Die dominante Bevölkerungsgruppe im vorislamischen Iberien waren die Westgoten. Dieses Kreuz ist Teil eines Funds von Votivgaben aus dem 7. Jahrhundert. · Foto: Bridgeman Images / Luisa Ricciarini
Wenn es um Visionen geht, wie die Anhänger verschiedener Religionen friedlich miteinander auskommen könnten, wird bis heute immer wieder auf das mittelalterliche al-Andalus verwiesen. Doch wie waren die Verhältnisse damals tatsächlich?
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Al-Andalus gilt als ein einzigartiges Experiment des interreligiösen Zusammenlebens in der mittelalterlichen Welt: ein Raum, in dem Muslime, Juden und Christen über Jahrhunderte hinweg eine gemeinsame Kultur prägten, in dem aber auch eine starke ethnische und sprachliche Diversität herrschte.
Doch hinter dem modernen, romantisierenden Mythos der convivencia – der friedlichen Koexistenz – verbirgt sich eine komplexe Realität aus Kooperation, Machtasymmetrien und gewaltsamen Konflikten, Assimilation, Hybridisierung und Abgrenzungsbestrebungen bei allen beteiligten Gruppen. Insgesamt lässt sich festhalten, dass eine große Spannung zwischen normativen Idealen und deren Verwirklichung im Alltag sowie zwischen politischen, pragmatischen Erwägungen und ideologisch bestimmten Grenzziehungen bestand.
Als die muslimischen Heere im Jahr 711 die Iberische Halbinsel betraten, trafen sie auf eine vielfältige Bevölkerung. Neben den westgotisch-romanischen Christen lebten dort bereits seit der Römerzeit jüdische Gemeinden, die Sepharden (nach dem hebräischen Namen Spaniens: Sepharad). Die Träger der Eroberung waren selbst sehr unterschiedlich: Sie waren nur zu einem kleinen Teil Araber, die meisten waren frisch zum Islam konvertierte Berber – die Amazigh.
Die militärische Inbesitznahme des neuen Territoriums erfolgte zwar innerhalb von wenigen Jahren, die tatsächliche Verwandlung in eine vom Islam geprägte Gesellschaft war hingegen ein langer Prozess, der von lokalen Bündnissen, Widerstand, Migration und Anpassung geprägt war und mindestens zwei Jahrhunderte umfasste.
Szene mit Symbolcharakter: Ein Christ und ein Muslim spielen zusammen auf der Oud. Dieser orientalische Vorläufer der Laute gelangte über al-Andalus nach Europa (Miniatur aus der Liedsammlung „Cantigas de Santa María“ von König Alfons X. von Kastilien und León, 13. Jahrhundert). · Foto: Bridgeman Images / Pictures from History
In den ersten Jahrzehnten nach der Eroberung wurde die soziale und rechtliche Ordnung al-Andalus’ durch eine Mischung aus römischen und westgotischen Verwaltungsstrukturen geprägt, die allmählich an die islamischen Normen angepasst wurden.
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Erste Versuche der christlichen Rückeroberung gab es bereits im 8. Jahrhundert, lange waren dies keine konzertierten Aktionen. Seit dem 11. Jahrhundert machte…
Andere Religionen werden toleriert – unter Auflagen
Gemäß den religiösen Bestimmungen, die in der gesamten islamischen Welt dieser Zeit Anwendung fanden, wurde die nichtmuslimische Mehrheitsbevölkerung – Juden und Christen – unter den dhimmi-Status gestellt. Dieser gewährte ihnen Schutz und begrenzte Rechte, benachteiligte sie aber auch rechtlich und sozial. Als „Schutzbefohlene“, da sie zu den abrahamitischen „Leuten des Buches“ gehörten, durften sie ihren Glauben ausüben und sich autonom verwalten.
Sie unterlagen jedoch durchaus Einschränkungen: So mussten sie eine Kopfsteuer zahlen und durften weder öffentliche Ämter ausüben noch den Kriegsdienst leisten. Gelegentlich kamen noch Kleidungsvorschriften hinzu. Insgesamt gab ihnen dieser Status jedoch die rechtlich gesicherte Möglichkeit, ihren Glauben weiterzuleben.
Die Islamisierung der Bevölkerung erfolgte jedoch bald und nachhaltig. So geht man bereits im 11. Jahrhundert von einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft in al-Andalus aus. Den Quellen zufolge assimilierten sich Christen und Juden stark und übernahmen viele arabische Sitten und Gebräuche. Vor allem die Christen verschwanden allmählich aus der Gesellschaft al-Andalus’, sei es durch Konversion zum Islam oder Auswanderung.
