Die Szene soll den letzten westgotischen König Roderich (links) und den muslimischen Heerführer Tariq ibn Ziyad zeigen (Miniatur aus den „Semblanzas de reyes“, 15. Jahrhundert). · Foto: akg-images / Heritage Images / Index
Seit dem Jahr 711 eroberten Muslime die bis dahin weitgehend in westgotischer Hand befindliche Iberische Halbinsel. Die politischen Verbindungen zum Nahen Osten waren zunächst noch eng, doch nach und nach erlangten die Herrscher in al-Andalus mehr Selbstständigkeit – bis hin zum eigenen Kalifat.
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Man kann auf sehr unterschiedliche Weise über al-Andalus schreiben: als Ort sich konträr gegenüberstehender Kulturen und Religionen, einer europäischen und einer nahöstlichen, als Schauplatz des Kampfes zwischen Christen und Muslimen, als Siegeszug des lateinischen Christentums und europäischen Königtums (Stichwort „Reconquista“) oder als Land religiöser Toleranz und interkulturellen Zusammenlebens (convivencia).
Doch ist dies alles interessengeleitete Geschichtsschreibung, der ich mich nicht anschließen möchte. Ich folge vielmehr dem Mittelalterhistoriker Brian A. Catlos, der die Geschichte von al-Andalus als Zusammenspiel unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen erzählt: Dort lebten syrisch-muslimische Araber, nordafrikanische Berber, romanisierte Hispanier, katholische Westgoten, einheimische Grafen und Könige, zum Islam konvertierte iberische Adlige, arabisierte Christen und Juden sowie importierte Sklaven aus Afrika und Osteuropa.
Von all diesen Gruppen wird im Folgenden die Rede sein, ebenso wie von ihren gemeinsamen bzw. divergierenden politischen, wirtschaftlichen und religiösen Interessen, die zu Kriegen, Reichsbildungen, kulturellen Blütephasen und Zeiten des Niedergangs führten. Nur wenn wir dem häufig anzutreffenden binären Bild eine komplexe, akteursbezogene Darstellung entgegensetzen, kommen wir dem historischen al-Andalus auf die Spur.
Der markante Felsen von Gibraltar ist nur etwas mehr als 30 Kilometer von Nordafrika entfernt. Hier landete im Jahr 711 Tariq ibn Ziyad. Sein Beutezug ins westgotische Iberien sollte zur Geburtsstunde des späteren muslimischen al-Andalus werden. · Foto: Bridgeman Images / Nathan Benn / GEO Image Collection
Al-Andalus (von gotisch landa-hlauts, „das Los über ein Stück Land“), das Teile des heutigen Spaniens und Portugals umfasste, ist so eng mit den muslimischen Herrschaften des Nahen Ostens verbunden, dass es ohne Kenntnis derselben nicht vollständig zu verstehen ist. Schon die Eroberung Nordafrikas geht auf den Gouverneur des in Damaskus residierenden Kalifen al-Walid I. (reg. 705–715) namens Musa ibn Nusair (um 640–716) zurück. Dieser hatte einen vermutlich berberischen Klienten, Tariq ibn Ziyad (um 670–720), den er zum Untergouverneur von Tanger machte. Auf eigene Initiative hin überquerte Tariq mehrmals mit seinen jüngst zum Islam konvertierten, berberischen Gefolgsleuten die Straße von Gibraltar, um im westgotischen Hispanien Beute zu machen. Anfangs wurde er zurückgeschlagen, erst im April 711 war er siegreich.
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Dieses herantastende Vorgehen war typisch für die muslimische Expansion, es war sogar bedeutsamer als der religiöse Antrieb der Soldaten und sollte die arabisch-berberischen (früher: maurischen) Truppen noch bis ins südliche Gallien bringen. Die Iberische Halbinsel wurde im frühen 7. Jahrhundert von westgotischen Adelsfamilien mit regionalen Machtbasen beherrscht, die miteinander um den Königsthron stritten. Als der junge Militärführer (dux) Roderich nach einem Interregnum 710 den Thron an sich riss, führte dies zu internem Widerstand und damit zu einer Schwächung der Herrschaft, die Tariq ibn Ziyad auszunutzen wusste.
