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Den Erbauern der „Hünengräber“ auf der Spur
Auch auf dem Gebiet des heutigen Deutschland waren den Menschen die Relikte aus der Steinzeit lange unheimlich. Die moderne Forschung lässt ihre Erbauer inzwischen aber immer deutlicher zutage treten.
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Geprägt durch das Christentum, sahen in früheren Jahrhunderten viele Menschen in Norddeutschland die rätselhaften Steinmonumente in ihrer Umgebung als das Werk des Teufels an. So sollen die Großsteinmonumente in Thuine und Freren im Emsland laut einer Sage entstanden sein, als der Teufel von der „Teufelsküche“ aus versuchte, mit Findlingen die Kirchtürme in den beiden Orten zu treffen. Seine Wurfkraft reichte jedoch nicht aus: Die Steine fielen auf halber Strecke zu Boden.
Auch die Düwelsteene bei Heiden sollen an ihrem Platz liegen, weil der Teufel schwächelte: Er war mit einem Sack Steine auf dem Weg nach Aachen, um dort den Dom Karls des Großen zu zerstören, als er einen Schusterjungen mit einem Sack voller Schuhe traf und ihn nach der Entfernung fragte. Der Bursche erkannte den Teufel an dessen Pferdefuß, zeigte ihm die ausgetretenen Schuhe und behauptete, dass er sie alle von Aachen kommend verschlissen habe, so weit sei es noch. Der Teufel, schon erschöpft von seiner Last, ließ vor Wut den Sack mit Steinen fallen und stürmte davon.
In der Gegend um Wildeshausen in Niedersachsen kannte man eine andere übernatürliche Erklärung für die dortigen langen Steinreihen, die Visbeker Braut und Bräutigam heißen: Eine junge Frau sollte gegen ihren Willen mit einem reichen Mann aus Visbek vermählt werden. Als sich die beiden Brautleute mit ihren Gefolgen einander näherten, klagte die Braut, dass sie lieber zu Stein werden wolle, als diesen Mann zu ehelichen. Und so geschah es – allerdings auch mit ihrem Bräutigam und der gesamten Hochzeitsgesellschaft. Dass der Bräutigam besonders reich gewesen sein soll, lässt das mit 104 Metern längste Monument Niedersachsens erahnen – viele Steine, großes Gefolge.
Diese Beispiele zeigen, dass die für sie rätselhaften Steinmonumente die Menschen zu zahlreichen Geschichten anregten. Abseits der volkstümlichen Sagen wurde außerdem lange angenommen, dass allenfalls Riesen (Hünen) als Erbauer in Frage kommen könnten, zu ungeheuerlich schien es, dass normale Menschen imstande sein könnten, eine solche Kraftanstrengung zu leisten.
Lange sind sich alle einig: Die Erbauer müssen Riesen gewesen sein
Für Saxo Grammaticus, dänischer Geschichtsschreiber des Mittelalters (um 1150 – um 1220), belegten die Großsteingräber daher, dass Dänemark in der Vorzeit von Riesen bewohnt gewesen sein müsse. Auch für Johan Picardt (1600 –1670), Pastor, Mediziner und Moorkolonisator aus Bentheim, war die einzige schlüssige Erklärung für die Steinmonumente, dass Giganten sie erbaut haben; seine Vorstellung hielt er in einer Zeichnung fest.
Die beiden Megalithanlagen Große und Kleine Sloopsteine bei Lotte (Nordrhein-Westfalen) bezeichnete Gerhard Arnold Rump (1629–1691), Pfarrer in Wersen (heute zu Lotte) und Verfasser der ältesten Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg (1672), als für „solcher Riesen Begräbnisse“.
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Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts äußerte Martin Mushard (1699–1770), Lehrer und Ausgräber im Raum Stade, die Vermutung, es seien „Menschen von witz und verstand gewesen … die sich zusammengethan und mit Hebebäumen, Krahnen solche große Steine hinauffgebracht“.
Und auch der archäologisch sehr interessierte König Frederik VII. von Dänemark (1848–1863) veröffentlichte 1863 eine Arbeit, in der er darlegte, dass Keile, Hebebäume, Taue, Rollen und Schienen sowie die Kraft von starken Männern und vielleicht Zugtieren durchaus ausgereicht hätten, um die Steine zu bewegen. Womit beide Recht haben sollten, zumindest nach dem heutigen Stand der Forschungen.