Die Miniaturen des „Escorial-Beatus“, eines Apokalypsekommentars aus dem 10. Jahrhundert, zeigen einen mozarabischen, also arabisch-christlichen, Einfluss. So ist etwa die Darstellung rein zweidimensional gehalten. · Foto: Bridgeman Images / NPL – DeA Picture Library / G. Dagli Orti
Juden erlebten im 10. und 11. Jahrhundert hingegen eine kulturelle Blütezeit: Die neue Ordnung gab ihnen mehr Handlungsspielräume als zuvor unter den Westgoten, und einige von ihnen erreichten sogar hohe Ämter. Zudem zogen Juden aus anderen Ländern auf die Halbinsel, angezogen von den günstigen Bedingungen.
Seit dem 12. Jahrhundert verschärften sich jedoch die interreligiösen Spannungen, viele Nichtmuslime verließen al-Andalus. Seit dem späten 13. Jahrhundert bis 1492 existierte das muslimische Spanien schließlich nur noch in Form des dicht besiedelten und einheitlich muslimischen Königreichs Granada im Süden der Halbinsel.
Nun fand sich religiöse Vielfalt vorwiegend in den Gebieten unter christlicher Herrschaft, sei es in Form von mudéjares (Muslimen unter christlicher Herrschaft), Juden bzw. conversos/marranos (zum Christentum konvertierten Juden) oder moriscos (zum Christentum konvertierten Muslime). Im Folgenden wird der Fokus allein auf die muslimisch beherrschte Zone gerichtet.
In der Praxis des Zusammenlebens der Religionsgemeinschaften unter islamischer Herrschaft wechselten sich Phasen relativer Stabilität und solche stärkerer Konflikte ab. Der Umgang wurde durch politische und soziale Rahmenbedingungen bestimmt. Zu Beginn überwog eine pragmatisch orientierte Toleranz, mit Anwendung des Schutzbefohlenenstatus.
Im „Saal der Könige“ in der Alhambra findet sich ein um 1400 entstandenes Fresko mit ritterlichen Szenen, das auf einen Austausch mit der christlich-höfischen Ideenwelt schließen lässt. · Foto: Bridgeman Images
Instabile Phasen führen zu Fluchtbewegungen
Seit dem 12. Jahrhundert folgte eine Phase ansteigender Intoleranz seitens der Muslime, die sich durch die Expansion der christlichen Königreiche zunehmend bedroht sahen. Die Almohaden (12./13. Jahrhundert) hoben sogar vorübergehend den geschützten dhimmi-Status von Juden und Christen auf. In dieser Phase flohen viele arabisierte Juden in den christlichen Norden oder in den islamischen Osten, wie zum Beispiel Maimonides, während arabisierte Christen bevorzugt in den Norden flohen.
Heilige Kriege, verschärfte Polemik, Ausgrenzung, Zwangsbekehrung und Gewalt dominierten zunehmend die Beziehungen. Vom späten 13. Jahrhundert bis 1492 fand im fast homogen muslimischen Königreich Granada kaum noch ein multikulturelles Zusammenleben statt.
Aufgrund der engen wirtschaftlichen Verflechtungen und politischen Beziehungen mit den benachbarten christlichen Königreichen (Kastilien, Aragón und Süditalien) sowie den muslimischen Königreichen Nordafrikas gab es jedoch starke interkulturelle Einflüsse und Hybridisierungsprozesse. Beispiele hierfür sind ritterturnierähnliche Spiele in Granada, das sogenannte „Juego de Cañas“, bei dem zwei Ritter mit Speeren aus Zuckerrohr aufeinander zuritten, sowie die Bilder in der Sala de los Reyes („Saal der Könige“) in der Alhambra, die Ritterideale verherrlichen.
Diese letzte, vergleichsweise stabile Phase endete im Jahr 1492 mit der christlichen Eroberung Granadas und der Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel. Nach mehreren blutigen Aufständen wurden schließlich im Jahr 1613 auch die moriscos, die zwangskonvertierten Muslime Granadas, gewaltsam vertrieben.
