Als der britische Gesundheitsminister Aneurin „Nye“ Bevan (1945–1951) im Sommer 1948 das Davy-hulme Park Hospital bei Manchester besuchte, war dies kein gewöhnlicher PR-Termin. Das Krankenhaus wurde in die Verantwortung des Ministers übergeben – symbolisch für einen Wandel im Gesundheitswesen, der an diesem Tag landesweit stattfand. Denn an diesem Montag – es war der 5. Juli 1948 – wurde der National Health Service (NHS) ins Leben gerufen, eine umfassende staatliche Gesundheitsversorgung, die jeder Brite kostenlos in Anspruch nehmen konnte. Das bedeutete auch: Das Gesundheitssystem wurde damit zentralisiert, alle medizinischen Leistungen unter einem Dach vereint.
Auf dem begrünten Hof des Krankenhauses standen die Krankenschwestern Spalier, empfingen den Minister gleich einer Ehrengarde. Von ihrem Fenster aus beobachtete die 13-jährige Sylvia Diggory die Ankunft Bevans. Sie litt an akuter Nephritis, einer Nierenerkrankung, und sollte offiziell die erste Patientin des NHS werden. Später erinnerte sie sich, Bevan habe sie gefragt, ob sie um die Bedeutung des heutigen Tages wisse. Sylvia hatte den Erwachsenen aufmerksam zugehört. Die Welt war plötzlich eine andere, so schien es. Und Bevan bestärkte diesen Eindruck, indem er dem Mädchen erklärte, die Gründung des NHS sei ein Meilenstein in der Geschichte, „der zivilisierteste Schritt, den je ein Land gemacht hat“.
Dieser Schritt hatte eine lange Vorgeschichte. Schon vor der Industrialisierung hatten staatliche Einrichtungen damit begonnen, eine Teilverantwortung für die Gesundheitsversorgung der ärmsten Bevölkerungsschichten zu übernehmen. Die elisabethanischen Armengesetze („Poor Laws“) von 1598 und 1601 bildeten den Anfang. Da Armut zu Krankheit und Krankheit zu Armut führt, enthielt staatliche Armenversorgung notwendigerweise auch eine minimale Krankenversorgung.
Im 17. Jahrhundert gab es dafür allerdings kaum Geld. Benachbarte Gemeinden stritten sich regelmäßig darum, wer die Verantwortung für erkrankte Bedürftige übernehmen musste. So kam es auch, dass die Geldfrage ein zunehmend wichtiger Streitpunkt wurde, als mit der einsetzenden Bevölkerungsexplosion gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Herausforderungen bei der Armenversorgung das bestehende System zu überlasten begannen.
Entsprechend schlug das Armengesetz von 1834 eine andere Richtung ein: Armut (und daraus folgend Krankheit) wurde nun grundsätzlich als Resultat von Faulheit und Charakterschwäche betrachtet. Diesem Problem meinte man mit der Errichtung von Arbeitshäusern begegnen zu können. Darüber hinaus wurde Eigenverantwortung verordnet: Wer krank war, musste sich zunächst selbst zu helfen wissen.
In diesen frühen Tagen des Krankenhauswesens und der modernen Medizin war das für die Bedürftigen nicht zwangsläufig ein Nachteil. Es wurde sogar darüber gestritten, ob die schlecht ausgestatteten Krankenhäuser mehr Patienten töteten als heilten. Dennoch war im fortschreitenden 19. Jahrhundert deutlich zu sehen, dass gerade in den aus allen Nähten platzenden Städten eine Lösung gefunden werden musste. Erstmals wurden Rufe nach einem modernen staatlichen Gesundheitswesen laut.





