In der Priscilla-Katakombe von Rom wurden zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert Tausende Christen bestattet. Meist grub man die Nischen für die Gebeine entlang der schmalen Gänge eng nebeneinander. · Foto: akg-images / Eric Vandeville
In der späten Republik und in der Kaiserzeit bekamen die römischen Götter Konkurrenz durch östliche Geheimkulte. Auch das Christentum gehörte zu diesen Mysterienreligionen. Ihre Toten bestatteten die frühen Christen in den Katakomben, um die sich manche Mythen und Legenden ranken.
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Schon die bloße Erwähnung des Namens weckt die Vorstellung von einem geheimnisvollen, sogar unheimlichen Ort. Dabei ist die ursprüngliche Bedeutung von „Katakombe“ ganz harmlos. Pate stand der Name einer Gegend südlich von Rom, in der Nähe der Via Appia, der berühmten Straße, die von der Hauptstadt nach Brundisium, dem heutigen Brindisi, führte. Ad Catacumbas nannten die Bewohner diesen Platz, die lateinische Version des originalen griechischen Namens katá kýmbas. Übersetzt heißt dies völlig unspektakulär „bei den Mulden“ oder „unter den Mulden“. Gerne nahmen die Römer bei den Griechen terminologische Anleihen auf, so auch in diesem Fall. Katá kýmbas nannten die griechischen Vorbilder ihre Steinbrüche, und so versahen auch die Römer die Tuffsteinbrüche an der Via Appia mit dem Ausdruck „Katakomben“.
Wollte man eine Geschichte der Katakomben von Rom schreiben, wäre eine Überschrift wie „Vom Steinbruch zur Nekropole“ kein unpassender Titel. Denn im Verlauf des 2. Jahrhunderts, in der römischen Kaiserzeit, wurden diese und andere Steinbrüche zu unterirdischen Grabanlagen umfunktioniert. Die Römer selbst sprachen allerdings von den Gräbern noch nicht als „Katakomben“. Dieser Begriff kam erst im frühen Mittelalter auf. In den antiken Quellen liefen sie unter der Bezeichnung coemeterium, also „Schlafraum“ oder „Ruhestätte“.
Hollywood macht die Katakomben zu dunklen Zufluchtsorten
Dies hört sich nun wiederum überhaupt nicht unheimlich an. Dass sich aber bei den Katakomben diese Assoziation einstellt, liegt zum einen daran, dass alles, was sich weit unter der Erde befindet, den Menschen als anthropologische Grundbefindlichkeit Furcht einflößt. Der zweite Grund ist Hollywood. In alten Erfolgsproduktionen wie „Quo vadis“ – der Film feiert 2026 sein 75-jähriges Jubiläum und hat bis heute seinen Einfluss auf das moderne Bild von der Antike nicht verloren – präsentierte man die Katakomben als dunkle Zufluchtsorte von wahlweise standhaften, zitternden oder singenden Christen, die hier Schutz vor dem (angeblich) wahnsinnigen Kaiser Nero suchten.
Die Rekonstruktion aus dem 19. Jahrhundert gibt einen Eindruck, wie enorm aufwendig die Gräber reicher Römer entlang der Via Appia ursprünglich gestaltet waren. · Foto: akg-images / Quagga Media UG
Dass sich reiche Römer bei Wahlen mithilfe von Geldgeschenken oder Speisungen Stimmen erkauften, war eine weitgehend akzeptierte Praxis. Die Bestechung von…
Auch bei späteren Verfolgungen, so der Mythos, hätten verzweifelte Christen in den verzweigten Höhlengängen der Katakomben ein Refugium gefunden. Auch moderne digitale Spiele mit spannenden Titeln wie „Geheimnis der Katakomben“ bedienen die Vorstellung von den römischen Katakomben als düsteren Orten.
Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass Christen die Katakomben gelegentlich auch zu solchen Zwecken nutzten. In der Hauptsache aber waren die Katakomben schlicht Grabanlagen, in denen man Tote bestattete und sich dazu auch zu Gedenkfeiern für die Verstorbenen, etwa an deren Todestag oder Geburtstag, versammelte. Eigentlich widersprach die Bestattung so tief im Untergrund der römischen Praxis, den Verstorbenen einen exponiert sichtbaren Platz in der Welt der Lebenden zu verschaffen.
Die traditionelle römische Religion sah für das Jenseits kein besonders erfreuliches Dasein vor. Die Seelen der Toten führten eine trostlose Existenz im Schattenreich des Hades. Umso wichtiger war es, im Gedächtnis der Menschen dauerhaft lebendig zu bleiben. Die memoria, die Erinnerung, zu sichern, war daher die wichtigste Funktion einer Grabstätte.