Die Mishneh Torah (Miniatur aus einem um 1351 entstandenen Manuskript) ist ein Hauptwerk des durch die Wissenskultur von al-Andalus geprägten jüdischen Philosophen Maimonides. · Foto: Bridgeman Images
Blütezeit der Judenin al-Andalus
Die sephardische jüdische Gemeinschaft in al-Andalus erlebte eine beispiellose Blütezeit, die sich in sozialer Integration, kultureller Arabisierung und wissenschaftlicher Innovation äußerte. Bereits im 10. Jahrhundert waren die jüdischen Oberschichten stark arabisiert und integrierten auf kreative Weise arabische Konzepte, literarische Genres und Ästhetik.
Das Studium der hebräischen Grammatik, das durch die arabische grammatische Tradition inspiriert war, erlebte einen Höhepunkt, ebenso die mittelhebräische Literatur, die teilweise in arabischen Metren und Formen verfasst wurde.
Im öffentlichen Leben spielten Juden eine herausragende Rolle. Chasday ibn Shaprut (um 915–um 970) war nicht nur ein einflussreicher Arzt am Hof des Kalifen Abd ar-Rahman III. (reg. 912–961), sondern auch maßgeblich an der Übersetzung eines pharmakologischen Traktats des Dioskurides beteiligt, den der byzantinische Kaiser dem Kalifen gesendet hatte. Zugleich war er ein wichtiger Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft und förderte rabbinische Studien.
Noch bekannter ist Samuel ha-Nagid (993– 1056), der als Wesir der Ziriden in Granada nicht nur politische und militärische Ämter bekleidete (was besonders ungewöhnlich war), sondern auch selbst Dichter war und die hebräische Dichtung förderte.
Arabisierte Juden, die in den christlichen Norden geflohen waren, übersetzten hier auch die arabische Fabelsammlung „Kalila wa Dimna“ (Miniatur zur Fabel „Die Krähen und die Eulen“, 13. Jahrhundert). · Foto: Bridgeman Images / PVDE. All rights reserved 2026
Die Blütezeit der Sepharden erreichte ihren Höhepunkt mit Maimonides (gest. 1204), der wie kein anderer die Synthese von jüdischem und arabischem Denken verkörperte. Er wurde in Córdoba geboren, musste vor den Almohaden fliehen und fand schließlich in Ägypten eine neue Heimat, wo er zum geistlichen Oberhaupt der jüdischen Gemeinde und zum Hofarzt des Wesirs von Sultan Saladin wurde.
Seine Schriften spiegeln diese typische kulturelle Hybridität der Juden aus al-Andalus wider: Während er auf Arabisch philosophische Schriften wie den „Führer der Unschlüssigen“ verfasste, in denen er jüdische Theologie mit aristotelischer Philosophie verband, reservierte er das Hebräische für seine religiösen Werke, etwa die Mishneh Torah („Wiederholung der Tora“). Dieses Werk ist eine systematische Zusammenfassung des jüdischen Rechts und sollte es jedem Juden ermöglichen, die „Halacha“ zu verstehen, ohne den Talmud studieren zu müssen.
Doch die goldene Zeit der Sepharden endete gewaltsam. Das Pogrom von Granada 1066, bei dem zahlreiche Juden und der jüdische Wesir getötet wurden, markierte einen ersten Einschnitt. Noch verheerender war die restriktive Politik der Almohaden im 12./13. Jahrhundert: Viele arabisierte Juden flohen in christliche Gebiete wie Kastilien oder die Provence oder in andere islamische Gebiete.
Als zweisprachige Akteure spielten sie außerhalb von al-Andalus jedoch eine nachhaltige Rolle in der Vermittlung arabischer Kultur an den europäischen Westen. So waren arabischsprachige Juden maßgeblich an der Übersetzung arabischer philosophischer und wissenschaftlicher Texte ins Lateinische und Kastilische beteiligt (Übersetzerschule von Toledo). Sie übersetzten auch viele arabische Erzählstoffe wie das Fabelbuch „Kalila wa Dimna“ ins Hebräische, das durch lateinische Übersetzungen Eingang in die europäische Literatur fand.
Eingang zur mihrab, der Gebetsnische in der mezquita in Córdoba. Im Auftrag von Emir al-Hakam II. arbeiteten daran seit 961 auch byzantinische Mosaikkünstler. · Foto: akg-images / Manuel Cohen
Die Situation der christlichen Bevölkerung in al-Andalus – der Mozaraber („Arabisierten“) – war von größerer Ambivalenz gegenüber den Muslimen geprägt. Einerseits standen sie vor der Herausforderung, ihre Identität in einer muslimisch dominierten Gesellschaft zu bewahren.