Im April 711 landete er mit mehreren Tausend Soldaten leichter Kavallerie und Infanterie bei dem bedeutenden Felsen, der später seinen Namen tragen sollte: Gibraltar (von gebel Tariq, „Der Berg des Tariq“). Die Schiffe für die Überfahrt hatte ihm der Gouverneur von Ceuta, Julian, zur Verfügung gestellt, der Tariqs Schlagkraft zum eigenen Nutzen gegen die Westgoten einsetzen wollte. Doch Tariq war zu erfolgreich. In nur einer Schlacht östlich von Cadiz schlug er im Juli 711 das Heer der Westgoten, tötete Roderich und wandte sich gen Norden, ohne dass die anderen Adelsfamilien und die einheimische Bevölkerung großen Widerstand leisteten. Ganz im Gegenteil, einige unterstützten ihn sogar.
Anfang des 8. Jahrhunderts ließ der Omaijadenkalif al-Walid I. in Damaskus eine byzantinische Kirche zur Moschee umbauen. Die Stadt war das Machtzentrum seines wachsenden Reichs. · Foto: Bridgeman Images
Als im nächsten Jahr auch Musa ibn Nusair mit Verstärkung nach Hispanien übersetzte, gelang es Tariq und Musa, bis 714 das Zentrum der Halbinsel zu erobern, bis 716 die Städte an der Südseite der Pyrenäen zumeist durch Unterwerfungsverträge einzunehmen und 718 in das westgotische Südfrankreich bzw. bis an die Rhone vorzustoßen.
Erst im Herzogtum Aquitanien, das Teil des merowingischen Frankenreichs war, genauer in der Nähe von Toulouse, erlitten die arabisch-berberischen Heere im selben Jahr eine Niederlage durch Herzog Odo (Eudes). So kam binnen weniger Jahre beinahe die gesamte Iberische Halbinsel unter eine laxe muslimische Herrschaft, namentlich unter die des Abd al-Aziz (gest. 716), eines Sohnes Musas, der gleich den ersten Zensus zur besseren Steuererhebung durchführen ließ. Wie eine zweisprachige lateinisch-arabische Münze belegt, wurde das beherrschte Land spätestens seit 715 al-Andalus genannt.
Sevilla wird zur erstenHauptstadt von al-Andalus
Abd al-Aziz und die kleine herrschende Schicht der Araber ließen sich in der neuen Hauptstadt Sevilla nieder, den mehrheitlich berberischen Soldaten und ihren mitziehenden Familien wurde freies Acker- und Weideland zugewiesen. So wurden aus Eroberern Siedler und aus dem jungen Islam eine neue lokale Religion.
Karl Martell und sein Verbündeter, der Herzog von Roussillon, kämpfen gegen „Sarazenen“, wie die Muslime auch genannt wurden (Miniatur aus der „Histoire de Charles Martel“, 1463/1472). · Foto: akg-images / Heritage Images / Heritage Art
Abd al-Aziz und die nachfolgenden muslimischen Herrscher über al-Andalus übten ihre Herrschaft auf eine ganz pragmatische Weise aus: Man schloss Tributverträge mit lokalen Granden, man band Einheimische als Klienten an sich und heiratete in die indigenen Familien ein (eine Ehe zwischen einem Muslim und einer Christin oder Jüdin galt nach dem islamischen Recht als gestattet, die Kinder mussten aber Muslime werden), man setzte finanzielle und soziale Anreize zur Konversion, übte aber keine Zwangsbekehrungen aus, und man versuchte nicht zuletzt, die Beutezüge weiterzutreiben und aufkeimenden Widerstand gegen die fremden Herren zu brechen.
Ein Beutezug führte den späteren Gouverneur Abd ar-Rahman al-Rafiqi im Jahre 732 nach Bordeaux, das geplündert wurde, und beinahe zur reichen Abtei Saint-Martin in Tours, das heißt tief in merowingisches Territorium. Der fränkische Hausmeier Karl und Herzog Odo stellten sich 80 Kilometer südlich von Tours (und nördlich von Poitiers) al-Rafiqis Heer entgegen, besiegten es vollständig und töteten dessen Anführer. Karl wurde fortan Martellus („der Hammer“) genannt.
Die muslimischen Truppen beherrschten aber noch mehrere Jahre den Süden Galliens, unterstützt von christlichen Verbündeten, die sich der Franken erwehren wollten. Wie bei Tariqs Einfall in Hispanien haben wir es hier mit einem (diesmal abgewehrten) Raubzug zu tun und nicht mit einem Feldzug zur Eroberung Europas oder gar einem Kampf zwischen Christentum und Islam, zu dem ihn spätere europäische Historiographen machten.
