Dr. Philipp Deeg
Geschichte bezieht ihre gesellschaftliche Relevanz auch durch die Fragen, die sie der Vergangenheit stellt. Das zeigt die Studie von Justine Diemke-Horst über Depressionen in der griechisch-römischen Antike: Depressionen sind eine Volkskrankheit, über die zunehmend offener gesprochen wird. Und warum sollte die historische Forschung, wenn sie methodisch sauber arbeitet, nicht sowohl zum Verständnis als auch zur Enttabuisierung der Krankheit beitragen?
Diemke-Horst weiß um die Schwierigkeiten, dieses Thema in althistorischer Perspektive anzugehen: Zum einen wurde im 19. und frühen 20. Jahrhundert oft versucht, diesen oder jenen römischen Kaiser gleichsam auf die Couch zu legen, doch gingen alle Versuche fehl – eine Diagnose aus der Ferne, zumal vermittelt über tendenziöse und naturgemäß unvollständige Quellen, ist sauber nicht machbar und verbietet sich. Zum anderen gibt es in der interdisziplinären Forschung zum Thema noch immer eine kulturrelativistische Strömung, die Depressionen für ein Krankheitsbild der Moderne hält – eine nicht sehr triftige, aber noch immer lautstarke Position.
Diemke-Horst geht daher einen vernünftigen Weg: Sie führt eine semantische Analyse verschiedener relevanter, teils in antiken Medizinschriften schon als Krankheitsbild verwandter Begriffe wie melancholía oder tristitia durch, mit denen Zustände der Schwermut bezeichnet wurden. Es geht also um die Verwendung und Bedeutung dieser Begriffe im Kontext. Der Versuch, Einzelpersonen zu diagnostizieren, ist damit ausdrücklich nicht verbunden. Dieser sehr ausführlichen Begriffsanalyse – immerhin 250 Seiten des Werks – folgt eine Synthese, in der Symptome, Ursachen und Umgang bzw. (mit aller Vorsicht)Therapieformen betrachtet werden.
Natürlich zeigt sich dabei insbesondere, wie stigmatisiert psychische Erkrankungen waren. Cicero etwa zog sich nach dem Tod seiner Tochter zurück, um nach einigen Wochen den freundschaftlichen Rat zu erhalten, sich doch besser bald wieder in der Öffentlichkeit zu zeigen, da sein Verhalten sonst nicht standesgemäß und tadelnswürdig sei. Ebenso wird sichtbar, dass die Annahme, in früheren, stärker mit Lebensrisiken wie frühem Tod konfrontierten Gesellschaften habe es eine Desensibilisierung und daher keine oder weniger Depressionen gegeben, nicht haltbar ist. So wird in der Studie erkennbar, dass Depressionen – auch wenn die Symptomatik kulturell differieren kann – nachgerade eine anthropologische Konstante sind.
Literatur
Justine Diemke-Horst, Vorkommen und Bewertung von Depressionen in der griechisch-römischen Antike. Stuttgart 2026.





