Das zerstörte Theater in Mariupol, zuvor Zufluchtsort für Zivilisten, zeugt von den verheerenden Folgen des russischen Bombardements (Foto vom 18. März 2022). · Foto: Getty Images / Anadolu
Als Sinnbild der Zerstörung erlangte die Stadt Mariupol im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine traurige Bekanntheit. Die Hafenstadt am Asowschen Meer blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die von Grenzräumen, Migration, Industrialisierung, Diktaturen und dem langen Ringen der Ukraine um nationale Selbstbestimmung erzählt.
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Am 24. Februar 2022 brachte Russland mit seiner Vollinvasion Krieg und Zerstörung nach Mariupol. Voller Entsetzen schaute die Welt drei Monate auf die Industrie- und Hafenmetropole am Asowschen Meer, in der damals 440 000 Menschen lebten. Die Belagerung Mariupols endete am 20. Mai 2022, als sich die letzten ukrainischen Kämpfer ergaben, die sich in den unterirdischen Gang- und Gewölbekomplexen des umkämpften Asow-Stahlwerks verschanzt hatten.
Von den 2500 ukrainischen Verteidigern, die in russische Gefangenschaft gingen, gehörten viele zur 12. Spezialbrigade Asow. Diese war aus einem im April 2014 gegründeten Freiwilligenbataillon hervorgegangen. In ihren Reihen gab es anfänglich rechtsradikale Kämpfer. Nachdem die Kyjiwer Regierung das Asow-Regiment in die Nationalgarde integriert und damit dem Innenministerium der Ukraine unterstellt hatte, verloren die extremistischen Kräfte an Einfluss. Im Frühjahr 2022 machte sich die 12. Spezialbrigade Asow dann als kampferprobte Eliteeinheit einen Namen und erlangte in der Ukraine Heldenstatus.
Während Putin dem besetzten Mariupol im November 2022 den Titel „Stadt des militärischen Ruhms“ verlieh, gilt Mariupol in der Ukraine als „Stadt der russischen Schande“. Hier verübte Russlands Invasionsarmee einen Urbizid: Sie verwandelte Mariupol in eine Trümmerwüste, um durch diesen demonstrativen Vernichtungsakt den Widerstandswillen der ukrainischen Gesellschaft zu brechen. 90 Prozent der städtischen Gebäude wurden während der Belagerung zerstört oder schwer beschädigt. Erschüttert vom Ausmaß der Zerstörungen stellte der in Mariupol akkreditierte griechische Konsul die verwüstete Donbass-Metropole in eine Reihe mit den apokalyptischen Panoramen, die es zuvor in Städten wie Guernica, Coventry, Rotterdam, Grosnyj und Aleppo gegeben hatte.
Große internationale Empörung löste die Bombardierung einer Geburtsklinik am 9. März 2022 aus. Ein weiterer erschütternder Moment war die Zerstörung des Akademischen Dramatheaters von Mariupol. Im Bombeninferno eines russischen Luftangriffs starben am 16. März 2022 mindestens 300 Menschen. Dabei war vor und hinter dem als Zufluchtsort bekannten Theatergebäude in riesigen, aus der Luft lesbaren Buchstaben das russische Wort für „Kinder“ auf den Boden geschrieben worden.
Ilja Repins berühmtes Gemälde der Saporoger Kosaken, die sich 1676 gegen den türkischen Sultan auflehnen, prägte den Mythos der freiheitsliebenden und wehrhaften Kosaken im späten 19. Jahrhundert. Bis heute spielt das kosakische Erbe eine wichtige Rolle im ukrainischen Selbstverständnis und in der Erinnerungskultur. · Foto: akg-images
Das dreiköpfige Filmteam des ukrainischen Journalisten Mstyslaw Tschernow hielt vor Ort diese erste Phase der Belagerung in eindrucksvollen Bildern fest. Der daraus produzierte, 2024 mit dem Oscar prämierte Dokumentarfilm „20 Tage in Mariupol“ vermittelt einen beklemmenden Eindruck vom verzweifelten Überlebenskampf der Zivilbevölkerung.