Eine 767/68 in Córdoba geprägte Münze von Abd ar-Rahman I. Die Inschrift lautet unter anderem: „Dieser Dirham wurde in al-Andalus geprägt.“ · Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Münzkabinett /Lutz-Jürgen Lübke (Lübke und Wiedemann)
Auch Widerstand gegen die neue muslimische Herrschaft brach sich schon wenige Jahre nach deren Etablierung Bahn. Nicht nur hatten einige Berber (es ist wertfreier, sie Amazigh zu nennen, die sich aus Sanhadscha- oder Zanata-Völkern zusammensetzten) Vorbehalte gegen die aristokratischen Araber und deren ungleiche Aufteilung der Beute, sondern auch einige der verbliebenen westgotischen Herren sponnen Intrigen. Darüber hinaus regte sich im Nordosten und an der Atlantikküste auch schon früh militärischer Widerstand.
Am historisch wirkmächtigsten wurde ein westgotischer Krieger namens Pelagius (spanisch Pelayo), der um 718 die Tributzahlungen an die muslimischen Herrscher verweigerte, im Gebirgstal von Covadonga erfolgreich eine muslimische Strafexpedition besiegte und sich anschließend zum Herrscher eines kleinen unabhängigen Reiches machte, aus dem einige Jahrzehnte später Asturien hervorgehen sollte (siehe Artikel Seite 38).
Das muslimische Territorium verändert seine Grenzen ständig
Al-Andalus war also alles andere als eine geeinte Herrschaft mit festen Grenzen, sondern veränderte seine territoriale Ausdehnung häufig in Abhängigkeit von den politischen Entwicklungen und blieb entlang ethnischer, familiärer und religiöser Bruchlinien zersplittert. Zwar war die religiöse Zugehörigkeit im Mittelalter in vielen Fällen das wichtigste Merkmal, mit dessen Hilfe sich die Menschen identifizierten. Auch die neuen Herrscher über al-Andalus sahen sich entsprechend als sunnitische Muslime (zumeist malikitischer Prägung) und folgten dem Kalifen in Damaskus (später in Bagdad) als höchste religiöse Autorität.
Auf den Ereignissen rund um die militärische Intervention Karls des Großen 785 in Nordspanien beruht das später entstandene Rolandslied. Hier trauert der König um den legendären Ritter (Miniatur, 14. Jahrhundert). · Foto: akg-images / British Library
Wir können also zurecht von einer muslimischen Herrschaft bzw. von dem „islamischen Iberien“ sprechen. Doch zeigen schon die wenigen hier genannten Beispiele, dass es für die Menschen dieser Zeit ebenso wichtig war, zu welcher ethnischen Gruppe oder welchem Stamm sie gehörten, ob sie Bewohner von Städten oder Bauern waren und ob sie reich oder arm waren.
Diese gesellschaftliche Gesamtlage erbte ein Großneffe des omaijadischen Kalifen al-Walid I. Nachdem beinahe seine gesamte Familie in Syrien von der an die Macht strebenden Abbasidenfamilie vernichtet worden war, floh er nach al-Andalus, fand dort als neuer Herrscher Abd ar-Rahman I. (reg. 756–788) Anerkennung und etablierte die knapp 300-jährige Herrschaft der Omaijadendynastie (756–1031).
Man kann deren Geschichte sowie die politische Entwicklung von einem Emirat hin zu einem Kalifat sehr gut anhand dreier ihrer Vertreter veranschaulichen, die alle Abd ar-Rahman („Diener des barmherzigen Gottes“) hießen. Die ersten beiden waren Emire (amir, General und Monarch unter Anerkennung der kalifalen religiösen Autorität), während Abd ar-Rahman III. selbst den Kalifentitel (amir al-muminin, „Befehlshaber der Gläubigen“) annahm und sich damit formell auf die gleiche Stufe stellte wie die (Haupt-)Kalifen von Bagdad.
In strategisch günstiger Lage wurde 965 unter Kalif al-Hakam II. mit dem Bau der Burg von Gormaz (rund 150 Kilometer nordöstlich von Madrid) begonnen. · Foto: akg-images / Album / Prisma
Abd ar-Rahman I., mit dem Beinamen „der Zugezogene“ (ad-dachil), war nur mit einer Handvoll Getreuen nach al-Andalus gekommen, konnte sich aber auf die Macht einiger syrischer Araber, deren niedergelassener Klienten und eines Teils der Berber stützen. Allerdings musste er sich gleichzeitig 756 bei Córdoba gegen andere Araber militärisch durchsetzen. Damit war seine Herrschaft zwar etabliert, aber nicht gefestigt.
