Wie aus dem Nichts tauchte an jenem Pfingstmontag die verwilderte Gestalt in den Gassen Nürnbergs auf: Ungelenk setzte der 16jährige Junge seine Schritte, bis die Polizei den Streuner in Gewahrsam nahm. Das Verhör erwies sich als schwierig. Der Fremde schien die Fragen zu hören, jedoch nicht zu verstehen. Als ihm aber die Ordnungshüter die Hand führen wollten, um das Protokoll mit einem Kreuz zu unterzeichnen, zeigte es sich, daß dem Jungen Feder und Papier nicht unbekannt waren: „Kaspar Hauser“ floß es in deutlichen Buchstaben auf das Schriftstück. Über Nacht avancierte Kaspar zur Berühmtheit. Von weit her reisten Schaulustige und Wißbegierige an, um sich ein Bild von diesem bedauernswerten Findling zu machen. Legenden gingen um von einer grausamen Kindheit in Ketten, die der Junge wie ein Tier eingesperrt in einem dunklen Loch verbracht haben soll. Gerichtspräsident Feuerbach persönlich nahm sich des Falles an und kam zu dem Schluß, daß Kaspar „weder in Blödsinn noch in Wahnsinn verfallen“ sei. Doch rätselhaft blieb die Herkunft. Bis heute lebt die Vermutung, „daß Kaspar Hauser um die Vorzüge einer vornehmen Geburt beraubt“ worden sei. Beweise für eine Abstammung des bald als „Kind von Europa“ bezeichneten Jungen vom Haus Baden gibt es jedoch nicht.