Der Urbizid in Mariupol ging als eines der dunkelsten Kapitel in die Geschichte des russischen Angriffskriegs ein. Auf Satellitenbildern ist zu erkennen, dass an mehreren Orten in der Stadt Massengräber ausgehoben wurden. Ukrainische Stellen halten daher die Zahl von bis zu 25 000 Toten für realistisch. Viele von der russischen Armee begangene Kriegsverbrechen sind inzwischen sorgsam dokumentiert, um so die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen zu können. Unter anderem wurden laut ukrainischem Außenministerium mehr als 1000 Kinder aus Mariupol nach Russland verschleppt. Wegen dieser politisch sanktionierten Kindesentführungen erließ der Internationale Strafgerichtshof im März 2023 Haftbefehle gegen Wladimir Putin und Marija Lwowo-Belowa, die russische Beauftragte für Kinderrechte.
Wer verstehen möchte, warum Mariupol eine so zentrale Rolle im russischen Angriffskrieg spielt, muss weiter zurückblicken. Die Geschichte der Stadt begann lange vor ihrer Gründung im 18. Jahrhundert – in einer Grenzregion, in der sich seit Jahrhunderten Imperien, Handelswege und verschiedene Bevölkerungsgruppen begegneten.
Vom „wilden Feld“ zur Stadtgründung: Mariupols kosakische Wurzeln
Zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert gehörte die Region um das spätere Mariupol zum sogenannten wilden Feld. Hier lebten verschiedene nomadische Gruppen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts gründeten die am Mittel- und Unterlauf des Dnipro lebenden Saporoger Kosaken am Ufer des Asowschen Meeres die Festung Domacha. Kosaken sind militärische Grenzer-Gemeinschaften, die aus geflüchteten Bauern und Abenteurern unterschiedlichster Herkunft bestanden. Sie wurden meist als Reiter dargestellt; sie waren aber auch geübte Seefahrer, die im Schwarzen Meer osmanische Handelsschiffe überfielen und Hafenstädte plünderten.
Mariupol um 1900: Blick auf die belebte Ekaterininskaya-Straße, das damalige gesellschaftliche Zentrum der Hafenstadt. · Foto: INTERFOTO / UIG / HUM Images
Lange Zeit standen die Saporoger Kosaken als Wehrbauern im Dienst des polnisch-litauischen Reichs, um die einfallenden Krim- und Nogaj-Tataren abzuwehren. Mit dem sogenannten Hetmanat verfügten die Saporoger Kosaken über einen Herrschaftsverband, der als eigenständiger politischer Akteur fest in die diplomatischen Netzwerke der Frühen Neuzeit eingebunden war.
Zur Mitte des 17. Jahrhunderts lösten sich die Saporoger Kosaken aus der Abhängigkeit vom polnisch-litauischen Reich und suchten zur Absicherung ihrer Autonomie die Unterstützung des Moskauer Zaren. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts verschlechterte sich das Verhältnis zwischen dem Hetmanat und dem damals entstehenden Russischen Kaiserreich. Der Kosakenführer Iwan Masepa lief sogar zum schwedischen König Karl XII. über, der jedoch in der Entscheidungsschlacht nahe der ukrainischen Stadt Poltawa 1709 gegen das russische Heer von Peter I. unterlag.
Im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts verlor das Hetmanat durch den Ausbau der absolutistischen Zarenherrschaft seine Autonomie. Während des 19. Jahrhunderts bot die Geschichte der Kosaken dann Stoff zur Konstruktion eines nationalen Mythos. Darauf wird noch heute in der Ukraine für eine historisch vermittelte Identitätsstiftung zurückgegriffen, um eine jahrhunderteübergreifende Tradition der Freiheit und Wehrhaftigkeit zu beschwören. In Mariupol gab es bis zum Jahr 2022 mehrere, inzwischen zerstörte Erinnerungsorte, die dem kosakischen Erbe der Stadt gewidmet waren.
