Die Westgoten-Herrschaft in Spanien wird meist von ihrem Ende her betrachtet: 711 eroberten die Araber das vermeintlich geschwächte Reich. Doch die Westgoten prosperierten im 6. und 7. Jahrhundert wohl weit mehr als bislang angenommen. Vor allem ihre kulturellen Errungenschaften waren bedeutend.
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Auf den aus dem Schulatlas bekannten bunten Karten der „Völkerwanderung“, die die komplexen Vorgänge dieser Epoche grob vereinfacht darstellen, haben die Westgoten einen der längsten Pfeile. Wie selbstverständlich wurde dabei angenommen, dass sie sich als mehr oder weniger geschlossene Gruppe durch Europa bewegten: Zunächst überquerten sie auf der Flucht vor den Hunnen mit Billigung Roms die Donau, rebellierten dann allerdings und töteten in der Schlacht von Adrianopel (378) Kaiser Valens; dieselbe Gruppe plünderte 410 unter Alarich die Ewige Stadt, wurde 418 in Aquitanien angesiedelt, diente 451 als Bollwerk der Römer gegen Attila, bevor sie sukzessive ihre Macht über Gallien und die Iberische Halbinsel ausdehnte. Schließlich – nach der Niederlage 507 bei Vouillé gegen den Franken Chlodwig – ließen sich die Westgoten jenseits der Pyrenäen dauerhaft nieder.
So glatt dieses Narrativ ist, so sehr führt es jedoch in die Irre. Selbst wenn einige auf der Iberischen Halbinsel lebende Westgoten ihre Herkunft – zu Recht oder zu Unrecht – auf jene Gruppen zurückführten, die die Donau überquert hatten, handelte es sich bei jenem frühen Gotenverband in erster Linie um eine Kriegergemeinschaft, deren Verhalten und Ziele von politischen Konflikten der Römer bestimmt wurden.
Die Reichsbildung der Westgoten geschiehtinnerhalb der Strukturen des Imperium Romanum
Es ist sogar ungewiss, ob wir vor der Herrschaft Eurichs im späten 5. Jahrhundert überhaupt von einem „Königreich“ sprechen sollten. Den lange postulierten Übergang von der klassischen zu einer „germanischen“ Kultur hat es so nicht gegeben. Die westgotische Ethnogenese und die Reichsbildung werden heute als ein römisches Phänomen im konzeptionellen Rahmen des Imperium Romanum verstanden.
Die Frage lautet demnach nicht, ob wir von römischer Kontinuität sprechen sollten, sondern welcher Art diese war. Den Eliten, die nach Machtbasen im spätantiken Spanien suchten, standen weiterhin Alternativen zu einem Leben als Krieger, das die poströmische Gesellschaft kennzeichnete, zur Verfügung.
Zwar war auf der Iberischen Halbinsel das Villensystem im Lauf des 5. Jahrhunderts zusammengebrochen und mit ihm ein Aspekt des antiken Lebensstils der römischen Elite verlorengegangen, aber nach wie vor besaßen und bearbeiteten dieselben Eliten dasselbe Land. Auch das urbane Leben zeigte sich widerstandsfähiger als in nördlicheren römischen Provinzen.
Im 6. Jahrhundert etablierte sich Toledo als dauerhaftes Machtzentrum des Westgotenreiches. Anderswo auf der Iberischen Halbinsel entschieden sich die Magnaten dagegen für sehr traditionelle römische Formen der politischen Organisation – ein Beispiel ist der merkwürdige „Senat von Kantabrien“, den König Leovigild später unter seine Kontrolle bringen sollte.
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Auch gotische Machthaber stützten sich im Übrigen auf römische Legitimationsrahmen, wie etwa das Gesetzbuch Alarichs II. von 506 zeigt. Es ist daher zielführender, die frühen Goten als eine militärische Elite zu behandeln. Starre Barrieren zwischen „Römern“ und „Barbaren“ gab es nicht.
Die Bedeutung des westgotischen Königreiches für das mittelalterliche Denken kann kaum überschätzt werden. Dies ist vornehmlich einer Person geschuldet, nämlich Isidor (gest. 636), seit 600 Bischof von Hispalis (das heutige Sevilla). Im Gegensatz zu Vorstellungen, die einen Bruch zwischen antiker Aufgeklärtheit und einem „dunklen Zeitalter“ des Niedergangs ausmalen, steht Isidors Gelehrsamkeit, wiewohl der Antike verpflichtet, für etwas Neues, das ganz und gar keinen Zivilisationsbruch darstellte.
