Der Sieg des Pelagius bei Covadonga 722 wurde später zum Ausgangspunkt der christlichen Rückeroberung erklärt. Während der Herrschaft Francos errichtete man am Ort der Schlacht eine Bronzeskulptur. · Foto: akg-images / Album / AFO
Erste Versuche der christlichen Rückeroberung gab es bereits im 8. Jahrhundert, lange waren dies keine konzertierten Aktionen. Seit dem 11. Jahrhundert machte die zunehmend instabile politische Lage in al-Andalus größere Gebietsgewinne möglich. Die Kirche erklärte das Unterfangen der Christen schließlich zum Kreuzzug.
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Die muslimische Eroberung der Iberischen Halbinsel seit 711 markierte den Beginn einer fast 800-jährigen Periode wechselnder islamischer Herrschaften auf der Iberischen Halbinsel. Doch bereits in den frühen Jahrzehnten formierte sich im gebirgigen Norden Asturiens Widerstand seitens der unterworfenen Christen. Die Schlacht von Covadonga (722), in der ein christliches Aufgebot unter Pelagius (spanisch Pelayo, gest. um 737) ein muslimisches Heer besiegte, gilt als Ausgangspunkt der christlichen Gegenoffensive und wurde im modernen Spanien gern zu einem symbolischen, heldenhaften Akt stilisiert. Das Königreich Asturien, das sich unter Alfons I. (reg. 739–757) und später unter Alfons III. (reg. 866–910) konsolidierte, nutzte in der Folge die geographischen Gegebenheiten des Kantabrischen Gebirges, um sich erfolgreich der muslimischen Oberherrschaft zu entziehen.
Die asturischen Herrscher expandierten ihr Territorium allmählich nach Süden in schwach islamisierte Grenzgebiete des Omaijadenreichs, wobei ihre Motive zunächst weniger religiös als vielmehr politisch und wirtschaftlich geprägt waren. Die Einnahme von Städten wie León (um 853/886), Zamora (893) und später Simancas (899) unter Alfons III. markierte den Übergang von einem Bergreich zu einer Macht, die die Meseta, die zentrale Hochebene der Halbinsel, kontrollierte.
Doch diese Expansion war kein kontinuierlicher Eroberungsfeldzug, sondern ein Wechselspiel aus Vorstößen, Rückzügen und lokalen Bündnissen. Insofern ist der zur Bezeichnung dieses Prozesses traditionell verwendete Begriff der „Reconquista“ (Rückeroberung) irreführend. Die in diesen Jahrhunderten entstehenden christlichen Reiche des Nordens – Asturien, später León, Kastilien, Navarra und die katalanischen Grafschaften – waren verschiedentlich untereinander zerstritten und oft in interne Machtkämpfe verstrickt, was den Herrschern des weitaus mächtigeren Omaijadenreichs Spielraum für Strafaktionen und Gegenangriffe bot.
Religiöse Zuspitzung undKreuzzugsbewegung
Die Taifa-Reiche, die nach dem Zerfall des Kalifats von Córdoba (1031) entstanden, waren zwar kulturell und wirtschaftlich bedeutend, aber politisch oft geschwächt. Taifa-Herrscher, wie Abbad II. al-Mutadid (reg. 1042–1069) von Sevilla oder Ahmad I. al-Muqtadir von Saragossa (reg. 1046–1081), waren untereinander verfeindet und suchten Bündnisse mit christlichen Nachbarn, um ihre eigene Macht zu sichern. Auch dies spielte den Christen in die Hände.