Kolumbarien (lateinisch; „Taubenschläge“) boten eine kostengünstige Möglichkeit der Bestattung. Hier die Vigna Codini an der Via Appia. · Foto: akg-images / DeAgostini Picture Library / G. Nimatallah
Wer es sich leisten konnte, baute die Grabmäler dort, wo sie am besten gesehen wurden, längs der großen Ausfallstraßen wie der Via Appia. Innerhalb der Städte durften keine Gräber angelegt werden, mehr aus rechtlichen und hygienischen als aus religiösen Gründen. Dabei wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um den sozialen Status und die finanziellen Möglichkeiten der Familie zu dokumentieren.
Die Gräber der weniger Betuchten fielen bescheidener aus. Hier herrschte noch lange Zeit die Brandbestattung vor, bei der die Asche der Verstorbenen platzsparend in Urnen deponiert wurde. Seit dem 2. Jahrhundert dominierte allgemein die Körperbestattung.
Die Katakomben als große unterirdische, gemeinschaftliche Grabanlagen mit einem verzweigten System von Treppen und Gängen und mehreren Stockwerken verdanken ihre Entstehung dem Umstand, dass nicht zuletzt aus Kostengründen ein erhöhter Bedarf an günstigen Ruhestätten für die Verstorbenen bestand. Denn Gräber waren teuer, der Grund und Boden musste vom Staat erworben werden.
Einer der größeren Räume, auch Cubiculum genannt, in der Priscilla-Katakombe wurde in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts reich bemalt. Zentral an der Decke ist Jesus als guter Hirte zu sehen – ein häufiges Motiv frühchristlicher Ikonographie. · Foto: Bridgeman Images
So ging man im 2. Jahrhundert in Rom dazu über, unterhalb von bereits bestehenden Grabbezirken an der Via Appia im Tuffstein rings um die Steinbrüche unterirdische Tunnel mit Nischen für die Sarkophage anzulegen.
Besonders Christen nutzen die kostengünstige Bestattung
Die kostengünstige Katakombenlösung entwickelte sich rasch zu einem Erfolgsmodell. Dass man sie heute in der allgemeinen Wahrnehmung vor allem mit den Christen in Verbindung bringt, liegt daran, dass diese Form der Bestattung nicht nur, aber bevorzugt für die damals noch junge religiöse Gemeinschaft eine attraktive Alternative zu den herkömmlichen Formen der Bestattung darstellte.
Das Vorteilspaket bestand aus vielen Komponenten. Erstens übernahmen, dem Gebot der christlichen caritas, der Nächstenliebe und Wohltätigkeit, folgend, die Gemeinden oder einzelne wohlhabende Stifter die Kosten für die Bestattung. Und da zu dieser Zeit die meisten Christen noch nicht aus den wohlhabenden Schichten stammten, nahmen sie dieses Angebot dankend an.
Auch Motive der römischen Mythologie finden sich in den unterirdischen Friedhöfen. Hier Herkules im Garten der Hesperiden in der Katakombe unter der Via Latina. · Foto: Bridgeman Images / NPL / DeAgostini Picture Library
Außerdem entsprach die unterirdische Körperbestattung auch den Glaubensvorstellungen der Christen. Denn sie gingen von der leiblichen Auferstehung am Jüngsten Tag aus und wollten die Toten für dieses zentrale Ereignis in einem möglichst unversehrten Zustand halten.
Dazu boten die unterirdischen Nekropolen den Christen auch die Chance, sich zu treffen und gemeinsam der Verstorbenen zu gedenken, fern einer oberirdischen Welt, in der sie wegen ihrer religiösen Praktiken als Außenseiter galten. Diese sekundäre Form der Nutzung der Katakomben war vor allem dafür verantwortlich, dass man später an der Legende von den Katakomben als Refugien und Verstecken verfolgter Christen strickte.
Aufgrund der starken Nachfrage vor allem von christlicher Seite wurden die bereits bestehenden Katakomben ständig vergrößert. Ebenso stieg die Zahl dieser unterirdischen Nekropolen massiv an. Allein in Rom gab es etwa 70 Anlagen, weitere entstanden im Umland von Rom, in Neapel, auf Sizilien und in Ägypten im römischen Alexandria. Benannt sind sie meistens nach den christlichen Stiftern oder nach Märtyrern, die während der großen Christenverfolgungen unter den Kaisern Decius, Valerian und vor allem Diokletian in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts und zu Beginn des 4. Jahrhunderts ums Leben kamen.
