Halb Pflanze, halb Tier: das skythische Lamm (Ausschnitt einer Illustration aus der „Histoire admirable des plantes et Herbes esmerveillables et miraculeuses en nature“ des französischen Gelehrten Claude Duret von 1605). · Foto: C. Duret, Histoire admirable des plantes et. Wellcome Collection, CC BY 4.0
Im Zeitalter der Aufklärung entwickelte sich ein neues Verständnis der Naturforschung. Nicht mehr antike und mittelalterliche Texte wurden als höchste Autorität anerkannt, sondern allein die genaue Beobachtung der Natur selbst. Daraus entstand das ehrgeizige Projekt, sämtliche Mineralien, Tier- und Pflanzenarten der Erde vollständig zu erfassen: die Naturgeschichte.
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Es war eines der seltsamsten Lebewesen, von dem je berichtet wurde: Der Agnus scythicus, das skythische Lamm, das verborgen in abgelegenen Regionen Asiens leben sollte. Auf einem pflanzlichen Stamm wuchs es mit dem wolligen Fell, dem Kopf und den Klauen eines Schafes. Um an Nahrung zu kommen, beugte es sich herab und fraß das Gras in seiner Umgebung. Sobald das Lamm aber alles Grün abgeweidet hatte, musste es, da es ja festgewachsen war, unweigerlich verhungern. Zahlreiche Biologiebücher der Frühen Neuzeit beschrieben das „pflanzliche Schaf“ und zeigten detailgenaue Abbildungen. Sogar einzelne präparierte Exemplare fanden ihren Weg nach Europa und wurden in Sammlungen aufbewahrt.
Und dann war alles plötzlich nicht mehr wahr. Der Danziger Mediziner Johann Philipp Breyne untersuchte ein Exemplar, das ihm von einer Expedition aus Sibirien zugeschickt worden war. Es handle sich, so Breyne in seinem 1725 veröffentlichten Bericht, „nur um eine dicke, gebogene und haarige Wurzel, mit kräftig hervorstehenden Stängeln“. Der Agnus scythicus war als Fälschung entlarvt, die überlieferten Berichte nicht mehr als Legenden.
Der Fall des skythischen Lammes markiert einen Umbruch in der Erforschung der Natur im Zeitalter der Aufklärung. Bis weit in die Neuzeit bestand das Wissen über Pflanzen und Tiere vor allem aus der Reproduktion antiker und mittelalterlicher naturphilosophischer Texte. Man war überzeugt, dass Aristoteles, der in seiner „Historia animalium“ („Geschichte der Tiere“) mehr als 500 Tierarten beschrieben hatte, und sein Schüler Theophrast, der in der „Historia plantarum“ („Geschichte der Pflanzen“) über 500 Pflanzenarten aufgelistet hatte, im Wesentlichen die Natur umfassend behandelt hatten. Kräuterbücher und Naturbeschreibungen des Mittelalters brachten zwar die eine oder andere Ergänzung, die höchste Autorität genossen aber weiterhin die antiken Autoren.
Kaum bezweifelt wurden auch Berichte über sogenannte Paradoxa und Monstren, über die der italienische Mediziner Ulisse Aldrovandi, ein Neffe von Papst Gregor XIII., berichtete. In seinem reich illustrierten Buch „De Monstris“ („Von den Monstern“) beschrieb er Menschen mit Vogel- oder Hundeköpfen, gewaltige Meeresungeheuer mit Krallen und pferdeartigen Köpfen, riesige Schreitvögel mit langen Schwänzen, zweiköpfige Rinder, riesige Pflanzen mit deformierten Blüten und vieles mehr.
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Der niederländische Naturforscher Antoni van Leeuwenhoek revolutionierte mit selbst gebauten Mikroskopen den Blick auf die Natur (Gemälde von Jan Verkolje, um 1680). · Foto: Bridgeman Images / NPL / DeA Picture Library
Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser Naturbeschreibungen kamen zunächst durch die zahlreichen Forschungsreisen im 17. und 18. Jahrhundert auf. Während man nirgendwo auf die seltsamen Monstren stieß, erwiesen sich Flora und Fauna der Erde als weit vielfältiger, als man es sich bis dahin hatte vorstellen können. Die großen Weltumsegelungen von Louis-Antoine Bougainville und James Cook oder die Expeditionen Alexander von Humboldts nach Südamerika konfrontierten die Europäer mit einer nie gekannten Vielfalt von Farnen, Palmen und Orchideen ebenso wie mit tropischen Vögeln, Schlangen und riesigen Insekten.
