Im Film „Batman“ (1989) von Tim Burton mimte Jack Nicholson den als Joker bekannten Bösewicht, der in der Tradition des biblischen Narren steht. · Foto: Getty Images / Sygma / Foto: Murray Close
Im Lauf des Mittelalters wurden Häretiker, die vom rechten Weg der lateinischen Kirche abwichen, immer stärker verfolgt. Der Zweifel an der Existenz von Gott blieb dagegen straffrei. In so einem Fall fehle es schlicht an Verstand, urteilten die Zeitgenossen.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Der Atheist des Mittelalters war ein Narr. Wir kennen noch seine Nachfahren in der Gegenwart – das sind etwa der gewissenlose Joker in den „Batman“-Comics und -Verfilmungen, der Fastnachtsnarr und der traurige Harlekin, der immer alles falsch macht. Auch die Kartenfigur des Jokers greift Elemente der alten Bildtraditionen auf – die Mütze mit den vielen Zipfeln oder Eselsohren als Kappe, die langen, spitzen Schuhe, der zweifarbige Anzug, die Schellen, der Spiegel, die Marotte.
Warum verkörpert diese Figur die mittelalterliche Konzeption von Atheismus? Der Hintergrund ist eine Formulierung aus der Bibel: „Der Narr spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott.“ So beginnen die Psalmen 14 und 53 (Vulgata: 13 und 52).
Dieser Narr – oder Tor in anderen Übersetzungen – ist lächerlich, weil er es maßlos übertreibt: Spitzer sind seine Schuhe, enger sein Kleid, schriller als üblich die beiden Farben der Mi-Parti-Kleidung. Eine solche Aufmachung war zudem in der Frühen Neuzeit, als die Bildtradition des Narren richtig populär wurde, bereits außer Mode und wirkte komisch. Niemand trug mehr solche Farben und spitze Schuhe. Vielmehr war das Kostüm bereits seit dem späten Mittelalter Teil der Fastnachtskultur vor der Fastenzeit: eine Lizenz zum unbekümmerten Prassen, Essen, Saufen und zügellosen Sex.
Die Fratze des Gegenspielers von Batman verkörpert indes die kulturelle Erinnerung, dass mit dem Narren nicht nur zu spaßen ist. Sie führt tief in die kirchliche Tradition Europas hinein, zu dem Moment, als der Satz aus den Psalmen 14 und 53 ins Lateinische übersetzt wurde. Der Narr aus der Bibel kümmert sich nicht um soziale Regeln. Er lebt so, als sei kein Gott, der Gesetze für das Zusammenleben aufgestellt hat und der am Ende richten wird.
In mittelalterlichen Manuskripten ist die Seite mit Psalm 53 oft durch Miniaturen geschmückt, die einen Toren oder Narren zeigen. Hier hält er in der rechten Hand den Narrenstab (auch Marotte) und in der linken ein Brot. Letzteres bezieht sich auf die „Übeltäter“, die laut Psalm „mein Volk fressen“ („La Bible hystoriaux ou Les hystoires escolastres“, 1357). · Foto: akg-images / British Library
Mehr aus Mittelalter
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Mittelalter.
Wenn es um den Bau eines mittelalterlichen Klosters geht, wird sehr oft der sogenannte St. Galler Klosterplan zur Illustration herangezogen. Aber was zeigt das…
In den weiteren Versen der Psalmen wird beklagt, dass Ungerechtigkeit die Welt beherrsche: „Sie sind alle abgewichen, allesamt verdorben; es gibt keinen, der Gutes tut, auch nicht einen Einzigen!“ Mächtige interessierten sich nur für ihre eigenen Bedürfnisse und hätten keinerlei Gespür für ihre Grausamkeit. Die jüdische Kommentarliteratur folgt dieser Interpretation im Mittelalter, wie beispielsweise der Psalmkommentar des prominenten Gelehrten Raschi (1040/41–1105).
