Das von Bohumil Kafka geschaffene Reiterstandbild auf dem Prager Veitsberg erinnert an den Hussitenführer Jan Žižka, der dort 1420 ein Heer katholischer Kreuzfahrer besiegte. · Foto: mauritius images / Azoor Prague / Alamy / Alamy Stock Photos
Die religiöse Reformbewegung der Hussiten stritt seit 1419 im damaligen Böhmen auch militärisch für ihre Unabhängigkeit. Ihr Anführer in dem heute als erster Hussitenkrieg bekannten Konflikt war Jan Žižka, der selbst vollständig erblindet noch Schlachten gewann.
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Eine der größten Reiterstatuen der Welt steht auf einem Prager Hügel. Von der Burg aus gut sichtbar verkörpert das Denkmal den Feldherrn Jan Žižka. Mit ihm an der Spitze stellten sich, an genau jenem Ort, die bedrängten Hussiten einer feindlichen Übermacht. Der deutsche König und künftige Kaiser Sigismund führte das gegnerische Heer am 14. Juli 1420 in die Schlacht, mit Rückendeckung des Papstes: Im fernen Rom hatte Martin V. zum Kreuzzug gegen die Anhänger von Jan Hus aufgerufen.
Fünf Jahre zuvor war der böhmische Reformator in Konstanz verbrannt worden. Seine Popularität in der Heimat blieb ungebrochen. Gleiches gilt, bis heute, für Žižka, der fester Bestandteil des tschechischen Nationalbewusstseins wurde. Der Feldherrnhügel heißt Vítkov (Veitsberg); der angrenzende Stadtteil wurde zu Ehren des Hussitenführers und in Erinnerung an die Schlacht von 1420 Žižkov genannt.
Einen recht bizarren Auswuchs des Kults um Žižka findet man unterhalb des Hügels. Wer von der Hauptstraße des Viertels, der Husitská, kommt und sich vor dem Aufstieg noch einmal stärken möchte, kommt nur schwer an dem Wirtshaus „U Vystrˇelenýho oka“ vorbei. Das Kneipenschild zeigt einen unbändigen Žižka, Weinkelch in der Hand, rücklings auf einem Pferd sitzend. Ein Auge verhüllt eine schwarze Binde, das andere blinzelt dem Betrachter tückisch entgegen. Drinnen tummeln sich Langhaarige und Bärtige, in ihrem Äußeren an Žižkas wilde Krieger erinnernd.
Der Name des Lokals, auf Deutsch: „Zum ausgeschossenen Auge“, spielt auf ein Malheur Žižkas auf dem Zenit seiner Laufbahn an. Im Gefecht verlor er durch einen Pfeil ein Auge. Es war bereits das zweite. Das erste hatte er bei einer Rauferei in seiner Jugend eingebüßt.
Der unbesiegte Feldherr: Jan Žižka in einem Porträt aus dem 16. Jahrhundert. Der böhmische Heerführer errang zahlreiche Siege für die Hussiten. · Foto: akg-images / Erich Lessing
Der Feldherr verliert sein Augenlicht – und führt die Hussiten dennoch von Sieg zu Sieg
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Selbst vollständig seiner Sehkraft beraubt gelangen Žižka weitere militärische Erfolge im Dienst der Hussiten. Dem Chronisten Enea Silvio Piccolomini rang so viel Zähigkeit zähneknirschende Bewunderung ab: „Seine Verletzung behinderte ihn weder in der Burgeneroberung noch in der Kriegführung“, schrieb der künftige Papst Pius II. (amt. 1458–1464) in seiner „Historia Bohemica“, „und das blinde Volk war ganz zufrieden, dass es einem blinden Führer folgen durfte.“
Jan Žižka, um 1360 geboren, entstammte dem niederen böhmischen Adel. Seine verarmte Familie führte immerhin noch ein Wappen. Er wuchs auf einem kleinen Gutshof in Trocnov auf, einem Dorf südlich von Budweis. Von Žižkas frühem Werdegang ist neben der fatalen Rauferei wenig überliefert. Als 20-Jähriger heiratete er Katharina, die Tochter eines Landadligen. Infolge der Erbteilung war der Familienbesitz derart geschrumpft, dass Žižka neue Äcker erwerben musste, wofür er sich verschuldete. Die Erträge blieben gering, das Defizit wuchs.
