erzählte die 15-Jährige, „schossen die Wachen wegen des Kautschuks auf die Menschen in meinem Dorf. Sie ermordeten meinen Vater so: Sie banden ihn an einen Baum und erschossen ihn, und als die Wachen ihn losbanden, gaben sie ihn ihren Boys, die ihn gegessen haben. Meine Mutter und ich wurden gefangen genommen. Die Wachen hackten meiner Mutter beide Hände ab, als sie noch lebte. Zwei Tage später schlugen sie ihr den Kopf ab. Ein Weißer war nicht dabei.“ Das System Leopolds führte auch zu massenhafter Gewalt von Afrikanern gegen Afrikaner.
An der Spitze aber standen immer weiße Europäer. Gescheiterte Existenzen, die bis dahin in irgendeiner flämischen oder wallonischen Ortschaft ein monotones Dasein gefristet hatten, stiegen in Afrika zu Herren über Leben und Tod auf. Der wallonische Bauernsohn Léon Fiévez hatte schon nach vier Dienstmonaten 572 Menschen ermordet. Der Offizier René de Permentier – Beiname „Bajunu“ („Auf die Knie!“) – ließ rund um seine Residenz alle Bäume und Sträucher umhacken, damit er ein freies Schussfeld hatte. Wenn er auf dem gefegten Hof noch ein Blatt fand, ließ er gleich ein paar Frauen hinrichten. Waren die Wege im Wald nicht gut unterhalten, musste im nächsten Dorf ein Kind sterben.
Der Terror hatte System, er sollte abschrecken und gefügig machen. In einem Bericht von 1906 heißt es: „Dorfvorsteher Isekifusa wurde getötet, während er in seiner Hütte war. Gleichzeitig wurden zwei seiner Frauen getötet. Ein Kind wurde in zwei Teile gespalten. Einer Frau wurden die Gedärme herausgenommen. Die Leute aus Buringa, die mit den Wachen mitgekommen waren, aßen den Leichnam. Danach töteten sie zehn Männer, die in den Wald geflohen waren. Als sie wieder weggingen aus Bolima, ließen sie einen Teil des Körpers von Lombutu zurück, in kleine Stücke geschnitten und mit Banane und Maniok vermengt, deutlich sichtbar, um den Bewohnern einen Schreck einzujagen. Die Gedärme des Kindes hatten sie rund um die Hütten des Dorfs
aufgehängt und seine Körperteile auf Stöcke gespießt.“
Die Zahl der Opfer ist nicht geklärt: Es fehlen Aufzeichnungen
Wie viele Menschen durch den Kautschuk-Terror gestorben sind, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die immer wieder genannte Zahl von zehn Millionen ist nicht belegt. Sie geht einzig und allein darauf zurück, dass eine zeitgenössische Statistik die Bevölkerungszahl für das Jahr 1924 auf etwa zehn Millionen veranschlagte. Schon diese Schätzung muss sehr grob gewesen sein. Der belgische Ethnologe und Afrika-Historiker Jan Vansina (1929 – 2017) hat vor vielen Jahren geschätzt, dass die Bevölkerungszahl des Kongo zwischen 1880 und 1920 in etwa halbiert worden sei. Demnach müssten es also um 1880 etwa 20 Millionen gewesen sein. Später widerrief er diese Schätzung.
Daraus entstand die Zahl von zehn Millionen Toten, die der Autor Adam Hochschild in seinem 1998 erschienenen Weltbestseller „King Leopold’s Ghost: A Story of Greed, Terror and Heroism in Colonial Africa“ (deutsch: „Schatten über dem Kongo“) übernahm und die seitdem überall zu lesen ist. Stand der Forschung ist jedoch: Zeitgenössische Berichte lassen keinen Zweifel daran, dass die Bevölkerung des Kongo in der Zeit von Leopolds Kongo-Freistaat vor allem in einigen Regionen stark dezimiert wurde, doch verlässliche Zahlen dazu gibt es nicht.
Auch ist es nicht zutreffend, im Zusammenhang mit den „Kongo-Greueln“ von „Genozid“ oder gar „Holocaust“ zu sprechen. Es ging hier nicht um einen geplanten Völkermord, sondern um ein Ausbeutungssystem, das die Bevölkerung als Arbeitssklaven missbrauchte und dabei so menschenverachtend vorging, dass zahllose umkamen.
Von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sprechen ist in jedem Fall gerechtfertigt. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass diese Verbrechen in bestimmten Regionen apokalyptische Ausmaße annahmen. Ganze Landstriche wurden entvölkert.