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Kampf zwischen christlichen Rittern und Muslimen: Die Szene aus einem Manuskript der „Cantigas de Santa María“ (13. Jahrhundert) steht sinnbildlich für das jahrhundertelange Ringen um die Iberische Halbinsel. · Foto: Bridgeman Images / Bildarchiv Steffens
In dieser Zeit nahmen Konflikte zwischen al-Andalus und den christlichen Mächten des Nordens eine zunehmend religiöse Dimension an. Die christlichen Expeditionen wurden ideologisch aufgeladen, bereits an der Wende zum 10. Jahrhundert durch die neogotische Idee der Restauration: Die Christen sollten das untergegangene Westgotenreich wiederherstellen. Im 11. Jahrhundert deuteten Dokumente wie die Weiheurkunde der Kathedralen von León (1059) oder Palencia (1059) nun christliche Erfolge als Zeichen einer göttlichen Zeitenwende. Die Muslime wurden dabei zunehmend als religiöse Feinde dargestellt, etwa als „Kinder Hagars“, „Chaldäer“ oder „gottlose Heiden“.
Gleichzeitig begann die Kreuzzugsbewegung, die auch auf der Iberischen Halbinsel ihre Spuren hinterließ. Papst Alexander II. (amt. 1061–1073) unterstützte 1064 mit Ablässen einen Feldzug gegen Barbastro, der als „Protokreuzzug“ – also ein Kreuzzug vor den Kreuzzügen – gilt. Ein Heer aus Westfranken, Normannen, Burgundern und Italienern eroberte die Stadt. Solche Unternehmen zeigen, dass die Iberische Halbinsel von Geistlichen immer öfter als Schauplatz eines heiligen Krieges dargestellt wurde.
Genauso sehr aber waren diese Kämpfe schlicht regionale Konflikte um Ressourcen und Land. Papst Urban II. (amt. 1088–1099) und andere Päpste glichen die Kämpfe in „Hispania“ denen in Palästina an. Diese Gleichsetzung zog im 12. Jahrhundert verschiedentlich ausländische Kreuzfahrer an, die etwa bei der Eroberung Lissabons (1147) oder Tortosas (1148) mitwirkten – oft weniger aus religiösem Eifer als aus Beutegier oder aus dem Wunsch heraus, ihr Kreuzzugsgelübde auf dem Weg nach Jerusalem zu erfüllen.
Die christlichen Könige nutzten die Schwäche muslimischer Herrschaften aus, um durch militärische Druckmittel und diplomatische Manöver ihre Macht zu festigen. König Ferdinand I. von León-Kastilien (reg. 1035–1065) etwa zwang mehrere Taifa-Herrscher, ihm Tribute (parias) zu zahlen, und nutzte die Einnahmen, um seine Herrschaft zu stärken. Sein Sohn Alfons VI. (reg. 1065–1109) setzte diese Politik fort und eroberte 1085 Toledo, was die christliche Grenze weit nach Süden verschob. Die Einnahme Toledos war nicht nur ein militärischer Erfolg, sondern auch ein symbolischer Akt: Die einstige Hauptstadt des Westgotenreichs wurde zum Zentrum der christlichen restauratio – der Wiederherstellung einer vermeintlich verlorenen Ordnung und eines lang untergegangenen Reichs.
Der befestigte Palast von Saragossa aus dem 11. Jahrhundert ist ein Zeugnis der Zeit, als die Stadt über ein eigenes Taifa-Reich herrschte. · Foto: Bridgeman Images / Iberfoto
Doch die Expansion wurde nicht nur von oben gesteuert. Lokale Adlige und städtische Milizen (milicias) trieben die Eroberungen oft aus eigenem Interesse voran. Der berühmte El Cid (Rodrigo Díaz de Vivar, gest. 1099) verkörpert diese Ambivalenz: Als christlicher Krieger diente er sowohl muslimischen Herrschern wie al-Mutamin von Saragossa (gest. 1085) als auch christlichen Königen.
El Cid: ein Held für Christen und Muslime zugleich
Sein Leben zeigt, wie durchlässig die Grenzen zwischen den Lagern waren. Nach seiner Verbannung aus Kastilien eroberte er 1094 Valencia für das Christentum und regierte die Stadt als eigenständiger Herrscher, bis die Almoraviden sie 1102 wieder einnahmen. El Cid wurde später in christlichen und muslimischen Quellen gleichermaßen als Held verehrt – ein Zeichen für die komplexen Beziehungen zwischen den Religionsgemeinschaften.