In der lateinisch-christlichen Interpretation blieb diese Sicht durch die Jahrhunderte ebenfalls lebendig. Auf einer Federzeichnung im frühmittelalterlichen „Utrechter Psalter“ ist die Welt des Narren, der den Satz sagt: „Es gibt keinen Gott“, illustriert (siehe Abbildung Seite 24 oben). Eingerahmt von zwei Schlangen in einem Pavillon wird ein Tyrann sichtbar, der auf einem Thron sitzt. Die Häupter von Ermordeten werden ihm als Trophäen dargeboten. Um die arme Bittstellerin und ihre Kinder in seinem Rücken bekümmert er sich nicht. Im Vordergrund schlagen sich Soldaten um eine Frau. In einer zweiten Szene rechts werden Menschen von berittenen Kriegsleuten in Gefangenschaft geführt. Diese Formen von Gewalt blieben in den mittelalterlichen Jahrhunderten erfahrene Wirklichkeit.
Von Anfang an warf jedoch der Satz für die Interpreten auch die Frage auf, ob es Leute gebe, die ernsthaft der Überzeugung waren, dass kein Gott existiere. Altchristliche Kommentatoren wie Augustinus von Hippo (354–430) gingen davon aus, dass den Menschen die Kenntnis der Existenz Gottes von Natur aus eingegeben sei. Während also viele so leben mochten, als gebe es Gott nicht, sei nicht damit zu rechnen, dass jemand diesen Satz ernsthaft vertreten würde. Das sei auch einfach zu dumm.
Verbunden war damit aber natürlich die philosophische Frage, ob es überhaupt denkbar sei, dass kein Gott ist. Auch jüdische und muslimische Gelehrte dachten darüber nach. In der christlichen Scholastik wurde das Thema ebenfalls aufgegriffen. Um zu beweisen, dass die neuen philosophischen Methoden die schwierigsten logischen Probleme zu lösen imstande waren, benutzte Anselm von Canterbury (um 1033–1109) in seinem „Proslogion“ den Narren als Adressaten seiner Argumentation. Nicht einmal dieser Unverständige, der nichts begreife, so sein zufriedenes Fazit, könne sich seinem Beweis Gottes entziehen.
Der „Utrechter Psalter“ entstand in karolingischer Zeit um 820 bis 835. Die Szenen auf dieser Seite illustrieren Psalm 13 (Vulgata). Unten links dessen erster Vers: „Dixit insipiens in corde suo: Non est Deus [Der Narr spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott].“ · Foto: Universität Utrecht (Hs 32 dl 1–2 Con, fol. 7v)
Anders als in der Neuzeit dienten die Gottesbeweise der scholastischen Gelehrten also nicht dazu, Gottes Existenz zu begründen, da ihnen diese bereits gewiss war. Die Frage, ob es Gott gibt, wird von den Scholastikern ebenso wie von ihren jüdischen und islamischen Kollegen daher oft in den Einführungen, in der Propädeutik abgehandelt. Die theologischen Lehren selbst – wie etwa, dass Gott ein lebendiger, allmächtiger, allwissender und gnädiger Gott ist und als Dreifaltigkeit schon vor der Zeit war – seien mit solchen Denkoperationen dagegen nicht zu beweisen, behauptete Johannes Duns Scotus (um 1265/66–1308) kurz und bündig in seinen „Theoremata“.
Im Rahmen dieser Erörterungen sammelten die Gelehrten über die Jahrhunderte durchaus theoretische Argumente für die Idee, dass Gott nicht sei. Besonders gründlich wurden sie von dem jüdischen Philosophen Saadia Gaon (882–942) in Bagdad und später von Thomas von Aquin (1225– 1274) in Paris erörtert.
