Im Bonner Hofgarten kamen am 10. Oktober 1981 Hunderttausende Menschen zusammen, um für Frieden und gegen den NATO-Doppelbeschluss zu demonstrieren. · Foto: picture-alliance / dpa / Martin Athenstädt
Am 10. Oktober 1981 versammelten sich im Bonner Hofgarten 300 000 Menschen, um gegen die Stationierung von amerikanischen Marschflugkörpern und Pershing-II-Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik zu demonstrieren. Den Mobilisierungserfolg verdankten die Organisatoren auch dem Einsatz von Musik.
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Rund zwei Jahre zuvor, am 12. Dezember 1979, hatte die NATO auf der Tagung der Außen- und Verteidigungsminister in Brüssel den sogenannten Doppelbeschluss gefasst: Um der Bedrohung durch die neuen sowjetischen SS-20-Raketen zu begegnen, sollten 108 Pershing-II-Raketen und 464 bodengestützte Marschflugkörper in Europa und dort vor allem in der Bundesrepublik stationiert werden. Gleichzeitig sollten der Sowjetunion Abrüstungsverhandlungen im Bereich der Mittelstreckenraketen angeboten werden.
Angeregt worden war die Nachrüstungsinitiative vom deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt (1974–1982). Den SPD-Politiker trieb die Sorge um, dass sich durch die Einführung der SS-20, die anders als die alten SS-4 und SS-5 statt nur einem jeweils drei nukleare Sprengköpfe befördern und von mobilen Abschussrampen aus gestartet werden konnten, das militärische Gleichgewicht in einer für Westeuropa untragbaren Weise verschob. Weiterhin befürchtete er, dass sich die Sicherheitsinteressen der USA von denen Europas abkoppeln könnten, stellten die neuen Mittelstreckenraketen doch nur für Europa, nicht aber für die Vereinigten Staaten eine Bedrohung dar.
Tatsächlich deckte sich diese Überlegung des Kanzlers mit jener der Planer im Kreml, die genau diese Abkoppelung erreichen wollten. Dennoch gedachte US-Präsident Jimmy Carter (1977–1981) zunächst nicht, auf den Vorstoß des Kanzlers einzugehen, die Mittelstreckenraketen in die laufenden Strategic Arms Limitation Talks (SALT) zwischen den Supermächten einzubeziehen. Carter befürchtete, dass dies den Erfolg der Verhandlungen gefährde. Als der US-Präsident dann auch noch die Weiterentwicklung der sogenannten Neutronenwaffe stoppte, einer taktischen, zum Einsatz gegen sowjetische Panzerverbände gedachten Nuklearwaffe, für deren Einführung sich die europäischen NATO-Partner ausgesprochen hatten, wurden die Beziehungen zwischen der Carter-Administration und der Regierung Schmidt auf eine ernsthafte Probe gestellt.
Exemplar einer SS-20 im National Air and Space Museum in Washington, D. C. Die Mittelstreckenrakete verfügte über drei unabhängig voneinander steuerbare nukleare Sprengköpfe. · Foto: akg-images / Heritage Images / Heritage Art
Es war dann Carters Nationaler Sicherheitsberater Zbigniew Brzezin´ski, der den Unmut der Europäer zu spüren bekam, als er im Oktober 1978 zu einem NATO-Treffen reiste. Doch er hatte einen Vorschlag im Gepäck: Man könnte der Modernisierung des sowjetischen Raketenarsenals mit der Stationierung landgestützter Marschflugkörper vom Typ „Gryphon“ sowie der neuen Pershing-II-Rakete begegnen.
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Im Januar 1979 einigten sich US-Präsident Carter, der französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing (1974– 1981), der britische Premier James Callaghan (1976– 1979) und Bundeskanzler Helmut Schmidt bei einem Gipfeltreffen auf Guadeloupe auf ebendiesen Vorschlag, wobei parallel zur Nachrüstung ein neuer Vorstoß für Rüstungskontrollgespräche mit der Sowjetunion erfolgen sollte.
Dieses Format des „Doppelbeschlusses“ für Nachrüstung einer- und Rüstungskontrolle andererseits ging abermals auf Schmidt zurück, der zurecht befürchtete, dass seine eigene Partei einem neuen Rüstungsvorhaben skeptisch gegenüberstehen würde. Zunächst trug die SPD den Beschluss jedoch mit, wie überhaupt die Reaktion auf die getroffene Entscheidung zunächst verhalten ausfiel. Dies änderte sich jedoch, als im Verlauf des Jahres 1980 deutlich wurde, dass der Kalte Krieg in eine neue, gefährliche Phase eintrat.