In der Katakombe der Heiligen Marcellinus und Peter findet sich eine Bankettszene (4. Jahrhundert), die ein römisches Totenmahl zeigt. Die frühen Christen übernahmen diesen Brauch – und das Bildmotiv des gemeinsamen Mahls. · Foto: Bridgeman Images / Heini Schneebeli. All rights reserved 2026
Zu ihnen zählt der Namenspatron der Katakombe, deren Areal diesem Typ von Nekropole seinen Namen gab: San Sebastiano befindet sich direkt an der Via Appia, dort, wo sich die Flur ad catacumbas erstreckte. Ihre Bezeichnung verdankt sie dem Märtyrer Sebastianus, der unter Diokletian ums Leben kam.
Unangefochtene Spitzenreiter, was Größe und Umfang angeht, sind die Domitilla- und die Callixtus-Katakomben. Erstere weist ein Gangsystem von 17 Kilometern Länge auf. Benannt ist sie nach einer Aristokratin aus der Familie der Flavier, die im 1. Jahrhundert ihren Besitz für eine Grabstätte zur Verfügung gestellt hatte – noch nicht für Christen allerdings, und sie wird auch nicht geahnt haben, was aus dieser Stiftung einst einmal werden würde.
Namensgeber sind Stifter, Märtyrer und Bischöfe
Die Callixtus-Katakomben, mit 20 Kilometern Länge Rekordhalter unter den römischen Katakomben, gehen zurück auf den gleichnamigen Kirchenfürsten, der im 3. Jahrhundert das Amt des Bischofs von Rom bekleidete. Eine vornehme Frau namens Priscilla war die Patin der nach ihr benannten Anlage, eine sehr frühe Christin, die, wie die christliche Legende wissen will, unter Kaiser Domitian (reg. 81–96) den Tod gefunden haben soll.
Im 4. Jahrhundert wurde Jesus erstmals mit Bart dargestellt. Hier auf einem Fresko in der Commodilla-Katakombe. · Foto: akg-images / Erich Lessing
Einen weiteren Schub an Bedeutung und Aufwand erfuhren die Katakomben, als das Christentum im 4. Jahrhundert durch Kaiser Konstantin (reg. 306–337) zur erlaubten und durch Kaiser Theodosius (reg. 379–395) dann zur einzig erlaubten Religion im Römischen Reich erklärt worden war. Jetzt mussten sich die Christen erst recht nicht mehr verstecken. Die Katakomben dienten weiter als Grabstätten, die nun aber luxuriöser gestaltet wurden, weil reiche Familien, die freiwillig oder weil es vom Kaiser verlangt wurde, Christen geworden waren, ganz im „heidnischen“ Stil die Gräber als Visitenkarte ihrer finanziellen Leistungskraft verstanden. Die offizielle Kirche baute unterirdische Basiliken für Totenfeiern und Gottesdienste und kümmerte sich um die Ausgestaltung der Gräber von Märtyrern.
Und auch die Kunst kam nicht zu kurz. Schon zuvor waren die Wände der Katakomben und die Gräber mit mehr oder weniger qualitätsvollen Malereien versehen worden. Beschränkte sich das Repertoire zunächst bevorzugt auf Inhalte aus dem Alten Testament, kamen nun zunehmend christliche Themen hinzu.
Dieser Trend hatte auch damit zu tun, dass sich das Christentum mehr und mehr aus dem jüdischen Kontext löste. So finden sich oft Christus als der gute Hirte und die Zwölf Apostel oder typisch christliche Motive wie der Fisch, die Taube, der Pfau und die Anfang und Ende symbolisierenden Zeichen Alpha und Omega. Vom kunsthistorischen Standpunkt markiert die Katakombenmalerei eine wichtige Frühphase in der Entwicklung der christlichen Kunst, gewissermaßen als Versuchslabor für das Potential, das die neue Religion an Ausdrucksformen zu bieten hatte.
In dieser Terrakottafigur aus der römischen Kaiserzeit ist die ägyptische Göttin Isis mit der griechischen Aphrodite verschmolzen. · Foto: Bridgeman Images / NPL / DeAgostini Picture Library / S. Vannin
Der Siegeszug des Christentums und seine Etablierung als Staatsreligion gingen auf Kosten der alten römischen Religion und auch jener Religionen und Kulte, denen das Christentum seinen Erfolg mitzuverdanken hatte. Denn von seinem Inhalt und seiner Struktur her gehörte die Religion aus dem fernen Judäa zu jenen als Mysterien bezeichneten Religionen, die als Folge der intensiven militärischen, politischen und kulturellen Auseinandersetzung Roms mit der griechischen und hellenistischen Welt auch in Italien und der Metropole am Tiber Fuß gefasst hatten.