Die Kirche spielte eine zentrale Rolle bei der ideologischen Legitimierung der Eroberungen. Bischöfe wie Rodrigo Jiménez de Rada von Toledo (um 1170–1247) propagierten die Idee einer göttlich legitimierten Rückeroberung, wenngleich der Begriff der „Reconquista“ erst seit der Neuzeit zur Bezeichnung dieses Prozesses Verwendung fand.
Ritterorden wie die von Calatrava (gegründet 1158), Alcántara (1166) oder Santiago (1170) kombinierten militärische Stärke mit religiösem Sendungsbewusstsein. Sie sicherten nicht nur die Grenzen, sondern waren auch an großen Schlachten beteiligt. Ihr Einfluss war nicht nur spirituell und militärisch: Die Orden entwickelten sich zu mächtigen Grundherren. Der Orden von Santiago etwa kontrollierte im 13. Jahrhundert über 200 Ortschaften und 23 000 Quadratkilometer Land.
Streiter für die Sache der Christen: Die beiden Reliefs am Kreuzgang des Klosters Santa María de la Huerta erinnern an Bischof Rodrigo Jiménez de Rada von Toledo (links) und Alfons VIII. von Kastilien. · Foto: Bridgeman Images / PHAS/UIG
Die christlichen Erfolge provozierten Gegenbewegungen in der muslimischen Welt. Als die Taifa-Herrscher durch die Tribute an ihre christlichen Widersacher wirtschaftlich ausgezehrt und militärisch geschwächt waren, riefen sie die Almoraviden aus Nordafrika zu Hilfe. Diese Imazighen (im Westen traditionell als „Berber“ bezeichnet) landeten 1086 unter Führung des Yusuf ibn Taschfin (gest. 1106) auf der Halbinsel und besiegten die Christen in der Schlacht von Sagrajas (Zallaqa, 1086).
Die Almoraviden unterwarfen bis 1110 alle Taifa-Reiche und führten ein strenges, malikitisch geprägtes Islamverständnis ein. Sie zwangen die Bevölkerung zur strikten Einhaltung der Scharia und verfolgten Andersgläubige – Christen wie Muslime. Die einheimischen andalusischen Eliten dürften die nordafrikanischen Eroberer oft als fremde Unterdrücker empfunden haben.
Trotz ihrer religiösen Rigidität waren die Almoraviden nicht nur Krieger, sondern auch Förderer der Kultur. Sevilla, Córdoba und Granada blieben Zentren der Wissenschaft und Kunst. Wirtschaftlich profitierte ihr Reich vom transsaharischen Handel, insbesondere vom Import subsaharischen Goldes. Die Goldmünze des Almoravidenreiches, der Morabatin bzw. Maravedí, entwickelte sich zur Leitwährung des westlichen Mittelmeerraums.
Doch militärisch gerieten die Almoraviden bald in die Defensive. Die christlichen Königreiche, insbesondere Aragón unter Alfons I., el Batallador (reg. 1104–1134), eroberten wichtige Städte wie Saragossa (1118). Die Schwäche der Almoraviden nutzten auch die Almohaden. Die Anhänger einer noch radikaleren Reformbewegung eroberten 1147 Marrakesch und übernahmen 1172 die Kontrolle über ganz al-Andalus.
Aus der Schlacht von Las Navas de Tolosa am 16. Juli 1212 nahmen die Christen als Beute diesen Teppich mit, der zum Zelt des Almohadenkalifen Muhammad an-Nasir gehört haben soll. · Foto: akg-images / Album / AFO
Dschihad als Motivation zur Gegenoffensive
Die Almohaden schoben, unter Führung von Abd al-Mumin (gest. 1163) und später Abu Yaqub Yusuf I. (gest. 1184), die Grenze zu den christlichen Reichen bis an den Tajo vor. Ihr berühmtester militärischer Erfolg war der Sieg bei Alarcos (1195) über Kastilien. Doch was trieb die Muslime an, gegen die christliche Expansion vorzugehen? Hier kommt der Begriff des Dschihad ins Spiel.