Die Regierungschefs (von links nach rechts) Helmut Schmidt, Jimmy Carter, Valéry Giscard d’Estaing und James Callaghan während des Gipfeltreffens auf Guadeloupe im Januar 1979. · Foto: akg-images / picture-alliance / dpa
Nur wenige Tage nach dem Doppelbeschluss waren sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschiert. US-Präsident Carter reagierte darauf mit der Verhängung von Wirtschaftssanktionen, einem Stopp des Ratifizierungsprozesses des SALT-II-Abkommens sowie dem Boykott der Olympischen Spiele in Moskau. Doch aus Sicht der amerikanischen Wähler war Carter, der bei seiner Iran-Politik keine glückliche Figur abgegeben hatte und keinen konkreten Plan vorlegen konnte, um die schwächelnde US-Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, nicht mehr länger der richtige Mann im Weißen Haus. Bei der Wahl im November 1980 entschieden sie sich stattdessen für jemanden, der der sowjetischen Führung noch einiges Kopfzerbrechen bereiten sollte: Ronald Reagan (1981–1989).
Reagan war einerseits die perfekte Zielscheibe für die sowjetische Propaganda, schien der Republikaner doch die personifizierte Bestätigung ihrer These, dass die Kriegstreiber allein im Westen zu finden seien. Andererseits bestand aus Sicht des Kreml die reale Gefahr, dass er vielleicht wirklich ein Kriegstreiber sein könnte. Das befürchteten auch nicht wenige derer, die sich in den folgenden Jahren der Friedensbewegung anschlossen – auch wenn Reagan mit seinem Vorschlag einer Null-Lösung, das heißt des beidseitigen und vollständigen Verzichts auf Mittelstreckenraketen, nicht wenige Beobachter verblüffte.
In der Friedensbewegung fanden sich bald Milieus zusammen, die bis dahin nur wenig miteinander zu tun gehabt hatten, darunter strikte Pazifisten, skeptische Sozialdemokraten, Christen, Ökos, Kommunisten und überhaupt all jene, die dem Doppelbeschluss skeptisch gegenüberstanden. Einen ersten großen Erfolg konnte eine Unterschriftenaktion der von der DDR finanzierten Deutschen Friedens-Union (DFU) erzielen. Den sogenannten Krefelder Appell, bei dessen Vorbereitung die DFU auf eine allzu offensichtliche Übernahme kommunistischer Parolen verzichtet und stattdessen in einem „Minimalkonsens“ den Schulterschluss mit anderen Nachrüstungsgegnern gesucht hatte, unterzeichneten in den nächsten Jahren rund vier Millionen Menschen.
Prägende Stimme der Friedensbewegung: der politische Liedermacher Hannes Wader bei der Demonstration am 10. Oktober 1981 im Bonner Hofgarten. · Foto: picture alliance / imageBROKER / Klaus Rose
Der Einfluss solcher Gruppen, die als Teil des sowjetischen Propagandaapparats angesehen werden können, blieb jedoch begrenzt. Als weit wichtiger für die Mobilisierung breiter Kreise der westdeutschen Bevölkerung sollte sich stattdessen eine Initiative erweisen, die sich im Umfeld des evangelischen Kirchentages in Hamburg im Sommer 1981 entwickelte. Ausgehend von den dort geführten Debatten riefen die Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF) und die Aktionsgemeinschaft Dienste für den Frieden (AGDF) zu jener Großkundgebung auf, die am 10. Oktober 1981 rund 300 000 Menschen in den Bonner Hofgarten lockte.
Die Organisatoren hatten sich darum bemüht, der Veranstaltung trotz ihrer überaus ernsten Beweggründe den Charakter eines Festivals zu verleihen und eine positive und freundliche Stimmung zu erzeugen. Ein wichtiger Bestandteil ihres Konzeptes war es, neben Rednern auch Kulturbeiträge auf die Bühne zu bringen. Dabei gelang es ihnen, nicht nur etablierte Haudegen aus der Riege der politischen Liedermacher vom Schlage eines Hannes Wader zu mobilisieren, sondern auch aufstrebende Künstler wie die niederländische Band „Bots“ für einen Auftritt zu gewinnen.
Die Demo in Bonn wurde zum Erweckungsmoment der Friedensbewegung. Dank eines niedrigschwelligen Zugangs, ausgewogenen, nuancierten Redebeiträgen und dem geschickten Einsatz von Musik war es gelungen, eine positive Grundstimmung und ein Wir-Gefühl zu erzeugen. Darauf aufbauend wurde bei der nächsten Großveranstaltung, die am 10. Juni 1982 erneut in Bonn stattfand und von einem im Nachgang der Hofgarten-Demo gegründeten „Koordinierungsausschuss“ professionell organisiert wurde, der gleiche Ansatz weiterverfolgt. Auf der Bühne traten diesmal auch echte Stars wie BAP und Klaus Lage auf. Gleichzeitig wurde der deutsche Musikmarkt von Liedern überschwemmt, welche den Wunsch nach Frieden und die Gefahren des Wettrüstens thematisierten, etwa „Wozu sind Kriege da“ (Udo Lindenberg), „Eiszeit“ (Peter Maffay), „Forever Young“ (Alphaville), „Besuchen Sie Europa“ (Geier Sturzflug), „99 Luftballons“ (Nena) sowie „Ein bisschen Frieden“ (Nicole).
