Titel, Taktik, Tatbestände – oder: wie man mit dem magischen Reizwort “Renaissance” Leser anzulocken versucht, obwohl nicht allzu viel “Renaissance”, zumindest im üblichen Wortsinn, darin ist. Im Originaltitel heißt der Sammelband, herausgegeben von Roberto Cassanelli, Eduard Carbonell und Tania Velmans denn auch “L’alba del mondo moderno. Dal Gotico al Rinascimento nel Mediterraneo, 1250-1450; also: Die Morgenröte der modernen Welt. Von der Gotik zur Renaissance im Mittelmeerraum), was dem Inhalt der, inklusive Einleitung, 14 Einzelbeiträge sehr viel näher kommt. Diese nämlich behandeln überwiegend nicht eine, sondern viele “Renaissancen”: zum Beispiel. die “byzantinische Frührenaissance (13.-15. Jahrhundert), die “Renaissance im Islam”, dazu viel Gotik und sonstige Stilentwicklung in Architektur und Malerei zwischen Orient und Okzident, aber sehr wenig von der im Untertitel allgemein verheißenen “Geschichte” und insgesamt wohl kaum, was man von einem solchen Buch erwarten dürfte. Die verschiedenen Aufsätze bieten dem an der speziellen Materie interessierten Leser zwar manches Wissenswerte, doch ist auch hier Vorsicht geboten: Zu undifferenziert erscheint der Gebrauch von Schlüsselbegriffen, zum Beispiel der unvermeidlichen “Renaissance” für außereuropäische Kulturräume, problematisch ist deren Datierung auf so frühe Eckwerte. Und auch die Übersetzung verunklärt manches – mit “Papst Luna”, einer eher an Vergnügungsparks erinnernden Bezeichnung, ist etwa der Gegenpapst Benedikt XIII. gemeint.
Rezension: Reinhardt, Volker





