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Den Erzfeind auf Abstand halten
Im Jahr 1 n. Chr. kam es am Euphrat zu einem denkwürdigen Treffen. Gaius Caesar, Enkel des römischen Kaisers Augustus, verhandelte mit Phraates V., dem König der Parther. Thema der Zusammenkunft waren die angespannten Beziehungen zwischen den beiden Supermächten des Westens und des Ostens.
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Nachdem Rom 64 v. Chr. Syrien annektiert hatte, waren die beiden Kontrahenten direkte Nachbarn geworden. Der Euphrat bildete die natürliche Grenze. Die Parther hatten unter der Dynastie der Arsakiden im 3. Jahrhundert v. Chr. die Macht in Persien übernommen. Weite Teile des Vorderen und Mittleren Orients standen unter ihrer Herrschaft. Immer wieder hatten die machtpolitischen Rivalitäten zu kriegerischen Auseinandersetzungen in der sensiblen Grenzregion geführt. 53 v. Chr. erlitten die Römer bei Harran, im Südosten Anatoliens, eine der schwersten Niederlagen ihrer Geschichte. Zwar arrangierte Augustus 20 v. Chr. eine diplomatische Übereinkunft, doch blieb die Euphrat-Grenze auch in der Folgezeit eine dauerhaft neuralgische Zone.
Diese Problematik machte sich bei dem Treffen von 1 n. Chr. ganz konkret bemerkbar. Denn wo sollte es stattfinden? Auf der römischen Seite des Euphrats? Dann hätten sich die Parther benachteiligt gefühlt. Auf der parthischen Seite des Euphrats? Dann hätten die Römer den schlechteren Standpunkt gehabt. Ein Besuch auf der anderen Seite, so dachte jeder der Kontrahenten, hätte als Anerkennung der Vorrangstellung ausgelegt werden können. Also sollte man sich gar nicht treffen?
Dann fand man die salomonische Lösung, die der Bedeutung des Euphrats als Grenze zwischen den Machtbereichen des Westens und des Ostens Rechnung trug: Wenn nicht am, so könne man doch im Euphrat zusammenkommen. Zum Glück verfügte der Strom schon damals über eine Reihe von Inseln, und so stellten die beiden Delegationen ihre Verhandlungstische auf einem dieser Punkte in der Mitte des Grenzflusses Euphrat auf. Außerdem hatte man sich darauf geeinigt, dass die beiden Delegationsleiter die akkurat selbe Zahl von Begleitern bei sich führten. Mit dieser pragmatisch-paritätischen Verfahrensweise waren alle zufrieden, und die Euphrat-Gespräche von 1 n. Chr. verliefen in ungewöhnlich harmonischer Atmosphäre.
Doch die friedliche Episode währte nicht lange. Die Euphrat-Grenze blieb weiterhin im Fokus politischer und militärischer Auseinandersetzungen. Permanenter Zankapfel war das als Pufferstaat wichtige Königreich Armenien. Sowohl Römer als auch Parther versuchten Einfluss auf die Besetzung des Spitzenpostens in dem Land zu nehmen.
114 n. Chr. eskalierten die Gegensätze in einem römischen Angriffskrieg. Kaiser Trajan persönlich führte die römischen Legionen über den Euphrat in das Reich der Parther. Der Feldzug gestaltete sich zunächst erfolgreich. Die Römer okkupierten zentrale Gebiete und formierten aus ihnen die Provinzen Mesopotamia und Assyria. Zeitweilig schien es, als könnten sie die Ostgrenze des Imperiums bis in das Innere Asiens ausdehnen. Doch drei Jahre später war es mit der römischen Glückssträhne vorbei. Der parthische König Chosrau aktivierte sein militärisches Potential, und der geschlagene Kaiser zog sich mit seinen Legionen über den Euphrat zurück. Immerhin sicherte sich Trajan mit seinen militärischen Unternehmungen den Titel eines Rekordhalters unter den römischen Imperatoren: Niemals war das Römische Reich größer als unter seiner Herrschaft.
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Die neuen Herrscher verschärfen die Angriffe auf Rom
Die Lage an der Ostgrenze des Römischen Reiches blieb labil und verschärfte sich sogar noch, als 224 in Persien ein Herrschaftswechsel von den Arsakiden zur Dynastie der Sassaniden stattfand. Die neuen Machthaber sahen in einer expansiven, speziell gegen Rom gerichteten Außenpolitik ein geeignetes Rezept, um bei der eigenen Bevölkerung Akzeptanz zu gewinnen. So waren kriegerische Aktionen, sowohl auf römischem als auch auf persischem Territorium, an der Tagesordnung.