Aber auch in Europa zeigte sich die Natur weit reichhaltiger, als man lange geglaubt hatte. So konnte Alexander von Humboldt in den Bergwerken im sächsischen Freiberg zahllose bisher unbekannte Pilze und Flechten finden. Und mit der Weiterentwicklung des Mikroskops im 17. Jahrhundert durch Antoni van Leeuwenhoek wurden ganz neue Lebensformen wie winzige Algen oder Amöben entdeckt.
Das Motto „Sapere aude“ – „Wage, selbst zu denken“ –, das der Königsberger Philosoph Immanuel Kant für die ganze Epoche ausgegeben hatte, sollte nun auch für die Naturforschung gelten. Nur was tatsächlich beobachtet und überprüft werden konnte, sollte als sicheres Wissen anerkannt werden. Das Ziel war jetzt die vollständige Erfassung aller Mineralien, Pflanzen und Tiere, die es auf der Erde gab. Das ehrgeizige Projekt nannten die Aufklärer Historia naturalis – Naturgeschichte. Die Vorstellung einer Entwicklungsgeschichte verband man mit dem Begriff freilich nicht. Noch war man überzeugt, Gott habe mit der Schöpfung auch alle Tier- und Pflanzenarten unveränderlich geschaffen. Naturgeschichte sei vielmehr, so Johann Christoph Adelung, Herausgeber eines der ersten deutschen Wörterbücher, ein „Verzeichniß und die Beschreibung der zu dem Naturreiche gehörenden Körper“.
Das Zeitalter des Forschungsfiebers und der Sammelwut beginnt
Die Naturgeschichte war dabei keine Sache nur von Spezialisten und Universitätsgelehrten. Im Gegenteil: Adlige, Fürsten, Mediziner und aufgeklärte Bürger wurden im 18. Jahrhundert von einem regelrechten Forschungsfieber erfasst. In vielen Städten Europas entstanden naturhistorische Vereinigungen, oft getragen von lokalen Honoratioren, die gemeinsame Exkursionen unternahmen, Reiseberichte studierten und sich über ihre Entdeckungen austauschten. Man wolle, hieß es etwa im Programm der 1797 auf Initiative des Arztes August Ludwig Mensching gegründeten Naturhistorischen Gesellschaft Hannover, die „genaue Kenntnis der Naturproducte hiesiger Lande befördern“.
Vielerorts richtete man naturkundliche Bibliotheken ein und baute Sammlungen mit Mineralien, Tier- und Pflanzenpräparaten auf. Interessierte Laien konnten so autodidaktisch Naturerkenntnisse erwerben, über die sie sich brieflich über ganz Europa hinweg austauschten und die sie in den vielen neu gegründeten Fachzeitschriften veröffentlichten. Wissenschaftler wiederum nutzten die Erkenntnisse der Laien und ermunterten diese, ihre Beobachtungen mitzuteilen.
Der Schweizer Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer etwa veröffentlichte einen „Einladungsbrief zur Erforschung natürlicher Wunderen, so sie sich im Schweizerland befinden“. Mit knapp 200 Fragen forderte er alle „curiosen Männer“ auf, „dass sie auf alles, was ihnen zu Wasser und Land, in Luft, Himmel, Erden und Gewächsen, Mineralien und Tieren möchte vorkommen, genaue Achtung geben“.
Auf der Jagd nach seltenen Pflanzen und exotischen Schätzen
Besonders populär wurde das Botanisieren. Nachdem bereits im 16. Jahrhundert in Italien ein Verfahren entwickelt worden war, durch Pressen und Trocknen Pflanzen zu konservieren, gab es bald Bestimmungsbücher und Anleitungen für das Sammeln von Pflanzen. Ein eigenes Herbarium zu besitzen, wurde für aufgeklärte Bürger bald selbstverständlich. Seltene und exotische Präparate annoncierte man in Fachzeitschriften, woraus sich früh ein überregionaler Tauschhandel entwickelte.
Gebildete Frauen engagierten sich besonders häufig als „Botanistinnen“. Zahlreiche Bücher wandten sich speziell an Frauen. So gab es eine „Botanik für Frauenzimmer“ und „Lehrsätze der Naturgeschichte für Frauenzimmer“. Auch der berühmte Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der selbst mehrere Tausend Pflanzen herbarisiert hatte, verfasste für die junge Marguerite Madeleine, Tochter einer Cousine, „Lettres élémentaires sur la botanique“ mit ausführlichen Anleitungen zur Pflanzenbestimmung.