Der Aufstieg zur Handels- und Industriestadt
Nachdem in den Russisch-Türkischen Kriegen Verbände der Krimtataren 1768 die Kosakenfestung Domacha eingenommen und verwüstet hatten, fand zehn Jahre später Mariupols offizielle Stadtgründung statt. Auf Erlass der damals regierenden russischen Kaiserin Katharina II. erhielt die Stadt den Namen Mariupol. Die griechische Wortendung erklärt sich aus der Umsiedlung Tausender orthodoxer Griechen. Diese waren, nachdem Russland die Halbinsel Krim erobert hatte, von dort zusammen mit Armeniern und Georgiern nach Mariupol gebracht worden. Bald zogen auch Italiener, Juden und deutsche Mennoniten zu. Zusammen prägten sie das multiethnische Bild der neuen Kreisstadt, die sich im Gouvernement Jekaterinoslaw zum administrativen Zentrum der nördlichen Küstenregion am Asowschen Meer entwickelte.
Die Choral-Synagoge in der Georgiewskaya-Straße im historischen Zentrum von Mariupol (Foto vor 1917). · Foto: INTERFOTO / UIG / HUM Images
Handel und Fischfang ließen Mariupol schnell aufblühen. Mit dem Ausbau des Seehafens erweiterte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts die urbane Infrastruktur. Schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es in Mariupol mehrere Gymnasien, eine Druckerei, ein Theater und einen Stadtgarten. 1871 erfolgte die Pflasterung der zentralen Straßen und Plätze. Seit 1860 war die Stadt an das Telegraphen- und nach 1882 an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Der neue Schienenweg verband Mariupol direkt mit der damals aufstrebenden ostukrainischen Industrieregion des Donezbeckens, die unter dem Kürzel Donbass als „Ruhrgebiet des Zarenreichs“ bekannt wurde.
Die stürmische regionale Industrialisierung griff auch auf Mariupol über. Dank der Initiative belgischer und US-amerikanischer Investoren nahmen 1897 in der Stadt zwei metallurgische Großunternehmen ihren Betrieb auf. Die Hafenmetropole am Asowschen Meer galt fortan als Tor zum Donbass.
Während der 1890er Jahre verdoppelte sich die Stadtbevölkerung auf 31 000 und stieg dann bis 1914 auf 54 000 Einwohner. Die massive Zuwanderung veränderte das demographische Profil Mariupols. Eine Mehrheit von über 60 Prozent der Menschen sprach Russisch und nur zehn Prozent Ukrainisch. Der Anteil der Griechen war auf fünf Prozent gefallen. 15 Prozent der Stadtbewohner waren Juden, die in den Fabriken und im städtischen Wirtschaftsleben eine wichtige Rolle spielten. Damals gab es in Mariupol fünf Synagogen.
Sozialistischer Aufbruch und stalinistischer Terror
In den Wirren des Ersten Weltkriegs, der Revolutionen von 1917 und des anschließenden Bürgerkriegs war Mariupol Schauplatz militärischer Besatzungen und schockierender Gewaltausbrüche. Als Lenins Bolschewiki Mariupol 1920 unter ihre Kontrolle gebracht hatten, legten die neuen Machthaber die beiden städtischen Metallwerke zu einem Kombinat zusammen. Während des Ersten Fünfjahresplans begann 1930 der Bau eines neuen Fabrikgiganten, der den Namen Asow-Stahl erhielt.
