Die Almohaden bauten Sevilla zu ihrer Residenz aus. Der Torre del Oro ist ein Zeugnis der damaligen Stadtbefestigungen. · Foto: mauritius images / Wilfried Wirth / imageBROKER
Der im 12. Jahrhundert lebende Philosoph und Aristoteles-Kommentator Averroes ist einer der herausragenden Denker aus al-Andalus. Das Reich der Almohaden zeigt, wie sich muslimische, jüdische und christliche Gelehrte gegenseitig beeinflussten – auch wenn die politischen Umstände nicht immer einfach waren.
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Im „Vierten Gesang“ der „Göttlichen Komödie“ des italienischen Dichters Dante Alighieri (1265–1321) betritt das literarische Ich des Erzählers gemeinsam mit dem Führer Vergil den ersten Kreis der Hölle, wo sie auf ungetaufte Denker treffen. Die beiden sehen „den Meister aller Wissenden im Kreis der Philosophenschüler sitzen“. Gemeint ist Aristoteles. Hier versammelt sind unter anderem Sokrates, Platon, Diogenes, Euklid und Ptolemäus. Zuletzt erblickt Dante „Averroes, den großen Kommentator“.
Dass dieser in die prominente Riege mit aufgenommen wurde, verrät einiges über die Bedeutung, die der 1126 in Córdoba geborene muslimische Philosoph durch seine Kommentare zum Werk von Aristoteles inzwischen außerhalb des arabischen Sprachraums erhalten hatte: Er war zum wichtigsten Vermittler der aristotelischen Philosophie geworden.
Averroes, sein richtiger Name lautete Abu l-Walid Muhammad ibn Ahmad ibn Muhammad, genannt Ibn Ruschd, stammte aus einer Familie malikitischer Rechtsgelehrter. Die Malikiten repräsentieren eine der vier Rechtsschulen des sunnitischen Islam. Diese Lehre verdrängte in Nordafrika und al-Andalus andere Strömungen, unter anderem die Schiiten. Averroes studierte Recht, Theologie und Medizin. 1168 erfolgte dann der entscheidende Schritt: Er wurde an den Hof des almohadischen Kalifen Abu Yaqub Yusuf I. (reg. 1163–1184) nach Marrakesch berufen.
Die in Nordafrika residierenden Almohaden sicherten sich zu dieser Zeit nach und nach die Herrschaft über ganz al-Andalus. Sevilla wurde in der Folge die Residenzstadt der Dynastie auf der Iberischen Halbinsel. Averroes erhielt hier das Amt des Richters, zudem war er als Arzt am Hof tätig.
Averroes macht sich daran, die Werke von Aristoteles zu erschließen
Die Almohaden waren Teil einer streng religiösen Reformbewegung. Wie kam es dazu, dass ausgerechnet an ihrem Hof die Beschäftigung mit der antiken Philosophie gefördert wurde? Laut einer späteren Überlieferung soll Averroes vom Kalifen gefragt worden sein, ob die Welt schon immer bestanden habe oder ob sie erschaffen wurde. Natürlich berührte dies das heikle Thema der göttlichen Schöpfung, wie sie sowohl im Koran als auch in der Bibel zu finden ist.
Averroes (links) im fiktiven Gespräch mit dem antiken Philosophen Porphyrios, dessen Werk „Isagoge“ er kommentierte (Miniatur, 14. Jahrhundert). · Foto: Bridgeman Images / Pictures from History
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Es muss Averroes gelungen sein, den Kalifen zu überzeugen, dass man mit den rationalen Denkansätzen des Aristoteles solchen Fragen nachgehen könne. Jedenfalls erhielt er die Erlaubnis, die Werke des Philosophen zu kommentieren. Diese Aufgabe sollte ihn bis wenige Jahre vor seinem Tod 1198 beschäftigen.
Es gab vermutlich auch einen rein praktischen Grund, weshalb ein Machtmensch wie Abu Yaqub Yusuf I. den Rat eines Philosophen suchte. Religiöse Fragen wurden in seiner Umgebung von verschiedenen Fraktionen diskutiert, die von Traditionalisten über Reformer bis zu abgehobenen Theologen reichen konnten. Jemand, der versprach, Vernunft ins Spiel zu bringen, fand da leicht die Gunst des Kalifen.