Schließlich verdingte sich Žižka als Söldner. Im Sommer 1410 gehörte er als Offizier einem böhmischen Kontingent im polnisch-litauischen Feldzug in Ostpreußen an. Auch an der entscheidenden Schlacht von Tannenberg (Grunwald) nahm er teil, die dem Deutschen Orden den Verlust seiner hegemonialen Stellung bescherte. Über Umwege gelangte Žižka in den Wachdienst am böhmischen Königshof in Prag. Er bezog ein Haus in der Straße Na prˇíkopeˇ („Am Graben“), ganz in der Nähe des später errichteten Pulverturms am Rand der Altstadt.
Das nächste wichtige Datum im Leben Žižkas war der letzte Julisonntag 1419. Als erster Prager Fenstersturz ging er in die Geschichte ein. Ungleich blutiger, doch weniger berühmt als der erneute Fenstersturz 1618, der den Dreißigjährigen Krieg auslöste, mündete auch die originale Defenestration in einen internationalen Konflikt. Wie aber kam es zu dem Gewaltausbruch vor dem Rathaus der Prager Neustadt, und was hatte Žižka damit zu tun?
Neben der Gottesmutter knien Kaiser Karl IV. (links) und sein Sohn Wenzel IV. (rechts). Das um 1370 entstandene Votivbild wurde gestiftet vom Prager Erzbischofs Jan Očko von Vlašim (unten kniend). · Foto: akg-images
Während seiner Zeit in Prag war Žižka mit der Lehre des Reformators Jan Hus in Berührung gekommen. Sie sollte sein gesamtes weiteres Leben prägen. Hus hatte, beeinflusst von seinem englischen Vorbild John Wyclif (gest. 1384), die Ursache des Verfalls der katholischen Kirche in der Anhäufung ihres weltlichen Besitzes gesehen. Und nirgends in Europa schaffte es der Klerus, dermaßen viel Besitz an sich zu raffen wie in Böhmen: Die Hälfte des Landes befand sich in der Hand des Prager Erzbischofs, der Diözesen und der zahlreichen Klöster; ein Sechstel gehörte der Krone; das übrige Drittel teilten sich die Städte, die freien Bauern, der niedere und, mit dem Löwenanteil, der hohe Adel.
Mit seiner Kritik schonte Hus weder Abt noch Pfarrer: Die Armut Jesu Christi stünde in krassem Gegensatz zu den luxuriösen Klöstern und prunkvoll ausgestatteten Kirchen. Hus hielt seine Predigten, die er allesamt der Bibel entnahm, in tschechischer Sprache. Beim einfachen Volk, dem das Latein der Vulgata nicht zugänglich war, stieß er damit auf großen Anklang, beim Prager Patriziat hingegen auf Ablehnung. Jenes bestand aus ethnischen Deutschen (Böhmen war Teil des Reichs und durfte als eins von sieben Kurfürstentümern den deutschen König wählen), die mit weitreichenden Privilegien versehen den gesamten Handel im Land beherrschten und auch den Rat der Hauptstadt stellten.
Zum sozialen Konflikt gesellte sich, dank der wachsenden, bislang benachteiligten tschechischen Bevölkerung, ein nationaler. Nicht zu vergessen der religiöse: In Rom blieb Hus’ Wirken nicht verborgen. Dessen Tiraden gegen Ablasshandel und Ämterkauf, verbunden mit der Rückbesinnung auf die Bibel, erschütterten die durch das abendländische Schisma ohnehin geschwächte päpstliche Macht. Um gegenzusteuern, verbot das Konzil von Konstanz 1415 die hussitische Kommunion für alle Gläubigen in beiderlei Gestalt, Hostie und Kelch, entsprechend dem Leib und dem Blut Christi.
Hus leistete Widerstand. Gegen freies Geleit, garantiert von König Sigismund, wurde er nach Konstanz berufen, um sich vor dem Konzil zu verantworten. Dort wurde er jedoch angeklagt und am 6. Juli 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Hus’ schändlicher Flammentod sorgte in Böhmen für Aufruhr. Indes hatte das Konstanzer Konzil das Schisma beendet und das Papsttum gestärkt. Selbst nach der Wahl des unehelichen Kardinalssohns Martin V. (amt. 1417– 1431) zum neuen Oberhaupt gewann die römische Kirche auch in Böhmen wieder Oberhand.