Isidors Leistungen reichen von frühen Ausflügen in den computus (die Wissenschaft vom Gebrauch der Mondzyklen zur Berechnung des Ostertermins) bis zur Abfassung historiographischer und theologischer Schriften. Am einflussreichsten wurde, jedenfalls laut der späteren Überlieferung, die umfangreiche Sammlung enzyklopädischen Wissens, die als „Etymologien“ bekannt ist. Isidors Werke wurden so berühmt, dass sie im ausgehenden 7. Jahrhundert sogar in Britannien und Irland gelesen wurden.
Zu Isidors Zeit experimentierten die Gelehrten mit neuen Formen, wie die Welt in ihrem Verhältnis zum Jenseits verstanden werden kann. Bewusst griff Isidor auf antike Formen der Rhetorik zurück, passte sie aber gezielt seinen christlichen Zwecken an.
Dieses Projekt war intellektuell ebenso innovativ wie seine antiken Vorläufer und erforderte tiefe Vertrautheit mit diesen. Isidor sah seine Aufgabe darin, auszuwählen, welche Teile des antiken Erbes gefahrlos verwendet werden konnten, um weniger vorsichtige Christen davor zu bewahren, in Häresie oder Paganismus zu verfallen.
Isidors Lebenswerk war untrennbar mit der Welt verbunden, die es zu gestalten suchte. Der Bischofwar tief in die Politik des westgotischen Königreichs involviert, und seine Lehre war von der Überzeugung getragen, dass der Kirche bei der Gestaltung der westgotischen Gesellschaft eine zentrale Rolle zukommen sollte.
Zu diesem Zweck knüpfte er enge Kontakte in höchste Kreise, bis hin zu den Königen; Sisebut (612 – 621) widmete er sogar seine Werke. Zudem organisierte Isidor zahlreiche jener Kirchenkonzilien, deren Akten eine unserer zentralen Quellen für die politische und die Kirchengeschichte des Westgotenreiches darstellen.
Politik war seit langem ein Geschäft von Isidors Familie gewesen. Sein Bruder Leander, der vor ihm Bischof von Sevilla war, soll 580 eine führende Rolle beim erfolglosen Aufstand Hermenegilds gegen dessen Vater König Leovigild (569 – 586) gespielt haben.
Die westgotischen Quellen übergehen dies mit auffälligem Schweigen, weshalb wir uns auf auswärtige Beobachter stützen müssen. Doch scheint Leander hinreichend in die Erhebung verwickelt gewesen zu sein, um zeitweilig ins Exil nach Konstantinopel gehen zu müssen. Dort schloss er Freundschaft mit dem späteren Papst Gregor dem Großen, damals Gesandter des Papstes im Oströmischen Reich.
589 sollte Leander dann auf dem dritten Konzil von Toledo den Vorsitz führen, auf dem die westgotische Monarchie unter Hermenegilds Bruder Rekkared (586 –601) dem Arianismus abschwor. Leanders Vertrautheit mit den Konzilien zu Konstantinopel inspirierte den König möglicherweise zur Übernahme von Repräsentationselementen des östlichen Hofes – schon Leovigild hatte Praktiken wie das Tragen des kaiserlichen Umhangs, die Ausgabe königlicher Münzen, ja sogar die Gründung einer Königsstadt (Reccopolis) übernommen.
Das dritte Konzil von Toledo markierte somit einen Höhepunkt in der Entwicklung von Bischöfen zu Stützen der königlichen Legitimität. Darin spiegelt sich die zunehmende Sakralisierung von Herrschaft wider, wie sie sich in Konstantinopel vollzog. Zugleich betonte die westgotische Rhetorik nach Rekkared zunehmend die Rolle des Königreichs als einzig rechtmäßigem Erben Roms, ein Anspruch, der sich in verschiedenen Zusammenhängen beobachten lässt, aber insbesondere von Isidor untermauert wurde. Er erklärte Hispania zur von Gott ausgewählten patria.
Leovigild unterwirft die gesamte Iberische Halbinsel
Dieses ideologische Programm ging mit Leovigilds Eroberungen einher. Etwa seit 570 gewann er in einem entschlossenen Feldzug nach Süden Teile der byzantinischen Enklave bis Córdoba zurück, und Vorstöße Richtung Norden ins Ebro-Tal zeitigten 573 Erfolge (auch gegen den bereits erwähnten „Senat von Kantabrien“).