Im Islam bezeichnet der Dschihad zunächst den „Kampf auf dem Weg Gottes“, der sowohl spirituell als auch militärisch verstanden werden kann. Der „große Dschihad“ bezieht sich auf den inneren Kampf des Gläubigen um religiöse Vervollkommnung, während der „kleine Dschihad“ den bewaffneten Kampf gegen die Feinde des Islam bezeichnet. Im Kontext der Iberischen Halbinsel wurde der Dschihad seit dem 11. Jahrhundert zunehmend als bewaffneter Kampf gegen die christlichen Eroberer interpretiert. Die Almoraviden, die Almohaden und später die Nasriden nutzten den Dschihad als ideologische Grundlage, um ihre Anhänger zu mobilisieren.
Anders als bei den christlichen Kriegern ging es den Muslimen auf der Iberischen Halbinsel nicht um die Wiederherstellung eines untergegangenen Reiches oder gar um die Eroberung eines „heiligen Landes“, sondern um die Verteidigung und Rückeroberung verlorener Territorien. Die Almoraviden und Almohaden erlangten zwar zeitweise verlorene Gebiete zurück, doch ihr Hauptziel war nicht die vollständige Eroberung der Halbinsel.
Zugleich gibt es Parallelen: Beide Seiten sahen sich als Kämpfer für ihren Glauben, und beide Seiten nutzten religiöse Motive, um ihre Anhänger zu mobilisieren. Die Almohaden etwa rechtfertigten ihre Feldzüge mit dem Argument, dass sie die „wahren Gläubigen“ gegen die „Ungläubigen“ verteidigten. Verschiedentlich gelang es ihnen und späteren muslimischen Heeren dank dieser Mobilisierungsstrategie in der Tat (wenngleich zeitlich begrenzt), Territorien zurückzugewinnen.
Nach der Einnahme Córdobas wurde die Moschee (mezquita) 1236 in eine Kirche umgewidmet. Erst im 16. Jahrhundert erfolgte der Einbau des Kirchenschiffs in die bestehende Anlage aus muslimischer Zeit. · Foto: akg-images / Jean-Louis Nou
Ein zentraler Unterschied zur christlichen „Reconquista“ war die fehlende Sakralisierung des Landes seitens der Muslime. Während manche christlichen Autoren die iberische Halbinsel als „gelobtes Land“ oder „neues Heiliges Land“ deuteten, gab es auf muslimischer Seite keine vergleichbare Vorstellung von der Iberischen Halbinsel als heiligem Territorium, das unbedingt zurückerobert werden musste. Al-Quds (Jerusalem) hatte für die Muslime eine weitaus größere religiöse Bedeutung als jede Stadt auf der Iberischen Halbinsel. Dennoch wurde der Kampf gegen die Christen als religiöse Pflicht gedeutet und damit legitimiert. In diesem Sinne kann man durchaus von einer islamischen Gegenbewegung sprechen.
Die Nasriden: Blüte und der letzte Widerstand
Am 16. Juli 1212 erlebte das Heer der Almohaden bei Las Navas de Tolosa (im Norden der heutigen Provinz Jaén) eine schwere Niederlage gegen die Christen, und in den folgenden Jahrzehnten erlitten sie gegen die Königreiche Portugal, Kastilien und die Krone von Aragón weitere Gebietsverluste. Nach ihrem Niedergang verblieb (seit 1232) das Nasridenreich von Granada als letzter muslimischer Staat auf der Iberischen Halbinsel. Angeführt von Muhammad I. (gest. 1273) nutzten die Nasriden die gebirgige Topographie Granadas und eine geschickte Diplomatie, um ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Er und seine Nachfolger schlossen immer wieder Bündnisse mit christlichen Mächten, zahlten Tribute und spielten die christlichen Königreiche gegeneinander aus.