Offenbar passten sich viele schnell an und nahmen das Arabische als Alltagssprache an, zunehmend auch als Bildungssprache. Das Lateinische verschwand allmählich, da die Kirchenstrukturen und das Bildungssystem zusammenbrachen. Bald wurden sogar das Kirchenrecht und die Chroniken auf Arabisch verfasst.
Nicht immer verläuft die Assimilation reibungslos
Die kulturelle Anpassung ging so weit, dass Mozaraber wie Johannes Hispalensis später als Übersetzer arabischer Texte ins Lateinische fungierten und so das Wissen der Antike nach Europa vermittelten. Andererseits riefen diese Assimilationsprozesse aber auch Widerstand hervor, es gab immer wieder Aufstände. In der sogenannten Märtyrerbewegung von Córdoba (850– 860) suchten etwa 50 Christen das freiwillige Martyrium durch Beleidigung des Islam, was von den Laientheologen Paulus Alvarus und Eulogius dokumentiert wurde.
Seit dem 10. Jahrhundert setzte eine zunehmende Auswanderung in den Norden ein, oder sie konvertierten. Dieser Prozess verlief jedoch nicht überall gleich. So gibt es beispielsweise auch Hinweise auf ein relativ langes Überleben kleiner, isolierter christlicher Gemeinschaften in Córdoba. Festzuhalten bleibt, dass die Mozaraber relativ schnell aus den arabischen Quellen verschwinden.
Der Gebäudekomplex der Alhambra (arabisch al-hamra, „die Rote“) aus der Zeit der Nasriden (vorne links) wird heute überragt von dem Palast im Stil der Renaissance, den Karl V. nach 1526 in die bestehende Anlage hineinbauen ließ. · Foto: mauritius images / Rupert Oberhäuser
Dies steht in auffälligem Kontrast zu den christlichen Gemeinschaften (Kopten, Syrern, Assyrern) im islamischen Osten, die bis heute überlebt haben. Im christlichen Norden sind Mozaraber hingegen noch als eigene christliche Identität länger fassbar – sie folgten einem eigenen Ritus, pflegten eigene Bräuche und dienten als arabisierte Christen oft als Übersetzer.
Vergleicht man die beiden Gemeinschaften der Sepharden und der Mozaraber, dürfte diese Divergenz vor allem auf ihre unterschiedlichen machtpolitischen Positionen zurückzuführen sein. Während Juden keine politischen Schutzmächte mobilisieren konnten, sodass der Anpassungsdruck vergleichsweise hoch war und eine Arabisierung unter einem rechtlich gesicherten Duldungsregime sehr attraktiv erschien, hatten Christen immer auch die Option, in den christlichen Norden zu fliehen oder alternativ auf christliche Schutzmächte zu hoffen und damit Druck auszuüben. Dies wiederum setzte sie dem Verdacht der Muslime aus, sie könnten eine „fünfte Kolonne“ darstellen.
Das lange Zusammenleben der Kulturen auf iberischem Boden führte zu einer einzigartigen Mischkultur. Diese Hybridisierung zeigte sich in fast allen Lebensbereichen – von der Architektur und Sprache bis hin zur Wissenschaft – und prägte das Zusammenleben der sogenannten „drei Kulturen“: Muslime, Christen und Juden.
Eine Moschee wird zur Kathedrale
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die Mezquita-Catedral von Córdoba. Das ursprünglich unter den Omaijaden (8./10. Jahrhundert) in mehreren Phasen als Moschee erbaute Gebäude vereint lokale Elemente, wie die charakteristischen, zweifarbigen Hufeisenbögen (vermutlich von westgotischen Modellen beeinflusst), antike römische Spolien und eine typisch islamische Gebetsnische (mihrab), die mit byzantinischen Goldmosaiken verziert wurde und einzigartige kalligraphische Verzierungen durch Koranzitate enthält, mit späteren christlichen Ergänzungen. So wurde die Moschee nach der Reconquista in eine Kirche umgewandelt und erhielt unter anderem eine Kapelle im mudéjar-Stil (1371) sowie einen barocken Chor und Hochaltar (1618–1628).
König Alfons X. ließ an der Übersetzerschule von Toledo wissenschaftliche Werke ins Kastilische übertragen. Hier eine Seite aus einem Buch über Astronomie (13. Jahrhundert). · Foto: Bridgeman Images / Iberfoto
Ähnlich verhält es sich mit der Alhambra in Granada: Die maurischen Paläste zeigen eine perfekte Harmonie zwischen islamischer Geometrie, maurisch-berberischen Elementen wie dem „Honigwaben“-Motiv und poetischer Kalligraphie – die Wände sind mit arabischer Poesie verziert – sowie Gärten, die das Paradies symbolisieren.