Ronald Reagan und Helmut Kohl 1982 vor dem Weißen Haus. Ihr erstes Treffen im Vorjahr legte den Grundstein für eine enge politische Partnerschaft. · Foto: akg-images / Circa Images / Glasshouse Images
Eine derartige Popkulturalisierung einer politischen Bewegung hatte es bis dahin in Deutschland nicht gegeben. Nach jedermanns Geschmack war diese Entwicklung gleichwohl nicht. So verglich der Journalist Ludolf Hermann die Demos im Bayerischen Rundfunk mit den Massenveranstaltungen der NSDAP: „Die Einheit im Geiste wurde sinnlich genossen. Die große Faszination einer körperwarmen Gesinnungsgemeinschaft versetzte alle in hochgemute Stimmung … So mag es auch im Sportpalast gewesen sein. Wollt ihr den totalen Frieden? Ja, wir wollen ihn.“ Auch die Musikzeitschrift „Spex“ kritisierte das Engagement bekannter Künstler, wenngleich aus einer ganz anderen Stoßrichtung: „Wut und Verzweiflung, die jeden eigentlich im Angesicht der beschriebenen Zustände packen müssten, kommen gar nicht auf bei diesem abgeklärten Soft-Rock und Links-Stammtisch-Greinerei.“
Aller Kritik zum Trotz trugen die Musikbeiträge dazu bei, breitere Teile der Bevölkerung für die Belange der Friedensbewegung zu gewinnen, als das bis dahin irgendeiner Protestbewegung in der Bundesrepublik gelungen war. In Bonn fanden sich neben Gewerkschaftern, Christen, Grünen, Kommunisten, Kriegsdienstgegnern, Atomkraftgegnern, Spontis usw. auch solche Teile der Bevölkerung ein, die besagte Gruppen mit ihren Anliegen für gewöhnlich nicht erreichen konnten. Alle einte die Sorge, dass der eingeschlagene Kurs der Nachrüstung angesichts der krisenhaften Weltlage unkalkulierbare Gefahren mit sich bringe.
Und doch erreichte die Bewegung ihre kurzfristigen Ziele nicht, und dies, obwohl zumindest die SPD – nach dem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Kanzler Schmidt am 1. Oktober 1982 von der Regierungslast befreit – eine politische Kehrtwende hinlegte und sich nun gegen die Stationierung der neuen Waffensysteme in der Bundesrepublik aussprach. Im Oktober 1983 mobilisierte die Bewegung im Zuge einer bundesweiten Aktionswoche noch einmal alle Kräfte, doch den neuen Kanzler Helmut Kohl (1982–1998) konnte sie damit nicht beeindrucken. Kohl war der Überzeugung, dass die Bundesregierung die gemeinsam mit den NATO-Partnern getroffene Entscheidung nicht einseitig wieder rückgängig machen dürfe. Am 22. November bestätigte der Bundestag nach einer zweitägigen, hitzigen Debatte die Entscheidung für die Stationierung, die schon am Folgetag begann.
Am 1. September 1988 wurden die ersten Pershing-II-Raketen gemäß dem INF-Abkommen zwischen den USA und der UdSSR vom Stationierungsort Waldheide bei Heilbronn abtransportiert. · Foto: akg-images / picture-alliance / dpa
Für die sowjetische Führung, die sich sicher gewesen war, dass die Bundesregierung angesichts der Proteste einknicken würde, kam dies einer politischen Niederlage gleich. Nach dem Tod Leonid Breschnews und der Machtübernahme des selbst schwer kranken Juri Andropow de facto führungslos, wurde die UdSSR in ein Wettrüsten gezwungen, das sie sich eigentlich nicht leisten konnte.
Als Ronald Reagan im Herbst 1984 mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde, konnte er aus einer Position der Stärke in neue Rüstungskontrollgespräche gehen – und die Null-Lösung durchsetzen. Im INF-Vertrag von 1987 erklärten beide Supermächte den vollständigen Verzicht auf nukleare Mittelstreckenraketen – ein Erfolg, den sowohl die Befürworter als auch die Gegner der Nachrüstung für sich reklamierten.
Geschichte zum Hören
Zum Thema dieses Artikels gibt es auch einen Podcast! Näheres dazu unter: www.damals.de
Felix Melching
studierte Mittelalterliche Geschichte in Berlin. Er ist freier Historiker und einer der beiden Moderatoren des DAMALS-Podcasts.
Literatur
Philipp Gassert/Tim Geiger/Hermann Wentker (Hrsg.), Zweiter Kalter Krieg und Friedensbewegung. Der NATO-Doppelbeschluss in deutsch-deutscher und internationaler Perspektive. München 2011. Philipp Baur, Protest und Vergnügen. Musik in der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Mannheim 2023.
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