Für Saadia war dies ein Gebot der intellektuellen Redlichkeit; er fand, man brauche und dürfe sich vor keiner Frage scheuen und sie nicht autoritär abkanzeln. Für Thomas von Aquin war es Teil der scholastischen Umsicht: Bei einer Disputation sind alle möglichen Gegenargumente für eine These anzubringen, so abwegig sie auch scheinen mögen, und sodann Stück für Stück einzeln und gründlich in rationalen Gedankenschritten zu erörtern, bevor die These als bestätigt gelten kann.
Argumente, die gegen die Existenz von Gott sprechen
Entsprechend erörterte er in der Einleitung seines großen Lehrbuches für Theologiestudenten, der „Summa Theologica“, zwei fundamentale Gedanken mit Pro und Contra: Ist die Existenz Gottes evident? Gibt es Gott? Für die zweite Frage notierte er zwei Gegenargumente, die uns nicht fremd sind: Wenn Gott das unendlich Gute sein soll, aber das Übel in der Welt existiere, dann existiere Gott nicht; und wenn die Erscheinungen in der Welt durch natürliche Ursachen erklärt werden könnten, sei es nicht nötig, die Existenz Gottes anzunehmen. Allerdings gab es niemanden unter den damaligen Gelehrten, der diese Argumente ernsthaft vertreten hätte.
Der Scholastiker Thomas von Aquin disputierte auch die Frage, ob es Gott gibt. (Gemälde, 15. Jahrhundert). · Foto: Bridgeman Images / Photo Josse
Im Mittelalter schieden sich die gelehrten Geister nicht an der Frage, ob Gott sei. Deshalb wurde die Diskussion darüber an den Universitäten auch nie verboten. Im Gegenteil – sie schien sogar eine nützliche Übung zu sein. Beim Studium der wissenschaftlichen Grundlagen in der Philosophie übte man sich darin, offensichtlich absurde, aber logisch begründbare Sätze regelgerecht zu widerlegen. Siger von Brabant (um 1235/1240–1284), ein Dozent an der Pariser Universität, fügte die These „dass Gott nicht existiere“ seiner Sammlung solcher aus seiner Sicht abwegiger Sätze hinzu. Er steht hier neben der Behauptung, dass der Trojanische Krieg noch andauere. Der Satz brachte weder Philosophen noch Bischöfe noch den Papst aus der Ruhe. Sie reagierten vielmehr sehr entspannt darauf.
Das ist umso bemerkenswerter, als etwa zur selben Zeit in der Zusammenarbeit von Papst Gregor IX. (amt. 1227–1241) und Friedrich II. (seit 1196 römisch-deutscher König, Kaiser 1220–1250) für uneinsichtige Häretiker die Todesstrafe eingeführt wurde. Die Häretiker verfochten per Definition alternative theologische Lehren. Sie kritisierten die Institution der römischen Kirche und bildeten eigene Gemeinden und Rituale. Das war gefährlich, da es die soziale Ordnung untergrub. Mit fliegenden geistlichen Tribunalen und mit Unterstützung der weltlichen Herrschaften gingen die kirchlichen Autoritäten mit zunehmender Gewalt dagegen vor. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts durften sie die Folter einsetzen, um Geständnisse zu erzwingen.
Nachdem die lateinische Kirche viele Jahrhunderte weder eine Veranlassung noch eine Befugnis gesehen hatte, sich mit der Rechtgläubigkeit von Juden und Muslimen in Europa zu beschäftigen, wurden auch diese im 14. und 15. Jahrhundert vor die Tribunale der Inquisition gebracht. Nach massenhaften Zwangstaufen wurden schließlich selbst diese Neuchristen verdächtigt, die Kirche zu unterwandern.