In den folgenden Jahrzehnten erhoben sich zahlreiche Berber, Araber, einheimische Familien und Städte gegen seine Versuche, die Kontrolle der omaijadischen Zentrale auszudehnen. Einige katalonische Städte riefen sogar den Frankenkönig Karl den Großen (seit 768 König, Kaiser 800–814) zu Hilfe, der später im Nordosten der Iberischen Halbinsel die sogenannte Spanische Mark einrichtete und das Gebiet der omaijadischen Kontrolle entzog.
Neue administrative Aufteilung in Provinzen mit Gouverneuren
Dennoch gelang es Abd ar-Rahman I., seinen Söhnen und anderen Unterstützern, während seiner 26 Jahre auf dem Thron das Fundament für eine geeinte muslimische Herrschaft im mehrheitlich von Christen bewohnten al-Andalus zu legen, auf das seine Nachfolger aufbauten. So wurde al-Andalus administrativ in zahlreiche Provinzen aufgeteilt, denen jeweils ein Gouverneur und ein Steueragent vorstanden. Sitz der Zentralverwaltung und des Emirs war Córdoba.
Eines der berühmtesten Bauwerke von al-Andalus ist die mezquita (Moschee) von Córdoba. Baubeginn war 785, mehrmals folgten Erweiterungen. Hier die markanten mehrfarbigen Hufeisenbögen. · Foto: Bridgeman Images / Iberfoto
Jede Provinz hatte eine Hauptstadt und war in kleinere Bezirke unterteilt, die wiederum aus steuerpflichtigen Städten, Ortschaften oder Burgen bestanden. Die Steuerämter wurden anfangs von den zugezogenen Arabern und deren Klienten bekleidet, seit dem 9. Jahrhundert übernahmen sie konvertierte Einheimische.
Beginn umfangreicher Bautätigkeiten
Die voromaijadischen Gouverneure von al-Andalus hatten in den Provinzen nur wenige Bauwerke und auch wenige Moscheen errichten lassen. Abd ar-Rahman I. begann nun, die hispanische Stadt Córdoba in das arabisch-islamische Qurtuba umzubauen: Er ließ einen Palast und eine große Freitagsmoschee aus halbkreisförmigen Hufeisenbögen errichten, die von seinem Sohn und Nachfolger vollendet wurde und bis heute zu den beeindruckendsten Moscheebauten der Welt zählt.
Als Abd ar-Rahman II. (reg. 822–852), der Urenkel Abd ar-Rahmans I., als vierter omaijadischer Emir von Córdoba an die Macht kam, war al-Andalus kein Flickenteppich lokaler Mächtiger mehr, sondern ein geordnetes Reich mit drei großen Grenzregionen: Die obere verlief entlang des Ebro und südlich der Pyrenäen, die mittlere nördlich von Toledo mit dem Duero als Grenze und die untere nördlich von Merida entlang des Tajo bis an die portugiesische Atlantikküste (Lissabon und Coimbra lagen noch in al-Andalus).
Am Hof der Kalifen traten auch Sänger auf (Miniatur aus einem in al-Andalus gefertigten Manuskript der „Geschichte von Bayad und Riyad“, 13. Jahrhundert). · Foto: akg-images / Pictures From History
Freiwillige Konversionen zum Islam und die Übernahme arabischer Sitten und Moden veränderten zudem die gesellschaftliche Landschaft von al-Andalus, die auch durch immer mehr Moscheen geprägt war. Abd ar-Rahman II. etwa ließ in Sevilla und Saragossa Freitagsmoscheen errichten. So wurde al-Andalus um die Mitte des 9. Jahrhunderts mehrheitlich arabisch und muslimisch.
Doch führte auch Abd ar-Rahman II. regelmäßig und persönlich Krieg, etwa gegen revoltierende Städte (etwa Merida und Toledo) sowie gegen das Königreich Asturien (846), das sich immer mehr der Ideologie der Wiederherstellung eines geeinten Spanien durch („Rück-“)Eroberung verpflichtete. Abd ar-Rahman II. wollte Asturien jedoch nie erobern, sondern durch gezielte Schläge schwächen und destabilisieren.