Blick vom „Cabinet d’histoire naturelle“ in Paris auf den botanischen Garten, der im 18. Jahrhundert zu einem bedeutenden Zentrum naturgeschichtlicher Forschung wurde. · Foto: Bridgeman Images
Manche Frauen erwarben sich dabei in der männerdominierten Wissenschaft einen überregionalen Ruf, wie Catharina Helena Dörrien. 1717 in Hildesheim geboren, wuchs sie in einem Pastorenhaushalt auf und wurde zunächst ganz konventionell vor allem in Haushaltsführung im Kochen und Nähen unterrichtet. Sie entwickelte aber schon früh ein Interesse für Pflanzen.
Als sie 1748 als Erzieherin in den Haushalt des Historikers und Diplomaten Anton Ulrich von Erath kam, konnte sie sich fundierte botanische Kenntnisse aneignen und erforschte die Pflanzenwelt ihrer Umgebung. 1777 veröffentlichte sie das „Verzeichniß und Beschreibung der sämtlichen in den Fürstlich Oranien-Nassauischen Landen wildwachsenden Gewächse“. Rund 1400 detailgenaue Aquarellgemälde von wild wachsenden Pflanzen fertigte sie dazu an. Mehrere botanische Gesellschaften ehrten sie für ihre Leistung durch Aufnahme als Ehrenmitglied.
Schließlich förderten auch aufgeklärte Herrscher die Naturforschung durch die Anlage großer Naturaliensammlungen und botanischer Gärten. Der Besitz zahlreicher exotischer Tiere und Pflanzen und seltener Naturfunde erhöhte das Prestige der Adelshäuser ebenso wie wertvolle Kunstgegenstände. Eine der bedeutendsten dieser Sammlungen wurde in Paris das „Cabinet d’histoire naturelle“, das 1635 durch König Louis XIII. gegründet und in den großen „Jardin du roi“ integriert war. Diente der Garten ursprünglich nur der Versorgung des Hofes mit Heilkräutern, und war das königliche Kabinett kaum mehr als eine ungeordnete Sammlung von natürlichen und künstlerischen Kuriositäten, wurde die Anlage nun Schritt für Schritt in eine naturwissenschaftliche Einrichtung umgewandelt.
Das war vor allem das Verdienst des aus Montbard stammenden Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon. 1739 wurde er zum Intendanten des „Jardin du Roi“ und erhielt den Auftrag, auch das „Cabinet du Roi“ zu ordnen und die Bestände zu katalogisieren. Buffon, der von seinem Vater eigentlich für die Juristenlaufbahn vorgesehen war, entwickelte schon früh ein Talent für Mathematik und Naturwissenschaften. Mit gerade einmal 27 Jahren wurde er in die renommierte Académie des sciences aufgenommen.
Frontispiz und Titelblatt des ersten Bands der „Histoire naturelle, générale et particulière“ des französischen Naturforschers Georges-Louis Leclerc de Buffon. · Foto: akg-images / Liszt Collection
Für die gewaltige Aufgabe in Paris holte Buffon sich den neun Jahre jüngeren Louis Jean-Marie Daubenton, der ebenfalls aus Montbard stammte, zu Hilfe. Daubenton galt als ausgezeichneter Anatom und Systematiker. Beide ergänzten einander perfekt: Daubenton als großer Kenner der Tierarten und ihrer Anatomie, Buffon als talentierter Organisator und ausgezeichneter Schriftsteller. Mit Unterstützung von Daubenton begann Buffon ein monumentales Werk, das die Naturforschung auf Jahrzehnte hin bestimmen sollte: Die „Histoire naturelle, générale et particulière“ („Allgemeine und besondere Naturgeschichte“), die zwischen 1749 und 1788 in 36 voluminösen und reich illustrierten Bänden erschien.
Buffons Mammutprojekt verändert den Blick auf die Natur
Das gesamte naturgeschichtliche Wissen der Zeit sollte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Im Ganzen betrachtet, ist die Geschichte der Natur von unermesslichem Umfange“, heißt es gleich in der Einleitung. Die Beschreibung der Natur beginnt mit der Erklärung des Sonnensystems, der Entstehung der Erde und ihrer Geologie. Dann werden Vulkane und meteorologische Erscheinungen geschildert und daran anschließend – der Hauptteil des Werkes – die Lebewesen in ihren Eigenheiten behandelt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Tierwelt, Pflanzen werden nur am Rande angesprochen.