Doch wie alt die Steinbauten „aus heidnischer Vorzeit“ wirklich sind und warum sie errichtet wurden, war damit noch lange nicht klar. Schon früh fanden aus heutiger Sicht unsachgemäße Ausgrabungen einzelner Gräber statt, wie etwa durch Salentin von Isenburg (1532–1610), Erzbischof von Köln und Fürstbischof von Paderborn, der im Jahr 1575 die Galeriegräber von Borchen-Kirchborchen öffnen ließ. Er fand sie „angefüllt mit Todtengebeinen“, zog daraus aber keine (uns bekannten) weitergehenden Schlüsse. Mushard und viele andere hielten die Megalithmonumente für heidnische Altäre, wovon auch Bezeichnungen wie „Heidenopfertisch“ bei Visbek (Engelmannsbäke) zeugen.
Judocus Nünning (1675–1753), katholischer Geistlicher und Historiker aus Borken, interessierte sich um 1713 an den Düwelsteenen bei Heiden vor allem für die Grabhügel im Umfeld und die darin gefundenen Urnen; das Megalithgrab war für ihn ein Zeugnis der Bestattung von herausragenden Persönlichkeiten, deren Urnen durch die Steinjoche besonders geschützt wurden.
Dagegen stellte der Verwaltungsbeamte Georg Ludwig Graf von Münster-Langelage (1776–1844), der privat als Paläontologe und Altertumsforscher tätig war, bei seinen Ausgrabungen 1807 in Westerkappeln-Seeste fest, dass in dem dortigen Steinmonument zwar auch menschliche Schädel und Gebeine zutage traten, aber niemals in, sondern nur neben den „Urnen“, die er dort ebenfalls in großer Zahl bergen konnte. Die Erwartung eines heidnischen Grabes war zunächst, wie auch bei Nünning, eine Brandbestattung in einer Urne – und so etwas konnte er trotz intensiver Suche nicht finden.
Eine dänischer Forscher erkennt die Nutzung als Grabstätten
Der Däne Jens Jacob Asmussen Worsaae (1821–1885), seit 1848 Inspekteur für Altertümer und seit 1858 Professor für Archäologie, führte Ausgrabungen in jütländischen Anlagen durch, wobei auch er menschliche Knochen fand. Er stellte in seinen Publikationen erstmals klar, dass es sich bei den Monumenten nicht um Opferplätze, sondern um Grabstätten aus der Jungsteinzeit handelte.
In den 1920er und -30er Jahren erfasste Ernst Sprockhoff (1892–1967) 985 Megalithanlagen, die allerdings nur einen Bruchteil der ursprünglich existierenden Gräber darstellen. Sein in drei Teilen erst 1966 bis 1975 erschienener „Atlas der Megalithgräber Deutschlands“ (mit Stand 1930er Jahre) ist bis heute Ausgangslage für weitere Forschungen. Er listete jedoch nur die aus Findlingen erbauten Gräber der sogenannten Trichterbecherkultur auf, nicht aber zum Beispiel die Megalithgräber der sich südlich anschließenden Wartbergkultur in Ostwestfalen und Nordhessen. Diese spiegeln durch eine etwas abweichende Konstruktion und anderes Baumaterial – meist Kalksteinplatten – die Bestattungskultur einer Bevölkerung mit teilweise anderer Lebensweise.
Die älteren Forschungen sind heute noch wichtig, weil sie über verlorene Großsteingräber berichten oder auch Veränderungen an noch erhaltenen Megalithanlagen sichtbar machen können. Am Beispiel der Großen Sloopsteine in Lotte-Wersen konnte durch eingehende Analysen nachgewiesen werden, dass die mehr als 200 Jahre alte Dokumentation des Grafen von Münster-Langelage außergewöhnlich exakt gewesen ist. Bereits der Graf musste feststellen, dass das Grab zuvor geöffnet und die Steine teilweise aus ihrer ursprünglichen Position weggehebelt worden waren.
Virtueller Gang durch das Grab im Originalzustand
Mithilfe modernster Vermessungsmethoden wurden im Jahr 2015 in einem Pilotprojekt die sichtbaren Findlinge einzeln gescannt und so digital konserviert. Die Steine konnten virtuell gedreht, verschoben und ihre Passstellen ermittelt werden. Rein digital versetzte man das Grab so in seinen Ursprungszustand. Das Ergebnis zeigt eine Virtual-Reality-App (www.megalithik.vr.lwl.org), die den Betrachter in die Zeit vor etwa 5000 Jahren versetzt: Der Nutzer erkundet die geschlossene und überhügelte Grabkammer in ihrem Erbauungszustand, vor dem Einbringen der später darin bestatteten Toten.