Granada entwickelte sich unter den Nasriden zu einem kulturellen Zentrum. Unter Yusuf I. (gest. 1354) und Muhammad V. (gest. 1391) erlebte das Reich sogar eine Phase relativer Stabilität und Prosperität. Doch immer wieder wurde Granada auch von inneren Konflikten geschwächt, etwa durch die Intrigen des mächtigen Klans der Abencerragen. Gleichzeitig mussten die Nasriden wiederholt gegen die Meriniden aus Marokko kämpfen, die zeitweise als Verbündete, zeitweise als Feinde auftraten. Das Königreich Kastilien nutzte diese Schwäche aus. Im 14. Jahrhundert eroberten die Christen wichtige Grenzfestungen wie Algeciras (1344).
Trotz dieser Rückschläge vermochten die Nasriden, ihre Unabhängigkeit bis ins späte 15. Jahrhundert zu bewahren. Dies gelang ihnen durch eine kluge Schaukelpolitik: Sie schlossen Bündnisse mit christlichen Mächten, wenn es ihnen nützlich erschien, und brachen diese wieder, sobald sich die Lage änderte. So unterstützten sie etwa 1264 einen Aufstand der Muslime in den christlichen Gebieten oder besiegten 1319 in der Vega von Granada ein kastilisches Invasionsheer. Die christliche Expansion des Mittelalters war keineswegs eine einzige Erfolgsgeschichte.
Späte Blütezeit: ein Golddinar aus der Zeit der Nasriden (13.–15. Jahrhundert). · Foto: akg-images / Bildarchiv Steffens
In den Gebieten, die unter Kontrolle der christlichen Herrscher fielen, waren die Konsequenzen für die muslimische Bevölkerung dramatisch. Diejenigen, die sich bis zum Ende gewehrt hatten, wurden in die Sklaverei entführt oder vertrieben. Selbst da, wo die Angegriffenen nicht kämpften, sondern aufgaben, waren sie nicht sicher. Kapitulationsverträge (capitulaciones) garantierten zunächst Religionsfreiheit und Eigentumsrechte – etwa in Städten wie Toledo (1085), Valencia (1238) oder Sevilla (1248). Doch wurden diese Zusagen oft gebrochen. Moscheen wurden zu Kirchen umgewandelt, und die Unterdrückung nahm zu.
Nach einem ähnlichen Muster erfolgten der Untergang des Königreichs Granada und die Eroberung der gleichnamigen Hauptstadt durch ein kastilisch-aragonesisches Heer im Jahr 1492. Obwohl der Kapitulationsvertrag den Muslimen Religionsfreiheit garantierte, hielten sich die Christen nicht daran. Die Moschee von Granada wurde in eine Kirche umgewandelt, und viele andalusische Muslime wurden zur Konversion gezwungen. Diejenigen, die sich weigerten, wurden vertrieben oder als Sklaven verkauft.
Nur wenige muslimische Gemeinden harren aus
In manchen Gebieten verblieben hingegen trotz aller Beschwernisse muslimische Gemeinden unter christlicher Herrschaft. Ihre Mitglieder wurden als mudéjares bezeichnet. Islamische Gelehrte diskutierten intensiv die Frage, ob diese Muslime überhaupt unter christlicher Herrschaft leben durften oder ob sie das Land verlassen sollten, und viele Männer und Frauen muslimischen Glaubens gaben in der Tat ihre Heimat auf. Aber bis zum Ende des Mittelalters existierten vor allem im Königreich Valencia sehr lebendige muslimische Gemeinden mit eigenen Amtsträgern und – allerdings stark begrenzten – Rechten bezüglich der Religionsausübung und Gerichtsbarkeit.
1492, kurz nach der christlichen Eroberung Granadas, verfügten Königin Isabella I. von Kastilien (reg. 1474– 1504) und König Ferdinand II. von Aragón (reg. 1479–1516) die Vertreibung aller Juden, die nicht zum Christentum konvertieren wollten. Dies war nicht nur religiös motiviert, sondern auch wirtschaftlich und politisch: Die beiden hatten bei jüdischen Geldgebern hohe Schulden und nutzten die Vertreibung, um diese zu begleichen; zugleich waren sie von der Vorstellung getrieben, religiös einheitliche (christliche) Herrschaftsgebilde zu schaffen.