Ein Debakel erlebten die Römer 260, als Kaiser Valerian auf einem Feldzug bei Edessa im nördlichen Mesopotamien nicht nur eine herbe Niederlage erlitt, sondern, was bis dahin keinem Kaiser passiert war, in Kriegsgefangenschaft geriet. Bis heute ist sein weiteres Schicksal ungeklärt.
Erst am Ende des 3. Jahrhunderts kam es zu einer längeren friedlichen Periode, doch schon bald flammten die militärischen Auseinandersetzungen wieder auf. Mit Unterbrechungen zogen sie sich – nun mit dem Oströmischen Reich als dem Nachfolger Roms – bis ins 7. Jahrhundert hinein, als die Araber die römisch-persische Dauerfehde ausnutzten und zu einer beispiellosen Expansion ansetzten. Sie führte zum abrupten Ende der Sassaniden-Herrschaft und zu einer radikalen Reduzierung der oströmischen Territorien.
Im Osten des Reiches fanden die Römer ganz andere politische und geographische Verhältnisse vor als etwa in Regionen des Imperiums wie Germanien oder Britannien. Aufgrund des konfrontativen Verhältnisses zu den Parthern standen bei der Gestaltung der Grenzen militärische Sicherungsmaßnahmen ganz oben auf der Agenda. Dabei griffen die imperialen Planer seit den flavischen Kaisern (1. Jahrhundert n. Chr.) zu einer großen strategischen Lösung, indem der Raum vom Schwarzen Meer über Syrien bis zum Roten Meer mit einer Kette von Verteidigungsanlagen versehen wurde. Installiert wurde ein ausgeklügeltes System aus Legionslagern, Kastellen und Wachttürmen.
Das im Westen erprobte Instrumentarium aus Wall, Graben, Palisaden und Mauer gehörte im Osten nicht zum Grenzrepertoire. Die Anlagen waren durch eine Militärstraße verbunden, die entlang dem Euphrat über Satala in Armenien, Melitene in Kappadokien und Samosata im Südosten Anatoliens bis nach Zeugma am Euphrat führte.
Die Euphrat-Grenze war in erster Linie eine militärische Grenze, deren Funktion nicht allein darin bestand, das römische Territorium zu sichern und die Kontrolle des Grenzvorfelds zu garantieren, sondern auch darin, bei eigenen Offensivaktionen die über Brücken und Furten führenden Kommunikations- und Nachschublinien zu sichern.
Zeitweise waren in der Region bis zu acht Legionen stationiert – ein massives Militäraufgebot, das die Bedeutung der Ostgrenze des Imperiums im strategischen Kalkül der römischen Politik unterstreicht.
Dura Europos: Unterhaltung für die römischen Truppen
Unter den militärischen Anlagen in Syrien ist das Legionslager Dura Europos (im heutigen Syrien) besonders gut erforscht. Am Westufer des mittleren Euphrat in prominenter Lage plaziert, diente es zum einen der Sicherung der Grenze, zum anderen der Kontrolle wichtiger Karawanenrouten. Das Lager hatte eine ständige Besatzung von mehreren tausend Soldaten, die vorwiegend im Osten des Reiches rekrutiert wurden.
Damit der Dienst nicht zu eintönig wurde, bot die dazu gehörige Stadt allerlei Annehmlichkeiten wie ein beim militärischen Personal besonders beliebtes Amphitheater, wo gut bezahlte Gladiatoren auf Leben und Tod kämpften. Auch religiöse Vielfalt wurde in der Grenzregion großgeschrieben: Neben vielen griechischen und römischen Tempeln befanden sich in Dura Europos eine mit reichen Fresken geschmückte jüdische Synagoge und eine christliche Kirche aus dem 3. Jahrhundert – einer der frühesten Sakralbauten jener Religion, die ihren eigentlichen Siegeszug erst ein Jahrhundert später antreten sollte.
Der römische Limes der Kaiserzeit war kein starres System. Gerade in den sensiblen Grenzzonen des Orients erbrachten die Verantwortlichen den eindrucksvollen Beweis einer intelligenten, den jeweiligen Verhältnissen flexibel angepassten Grenzgestaltung. Straßen und Kastelle waren die baulich sichtbaren Zeichen römischer Präsenz. Militärische Aspekte hatten Priorität, doch spielten auch wirtschaftliche und klimatische Kriterien eine Rolle. In den an die Wüsten grenzenden Gebieten Syriens wurde darauf geachtet, dass die Verteidigungsanlagen die Ackerbauregionen einschlossen.
Und man hielt sich dabei an die Linien gleichen Niederschlages, die in den Geowissenschaften mit dem Fachterminus Isohyete bezeichnet werden. Auch wenn keine römische Quelle explizit davon spricht, ist es alles andere als Zufall, dass sich der syrische Limes exakt an der 200-Milliliter-Linie der jährlichen Niederschlagsmenge orientierte.