Unter Stalin wurde Mariupol zu einem Zentrum der sowjetischen Stahlproduktion. Diese Aufnahme von 1940 zeigt eine Statue des Diktators auf dem Gelände des Stahlwerks. · Foto: akg-images / Universal Images Group / Sovfoto
Resultat dieser industriellen Expansion zu einer sowjetischen Stahlfestung war, dass 1939 in Mariupol schon 227 000 Menschen lebten. Als 1932/33 die Holodomor genannte und durch die stalinistische Zwangskollektivierung ausgelöste Hungerkatastrophe in der Ukraine vier Millionen Menschen das Leben kostete, zogen viele Landbewohner in die Städte, um hier Arbeit, eine Schlafstätte und Lebensmittelkarten zu ergattern. Das veränderte die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung Mariupols. Die Ukrainer stellten nun schon ein Drittel der Einwohnerschaft.
Dank ukrainischsprachiger Schulen, Kulturstätten und Medien hatte sich in Mariupol nach der Gründung der Sowjetunion im Jahr 1922 ein aktives ukrainisches Kulturleben entwickelt. Aber nach 1932 ging Stalin mit rigiden Verboten gegen alles Ukrainische vor. Ukrainische Literaten, Künstler und Wissenschaftler wurden verhaftet und Ende 1937 im Rahmen der „Hingerichteten Renaissance“ erschossen. Die moderne ukrainische Kultur erlitt einen schweren Rückschlag. Fortan dominierte die russische Sprache das öffentliche Leben in Mariupol.
Im Zweiten Weltkrieg war Mariupol als Teil der „Bloodlands“ (Timothy Snyder) ein umkämpfter Kriegsschauplatz sowie ein Ort schwerster deutscher Verbrechen. Von Oktober 1941 an blieb die Stadt zwei Jahre lang besetzt. Zwar gelang der Mehrheit der jüdischen Bewohner Mariupols die Flucht; allerdings fielen 9000 Juden der Stadt in die Hände der deutschen Okkupatoren. Sie wurden im Rahmen der „Shoah durch Kugeln“ in der Nachbarstadt Berdjansk innerhalb von nur zwei Tagen allesamt erschossen. Heute erinnert dort das Memorial Menorah an dieses Massaker. In den deutschen Kriegsgefangenenlagern in und um Mariupol starben ferner 36 000 sowjetische Soldaten an Hunger, Kälte und Krankheiten.
Weitere Zehntausende Einwohner Mariupols deportierten die NS-Besatzer als „Ostarbeiter“ in das Deutsche Reich. Hier mussten sie unter meist menschenunwürdigen Bedingungen für die deutsche Kriegswirtschaft schuften. Als die Verschleppten nach 1945 in ihre sowjetische Heimat zurückkehrten, galten sie dort nicht als Teil des „sowjetischen Siegervolks“ und erfuhren weitere Diskriminierungen.
Einmarsch der Wehrmacht: Ein deutsches Motorradgespann im Oktober 1941 in den umkämpften Straßen von Mariupol zu Beginn der zweijährigen Besatzungszeit. · Foto: akg-images / Mondadori Portfolio
Nach der Befreiung Mariupols im September 1943 lebten in den Ruinen der Stadt nur noch 85 000 Menschen. Im Rahmen des Wiederaufbaus wurde die Stadt zu Ehren des in Mariupol geborenen Stalin-Vertrauten Andrej Schdanow 1948 in Schdanow umbenannt. In den seit den 1960er Jahren neu entstehenden Stadtbezirken im typischen sowjetischen Plattenbaustil fanden aus allen Ecken der Sowjetunion zugezogene Menschen eine neue Heimat. Gegen Ende der 1980er Jahre erreichte die Stadtbevölkerung mit 529 000 Menschen ihren Höchststand. Damals galt Mariupol neben der Gebietshauptstadt Donezk als „industrielles Herz des Donbass“.
Vom Zerfall des Sowjetimperiums zum russischen Angriffskrieg
Die Schattenseite der fortschreitenden Industrialisierung war in Mariupol eine exorbitante Luftverschmutzung. Auch nach 1991 produzierten die von Rauchwolken gekrönten monumentalen Stahlhütten weiter auf Hochtouren. Sie befanden sich nun im Besitz der an ökonomischer Macht und politischem Einfluss gewinnenden Oligarchen. So gehörte der Industriekoloss Asow-Stahl bald zum Wirtschaftsimperium von Rinat Achmetow, der im Donbass als Revierkönig galt.