Diese Straftatbestände erweiterte man bis zum Ende des Mittelalters ständig. Der Satz, dass kein Gott sei, gehörte nicht dazu. Menschen, die eine solche Position verträten, sagte der Pariser Dominikaner Wilhelm Peraldus (um 1200–1271) in seiner „Summa de Vitiis et Virtutibus“, bräuchten in erster Linie Verstand, „denn wer zweifelt, ob es nötig ist, Gott zu verehren und seine Eltern zu ehren oder nicht, braucht eine Strafe, wer aber zweifelt, ob der Schnee weiß ist oder nicht, braucht Verstand.“
Häretiker, die alternative Lehren verbreiteten, wurden im Mittelalter zunehmend verfolgt. Viele landeten auf dem Scheiterhaufen (Miniatur aus den „Grandes Chroniques de France“, um 1455/1460). · Foto: Bridgeman Images
Wenn die Gelehrten der lateinischen Welt sich von diesen Gegenargumenten abgrenzten, wussten sie doch, dass sie existierten und dass es Menschen gab, die so empfanden. Aus ihrer Sicht vermuteten sie dies vor allem bei Ungelehrten, bei Bauern, Frauen oder Sündern. Man nannte das damals nicht „Atheismus“. Dieses neulateinische Wort entstand erst im 15./16. Jahrhundert. Es gibt auch kein mittelalterliches Synonym dafür. Man musste es mit dem Satz des Narren benennen und tat das auch. Man sprach von schweren Zweifeln, im Selbstgespräch in der eigenen Klosterzelle oder mit Lehrern oder Beichtvätern.
Laster undBuße
Widerwillen, Gleichgültigkeit und Langeweile gegenüber dem Glauben wurden im Rahmen der Tugend- und Lasterlehre systematisiert. Laster waren keine Verbrechen, sondern für die menschliche Natur unausweichlich. Man begegnete ihnen mit Buße, Fasten, dem Stiften von Kerzen, bei schweren Sünden auch mit der Exkommunikation.
Dabei gaben sich die Gelehrten wenig Illusionen hin, dass sie mit Predigten, Mahnungen und kirchlichen Strafen alle Schäfchen auch erreichten. Die Kirchenzucht der Neuzeit lag noch in weiter Ferne. Am Sonntag wurde im Mittelalter gehandelt, getrunken und gespielt, und längst nicht alle besuchten den Gottesdienst so diszipliniert, wie die kirchlichen Autoritäten es wünschten.
Frömmigkeitsbewegungen kamen, aber sie ebbten auch wieder ab. Nicht wenige Menschen zeigten keinerlei Interesse am Glauben und sahen über Jahrzehnte keine Kirche von innen; erzählt wird das insbesondere von den Mächtigen, Rittern oder Patriziern.
Der heilige Benedikt von Nursia ermahnt einen Mann, der sein Fasten gebrochen hat (Fresko von Luca Signorelli in der Abtei von Monte Oliveto Maggiore, um 1497). Im Mittelalter galten zeitweise Zweifel an Gott als mindere Sünde, für die man etwa durch Fasten büßen konnte. · Foto: Bridgeman Images / Luisa Ricciarini
Der Augustinerchorherr Stefan von Landskron (gest. 1477) schrieb für Lesekundige „Die Hymelstrasz“ (1484), eine Anleitung zum frommen Leben, in der er auch den durchschnittlichen Bürger einer Stadt beschreibt: „... sol er zuo der predigt geen, so hat er anders zu schaffen, sol er dabey bleiben, so ist es jm summer zu heyß jm winter so friert jn. So der prediger an hebt zuo predigen, so hebt er an zuo schlaffen oder ettwas anders gedencken, hat es nit pald ein end, so geet er auch, sol er selber lesen, so thuot jm das haubt wee, soll er zuohören, so ist jm es zuo lanck. Sol er fragen, das schämt er sich, soll er dauon gedencken so verdreust es jn. Ist er pey einer predig so versaumpt er dye andern oder drey oder vier oder sy get jm zuo einem oren ein zuo dem andern wider auß.“
Als durchaus bußwürdige Sünde betrachteten die Gelehrten den Zorn, wenn Zeitgenossen die Wirklichkeit im Widerspruch zur Zusage von Gottes Gnade und Gerechtigkeit sahen. Im begrenzten Rahmen konnte man über dieses „Murren“ auch gemeinsam lachen. Prediger erzählten die Geschichte vom kranken Komödianten, der seine Pferde und andere Güter den Reichen und Mächtigen vermacht. Auf die Frage, warum er sie nicht den Armen gebe, entgegnet er, er handele nach dem Ratschlag der Priester, die stets predigten, dass der Mensch Gott nachahmen solle. Und da dieser die Güter dieser Welt den Reichen überantworte und nicht den Armen, verfahre er ebenso.