Jan Hus wurde 1415 auf dem Konzil von Konstanz als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt (Darstellung aus Eberhard Windecks Chronik über Kaiser Sigismund, um 1450). · Foto: akg-images / Heritage Images / Fine Art Image
Der wachsende Druck auf die Hussiten verschärft den Konflikt
Dies schlug sich in einer Reihe repressiver Maßnahmen gegen die Hussiten nieder. An der restaurierten Macht teilhaben mochte auch der böhmische König Wenzel, ältester Sohn Kaiser Karls IV. und Bruder Sigismunds. Hatte er bis dahin Hus und seinen überwiegend tschechischen Anhängern manche Tür geöffnet – darunter diejenige in die Prager Universität, deren Rektor Hus geworden war –, suchte er nun den Schulterschluss mit den Päpstlichen. So ließ Wenzel bis auf drei alle hussitischen Gotteshäuser in seiner Hauptstadt schließen.
Eine der letzten Prager Bastionen der Hussiten bildete die Kirche Panny Marie Sneˇžné (Maria Schnee) mit ihrer Gemeinde, der auch Žižka angehörte. Sie lag am Fuß des heutigen Wenzelsplatzes. Dort zog mit Jan Želivský ein brillanter Rhetoriker eine große Anhängerschaft in seinen Bann. Wie Hus argumentierte er mit der Lehre der Bibel gegen eine materiell orientierte Kirche: „Ein wahrer Christ ist arm, demütig, geduldig, wahrhaftig, einfach, aufrichtig und rein“, predigte Želivský. Den Gläubigen riet er ab, weiter den „verlogenen Anordnungen“ des Klerus Folge zu leisten.
Eine ähnliche Hybris verortete Želivský bei weltlichen Machthabern. „Ratsherren, steht Rede und Antwort!“, zitiert ihn der tschechische Historiker Josef Macek in seinem Standardwerk über die hussitische Bewegung aus einer seiner Ansprachen: „Ein Richter soll sich nicht bestechen lassen, denn die Annahme von Geschenken ist der Untergang der Gerechtigkeit. Aber sie wollen ja nicht richten, ja nicht einmal eine Streitsache anhören, wenn sie kein Geschenk erhalten!“ Populistische Argumentationen schienen Želivský nicht fremd.
Am 30. Juli 1419 verließ eine entrüstete Schar den Gottesdienst in Maria Schnee. Angeführt von Želivský zog sie zum Neustädter Rathaus, um dort die Freilassung inhaftierter Hussiten zu fordern. Auch der mit Želivský befreundete Žižka war in der Menge. Die Ratsherren empfingen sie mit Spott. Manche lehnten sich aus den Fenstern der oberen Stockwerke und schleuderten wohl auch einigen Abfall herab.
Während der Hussitenkriege wurden zahlreiche Klöster zerstört und Ordensleute getötet. Dieser Holzschnitt entstand vermutlich im 17. Jahrhundert. · Foto: akg-images
Die Beworfenen gerieten in Wut. „Das Tor wurde erbrochen“, heißt es in der Hus-Biographie von Richard Friedenthal: „Die Hussiten stürmten hinauf, es kam zu einem kurzen Handgemenge. Dann wurden die Ratsherren und ihre Begleiter, etwa zwölf Personen, vom Turm auf das Pflaster gestürzt. Wer durch den Fall noch nicht tot war, wurde niedergemacht“. Friedenthal vermutet Kalkül hinter der Aktion: „Niemand durfte plündern, die Leichen mit den kostbaren Amtsketten lagen auf dem Platz. Es war kein rasender Mob, obwohl auch gerast und geschrien wurde.“
Umgehend wurde ein neuer Rat gewählt, in dem nun die Tschechen dominierten. Mit ein wenig Verzögerung forderte der Fenstersturz ein weiteres Opfer. Als König Wenzel die Nachricht zu Ohren kam, reagierte er mit einem Tobsuchtsanfall. Auf die Bemerkung aus seiner Beraterrunde, mit einer solchen Eskalation hätte man doch rechnen müssen, zückte der Rasende seinen Dolch und stürzte sich auf den vorlauten Sprecher. Dieser blieb unverletzt, anders als der Monarch: Von kräftigen Händen gehalten, erlitt Wenzel einen Schlaganfall. Bald darauf starb er an den Folgen. Bruder Sigismund übernahm den Thron, nun in Personalunion als deutscher und böhmischer König.
Die Hussiten brennen ein Kloster nieder, die Gewalt eskaliert
Als nächstes Ziel nahmen sich die Hussiten das Kartäuserkloster im Stadtteil Smíchov vor. Durch königliches Privileg von jeder Steuerlast befreit, hatten die ausschließlich deutschstämmigen Mönche immense Reichtümer angehäuft. Unter der Leitung von Žižka vertrieb ein aufgebrachter Mob sämtliche Bewohner und legte den prachtvollen Bau in Schutt und Asche.