„Mysterien“ hört sich ebenso geheimnisvoll wie „Katakomben“ an und verdient im Gegensatz zu diesen auch dieses Attribut. Denn die Kulte, die aus dem Osten kamen, standen nicht, wie der römische Staatskult, allen Menschen gleichermaßen offen. Erst wenn man gewisse Initiationsrituale – die Christen sprachen später von Taufe – absolviert hatte, hatte man Zutritt zu der exklusiven Gemeinschaft der Gläubigen. Was bei den Kultveranstaltungen passierte, durfte nicht nach außen getragen werden.
Bei den Nichteingeweihten führte das zu wilden Spekulationen über das, was hinter den Mauern der Heiligtümer so getrieben wurde. Die Gerüchte, die in diesem Zusammenhang verbreitet wurden, verrieten dabei mehr über die Phantasie der Menschen, die sie in Umlauf brachten, als über das, was dort wirklich passierte. Im Prinzip ging es bei den Zeremonien der Mysterienkulte darum, die mythische Geschichte der jeweiligen Gottheiten unter der Anleitung kundiger Priesterinnen und Priester zu simulieren.
Seltene Einblicke in die Abläufe einer Zeremonie des Isis-Kults gewährt ein Fresko aus Herculaneum (1. Jahrhundert). Teilnehmen durften eigentlich nur Eingeweihte. · Foto: Bridgeman Images / Tarker
Vor allem boten die Mysterienkulte eine positive Jenseitsperspektive. Der Tod war nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Lebens. Die Mysterienreligionen boten den Menschen jenes Maß an religiösem Tiefgang und an Spiritualität, das der offiziellen römischen Staatsreligion mit ihren starren Ritualen völlig fehlte.
Besondere Popularität genossen Mithras, Isis und Kybele. Ihre Kulte gelangten durch Händler, Soldaten und Zuwanderer in den Westen. Die aus Anatolien stammende Göttin Kybele verdankte ihre Präsenz in Rom einem besonderen Umstand. In Rom nannte man die im kleinasiatischen Phrygien beheimatete Fruchtbarkeitsgöttin Magna Mater, die „Große Mutter“. Ihr Kultpartner war der junge Attis, den sie aus enttäuschter Liebe wahnsinnig werden ließ. In diesem traurigen Zustand entmannte sich der junge Ex-Geliebte selbst und starb. Doch aus seinem Blut wuchsen, als eine Form der Wiederauferstehung, Blumen und Bäume, und Zeus sorgte dafür, dass der Körper jung und schön blieb.
Diese anspruchsvolle Kultgeschichte bei den Treffen der Gemeinde simulierend in Szene zu setzen und ekstatisch zu begleiten, bedeutete für Priester und Anhänger eine echte Herausforderung. 204 v. Chr., in der Endphase des Krieges gegen Hannibal und Karthago, holten die Römer ganz offiziell einen schwarzen Meteoriten aus Pessinus in Phrygien an den Tiber, den heiligen Stein der Kybele. Orakel hatten dazu geraten – mit Erfolg: Die Römer siegten, und der hilfreiche magische Stein erhielt zur Belohnung einen eigenen Tempel auf dem Palatin.
Das zentrale Bildmotiv des Mithras-Kults: Der namengebende junge Gott tötet den Stier, aus dessen Blut neues Leben entstehen soll (Marmorskulptur, 2. Jahrhundert). Wiederauferstehung war für die römische Religion ein neues Konzept. · Foto: akg-images / Erich Lessing
Mysterienkulte inspirieren die frühen Christen
Weniger freundlich wurde mit den zahlreichen Anhängern der ägyptischen Göttin Isis umgegangen. Diese universal verwendbare Göttin, in der ägyptischen Religion Partnerin und Schwester des Todes- und Fruchtbarkeitsgottes Osiris, gehörte in Rom schon seit den Zeiten der Republik zu den populärsten importierten Gottheiten. Auch die frühen Christen ließen sich von ihr inspirieren, indem sie die Darstellungen mit ihrem Sohn Horus für das Motiv der Madonna mit dem Kind adaptierten. Dass Isis den von seinem bösen Bruder Seth zerstückelten Osiris wieder zusammensetzte und zum Leben erweckte, gehörte ebenfalls zu den Quellen des christlichen Glaubens an die Wiederauferstehung.