In dieser Darstellung der Schutzmantelmadonna knien links Ferdinand II. von Aragón und Isabella I. von Kastilien (Gemälde von Diego de la Cruz, 1485). · Foto: akg-images
Gegen die Muslime wurden 1502 (in Kastilien) und 1525 (in Aragón) ähnliche Bestimmungen verfügt. Dies markierte das endgültige Ende der muslimischen Präsenz auf der Iberischen Halbinsel. Selbst die Nachfahren zwangskonvertierter Muslime – die Morisken – wurden 1609/10 des Landes verwiesen.
Das Erbe vonal-Andalus
Trotz der häufigen militärischen Auseinandersetzungen blieb al-Andalus über Jahrhunderte hinweg ein Zentrum der transkulturellen Verflechtung. Bis ins 13. Jahrhundert spielten Mozaraber – Christen, die unter muslimischer Herrschaft lebten und die arabische Sprache übernahmen – wie nach ihnen die Mudejaren unter christlicher Herrschaft eine wichtige Rolle als Vermittler zwischen den Religionsgemeinschaften.
Der Widerstand der Muslime gegen die christliche Expansion war kein dauerhafter Krieg, erst recht kein „Gegenkreuzzug“, sondern ein komplexes Geflecht aus militärischer Abwehr, diplomatischer Schaukelpolitik und religiöser Mobilisierung. Während die Almoraviden und Almohaden zeitweise die Oberhand über christliche Herrschaften erlangten, scheiterten sie langfristig an der zunehmenden demographischen und wirtschaftlichen Übermacht der christlichen Königreiche.
Doch die Geschichte von al-Andalus zeigt auch, dass die Grenzen zwischen den Religionsgemeinschaften durchlässig blieben. Trotz der Konflikte blühten Handel, Wissenschaft und Kunst. Viele Muslime, Christen und Juden lebten jahrhundertelang in einer – wenn auch oft angespannten – Koexistenz. Erst mit dem Ende des Nasridenreichs Granada (1492) und der Vertreibung der nichtchristlichen Bevölkerungsgruppen wurde diese Vielfalt gewaltsam beendet.
Der letzte Emir von Granada, Muhammad XII., verlässt 1492 die Stadt (Relief am Sockel des Hochaltars der Königlichen Kapelle in der Kathedrale von Granada, 1520–1522). · Foto: Bridgeman Images / NPL – DeA Picture Library
Die Errichtung christlicher Einheitsstaaten auf der Iberischen Halbinsel war damit nicht nur ein militärischer, sondern auch ein kultureller und sozialer Umbruch, dessen Folgen bis in die Moderne nachwirken. Denn die Erinnerung an die sogenannte „Reconquista“ wird bis heute politisch instrumentalisiert – sei es von nationalistischen Bewegungen in Spanien oder islamistischen Gruppen, die eine „Rückeroberung“ von al-Andalus fordern.
Doch die Geschichte lehrt, dass die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen auf der Iberischen Halbinsel weitaus komplexer waren als Kampf oder gar ein vermeintliches Ringen zwischen Gut und Böse. Es war ein dynamischer Prozess, der zugleich von Pragmatismus und kulturellem Austausch wie von der schmerzhaften Realität von Eroberung und Vertreibung geprägt war.
Zwangstaufe von Musliminnen nach der Kapitulation von Granada 1492 (Relief am Sockel des Hochaltars der Königlichen Kapelle in der Kathedrale von Granada, 1520–1522). · Foto: akg-images / Album / Kurwenal / Prisma
Prof. Dr. Nikolas Jaspert
lehrt Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg.
Literatur
Nikolas Jaspert, Die Reconquista. Christen und Muslime auf der Iberischen Halbinsel. 711–1492. München 2019.
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