Das „Murren“ ist geradezu ein ständiges Rauschen im Hintergrund dieser Jahrhunderte, in denen Erfahrungen von Gewalt, Unrecht, Wetterkatastrophen und Krankheit immer wieder zum prekären Alltag gehörten. Die Gelehrten verhinderten aktiv die theoretische Befragung der Allmacht und Güte Gottes angesichts des Leidens. Mit solchem Unsinn disqualifizierte man sich vor sich selbst, fand noch der Dichter Francesco Petrarca (1304– 1374) in der Pestzeit der Mitte des 14. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als er mit seinem Schicksal haderte.
Werk des Teufels: „Anfechtungen“ und „Versuchungen“
Die Zweifel, wie sie Petrarca überkamen, wurden auch „Anfechtungen“ oder „Versuchungen“ genannt. Der „Versucher“ war der Teufel. Hierzu gab es seit dem frühen Christentum Hilfe für die Frommen. Aufgeschrieben wurde selten etwas, doch reichen die Belege, um über die Jahrhunderte die Stimmen gequälter Zweifler wahrzunehmen.
Jesus wurde während seines Aufenthalts in der Wüste „von dem Teufel versucht“ (Matthäus 4,1). Hier fordert er den hungernden Jesus auf, aus einem Stein Brot zu machen (Gemälde von Juan de Flandes, um 1500/1504). · Foto: Bridgeman Images / Christie’s Images
Als Trostbuch für Novizen wollte der Benediktiner Otloh von St. Emmeram (um 1010–nach 1070) sein „Buch der Versuchungen“ („Liber de Temptatione“) verstanden wissen. Er schrieb es um 1070 und widmete es Novizen, die wie er allein in der Zelle von Einfällen geplagt sein könnten: Als er einst jung war, zweifelte er an der Wahrheit der Heiligen Schrift und der Existenz Gottes. Sein eigenes Leiden und der böse Zustand der Welt schienen ihm damals der unhintergehbare Beweis, dass es keinen allmächtigen Lenker der Welt geben könne.
Als junger Novize fürchtete Otloh gar, dass in Wirklichkeit derjenige der Narr sein könnte, der an Gott glaubt. Es ist bemerkenswert, dass dieser schreckliche Verdacht bis zum Ende des Mittelalters erzählt wird, oder, mit den Worten des Predigers Johannes Geiler von Kaysersberg (1445–1510) aus seinem Buch „Die Sünden des Munds“ (1518): „Also was der glauben fürhaltet / das es alles ein gouckelwercke [Gaukelwerk] sei / vnd ein narrenwercke.“
Getröstet wurde Otlohs früheres Ich durch eine Vision. Gott sei ihm erschienen und habe sich damit gewissermaßen selbst bewiesen. Solche Visionen werden über die Jahrhunderte in der erbaulichen Literatur immer wieder als Mittel angeführt, durch das die Beziehung eines Mönches oder einer Nonne zu Gott geheilt wurde.
Ein anderes Mittel, das seit dem 13. Jahrhundert empfohlen wird, ist das, was wir in der heutigen Verhaltenspsychologie als „Gedankenstopp“ kennen, also der bewusste Verzicht auf ein Grübeln, weil es unproduktiv und destruktiv ist.