Die Pflasterung des Kammerbodens mit Kalksteinen hat für Erhaltungsbedingungen gesorgt, bei denen menschliche Knochen nicht verwittern. Das ist bei den nordwestdeutschen Megalithgräbern der Trichterbecherkultur sonst recht selten der Fall. Bei Ausgrabungen der Altertumskommission für Westfalen im Jahr 2015 in den Aushubhügeln der älteren Schürfungen konnten allerdings nur noch wenige Fragmente geborgen werden. Dafür sind die Skelettfunde aus den Gräbern der benachbarten Wartbergkultur, die auf kalkhaltigen, also knochenerhaltenen Böden liegen, umso reicher.
In einer groß angelegten Studie am Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel werden derzeit die Skelettreste von zahlreichen Menschen aus diesen Gräbern untersucht, um über die aDNA Näheres zu Krankheiten und Umwelteinflüssen zu erfahren. Anthropologische Analysen haben bereits erste Informationen zum Geschlecht, Alter und zu Verletzungen sowie knochenverändernden Krankheiten geliefert. Der Nachweis von Strontium-Sauerstoff-Isotopen in den Skelettresten kann etwas über die Herkunft und die Mobilitätsmuster der Menschen verraten. Die Untersuchungen sind jedoch noch nicht abgeschlossen.
Aber auch die Funde aus Großsteingräbern und aus den wenigen bekannten Siedlungen erzählen viel über die Menschen der Jungsteinzeit. Waffen wie Pfeilspitzen und Geräte, Schmuck aus Tierzähnen, Bernstein und Kupferröllchen sowie Keramikfunde, meist tiefstichverziert und häufig in Form von Trichterbechern – namengebend für die Trichterbecherkultur –, ermöglichen Einblicke in den jungsteinzeitlichen Alltag.
Aktuelle Projekte vervollständigen das Bild der Megalithkulturen
Nicht zuletzt durch die interdisziplinären Forschungen zahlreicher Expertinnen und Experten im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung“ unter der Federführung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sind etliche Wissenslücken geschlossen worden.
So wissen wir heute, dass die damaligen Menschen keine Wolle verarbeitet haben, obwohl es durchaus Schafe gab. Kleidungsstücke bestanden demnach aus Fellen und Textilien aus pflanzlichen Fasern. Pollenanalysen lassen erkennen, dass es um 4000 v. Chr. ein erstes Ulmensterben gab, wahrscheinlich verursacht durch Krankheitserreger, die in Bäume eindrangen, weil ihre Blätter als Futter für Tiere dienten und das fehlende Laub die Bäume schwächte.
Dieser vegetationsgeschichtliche Umbruch deutet indirekt auf das Halten von Vieh hin. Der Nachweis von Fett an frühneolithischen Gefäßen belegt, dass die Menschen Milch oder Milchprodukte verzehrten. Mit der Trichterbecherkultur ist der Ackerbau zum ersten Mal fast flächendeckend in der Nordeuropäischen Tiefebene verbreitet. Getreide wurde gezielt ausgesät, vor allem Einkorn, Emmer und Gerste, aber auch der weniger robuste Hartweizen, heute auch Spaghetti-Weizen genannt. Ölpflanzen wie Lein/Flachs wurden ebenfalls angebaut, nicht dagegen Hülsenfrüchte. Vermutlich wurden Rinder zum Pflügen mit dem Hakenpflug eingesetzt.
Diese frühesten sesshaften Siedler in Nordwestdeutschland lebten in Pfostenhäusern, meist auf Einzelgehöften oder in kleinen Weilern. Aber auch regelrechte Dorfstrukturen mit gemeinschaftlich genutzten Brunnen und umlaufenden Palisaden entwickelten sich. Das älteste bisher untersuchte Dorf liegt in Büdelsdorf am Nordostseekanal. Es wurde zwischen 3320 und 2750 v. Chr. angelegt und umfasste etwa 50 Häuser, in denen wohl rund 400 Einwohner lebten.
Für das 4. Jahrtausend v. Chr. sind erste großflächige Brandrodungen nachweisbar, die einerseits die Landschaft für den Einsatz des Hakenpflugs bereiteten und andererseits zur Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit beitrugen. Beim Feldanbau mit dem Pflug störten die Findlinge, die überall in der norddeutschen Tiefebene abgelagert waren. Als man sie für den Bau der Megalithgräber zusammentrug, wurde die Landschaft damit gewissermaßen „aufgeräumt“. Heute würde man in so einem Fall von einer Win-win-Situation sprechen.