Zur Abwehr von einfallenden Wikingern im Jahr 844 etablierte er zudem eine Kriegsflotte, welche die Häfen Septimaniens und der Provence heimsuchte und wenige Jahrzehnte später (903) Mallorca und Menorca einnahm. Im kulturellen Bereich orientierte sich Abd ar-Rahman II. an den abbasidischen Kalifen in Bagdad, das zu dieser Zeit seine glänzendsten Jahre hatte. Neben der Förderung von islamischen Wissenschaften, schöngeistiger Literatur und arabischer Dichtung überzeugte Abd ar-Rahman II. den berühmten abbasidischen Sänger Ziryab („die Amsel“), an seinem Hof zu wirken.
Die großzügige Palastanlage Madinat az-Zahra bei Córdoba wurde im 11. Jahrhundert zerstört. Die Ruinen lassen die einstige Pracht erahnen. · Foto: Bridgeman Images / Tarker
Wie die Kalifen von Bagdad kaufte er eine große Zahl Sklaven aus Osteuropa, die nach einer sprachlichen, kulturellen und religiösen Ausbildung im Palast als Eunuchen und in der Provinzialverwaltung als Sekretäre tätig waren. Diese Leute, ohne die eine effektive Herrschaft nicht möglich war, wurden in Gold und Silber entlohnt. Damit wies al-Andalus eine gewisse soziale Mobilität auf und war gleichzeitig von einer landesweiten Geldwirtschaft geprägt, die sich deutlich von der fränkischen und christlich-iberischen Subsistenzwirtschaft mit ihren Leibeigenen abhob.
Mit Abd ar-Rahman III. (reg. 912–961), dem achten omaijadischen Herrscher und selbsternannten Kalifen mit dem Thronnamen an-Nasir li-Din Allah („derjenige, der die Religion Gottes zum Sieg führt“), wurde al-Andalus zu einem der großen Player im westlichen Mittelmeerraum. Durch Thronfolgekämpfe geschwächt kamen beispielsweise die Königreiche León und Navarra unter die temporäre Kontrolle Abd ar-Rahmans.
Zudem bezwang er systematisch die rebellierenden Städte Sevilla, Merida, Valencia und Saragossa und nutzte die Ideologie des Dschihad, des Kampfs gegen Andersgläubige, als politisches Instrument. Mallorca und Menorca wurden vollständig unterworfen, Ceuta besetzt, Marokko (und der dortige subsaharische Goldhandel) unter omaijadische Kontrolle gebracht und die aufstrebenden schiitischen Fatimiden in Nordafrika bekämpft.
In der Anlage von Madinat az-Zahra gefundene Elfenbeindose (Pyxis) aus der Regierungszeit von Abd ar-Rahman III. · Foto: akg-images / Album / AFO
Unbeugsame Einheimische, aber auch muslimische Familien wurden durch berberische Clans ersetzt, die Armee durch freigelassene Kriegssklaven und berberische Söldner ausgetauscht. Abd ar-Rahmans Ziel war es, seine Herrschaft allein durch loyale Personen abzusichern.
Erweiterung der Moschee in Córdoba
Wie auch bedeutende Kalifen vor ihm ließ er eigens eine Palaststadt in der Nähe von Córdoba errichten: Madinat az-Zahra („die Palaststadt der Leuchtenden“), eines der Highlights der noch erhaltenen omaijadischen Baukultur. Da die Einwohnerzahl Córdobas explodierte und da im Lauf des 10. Jahrhunderts mehrheitlich Muslime in al-Andalus lebten, musste auch die berühmte Freitagsmoschee Córdobas erweitert werden.
Die landwirtschaftliche und handwerkliche Produktion stieg stark an, die kalifale Verwaltung war recht effektiv, sodass es zu einer ökonomischen und kulturellen Blüte unter Abd ar-Rahman III. kam.
Die Kriegszüge des al-Mansur blieben lange im Gedächtnis der lateinischenAutoren. Diese Miniatur aus den „Chroniques de France“ (um 1325/1350) legt ihm die Erstürmung und Schändung der Jakobskirche von Compostela zulasten. · Foto: akg-images / British Library
Die verbliebenen Christen hatten sich mit der muslimischen Herrschaft gut arrangiert und gesellschaftlich akkulturiert, was dazu führte, dass sie eine eigene Gruppenbezeichnung erhielten: Mozaraber (mustarab, „einer, der sich als Araber gibt“). Zudem entwickelte sich eine jüdisch-sephardische Kultur in al-Andalus, die insbesondere von Chasdai ibn Schaprut (um 915–um 970), dem jüdischen Leibarzt Abd ar-Rahmans, gefördert wurde.
