Umgeben von Hochgeschwindigkeitszügen, Computern und Handys, scheinen wir uns wie selbstverständlich an ein Leben im „High-Speed-Tempo“, an die Forderung, die Zeit optimal zu nutzen, gewöhnt zu haben. Der Frage, wie es zu dieser fast unbedingten Wertschätzung der Geschwindigkeit als Garant des Fortschritts, zu ihrer Verselbständigung und Verinnerlichung gekommen ist, geht Peter Borscheid in seinem Buch „Das Tempo-Virus“ nach. Er gliedert seine Geschichte der Beschleunigung in drei Phasen: die Startphase (1450–1800), die Beschleunigungsphase (1800–1950) sowie die Tempophase (seit 1950). Als Ausgangspunkt der Entwicklung macht Borscheid das Bestreben der spätmittelalterlichen Kaufleute aus, die Überwindung des Raums durch beschleunigten Warenaustausch und schnellere Nachrichtenübermittlung besser zu gewährleisten. Der Gedanke, daß man Zeit immer optimaler zu nutzen wissen müsse (wer rastet, der rostet), tritt von hier aus seinen Siegeszug an und erfaßt auch den militärischen Bereich, während er in Handwerk und Landwirtschaft über Jahrhunderte hinweg auf heftigen Widerstand stößt. Erst mit der Industrialisierung beginnt sich auch hier die Grundhaltung zu verän?dern; im Zeichen von Dampfmaschine, Lokomotive, Funkverkehr, mechanisierter und später automatisierter Arbeit – auch in der Landwirtschaft – werden fast alle Lebensbereiche vom Primat der Beschleunigung erfaßt. Der Sport mit seiner Jagd nach immer neuen Rekorden begeistert, die Futuristen berauschen sich am Tempo der neuen Zeit. Doch die Entwicklung ist nicht eindimensional. Borscheid zeigt die Ambivalenzen des Beschleunigungsprozesses, nennt Kritiker und Opfer der Entwicklung. Sehr zutreffend beschreibt er etwa eine Schwierigkeit im Prozeß der Annäherung von Bundesrepublik und ehemaliger DDR nach der Wende im Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Umgangsweisen mit Zeit. Während die Westgesellschaft der Geschwindigkeit huldigt, war der DDR-Alltag viel stärker von Langsamkeit und Muße geprägt. Zuletzt benennt Borscheid das Problem, daß die durch Beschleunigung entstandene zusätzliche Freizeit sinnvoll gestaltet sein will. So ist – und dies fehlt in seinen Überlegungen – eine gigantische Freizeitindustrie entstanden, die nicht nur mit immer neuen Events und Sensationen, sondern auch mit dem Traum von Entspannung und Ruhe, genossen in Wellness-Oasen, Unsummen verdient.
Rezension: Talkenberger, Heike