Das Neue an der „Allgemeinen Naturgeschichte“ war die Methode: Zur Beschreibung der Arten wertete Buffon historische und naturkundliche Berichte in Fachzeitschriften aus und verglich diese mit anatomischen Präparaten aus dem königlichen Kabinett und bildlichen Darstellungen. Oft ergänzte er diese durch eigene Beobachtungen. So entstand ein differenziertes Bild der einzelnen Arten auf dem aktuellen Forschungsstand.
Das zeigt sich exemplarisch in der Darstellung des Nashorns im sechsten Band. Hier bewies Buffon, dass die verbreitete Darstellung eines Rhinozeros, die Albrecht Dürer nach Erzählungen angefertigt hatte und das Tier wie einen mittelalterlichen Ritter mit schweren Panzerplatten und obendrein einem zusätzlichen Horn auf dem Rücken zeigte, falsch war. Stattdessen bot er auf knapp 30 Seiten eine detaillierte und naturnahe Beschreibung des Nashorns. Zum Vergleich zog er auch die zwölf Nashornhörner aus dem königlichen Kabinett heran. Dort fand er auch einen Embryo eines Nashorns aus Java, der, wie Buffon bemerkte, „aus dem Leibe der Mutter ausgeschnitten“ worden war.
Für Georges-Louis Leclerc de Buffon (zeitgenössischer Stich) bildeten Beobachtung und Experiment die Grundlage naturwissenschaftlicher Erkenntnis. · Foto: akg-images
Und schließlich half ihm auch das „Nashorn Clara“: Das weibliche Jungtier war von einem Kapitän der niederländischen Ostindien-Kompanie 1741 nach Europa gebracht worden und tourte dann mit ihm zehn Jahre lang quer durch Europa. Als es 1749 dem französischen König in Versailles vorgeführt wurde, ließ dieser von seinem Hofmaler Jean-Baptiste Oudry ein detailgenaues Ölgemälde anfertigen. Ob Buffon Clara selbst gesehen hat, ist nicht gesichert, aber die authentische Abbildung des Nashorns nahm er in seine „Naturgeschichte“ auf.
Bei allen Bemühungen um wissenschaftliche Sachlichkeit: Frei von subjektiven Bewertungen ist die „Allgemeine Naturgeschichte“ dennoch nicht immer. Das Nashorn, so Buffon, sei „auf eine plumpe Art dumm, ohne Einsicht, ohne Empfindnis und ohne Gelehrigkeit“.
So monumental Buffons Werk auch war, letztlich fehlte es ihm an einer klaren Systematik. Die Anordnung und Auswahl der Arten erscheint oft willkürlich. So stellte er ohne Berücksichtigung biologischer Verwandtschaft Haustiere und wilde Tiere in getrennte Rubriken. Exotische Tiere wurden wiederum getrennt von europäischen Tieren behandelt. Überdies berücksichtigte er letztlich nur einen Bruchteil der damals bekannten Arten.
Carl von Linné entwirft ein System, um die Natur zu ordnen
Tatsächlich wurde es für die Naturgeschichte angesichts der Entdeckung immer neuer Arten zunehmend schwierig, den Überblick zu behalten. Die meisten Systeme, mit denen man die Vielzahl der Arten in eine Ordnung bringen wollte, orientierten sich entweder an antiken Einteilungen oder entwickelten willkürlich neue. Manche Bücher listeten ihre Arten ohne jedes System nur alphabetisch auf. Mitte des 18. Jahrhunderts gab es allein in der Botanik mehr als zwei Dutzend Klassifikationssysteme und ebenso viele für die Mineralien.
Die Nashorndame „Clara“, 1749 verewigt in dem Gemälde des französischen Hofmalers Jean-Baptiste Oudry. Oudrys naturgetreue Darstellung diente als Vorlage für die Abbildungen in Buffons „Histoire naturelle“. · Foto: akg-images
Es war schließlich ein junger Schwede, der ein System entwarf, mit dem die gesamte Natur geordnet werden konnte: Carl von Linné. Wie Buffon im Jahr 1707 geboren, interessierte sich der Sohn eines Geistlichen aus dem südschwedischen Råshult schon früh für die Natur in seiner Umgebung, vor allem für die Pflanzen. Noch während seines Studiums der Medizin, das er 1735 an der kleinen niederländischen Universität Harderwijk abschloss, veröffentlichte er eine Schrift über die Sexualität der Pflanzen – ein damals sehr umstrittenes Thema.
