Auf den aus dem Schulatlas bekannten bunten Karten der „Völkerwanderung“, die die komplexen Vorgänge dieser Epoche grob vereinfacht darstellen, haben die Westgoten einen der längsten Pfeile. Wie selbstverständlich wurde dabei angenommen, dass sie sich als mehr oder weniger geschlossene Gruppe durch Europa bewegten: Zunächst überquerten sie auf der Flucht vor den Hunnen mit Billigung Roms die Donau, rebellierten dann allerdings und töteten in der Schlacht von Adrianopel (378) Kaiser Valens; dieselbe Gruppe plünderte 410 unter Alarich die Ewige Stadt, wurde 418 in Aquitanien angesiedelt, diente 451 als Bollwerk der Römer gegen Attila, bevor sie sukzessive ihre Macht über Gallien und die Iberische Halbinsel ausdehnte. Schließlich – nach der Niederlage 507 bei Vouillé gegen den Franken Chlodwig – ließen sich die Westgoten jenseits der Pyrenäen dauerhaft nieder.
So glatt dieses Narrativ ist, so sehr führt es jedoch in die Irre. Selbst wenn einige auf der Iberischen Halbinsel lebende Westgoten ihre Herkunft – zu Recht oder zu Unrecht – auf jene Gruppen zurückführten, die die Donau überquert hatten, handelte es sich bei jenem frühen Gotenverband in erster Linie um eine Kriegergemeinschaft, deren Verhalten und Ziele von politischen Konflikten der Römer bestimmt wurden.