Nun setzte eine Jagd auf wohlhabende Deutsche ein. Viele flohen aus Böhmen. Die jüdische Bevölkerung blieb von diesen Vertreibungen dagegen weitgehend verschont.
Tábor in Südböhmen – eines der Zentren der radikalen Hussiten (Kupferstich von Caspar Merian, um 1650). · Foto: akg-images
Sigismund taktierte. Einerseits versprach er die Rücknahme aller Ächtungen der Hussiten. Andererseits tat er – nichts. Durch sein Hinhalten blieb es zumindest in der Hauptstadt eine Zeitlang ruhig. Doch schon bald entflammte ein neuer Unruheherd. In Sezimovo Ústí, auf halbem Weg zwischen Prag und Budweis, wohin sich bereits Hus zeitweilig zurückgezogen hatte, sammelte sich der religiöse und nationale Widerstand. Auch Žižka verschlug es dorthin.
Tábor wird zum Zentrum der radikalen Hussiten
Žižka schloss sich der rigoroseren Richtung der Hussiten an, die den Klerus weitgehend entmachten wollte. In einem Brief an die Gläubigen wünschte er sich, „dass die Macht der Priester, angefangen vom höchsten, dem Papst selbst, bis zum gemeinsten und niedrigsten, nicht mehr hingenommen wird, dass diese weder Landgüter besitzen noch Abgaben eintreiben dürfen, und dass die Herrschaft des Klerus, die er mit Hilfe des weltlichen Adels ausübt, abgeschafft wird.“
Bald gründeten die radikalen Hussiten eine neue Siedlung gleich neben Sezimovo Ústí. Nach dem Berg der Heiligen Schrift, auf dem Christus seine Wiederkehr verkündet hatte, gaben sie dem Ort den Namen Tábor und nannten sich selbst Taboriten. In Erwartung kommender militärischer Auseinandersetzungen sicherten sie ihr Territorium mit einer doppelten Befestigungsmauer ab, die heute noch das Stadtzentrum umgibt.
Žižka hatte sich den Taboriten auch in der Erwartung eines gemeinsamen Kampfes für eine gerechtere soziale Ordnung angeschlossen. Ihm schwebte eine Gesellschaft vor, in der alle von den Erträgen gemeinsamer Arbeit leben konnten und in der es keine Rangunterschiede geben sollte. Feudale Abgaben, Pachten, Fron und Zins sollten abgeschafft und Vorratsspeicher angelegt werden, aus denen sich jeder nach seinen Bedürfnissen bedienen konnte. Anfangs funktionierte dies in Tábor; jedenfalls solange die Versorgung mit den zum Leben notwendigen Mitteln gesichert war.
Hussiten im Kampf gegen Kreuzritter: Die zeitgenössische Buchmalerei aus dem „Jenaer Kodex“ zeigt eine Szene aus den Hussitenkriegen. · Foto: akg-images
Die größte unmittelbare Gefahr drohte Hussiten und national erwachenden Tschechen durch den Kreuzzug, den Papst Martin V. am ersten Märztag 1420 ausgerufen hatte. Jedem, der daran teilnahm, sollten sämtliche in der Vergangenheit begangenen Sünden erlassen werden. Zehntausende Söldner aus ganz Europa folgten dem Ruf aus Rom, drangen in Böhmen ein und rückten auf Prag vor. Sigismund, noch nicht offiziell zum böhmischen König gekrönt und daher auch nicht in der Hauptstadt ansässig, sollte den Feldzug koordinieren.
Zunächst versuchte er es auf gewaltfreiem Weg, doch wurde ihm die geforderte Kapitulation verweigert. Stattdessen rief der neue Prager Rat Žižka um Beistand an. Der Hilferuf erreichte ihn Mitte Mai. Um eine wirksame Abwehr aufzubauen, musste Žižka die Hauptstadt vor den Truppen Sigismunds erreichen. Dies gelang auch. Am 14. Juli 1420 kam es zur einzig wirklich großen Schlacht des gesamten Kreuzzugs. Rund 20 000 gut vorbereitete Verteidiger sahen sich etwa einer vierfachen Angreiferzahl gegenüber.