Bei diesen Feldzügen ging es nicht nur um die Anfechtung der byzantinischen Autorität, sondern auch um die Herstellung einer bis dahin nicht gekannten Einheit auf der gesamten Halbinsel. Dies blieb freilich nicht unwidersprochen. Abgesehen von Hermenegilds Revolte, die sich möglicherweise gegen Leovigilds Versuch richtete, den Arianismus durchzusetzen, wurde der König von rustici („Landbewohnern“, vielleicht marodierenden Bauern) bekämpft und mit mehreren fränkischen Einfällen konfrontiert. Mit diesen Bedrohungen wurde man aber schnell fertig.
Die Zerstörung des suebischen Königreichs in Galicien (585) führte zur nahezu vollständigen Einigung der Iberischen Halbinsel, abgesehen von wenigen byzantinischen Außenposten. Leovigilds Erfolge sind eindrucksvoll. Münzfunde belegen eine bis dahin beispiellose Zentralisierung des Währungssystems.
Rekkared konsolidierte diese Errungenschaften, indem er die religiöse Einheit durch Konversion zum Katholizismus erreichte und denWiderstand arianischer Magnaten unterdrückte. Seine Regierungsjahre nach 590 bleiben im Dunkeln, aber die Tatsache, dass er das Reich seinem (vielleicht unehelichen) Sohn im Jahr 601 hinterließ, impliziert, dass Leovigilds Vermächtnis stark genug war, einen dynastischen Herrschaftsanspruch zu begründen.
Kurzlebige Herrscher – eine endlose Kette von Königsmorden?
Dieses dynastische Prinzip war jedoch nicht von Dauer. Nach nur zwei Jahren wurde Rekkareds Sohn abgesetzt und hingerichtet. Von den Königen danach gelang es immerhin Suinthila, den Thron zehn Jahre lang zu behaupten, doch nach 631 begann für die Halbinsel eine Phase instabiler Thronfolgen.
Die Herrscher wollten dennoch durchaus Vertrauen vermitteln. In den Einleitungsabsätzen zu dem monumentalen Gesetzeskodifikationsprojekt, dem „Liber Iudiciorum“ („Buch der Richter“), finden wir ein frühes Beispiel für die Vorstellung vom König als Haupt des politischen Körpers: „Gott … hat das Haupt als höchstes eingesetzt …, während für das Wohlbefinden des Königs gesorgt wird, kann die Erhaltung seiner Untertanen umso besser gelingen“.
Derart kühne Behauptungen werden nur selten von Herrschern aufgestellt, die an ihrer Autorität zweifeln. Ob die Herrscher zur Zeit des „Liber Iudiciorum“ sich tatsächlich in einer solchen Position befanden, ist eine andere Frage; die traditionelle Forschung hat die Veröffentlichung dieses Gesetzgebungswerks häufig als Zeichen von Instabilität interpretiert.
Die Gründe für diese Sichtweise liegen auf der Hand: Die Regierungszeiten von Rekkareds Nachfolgern waren meist kurz. Kein Herrscher zwischen Rekkareds Tod (601) und Chindaswinths Thronbesteigung (642) behauptete den Thron mehr als zehn, nur wenige länger als vier Jahre. Das Königreich erschien derart dysfunktional, dass der zeitgenössische gallische Chronist Fredegar von einer „gotischen Krankheit“ sprach, einer auffallenden Neigung, sich gegenseitig zu ermorden.
Er bezog sich dabei vor allem auf Chindaswinth, dessen Staatsstreich mit einem Blutbad unter seinen aristokratischen Widersachern verbunden war. Das Unvermögen, stabile dynastische Thronfolgen zu etablieren, steht in deutlichem Kontrast zum merowingischen Gallien, wo Fredegar wirkte. Man muss allerdings betonen, dass nur sehr wenige der schnell wechselnden Herrscher im Westgotenreich tatsächlich getötet wurden. Für das Beispiel Gallien – wo Gewalt ebenfalls verbreitet war, wenn auch weniger – betonen neuere historiographische Ansätze, dass Ausbrüche brutaler Machtkämpfe nicht zwingend auf einen schwachen Staat schließen lassen.
Ein Beispiel sind die gesetzlichen Vorschriften in Gallien zur monetären Kompensation von öffentlichen Gewaltakten (vergleichbar mit dem westgotischen „Liber Iudiciorum“). Man hat dies früher als verzweifelten Versuch des Staates gesehen, eine eskalierende Fehdekultur in den Griff zu bekommen. Inzwischen bewertet man die Vorschriften als eine erfolgreiche Ausweitung staatlicher Macht: Die Streitparteien waren nun staatlichen Konfliktlösungsregeln unterworfen.
Die westgotischen Könige verfügten jedenfalls über Strukturen, die sie in die Lage versetzten, eindrucksvolle Leistungen zu erbringen. Sisebut und Suinthila etwa konnten die Byzantiner in den 620er Jahren von der Halbinsel vertreiben, was Leovigild nie gelungen war.