Wegen sinkender Geburtenraten und der Abwanderung junger Menschen erlebte Mariupol nach 1991 den Einbruch seiner Einwohnerzahl. 2001 war jeder zweite Stadtbewohner schon ukrainischstämmig. Der russische Anteil lag bei 45 Prozent. Während es nur noch eine kleine Gruppe jüdischer Stadtbewohner gab (0,2 Prozent), blieb die griechische Gemeinschaft mit 4,3 Prozent weiterhin eine sichtbare Minderheit.
Ende der 1980er Jahre hatte sich in Mariupol eine lokale Sektion der damals entstehenden ukrainischen Nationalbewegung Ruch gebildet. Sie wirkte darauf hin, dass die Stadt 1989 ihren ursprünglichen Namen Mariupol zurückerhielt, und beförderte den Prozess des nationalen Erwachens. Beim Unabhängigkeitsreferendum am 1. Dezember 1991 sprach sich auch in Mariupol eine überragende Mehrheit für die staatliche Selbstständigkeit der Ukraine und damit für die Auflösung der Sowjetunion aus.
Im April 2014 besetzten prorussische Separatisten das Rathaus in Mariupol und verbarrikadierten sich dort. · Foto: picture alliance / dpa / Anastasia Vlasova
Frustriert von den schweren Transformationswirren gewannen viele in Mariupol kein Vertrauen in die neue ukrainische Staatsmacht. Ein Viertel der Stadtbevölkerung befürwortete bald sogar einen Anschluss des Donbass an Russland. Als im Winter 2013/14 der „Euromajdan“ die Menschen in der Ukraine politisierte, engagierten sich daher in Mariupol zunächst nur wenige für diese „Revolution der Würde“. Nach dem Sturz des aus dem Donbass stammenden ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch und der völkerrechtswidrigen russischen Annexion der Krim nutzte im April 2014 eine heterogene Gruppe aus russischen Geheimdienstlern, Abenteurern und Kriminellen die allgemeine Verunsicherung, um im Auftrag Moskaus prorussische Separatisten zu organisieren und im Donbass die international nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk zu gründen.
Der Funke der Rebellion sprang auch auf Mariupol über. Rund 60 prorussische Aufständische besetzten im Stadtzentrum Verwaltungsgebäude. Gegen sie gingen Anfang Mai 2014 Einheiten der ukrainischen Armee und Nationalgarde zusammen mit Kämpfern des sich damals gründenden Freiwilligenbataillons Asow vor. Sie stellten nach blutigen Kämpfen mit 26 Toten die öffentliche Ordnung wieder her.
Der Oligarch Rinat Achmetow, der in Donezk durch sein langes Taktieren die Machtübernahme der Separatisten ermöglicht hatte, positionierte sich in Mariupol klar auf ukrainischer Seite. Er rüstete Arbeiterpatrouillen aus, die gemeinsam mit den staatlichen Sicherheitskräften und dem Freiwilligenbataillon Asow auch den darauffolgenden Angriff prorussischer Milizen abwehrten. Im Januar 2015 scheiterte die sogenannte Volksrepublik Donezk erneut mit dem militärischen Versuch, Mariupol zu erobern.