Bis zum Mittag hatten Sigismunds Truppen die Moldau überquert und bald darauf den Scheitelpunkt des Hügels erreicht, ohne nennenswerten Widerstand. Dann gerieten sie in einen Hinterhalt. Žižka hatte seine Krieger sich in den Weinbergen verstecken lassen. Von einer ungedeckten Flanke aus attackierten sie plötzlich das bereits lagernde Heer, mit Keulen und Dreschflegeln, gedeckt von Bogen- und Pistolenschützen. Die píšt’ala (eigentlich: „Pfeife“) war eine in Böhmen entwickelte Handfeuerwaffe, die sich in der Halbdistanz als sehr effizient erwies. Recht bald brach Panik unter den Invasoren aus. In wilder Flucht stürzten sich die Ritter die Hänge hinab, nicht wenige von ihnen kamen dabei zu Tode.
Der Schock saß tief: Obwohl nur einige Hundert Soldaten aus seinem Heer in der Schlacht fielen, unternahm Sigismund keinen zweiten Versuch, Prag zu erobern. Den Krieg gegen die Hussiten setzte er in der böhmischen Provinz fort.
Darstellung einer hussitischen Wagenburg (Buchmalerei, um 1450). Mit ihren zu einer Festung verbundenen Wagen schützten sich die Hussiten erfolgreich vor den Angriffen ihrer Gegner. · Foto: akg-images / Erich Lessing
Mit der Wagenburg-Taktik bringt Žižka die Ritter in Bedrängnis
Doch auch in den Kreuzzügen der nächsten beiden Jahre erwies sich Žižka als der überlegene Taktiker. Er setzte in den Schlachten Kampfwagen ein, die mit leichten Kanonen bestückt waren. Diese ließ er vorzugsweise auf Anhöhen positionieren und im Karree aufstellen, mit einem improvisierten Graben um die so gebildete Wagenburg. Die Ritter, gewohnt, Mann gegen Mann zu kämpfen und auf ihre schwere Panzerung zu vertrauen, brauchten zu viel Zeit, bis sie den Gegner stellen konnten. Gegen dessen überlegene Feuerkraft half dann selbst die stabilste Rüstung nichts.
Žižka ging sogar dazu über, von den Invasoren besetzte Burgen zurückzuerobern. Eine solche Festung war Rabí in Westböhmen, südlich von Pilsen. Žižka hatte sich bereits auf Schussweite herangearbeitet, als ihn selbst ein Pfeil ins Auge traf. Die Verletzung war nicht tödlich, doch konnte sein Augenlicht nicht mehr gerettet werden. Auch als blinder Heerführer war Žižka weiter siegreich.
In der Folge entzweiten sich die Hussiten in Prag und Südböhmen. Žižka überwarf sich seinerseits mit den Taboriten und gründete im ostböhmischen Hradec Králové (Königgrätz) eine neue Gemeinschaft. Noch einmal geriet Böhmen in Gefahr einer Invasion, als Sigismund einen Feldzug von Mähren aus startete, den er allerdings nicht persönlich anführte.
Gegen den katholischen Feind hielten alle Hussiten zusammen. Ein letztes Mal wurde Žižka mit der Heerführung betraut. Zwar glückte ihm die Einnahme der Burg Prˇibyslav auf halber Strecke von Prag nach Brünn. Doch während der Besetzung der gleichnamigen Stadt erkrankte er schwer und starb am 11. Oktober 1424. Traditionell wird als Todesursache die Pest genannt; neuere Forschungen vermuten eher eine Blutvergiftung.
Jan Žižka zu Pferd an der Spitze des hussitischen Heeres (Buchmalerei aus dem 15. Jahrhundert). · Foto: Bridgeman Images / Luisa Ricciarini
Letzte Versuche der katholischen Seite, Böhmen unter Kontrolle zu bringen, scheiterten in den Kreuzzügen 1427 und 1431. Am Ende stand ein Kompromiss mit allen Hussiten, auch den radikalen: Ihnen wurde die Kommunion in Form von Hostie und Kelch sowie die Selbstverwaltung der reformatorischen Kirchen gestattet.
Žižkas Denkmal in Prag wurde im Jahr 1950 eingeweiht, seine militärische Tradition fortgesetzt: Im spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) kämpfte ein tschechoslowakisches Bataillon Žižka der Internationalen Brigaden gegen General Francos Faschisten, im Zweiten Weltkrieg eine gleichnamige Partisanenbrigade gegen die deutschen Besatzer. Selbst in aktuellen Konflikten wird der Volksheld bemüht: Tschechien liefert glasfasergesteuerte Drohnen der Marke „Jan Žižka“ in die Ukraine.
Ralf Höller
ist Historiker und freier Autor.
Literatur
Ralf Höller, Der Kampf bin ich. Rebellen und Revolutionäre aus sechs Jahrhunderten. Berlin 2001.
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