Ausgerechnet diese Erfolge könnten jedoch spätere Phasen innerer Instabilität mit verursacht haben. Durch das Fehlen äußerer Feinde mangelte es der aristokratischen Elite an Gelegenheiten, ihrer jeweiligen Anhängerschaft Beutegewinne zu verschaffen. So richtete sich die Aggression nach innen.
Die häufige Abwertung der Goldwährung in wirtschaftlichen Krisenzeiten wird ebenfalls als Indiz für die Schwäche eines administrativen Systems gesehen. Doch bei genauerer Betrachtung verweist eine so hochgradig reaktionsschnelle Währungspolitik eher auf stabile Strukturen, die auch unter Druck funktionieren. In der Tat stellt die breite Streuung der Prägestätten unter königlicher Aufsicht eine Besonderheit des westgotischen Münzwesens dar.
Wir sollten daher die wachsende Zentralisierung des Königreichs von der Stabilität des Zugriffs einzelner Monarchen darauf unterscheiden. Die Stärkung der Aristokratie, wie sie offenbar unter Rekkared erfolgte, könnte zwei Effekte gehabt haben: Einerseits wurden so eine Zentralisierung und ein starker Staat befördert, andererseits war es gerade diese Entwicklung, die Umsturzversuche und Angriffe auf die Krone attraktiver machte.
711: Muslime erobern dasReich der Westgoten
Diese etwas andere Sicht auf die westgotische Geschichte hat auch Konsequenzen für unser Verständnis des Zusammenbruchs des Königreichs. Die gängige Erzählung besagt, dass eine Einladung Julians, des Grafen von Ceuta, an die Araber den Anstoß für die Eroberung der Iberischen Halbinsel gegeben habe. Ceuta, auf einer winzigen Halbinsel im heutigen Marokko gelegen, befindet sich direkt südlich der Straße von Gibraltar, und der Graf war damals wahrscheinlich ein Vasall des Westgotenkönigs Roderich.
Romantischere Erzählungen in deutlich späteren Quellen spinnen eine Verratsgeschichte, in der Julian, vielleicht ein Berberkönig, die Eroberung unterstützte, um an Roderich für die Verführung seiner Tochter Rache zu nehmen.
Was auch immer der tatsächliche Anlass war, die Streitkräfte des Omaijaden-Kalifats starteten 711 unter dem Berber Tarik Ibn Sijad einen Überfall, von dem Gibraltar seinen modernen Namen erhalten hat: Djebel al-Tarik („Tariks Berg“). Uns fehlen zeitgenössische westgotische Quellen, aber die Abwesenheit des omaijadischen Statthalters von Afrika, Musa Ibn Nusair, bei diesem ersten Überfall deutet eigentlich darauf hin, dass es sich nicht um eine geplante Eroberung handelte.
Dennoch unterlagen die gotischen Streitkräfte Tarik in einer kurzen Schlacht im Tal des Guadalquivir, nicht zuletzt aufgrund des Verrats von Roderichs Magnaten. Die Muslime eroberten daraufhin umgehend Toledo; bis 715 befand sich der größte Teil der Iberischen Halbinsel unter omaijadischer Kontrolle.
Angesichts dessen ist die Auffassung verbreitet, der westgotische Staat sei im 8. Jahrhundert stark geschwächt gewesen. Das ist aber aufgrund mangelnder Quellen ungewiss, und andere Stimmen behaupten, dass es vielmehr die bereits bestehende hohe Zentralisierung des westgotischen Staates war, die die rasche Übernahme des Königreichs durch die Omaijaden ermöglichte.
Für diese Annahme gibt es gute Gründe; ein solcher Prozess würde den früheren raschen Eroberungen Ägyptens und des Sassanidenreiches durch die Araber ähneln, die ebenfalls durch die bestehende staatliche Infrastruktur befördert wurden.
Ein weiterer möglicher Faktor könnte die religiöse Intoleranz der Westgoten gewesen sein. Einige Studien zu den frühen arabischen Eroberungen des römischen Ägypten und Syriens deuten darauf hin, dass die relative Toleranz des Islam einige nicht-chalkedonische Christen und Juden dazu gebracht haben könnte, sich gegen die repressive Orthodoxie Konstantinopels auf die Seite der Neuankömmlinge zu stellen.
Da auch Toledo immer repressiver gegenüber Nicht-Nizänern und Juden war, haben vielleicht einige die neuen Herrscher mit offenen Armen empfangen.
Autor: Dr. James M. Harland
(Übersetzung aus dem Englischen: Mischa Meier)
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