Averroes arbeitete sich mit seinen Kommentaren auch an seinem Vorgänger Avicenna (Ibn Sina) ab. Der in Persien tätige Mediziner und Philosoph hatte sich über 100 Jahre zuvor mit Aristoteles beschäftigt. Averroes war jedoch überzeugt, dass Avicenna die Thesen des Griechen an entscheidenden Punkten verfälscht habe. Diese Kritik an den Altvorderen war auch ein Ausdruck des Selbstbewusstseins, das der Westen der islamischen Welt inzwischen gegenüber den früheren intellektuellen Zentren im Vorderen Orient gewonnen hatte.
Natürlich blieb die Frage, inwieweit sich die Philosophie von den heiligen Texten entfernen konnte, für Averroes immer relevant. Er verfasste dazu eine eigene Schrift: die „Entscheidende Abhandlung“. Darin setzt er sich mit dem Verhältnis zwischen dem islamischen „Gottesgesetz“ (Scharia) und der „Weisheit“ der griechischen Philosophen auseinander, also zwischen dem „Überlieferten“ und dem „Erdachten“.
Der Philosoph behauptet selbstbewusst, hier eine „unwiderrufliche Entscheidung“ verkünden zu können. Laut dem Historiker Georg Bossong lässt sich seine These so zusammenfassen: „Der Koran ist Wahrheit, weil er göttliche Offenbarung ist, das philosophische Nachdenken führt zur Erkenntnis der Wahrheit, weil es das Gesetz der Logik befolgt; also ist beides wahr; einen Widerspruch zwischen beiden kann es nicht geben.“ In den Worten von Averroes: „Die Wahrheit widerspricht der Wahrheit nicht, vielmehr stimmt sie mit ihr überein und legt Zeugnis ab für sie.“
Anerkennung eines muslimischen Philosophen: Im Fresko „Der Triumph des heiligen Thomas von Aquin“ (1365–1369) in der Kirche Santa Maria Novella in Florenz sitzt Averroes zu Füßen des Heiligen. · Foto: akg-images / Album / AFO
Bei genauerer Betrachtung steckt dahinter auch ein sehr elitärer Blick auf die eigene Zunft. Letztlich gesteht Averroes es nur Geistesgrößen wie sich selbst zu, vermeintliche Widersprüche zwischen Inhalten des Koran und der Vernunft zu erkennen und auflösen zu können. Für die breite Masse der Gläubigen sei eine wörtliche Auslegung der heiligen Texte die bessere Herangehensweise.
Wichtige Impulse für die mittelalterlichen Scholastiker
Averroes hinterfragte den Anspruch des Koran auf Unfehlbarkeit letztlich nicht. Für seine Zeit hatte er dennoch große Bedeutung, so Bossong: „Er hat eine muslimische und – über die Übersetzung seiner Werke ins Lateinische – eine christliche Debatte über das Verhältnis von Vernunft und Glaube angestoßen und kann als herausragender Vertreter der innermuslimischen Aufklärung gelten.“
Averroes’ Kommentare wurden nur eine Generation nach seinem Tod ins Lateinische übersetzt. Nahezu zeitgleich erreichten die ersten Übersetzungen der Werke von Aristoteles Mitteleuropa. Diese Koinzidenz trug entscheidend zur großen Bedeutung des Philosophen aus al-Andalus bei. Für Thomas von Aquin (1224 oder 1225–1274), einen Hauptvertreter der mittelalterlichen Scholastik, war Averroes der wichtigste Zugang zu den Lehren von Aristoteles – der Ausgleich zwischen Offenbarung und Vernunft war auch für christliche Theologen ein zentrales Problem. Tatsächlich sollte Averroes im lateinischen Europa stärker rezipiert werden als in der islamischen Welt, in der Aristoteles nach ihm keine große Rolle mehr spielte.
Zum Verhängnis wurde Averroes ausgerechnet die Zitierung eines anderen Autors. Der Philosoph diskutierte in einer Schrift die Aussage eines „heidnischen“ Astronomen, der den Planeten Venus als Gottheit beschrieb. Offensichtlich distanzierte sich Averroes nicht ausreichend davon. Jedenfalls war dies Wasser auf die Mühlen der vielen Feinde, die er sich unter den Theologen am Hof inzwischen gemacht hatte. Sie beschuldigten Averroes des Polytheismus.