Der in Straßburg wirkende Johannes Geiler von Kaysersberg wurde durch seine humorvollen und volksnahen Predigten bekannt, in denen er sich mit den Tücken des Glaubens auseinandersetzte (Stich, 1650). · Foto: akg-images / FLORILEGIUS
Die Reformer hatten das Problem, dass sie jetzt in der Bevölkerung die Symptome behandeln mussten, die sie selbst mit verursacht hatten. Nicht nur wurde die Häresie mit zunehmender Schärfe verfolgt. Zugleich wurde die Blasphemie zu einem weltlichen Straftatbestand erhoben. Außerdem wurden die Beichtkinder seit dem Laterankonzil von 1215 regelmäßig und systematisch gefragt, ob sie auch „fest“ glaubten.
Der Effekt dieser Frage konnte für beide Gesprächspartner verstörend sein. Weil die geistlichen Lehrer darüber schrieben, erfährt auch die moderne Wissenschaft davon. Sie mahnten Beichtväter, nicht zu scharf mit dem Ergebnis umzugehen, um die Betroffenen nicht zur Verzweiflung zu treiben, und wiederholten, dass Zweifel, Verlust des Glaubens und Gefühle gegen Gott weder Häresie noch strafwürdige Blasphemie seien.
Der Dominikaner Étienne de Bourbon (um 1190–um 1261) nahm in seine Sammlung von Praxisbeispielen für Prediger eine Geschichte auf, die er selbst erlebt hatte. Als er sich in seiner Funktion als Inquisitor in einer Stadt aufhielt, um nach Häretikern zu suchen, sei eine fromme adlige Dame vor ihn getreten und habe verbrannt werden wollen: Sie habe schlimmere Gedanken über den Glauben und die Sakramente als die Häretiker. Für Étienne waren diese Gedanken jedoch unbedenklich. Der kluge Inquisitor erklärte ihr, dass sie diese Gedanken unfreiwillig habe; sie solle sie fahren lassen und ihr Herz auf etwas anderes richten. Damit, so erzählt er, habe er sie trösten können.
In unterschiedlichen Worten beschrieben die Beichtexperten, wie diese Gedanken an den Menschen herankommen. Otloh schien es, ein Teufel säusele sie ins Ohr. Johannes Geiler von Kaysersberg verglich sie mit dem ungewollten Zuhören einer anderen Person: „seß ich hinder dem offen / vnd einer redet vor mir wieste vnfletige ding es wer mir widerwertig / ich wolt das er an dem galgen wer / so ich nun kein gefallen daran hab / wie möcht ich den schuld daran haben.“
Ein wirkliches Problem wurden diese Gedanken erst, wenn man sie laut herausposaunte oder etwa mit Spott und Lärm den Gottesdienst störte. Das sollte als Todsünde gewertet werden. Doch wohlgemerkt: Auch diese Todsünde war nicht Gegenstand der Inquisition oder weltlicher Strafen.
Prof. Dr. Dorothea Weltecke
lehrt Europäische Geschichte des Spätmittelalters an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Literatur
Dorothea Weltecke, „Der Narr spricht: Es ist kein Gott“. Atheismus, Unglauben und Glaubenszweifel vom 12. Jahrhundert bis zur Neuzeit. Frankfurt am Main 2010.
DAMALS PlusMittelalter
Der blinde Held der Tschechen
17. September 2026
Die religiöse Reformbewegung der Hussiten stritt seit 1419 im damaligen Böhmen auch militärisch für ihre Unabhängigkeit. Ihr Anführer in dem heute als erster…
DAMALS PlusMittelalter
Die Gefangene von Tordesillas
22. August 2026
Als Erbtochter der „katholischen Könige“ Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien vereinte Johanna „die Wahnsinnige“ (1479–1555) seit 1516 die…
DAMALS PlusMittelalter
Die Ideenschmiede der Kalifen
3. August 2026
Der im 12. Jahrhundert lebende Philosoph und Aristoteles-Kommentator Averroes ist einer der herausragenden Denker aus al-Andalus. Das Reich der Almohaden…