Die meisten Menschen starben aber nicht durch Gewehrkugeln, sondern durch Krankheiten. Die um 1900 ausbrechende Schlafkrankheit hatte auch vorher schon in Afrika grassiert, doch nun fielen ihr viel mehr Menschen zum Opfer, weil ihre Widerstandskraft durch Ausbeutung, Entwurzelung und Hunger geschwächt war. Viele zogen auch weg, weiter ins Landesinnere, um sich dem Zugriff ihrer Peiniger zu entziehen. Aufstände, die immer wieder vorkamen, insbesondere in Form von Angriffen auf Soldaten und Offiziere der „Force Publique“, wurden niedergeschlagen und grausam vergolten.
Gnadenlose Ausbeutung: Profite dienen für Prunkbauten im Heimatland
Leopold, zuvor schon der größte Landbesitzer der Welt, war nun auch noch Eigentümer der profitabelsten Kolonie des afrikanischen Kontinents. Er wurde unermesslich reich. Nun hatte er endlich einen eigenen Etat, über den er frei verfügen konnte. Er finanzierte damit ein Ausmaß von Glanz und Grandeur, wie man es in Belgien bis dahin nicht gekannt hatte. Das mondäne Seebad Ostende ist wesentlich sein Werk, und auch Brüssel hat er für alle Zeit seinen Stempel aufgedrückt. Der Kongo-Souverän wollte die Hauptstadt zu einem zweiten Paris ausbauen und schnitt breite Boulevards und Avenuen in das bis dahin flämisch geprägte Gassengewirr.
Seine auf Überwältigung und Einschüchterung zielenden Bauten wie der noch von Hitler bewunderte Justizpalast transformierten das Stadtbild und sind bis heute stumme Zeugen seiner Megalomanie. „Mein Ziel ist es, Belgien größer, stärker und schöner zu machen“, hatte er schon 1865 bei seinem Amtsantritt erklärt. Als sein Neffe und Thronfolger Albert die Pläne für den Ausbau des Laekener Schlosses sah und daraufhin einwandte: „Aber Onkel, das wird ein kleines Versailles!“, bekam er zur Antwort: „Kleines?“
1897 richtete das imperial herausgeputzte Brüssel die Weltausstellung aus. Frühe Filmaufnahmen zeigen den jetzt stark übergewichtigen Leopold parlierend und salutierend in Uniform und mit schneeweißem Bart inmitten von Honoratioren mit Zylinder. Die Weltausstellung wurde von mehr als sieben Millionen Menschen besucht. Teil der Präsentation war auch ein kongolesisches Dorf im Park von Tervuren am Stadtrand. 267 Männer, Frauen und Kinder waren dafür aus Afrika nach Europa geholt werden, teils mit Gewalt, teils mit Versprechungen. Hinter einer Absperrung konnte man die „Eingeborenen“ inmitten ihrer „natürlichen Umgebung“ beobachten. Auf einem Schild wurden die Besucher darauf hingewiesen, dass die Afrikaner nicht gefüttert werden dürften. Viele warfen ihnen aber dennoch Früchte oder Nüsse hin.
Die Reaktionen einiger Besucher sind aus Zeitungsartikeln bekannt. „Sie haben den Kopf eines Raubtiers“, heißt es da. „Ihr Maul wird gesteuert durch Augen, die auf Beute lauern.“ Ein anderer Besucher wird zitiert mit den Worten: „Man kann unmöglich Auge in Auge mit diesen afrikanischen Monstern stehen, ohne sich ein schmerzhaftes Bild von der jahrhundertelangen wilden Wüstenei zu bilden, die sie hervorgebracht hat.“
Aber es gab auch Kritik. Ein Journalist schrieb: „Es hat nicht gerade etwas Erhebendes, mit ansehen zu müssen, wie diese Menschen derart zur Schau gestellt werden; den erschütternden und auch erniedrigenden Reaktionen der Weißen ausgeliefert, die sich beeilen, Zeuge eines neuen Spektakels zu werden.“
Da der Sommer des Jahres 1897 schlecht war, wurden viele der halbnackt ausgestellten Menschen krank. An der kleinen Kirche von Tervuren befinden sich bis heute die Gräber von sechs afrikanischen Männern und einer Frau, die die Zwangsdarbietung nicht überlebten. Ihre Namen stehen auf schwarzen Grabplatten: Ekia, Gemba, Kitukwa, Mpeia, Zao, Samba und Mibange. Nach ihrem Tod wurde das kongolesische Dorf vorzeitig geschlossen, und die Überlebenden durften nach Hause zurückkehren. Als Erinnerung gab man jedem von ihnen ein Foto mit auf den Weg.