Seine eigentliche wissenschaftliche Leistung war aber das „System der Natur“, mit dem er 1735 die Naturgeschichte auf eine neue Grundlage stellte. Linné teilte die Natur in das Reich der Pflanzen, das der Tiere und das der Mineralien ein. Diese Reiche gliederte er in ein hierarchisches System von Klassen, Ordnungen, Gattungen und Arten. Als Unterscheidungskriterien dienten ihm leicht erkennbare morphologische Merkmale. So teilte er das Tierreich in die Klassen der Vierfüßer, Vögel, Amphibien, Fische und Würmer. Diese wurden dann wieder anhand eindeutig erkennbarer Merkmale weiter unterteilt, bis man zur Art gelangte.
Die Sonderstellung des Menschen gerät ins Wanken
Jede Pflanze, jedes Tier und jedes Mineral hatte in diesem System damit eine genau definierte Position. Aber auch jede neu entdeckte Art konnte durch exakte Beobachtung ihrer Merkmalskombinationen bestimmt und einer Gattung zugeordnet werden – ein Verfahren, das Biologen bis heute nutzen. Linné beendete auch das Durcheinander der Artbezeichnungen, die oft von Land zu Land, mitunter aber auch von Region zu Region voneinander abwichen. Jetzt bekam jede Art eine zweiteilige Bezeichnung aus Gattungs- und Artnamen, die sie eindeutig zuordnete. Die Amsel etwa, die allein im deutschsprachigen Raum mit verschiedenen Namen wie Schwarzdrossel oder Kohlamsel bezeichnet wurde, hieß nun international einheitlich Turdus merula.
Obwohl es der Naturgeschichte ursprünglich nur um die exakte Beschreibung der natürlichen Umwelt des Menschen ging, veränderte sie auch das Selbstbild des Menschen. Waren bis dahin Theologen und Philosophen gleichermaßen von der Sonderstellung des Menschen gegenüber der Natur überzeugt, mussten sie nun erkennen, dass auch der Mensch ein Teil der Natur war. Linné ordnete aufgrund seiner anatomischen Merkmale den Menschen konsequenterweise gemeinsam mit den Primaten in die Rubrik „Anthropomorpha“ – „Menschengestaltige“ – ein.
Der schwedische Naturforscher Carl von Linné gilt als einer der Begründer der modernen Biologie (zeitgenössischer Stich). · Foto: akg-images / Science Source
Vor allem die Entdeckung der Menschenaffen wie des Orang-Utans brachte alte Vorstellungen ins Wanken. „Unter allen Geschöpfen auf unserer Erdkugel ist kein Geschlecht dem Menschen so ähnlich als das Geschlecht der Affen. Ihr Angesicht, ihre Hände und Füße, ihre Arme und Beine, Brust und Gedärme sind meistenteils den unsrigen ähnlich“, so Linné. Aber nicht nur physisch, sondern auch in ihrem Verhalten machten diese Primaten die Überlegenheit des Menschen gegenüber der Natur zweifelhaft. Selbst „ihre Sitten“, so Linné weiter, „machen sie uns so ähnlich, dass man kaum einen natürlichen Unterschied zwischen dem Menschen und dem Affen finden kann.“
Noch deutlicher formulierte es Buffon: „Die erste Wahrheit, welche aus einer so ernsthaften Untersuchung der Natur herfließet ist eine Wahrheit, die den Menschen vielleicht demütigen kann, nämlich, dass er sich selbst unter die Tiere zählen muss.“
DR. BERND KLEINHANS
unterrichtet an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Er forscht unter anderem zur Ideengeschichte der Aufklärung und zum Verhältnis von Mensch und Natur.
Literatur
Georges-Louis Leclerc de Buffon, Allgemeine Naturgeschichte. Frankfurt am Main 2008. Wolfgang Lepenies, Das Ende der Naturgeschichte. Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten in den Wissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts. München 1976. Sophie Ruppel, Botanophilie. Mensch und Pflanze in der aufklärerisch-bürgerlichen Gesellschaft um 1800. Köln 2019.
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