Sicherlich standen aber vor allem soziokulturelle Aspekte im Vordergrund, die zum gemeinschaftlichen Bau der Großsteingräber – als dauerhafte Steinhäuser für die Toten im Gegensatz zu den vergänglichen Holzbauten für die Lebenden – geführt haben. Für das 50 Meter lange und sieben Meter breite Großsteingrab von Kleinenkneten I bei Wildeshausen (Niedersachsen) wurde ein Arbeitsaufwand von 110 000 Personenstunden ermittelt. Umgerechnet wären damit 100 Personen bei einem Zehn-Stunden-Tag dreieinhalb Monate ausschließlich damit beschäftigt gewesen, die Steine heranzuschaffen, zu platzieren, die Lücken mit Zwickelmauerwerk zu verfüllen, den Kammerboden zu pflastern und den Erdhügel aufzuschütten.
Wie König Frederik VII. von Dänemark schon 1863 vermutete, wurden für den Steintransport möglicherweise auch Rindergespanne eingesetzt. Darauf könnten stilisierte Einritzungen auf Steinplatten von Gräbern der Wartbergkultur aus Züschen oder Warburg deuten, es sei denn, die Darstellungen geben lediglich Pfluggespanne und damit Ackerbauszenen wider.
Der Bau eines Großsteingrabs erforderte eine beeindruckende Präzision und Logistik – sowie den gemeinschaftlichen Arbeitseinsatz aller Personen im Siedlungsverband, die damit ihre eigene Begräbnisstätte für mehrere Generationen errichteten. Es fehlen Hinweise darauf, dass hier nur ausgewählte hochgestellte Persönlichkeiten bestattet wurden. Im Gegenteil: Die Funde dieser Zeit lassen keine soziale Hierarchie erkennen, sondern vermitteln das Bild einer egalitär strukturierten Gesellschaft, auch wenn spezielle Aufgaben wie das Planen und Errichten eines Megalithgrabes sicherlich von erfahrenen Experten auf diesem Gebiet, quasi „Architekten“ und „Bauleitern“, organisiert wurden.
Die riesigen Steine sind am Ende unter Hügeln verborgen
Wenn wir heute die imposanten Findlingsgräber als Monumente wahrnehmen, stellt sich die Frage, ob sie auch ursprünglich als solche gedacht waren, zumal die auffällige Steinarchitektur aufgrund der Überhügelung kaum sichtbar war. Die Megalithgräber waren auf Dauer angelegt und wurden nachweislich über mehrere Jahrhunderte, also über viele Generationen und damit für mehrere hundert Bestattungen genutzt.
In gewisser Weise manifestierten sie daher Areale, die von der jeweiligen Siedlungsgemeinschaft in Besitz genommen worden waren. Daher ist ihre Lage sicherlich bewusst gewählt worden. Neue Forschungen im nördlichen Westfalen, im Umfeld der Großen Sloopsteine bei Lotte-Wersen, offenbaren ein komplexes Zusammenspiel von Landschaftsrelief, Sichtbarkeit und Grabmonument. Großräumig betrachtet befinden sich hier zwei Großsteingräber in unauffällige Landschaftsräume eingebettet. Kleinräumig gesehen liegen sie unterhalb sehr prominenter Hügelrücken, wodurch die Gräber von dieser Seite aus visuell abgeschirmt wurden. Die Eingänge zu den Grabkammern waren von den Siedlungen abgewandt. Mit dieser Distanzierung zur alltäglichen Welt wurde der Bestattungsplatz als Ort des Toten- und Ahnengedenkens inszeniert.
Oftmals lassen sich regelrechte Grabgruppen feststellen, wie zum Beispiel das Ensemble Glaner Braut bei Wildeshausen, das aus vier Grabanlagen besteht. Überträgt man die landschaftsarchäologischen Ergebnisse aus verschiedenen Untersuchungen in Westfalen auch auf andere Regionen, dann gab es zwischen solchen Grabgruppen und den zugehörigen Siedlungskammern keine Sichtverbindung. Offenbar war die Landschaft in klar voneinander abgegrenzte Siedlungsräume gegliedert. Die Großsteingräber sind sichtbarer Ausdruck solcher Strukturen. Sie sind weder Hünen- noch Teufelswerk, sondern zeigen das bewusste Gestalten der Kulturlandschaft durch die Menschen in der Jungsteinzeit.
Autoren: Dr. Vera Brieske, Leo Klinke
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