Im Vergleich zu den widrigen Lebensumständen in den von prorussischen Separatisten kontrollierten Volksrepubliken erschien Mariupol fortan als Bastion von Sicherheit und Frieden. Die Stadt stieg zu einem Zentrum des zwar russischsprachigen, aber ukrainisch gesinnten Donbass auf. Die verstärkten zivilgesellschaftlichen Initiativen wollten Mariupol schöner und „ukrainischer“ machen. Zentrales Anliegen wurde der Kampf für saubere Luft und für eine Stadt mit weniger Müll. Mit der verbesserten ökologischen Situation blühte das Kulturleben auf. Dank dieses merklichen Zugewinns an Lebensqualität kürte man Mariupol im Jahr 2021 zur Kulturhauptstadt der Ukraine. Für ihren weiteren Aufschwung als ukrainisches Tor zum Donbass gab es ambitionierte Pläne, die durch den russischen Urbizid im Frühjahr 2022 zunichte gemacht wurden.
Der Preis der Stahlproduktion: dichte Rauchwolken über den Industrieanlagen des Iljitscha-Kombinats in Mariupol (Aufnahme von 2011). · Foto: akg-images
Von den ursprünglichen 440 000 Stadtbewohnern sind nur etwa 120 000 in Mariupol geblieben oder nach der Belagerung zurückgekehrt. Über 70 Prozent davon sind älter als 60 Jahre. Wegen dieser Altersstruktur wird die Zahl der Einheimischen in den nächsten Jahren rapide sinken. Zugleich sind allein zwischen 2023 und 2025 über 80 000 Menschen aus Russland nach Mariupol gezogen. Das Stadtbild prägen heute das russische Militärpersonal samt seinen Familien sowie die zahlreichen Bauarbeiter, die zum Teil als Arbeitsmigranten aus Zentralasien kommen.
Die Russifizierung Mariupols wird vorangetrieben
In den Schulen Mariupols findet der Unterricht längst nach dem russischen Lehrplan statt. Für den Schulbesuch, für den Führerschein sowie für soziale und medizinische Leistungen brauchen die Menschen in Mariupol einen russischen Pass. So wird ihnen eine Russifizierung aufgezwungen.
Die vormalige Industrieproduktion ist in Mariupol fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Die russischen Besatzer nutzen die städtische Infrastruktur vor allem als Logistikdrehkreuz für den Export von Getreide, Rohstoffen und geplündertem ukrainischem Stahl sowie als wichtigen Verkehrsknotenpunkt für militärische Logistikketten.
Bis 2035 plant die russische Besatzungsmacht ein Wachstum der Bevölkerung Mariupols auf bis zu 350 000 Einwohner. Mit ihrer Lage direkt am Asowschen Meer soll die Stadt für russische Touristen zu einer attraktiven Destination werden. Beim aktuellen Wiederaufbau Mariupols zu einer russischen Stadt wird das ukrainische Kulturerbe systematisch vernichtet. So wird gezielt verwischt, dass sich im Fokus der Stadtgeschichte Mariupols wichtige Entwicklungen der Geschichte der Ukraine gut erkennen lassen.
Eine sowjetische Flagge vor einem ausgebrannten Wohnblock in Mariupol (Foto vom 8. Mai 2022). Mit Symbolen wie diesen versucht Moskau, seinen Anspruch auf die besetzten ukrainischen Gebiete zu untermauern. · Foto: picture alliance / REUTERS / Alexander Ermochenko
Seit über vier Jahren müssen die über 300 000 aus Mariupol vertriebenen Menschen vielerorts in der Ukraine oder im Ausland ihr Leben neu organisieren. Sie haben in den sozialen Medien virtuelle Erinnerungsgemeinschaften und Selbsthilfegruppen gebildet, um die enge Verbundenheit mit ihrer Heimat aufrechtzuerhalten. Auch die beiden nach Kyjiw und Dnipro evakuierten Universitäten aus Mariupol haben sich inzwischen als „unbesiegbare Universitäten“ neu erfunden. Die Hoffnung auf Rückkehr lebt unbeirrt fort. Der Verlust von Mariupol an die russischen Invasoren bleibt eine besonders schmerzhafte ukrainische Kriegswunde. Ob sie jemals geheilt werden kann, ist fraglich.
PROF. DR. KLAUS GESTWA
ist Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Eberhard Karls Universität Tübingen.
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