Bevor die römischen Landvermesser ans Werk gegangen waren, hatten sie sich genau über die klimatischen Verhältnisse informiert und dafür Sorge getragen, dass die sich durch Fruchtbarkeit auszeichnenden Areale in die von den Römern okkupierten Gebiete integriert wurden.
In Arabien war das militärische Gefahrenpotential nicht so gravierend wie in Syrien. Mit den einheimischen Nabatäern pflegten die Römer rege Handelskontakte. Überhaupt standen wirtschaftliche Überlegungen im arabischen Grenzgebiet hoch im Kurs. So konzentrierten sich die römischen Begehrlichkeiten auf jene prosperierenden Landschaften im Süden, die sie wegen der günstigen klimatischen Bedingungen Arabia felix, das „glückliche Arabien“, nannten. Alten Handelsrouten folgend, verlief der durch Lager, Kastelle und Wachtposten markierte limes Arabicus über Syrien und Jordanien bis nach Akaba am Roten Meer.
Großes Interesse weckte bei den Grenzplanern das heute Hauran genannte Gebiet um die Stadt Bostra (im Süden des heutigen Syrien). Vulkanismus und regelmäßige Regenfälle produzierten wogende Weizenfelder, die von den Römern gerne in die Limes-Zone mit einbezogen wurden. Allerdings geschah dies nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen: Immer wieder hatten sich Soldaten und Siedler der Angriffe von Nomaden zu erwehren, die von den agrarischen Reichtümern angelockt wurden.
Der Orient-Limes war, wie die Anlagen in den anderen Teilen des Imperiums, keine statische Grenze. Bei Bedarf wurden Verlauf und Gestalt den jeweils aktuellen Verhältnissen angepasst. Als Kaiser Trajan im Jahr 106 das Reich der Nabatäer okkupierte und eine Provinz Arabia installierte, wurde diese expansive Maßnahme mit entsprechenden Erweiterungen des Grenzverlaufs verbunden. Der syrische Limes wurde im 3. Jahrhundert, als sich in Persien die expandierende Dynastie der Sassaniden etablierte, durch den Bau von Kastellen in seinem defensiven Charakter massiv verstärkt.
Die Römer arbeiteten im Osten des Reiches mit jener Professionalität und Effizienz, mit der sie auch in den anderen Teilen des Imperiums vorgingen. Jedoch war die Welt des Orients politisch und kulturell komplexer als die Welt des Westens. Daher war einheimischer Sachverstand gefragt. Es gab viele Könige und Fürsten, die über mehr oder weniger große Territorien herrschten. Ihnen überließ man die Verteidigung und Sicherung der Grenzen, im Gegenzug genossen sie staatliche Autonomie und wirtschaftliche Privilegien.
Die Oasenstadt Palmyra wird zum wichtigen Klientelstaat
Eine wichtige Rolle im römischen Konzept der hilfreichen Klientelkönigreiche spielte die Oasenstadt Palmyra. Zwischen Damaskus und dem Euphrat gelegen, war sie seit uralten Zeiten eine vitale Drehscheibe des Handels. Karawanen transportierten von hier Waren bis nach Indien und China. Umgekehrt trafen aus aller Welt Produkte ein, die über das Mittelmeer nach Griechenland und Italien exportiert wurden.
Doch nicht nur handelspolitisch, auch strategisch hatte Palmyra eine herausragende Bedeutung. Die Perle der Wüste lag nicht weit entfernt von der Euphrat-Grenze, und so lag es nahe, sie in das Verteidigungssystem an der Grenze zu integrieren. Wertvolle Dienste leistete den Römern der regierende Fürst Odaenathus, der die Sassaniden in Schach hielt. Er starb unter mysteriösen Umständen.
Die Nachfolge übernahm seine ehrgeizige Witwe Zenobia. Anders als der verstorbene Ehemann war sie nicht gewillt, sich mit der Rolle einer braven Grenzschützerin in römischen Diensten zufriedenzugeben. Sie machte Politik auf eigene Rechnung, eroberte mit ihrer Armee Gebiete in Arabien, Ägypten und Anatolien.
So viel Eigenständigkeit war im römischen Limes-Drehbuch nicht vorgesehen. Schon aus Prestigegründen musste man eingreifen. Kaiser Aurelian (270 – 275) fügte Zenobia eine herbe Niederlage zu, doch die selbstbewusste Fürstin legte nach: Sie nahm den Titel Augusta an und reklamierte damit den Anspruch auf die Position einer römischen Kaiserin.
Bei Emesa, dem heutigen Homs, wurde sie von Aurelian erneut besiegt und gefangen genommen. Über ihr weiteres Schicksal (Tod oder Exil) liefern die Quellen unterschiedliche Angaben. Das Vertrauen der Römer in Klientelkönige war nach dieser Erfahrung jedenfalls nicht mehr grenzenlos.
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