Bei den Isis-Festen, ebenfalls geschlossenen Veranstaltungen, ging es wie bei Kybele und den anderen Mysteriengöttern mit all den Zeremonien und Ritualen hoch her. So etwas weckte das Misstrauen der staatlichen Institutionen – nicht aus religiösen Gründen, da herrschte in Rom große Liberalität, sondern weil alles, was hinter verschlossenen Türen und in exklusiven Zirkeln passierte, Verdacht erregte. Ordnung und Transparenz standen auf der politischen und sozialen Prioritätenliste ganz oben. Und so kam es in der Republik und in der Kaiserzeit immer wieder zu staatlich verordneten Vertreibungen von Isis-Anhängern aus Rom und Italien und zu zeitweisen Verboten dieses Kultes.
Auch der persische Gott Mithras durfte sich über viele Sympathisanten freuen. Die Anhängerschaft versammelte sich in kleinen, meist unterirdisch angelegten Kulträumen und huldigte dort dem Vorkämpfer des Guten gegen das Böse, symbolisiert in der Tötung des Stieres durch die Lichtgestalt Mithras. Attraktiv war auch hier die Vorstellung, dass durch das Blut des Stieres neues Leben entsteht. Nach dem Tod, so die Lehre, trennt sich die Seele vom Körper und gelangt durch sieben Planetensphären zur ewigen Seligkeit.
Da die Mithras-Anhänger besonders unter den Legionären zu finden waren, entstanden die Kultstätten des Gottes (Mithräen) auch in der Peripherie des Reichs – hier am Hadrianswall im Norden Englands. · Foto: Bridgeman Images / NPL / DeAgostini Picture Library / S. Vannini
Nicht alle nehmen die neue Staatsreligion mit Freude an
Überhaupt die Zahl Sieben: Wer in die Mithras-Gemeinschaft aufgenommen werden wollte, hatte sieben Weihegrade zu durchlaufen und war am Ende buchstäblich „mit allen Wassern gewaschen“, denn jede Stufe war mit rituellen Reinigungen verbunden. Spuren von antiken Mithras-Heiligtümern finden sich in Rom noch heute etwa unter der Basilika San Clemente oder beim Palazzo Barberini.
Als das Christentum am Ende des 4. Jahrhunderts Staatsreligion geworden war, bedeutete dies zugleich das offizielle Ende aller anderen Religionen. Doch auch die römischen Kaiser mussten die Erfahrung machen, dass sich Glaube nicht dekretieren lässt. Viele Menschen wollten sich trotz staatlicher Drohungen nicht damit abfinden, dass sie auf ihre gewohnte Religion nun verzichten sollten. In Rom selbst gab es konservative Adelskreise, die bewusst weiter auf die alten Kulte um Jupiter, Juno und Victoria setzten. Auf dem Lande hielten sie sich besonders hartnäckig. Kein Zufall, dass man diejenigen, die sich dem neuen Glauben verweigerten, pagani nannte, nach dem Begriff pagus für einen Landbezirk.
Die Anhänger der Mysterienkulte hingegen wechselten bereitwilliger die Seiten. Da das Christentum viele ihrer Lehren und Rituale übernommen hatte, erschien es ihnen weniger fremd. Sie fügten sich zudem der Gewalt, die von den Christen angewandt wurde, um die Konkurrenz in die Schranken zu weisen.
Mit dem Sieg des Christentums kamen auch die Bestattungen in den Katakomben allmählich aus der Mode. Die Christen nutzten nun oberirdische Nekropolen. Die Katakomben wandelten sich zu Zielen von Pilgern, die den Gräbern der Märtyrer ihre Reverenz erweisen wollten. Weil sie dabei gerne Reliquien mitgehen ließen, griffen im frühen Mittelalter die Kirchenfürsten ein und verschafften den begehrten Überresten sichere Plätze in den Gotteshäusern. Die Katakomben lagen über Jahrhunderte brach, bevor sie in der Neuzeit wiederentdeckt wurden.
Prof. Dr. Holger Sonnabend
lehrt Alte Geschichte an der Universität Stuttgart.
Literatur
Holger Sonnabend, Triumph einer Untergrundsekte. Das frühe Christentum. Von der Verfolgung zur Staatsreligion. Freiburg 2018. Holger Sonnabend, Götterwelten. Die Religionen der Antike. Darmstadt 2014.
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