Kalif Yaqub al-Mansur (reg. 1184–1199) gab den Anklägern nach: Averroes erhielt ein Beschäftigungsverbot, musste nach Lucena bei Córdoba ziehen, und man verbrannte seine philosophischen Schriften. Die Rehabilitierung rund zwei Jahre später sowie die erneute Berufung in die Residenz nach Marrakesch überlebte er nur kurze Zeit.
Briefliche Anfrage aus einer jüdischen Gemeinde an Maimonides (hier betitelt als „Moses, der große Rabbi“). Die letzten drei Zeilen sind seine Antwort. · Foto: akg-images / British Library
Der jüdische Universalgelehrte Moshe ben Maimon, bekannt als Maimonides, war rund zehn Jahre jünger als Averroes. Er kam wohl 1135 ebenfalls in Córdoba zur Welt. Die philosophischen Diskurse im Umfeld der Almohaden prägten Maimonides, doch unter dieser Dynastie verschlechterte sich das Klima für Juden in al-Andalus. Er könnte daher zeitweise als Muslim aufgetreten sein und zog als junger Mann nach Fez im heutigen Marokko. 1165/66 übersiedelte er nach Kairo.
Wie sehr die Werke von Maimonides durch die Ideologie im Almohadenreich beeinflusst waren, zeigt sich laut der Islamwissenschaftlerin Sarah Stroumsa darin, dass er die jüdische Lehre im Rahmen seiner Mischne Tora überhaupt in 13 kurzen Glaubensartikeln zusammenfasste – einer Art Bekenntnis wie im Islam und im Christentum. In dieser Form gab es das im Judentum nicht. Einer der Glaubensartikel ähnelt auffällig der Lehre der Almohaden, dass Gott nicht in Menschengestalt dargestellt werden darf. Auch Maimonides war zu diesem Schluss gekommen.
Wie Averroes setzte er sich mit dem Verhältnis zwischen dem „Glauben“ und der philosophischen Wahrheit auseinander. Und auch er stand vor dem Problem: Wie richtet man sich an die einfachen Gläubigen? Als wichtigste jüdische Autorität seiner Zeit erhielt er Anfragen von jüdischen Gemeinden aus dem gesamten Mittelmeerraum.
Laut Stroumsa nahm er eine „väterliche, herablassende Haltung gegenüber den philosophisch Uneingeweihten“ ein. So antwortete er einem Händler, der sich selbst als ungebildet bezeichnete: „Bemühe dich nicht mit etwas anderem als dem, was du verstehen kannst. Es wird deinem Glauben nicht schaden, wenn du meinst, dass die Bewohner der zukünftigen Welt körperliche Wesen sind … oder sogar, dass sie essen, trinken und sich geschlechtlich miteinander vereinen.“
Ob Maimonides und Averroes persönlichen Kontakt hatten, ist umstritten. Die Schriften des jeweils anderen wurden sicher rezipiert. Es gibt aber durchaus Beispiele für einen direkteren Austausch über religiöse Schranken hinweg. So betrachtete der muslimische Geograph, Historiker und Poet Ibn Said al-Maghribi (1213–1286), der in Sevilla studiert hatte, die jüdischen Gelehrten in seinem Umfeld als Kollegen, die er in seinen Schriften als Referenz auch namentlich erwähnte, ohne hinzuzufügen, dass es Juden waren.