Sowohl Christen als auch Juden galten nach malikitisch-islamischem Recht als untergeordnete Schutzbefohlene (dhimmis) mit zahlreichen Freiheiten und der Pflicht, die Kopfsteuer (dschizya) zu entrichten. In höfischen Kreisen und bei der intellektuellen Elite dieser Zeit waren die Gebildeten unter ihnen jedoch als gleichwertig anerkannt. Auch einzelne Frauen konnten, eine gute Ausbildung vorausgesetzt, einflussreiche Positionen einnehmen. Wenn al-Andalus idealisiert wird, wird trotz der anhaltenden militärischen Gewalt gerne die Zeit Abd ar-Rahmans III. als Grundlage genommen.
Während der Sohn und Nachfolger Abd ar-Rahmans, al-Hakam II. (reg. 961–976), die Macht der omaijadischen Kalifen halten konnte, stand dessen minderjähriger Sohn und Nachfolger Hischam II. (reg. 976–1009) ganz unter Kuratel des Richters (qadi) und späteren Wesirs und Kommandeurs der Palastwache Muhammad ibn Abi Amir (938–1002), genannt al-Mansur („derjenige, dem Gott den Sieg verliehen hat“) bzw. in christlichen Kreisen Almansor.
Al-Mansur, ein Nachkomme der ersten arabischen Siedler in al-Andalus, war unter den christlichen Fürsten der Iberischen Halbinsel berüchtigt, da er mehr als 50 Kriegszüge gegen sie führte. Er herrschte im Namen Hischams II., war aber so mächtig, dass er den eigenen kalifalen Thronnamen al-Mansur annehmen konnte und eine Palaststadt östlich von Córdoba errichten ließ.
So festigte er die nur noch nominelle Macht der Omaijaden, die nach seinem Ableben vollständig verloren gehen sollte. Denn in den letzten 22 Jahren herrschten mehrere Omaijadenkalifen für meist nur wenige Jahre, es kam zu langen Bürgerkriegen, ethnischen Konflikten und selbst zu einem Aufstand der Bewohner Córdobas gegen sie. Auch im übrigen al-Andalus veranlasste dieses Machtvakuum in den ersten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts die Entstehung von mehr als 20 kleineren Reichen, die als Taifa-Königreiche, genauer Königreiche partikularer Gruppen (taifa), bekannt wurden. So machte sich Saragossa mit seinem Umland unabhängig, in Toledo regierte die Stadtbevölkerung unter Führung eines muslimischen Richters, und im Reich von Badajoz wurde ein ehemaliger Wesir aus einer Berberfamilie Alleinherrscher.
Kulturelle Blüte in den Teilreichen
Mit dieser politischen Zersplitterung ging allerdings ähnlich wie später im Heiligen Römischen Reich eine Ausweitung kultureller Aktivitäten einher. Die Provinzstädte mit ihren neuen Herrscherhöfen förderten nämlich zahlreiche islamische Gelehrte, etwa den Schriftsteller und Historiker Ibn Hazm (994–1064), zudem Chirurgen, Astronomen und Dichter (etwa den Araber Ibn Zaidun, 1003–1071, oder den Juden Salomo ibn Gabirol, um 1021–1070).
Auch die Wirtschaft florierte weiter. Allerdings brachte diese Fragmentierung auch eine Schwäche mit sich, die sowohl von nordafrikanisch-muslimischer Seite als auch von nordiberisch-christlicher Seite ausgenutzt wurde. Während der leonesisch-kastilische König Alfons VI. (reg. 1065–1109) von Norden angriff, eroberten die berberischen Almoraviden (al-Murabitun, „die kasernierten Grenzkämpfer“), die in den 1080er Jahren gegen Alfons zu Hilfe gerufen wurden und diesem bei Badajoz eine Niederlage zufügten, nach und nach alle bestehenden Taifa-Königreiche und errichteten ein weiteres zentralisiertes, muslimisches Reich auf der Iberischen Halbinsel, nun aber eines unter berberischer Führung.
PROF. DR. JENS SCHEINER
geb. 1976, lehrt Islamwissenschaft mit Schwerpunkt auf der Geschichte und den Kulturen des Vorderen Orients an der Georg-August-Universität Göttingen.
Literatur
Brian A. Catlos, Al-Andalus. Geschichte des islamischen Spanien. München 2019.
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