Im Jahr 1526 beauftragte schließlich Kaiser Karl V. den Bau eines Palasts inmitten der Alhambra. Er ist ein herausragendes Beispiel für die Architektur der Hochrenaissance und symbolisiert die Macht des neu entstandenen christlichen Imperiums.
Auch in der Sprache hinterließ al-Andalus tiefe Spuren. Noch heute finden sich im Spanischen und Portugiesischen zahlreiche arabische Lehnwörter, zum Beispiel azúcar („Zucker“, von arabisch sukkar), alcalde („Bürgermeister“, von al-qadi, „Richter“) oder ojalá („hoffentlich“, von in sha‘ Allah, „so Gott will“).
Besonders bemerkenswert sind die jarchas: kurze Gedichtfragmente in mozarabischer Sprache, die am Ende arabischer oder hebräischer Gedichte standen. Sie gelten als die ältesten erhaltenen Texte in einer romanischen Sprache auf der Iberischen Halbinsel. Sie zeigen, wie eng die literarischen Traditionen miteinander verwoben waren.
Die Rebab ist ein einfaches Streichinstrument mit zwei Saiten, das über al-Andalus auch im übrigen Europa bekannt wurde. Dieses Modell stammt aus dem 19. Jahrhundert. · Foto: mauritius images / Artotop, Penta Springs Limited / Alamy / Alamy Stock Photos
Die Wissenschaft und Philosophie erlebten in al-Andalus eine Blütezeit. Städte wie Córdoba, Toledo und Sevilla wurden zu Zentren des Wissens, in denen Gelehrte unterschiedlicher Religionen zusammenarbeiteten (siehe Artikel Seite 34).
Seit dem 12. Jahrhundert spielte dann die sogenannte Übersetzerschule von Toledo unter kastilischer Herrschaft eine zentrale Rolle: Hier wurden antike griechische Texte in arabischer Übersetzung (zum Beispiel von Aristoteles oder Ptolemaios) sowie originale arabische und persische Werke ins Lateinische und Romanische übersetzt.
Fortschritt in vielen Bereichen der Wissenschaft
Ohne die Mithilfe von Mozarabern und Sepharden wäre diese Übertragung kaum möglich gewesen. Denker wie Averroes (Ibn Ruschd), dessen Kommentare zu Aristoteles die europäische Scholastik beeinflussten, oder der bereits erwähnte Maimonides, ein jüdischer Philosoph und Arzt, verkörpern diesen geistigen Austausch. Auch in der Medizin, Astronomie und Mathematik – etwa durch die Einführung des indisch-arabischen Zahlensystems – setzte al-Andalus Maßstäbe für Europa.
Auch die Musik profitierte von dieser kulturellen Durchmischung. Instrumente wie die Laute (Oud) oder die Rebab (eine Art Streichinstrument) gelangten über die arabische Welt nach Europa. Musikstile wie der zajal, eine Form der gesungenen Dichtung in umgangssprachlichem Arabisch, weisen Parallelen zur romanischen Lyrik auf.
Ein Wasserrad (noria) aus muslimischer Zeit am Guadalquivir bei Córdoba. Mit solchen Anlagen konnten Bewässerungskanäle befüllt werden. · Foto: Bridgeman Images
Zudem führten die Muslime neue Anbaumethoden, wie die Bewässerung durch acequias (Bewässerungskanäle) und norias (Wasserräder), ein. Auch Pflanzen wie Orangen, Zitronen, Baumwolle, Auberginen, Aprikosen, Reis und Zuckerrohr gehen auf die muslimische Zeit zurück. All dies veränderte das landwirtschaftliche Bild Spaniens und längerfristig Europas nachhaltig.
Al-Andalus war kein idyllisches Utopia der convivencia, sondern ein komplexes Geflecht aus Koexistenz, Konflikt und kultureller Bereicherung. Die Realität war geprägt von Machtasymmetrien, pragmatischer Toleranz sowie gewaltsamen Brüchen, die sich je nach politischer Lage verschärften oder abmilderten. Dennoch entstand in dieser Region eine einzigartige Hybridkultur, die bis heute in Sprache, Architektur, Wissenschaft und Alltagskultur nachwirkt.
Prof. Dr. Isabel Toral
ist Direktorin der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies (BGSMCS) an der Freien Universität Berlin.
Literatur
María Rosa Menocal, Die Palme im Westen. Muslime, Juden und Christen im alten Andalusien. Berlin 2003.
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