Diese Darstellung eines Astrolabiums stammt aus den „Büchern des astronomischen Wissens“, einer Übersetzung arabischsprachiger Werke aus al-Andalus, die Alfons X. beauftragt hatte. · Foto: akg-images / Album / AFO
Die Philosophen der verschiedenen Religionen verband die Überzeugung, dass sie Teil eines kleinen Kreises von Auserwählten waren. Der in Saragossa geborene Universalgelehrte Ibn Baddscha (um 1095–1138) ignorierte bei der Wahl seiner Freunde religiöse Grenzen, er suchte „Menschen, denen das Lernen Freude bereitet“. In einem Brief schrieb er: „Wer diese natürliche Anlage besitzt und zudem diese Überzeugung teilt, zählt zu unseren Brüdern, ebenso wie wir zu den Brüdern unserer Vorfahren zählen. Mit diesen Vorfahren meine ich nicht die Erzeuger unserer Leiber, sondern jene, die unsere Seelen hervorgebracht haben oder sie hätten hervorbringen können.“
Denker verschiedener Religionen tauschen Ideen aus
In al-Andalus bildete sich ein einmaliger intellektueller Mikrokosmos aus, in dem sich vor allem muslimische und jüdische Gelehrte gegenseitig beeinflussten. Sarah Stroumsa fasst dies so zusammen: „All diese Denker mussten sich im politischen und gesellschaftlichen Rahmen von al-Andalus zurechtfinden und dabei ihre weltlichen Verpflichtungen gegenüber dem Hof und ihren jeweiligen Gemeinschaften mit der Sehnsucht nach Vollkommenheit, nach dem Erhabenen und Transzendenten in Einklang bringen. Manchmal lässt sich der Weg dieser Themen von einem Denker zum anderen nachvollziehen; häufiger jedoch bleiben die Übertragungswege im Verborgenen, sodass wir die Wahl haben, entweder von einem rätselhaften osmotischen Prozess auszugehen oder die Existenz bislang unbekannter Kontakte anzunehmen.“
Die christlichen Philosophen und Theologen profitierten davon, dass mit der fortschreitenden Eroberung von al-Andalus die in Arabisch verfassten Manuskripte in die christlichen Reiche der Iberischen Halbinsel oder nach Südfrankreich und Italien gelangten und hier ins Lateinische übersetzt wurden.
In der Zeit der Almohaden wurden auch im Bereich der Astronomie neue Denkansätze entwickelt. Historiker sprechen inzwischen von der sogenannten Revolte gegen das ptolemäische Weltsystem, die in al-Andalus im 12. Jahrhundert Fahrt aufnahm. Genauere Beobachtungen der Bewegungen am Himmel hatten schon seit Längerem Zweifel an der Theorie geweckt, die Erde stehe im Zentrum des Kosmos, und die Planeten sowie Mond und Sonne würden sich in Form von einander überlagernden Kreisbewegungen um sie herumbewegen.
Wichtige Protagonisten dieser Revolte waren Astronomen wie Ibn al-Zarqali (1029–1100) und der bereits erwähnte Ibn Baddscha . Auch die Philosophen Averroes und Maimonides zählten zu den Unterstützern. Ihnen ging es dabei vor allem darum, dass Ptolemäus’ Weltsystem nicht mit den Prinzipien der aristotelischen Physik in Einklang zu bringen war. Und Aristoteles war für sie das Maß aller Dinge; Maimonides schrieb in einem Brief: „Aristoteles’ Werke – und nur diese allein – sind die Grundlagen und Prinzipien für alle anderen wissenschaftlichen Abhandlungen.“
Der Astronom al-Zarqali hatte zunächst in Toledo gewirkt, musste aber nach dessen Eroberung 1085 durch den kastilischen König Alfons VI. nach Sevilla umziehen. Er erkannte Schwächen und Korrekturbedarf in den ptolemäischen Modellen und erarbeitete die „Toledaner Tafeln“, mit deren Hilfe Generationen von Astronomen die Bewegungen der Gestirne berechneten. Al-Zarqali leistete damit auch Vorarbeit für die späteren Entdeckungen von Nikolaus Kopernikus. Zu seinen herausragenden Leistungen zählte zudem eine verbesserte Version des Astrolabiums. Das Gerät konnte nun unabhängig von der geographischen Breite eingesetzt werden, etwa um die Richtung nach Mekka zu bestimmen.
Alfons X. von Kastilien und León ließ die Werke von al-Zarqali in Toledo aus dem Arabischen übersetzen, zunächst 1255 von einem Christen und dann 1277 erneut als Koproduktion von einem Mozaraber und einem Juden. Der König, der auch el Sabio, „der Weise“, genannt wurde, soll am Feinschliff mitgewirkt haben. Wie auch bei Averroes und Maimonides waren es diese Übersetzungen, die die geistigen Errungenschaften aus al-Andalus dem übrigen Europa zugänglich machten.
Dr. Armin Kübler
ist Redakteur beim Geschichtsmagazin DAMALS.
Literatur
Sarah Stroumsa, Andalus and Sefarad. On Philosophy and Its History in Islamic Spain. Princeton 2019. Georg Bossong, Das maurische Spanien. 4. Auflage, München 2020.
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