Thomas Müntzer wäre stolz auf Euch“: So stand es auf dem Schild eines Demonstranten zu lesen, der sich zusammen mit vielen anderen am 10. Januar 2024 auf dem Theaterplatz in Dresden eingefunden hatte. Diese deutliche historische Reminiszenz stand bei den Protesten deutscher Landwirte gegen Steuererhöhungen bzw. Subventionsabbau am Anfang des Jahres nicht isoliert.
Vielerorts sah man an Ortsschildern ein aufgehängtes Paar Gummistiefel. In vielen Zeitungsberichten wurde das als ein Protestsymbol gedeutet, das an den „Bundschuh“ erinnern sollte, jenes Schuhwerk des gemeinen Mannes, das vor und im Bauernkrieg als Zeichen des Widerstandes auf Fahnen und Bildern zu sehen war.
Bereits 1987 hatte eine württembergische Bürgerbewegung vor dem Bundesverfassungsgericht im Zeichen des „Bundschuh“ einen Sieg über den Daimler-Benz-Konzern errungen und damit den Bau einer Autoteststrecke verhindert.
Natürlich führt kein gerader Weg vom Bauernkrieg oder der „Bundschuh“-Bewegung zum aktuellen Protest. Welten trennen die abhängigen, zum Teil leibeigenen Bauern um 1500 von den modernen Landwirten. Dennoch ist es natürlich prinzipiell nicht illegitim, wenn sich gegenwärtige Demonstranten auf historische Tradition berufen und damit gleichsam eine Art Ahnengalerie erschaffen.
Gefahr der Instrumentalisierung der Vergangenheit
In einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft gilt es jedoch immer kritisch zu reflektieren, wie geschichtliche Tatbestände instrumentalisiert werden, um das eigene Anliegen zu rechtfertigen oder gar mythisch zu überhöhen. Deswegen mag ein kurzer Rückblick nützlich sein, wie das Geschehen von 1525 in späterer Zeit gedeutet und genutzt wurde.
Jahrhundertelang bewegte sich das rückblickende Urteil über den Bauernkrieg zumeist auf jenen ausgetretenen Pfaden, die von der zeitgenössischen Geschichtsschreibung angelegt worden waren. Man beklagte die sündige Widersetzlichkeit der Untertanen gegen ihre rechte Obrigkeit und erzählte gut erfundene Schauergeschichten über die Mordlust des aufständischen Pöbels.
Je nach konfessioneller Zugehörigkeit machten die Autoren entweder Luther direkt für den Aufruhr verantwortlich. Oder sie empörten sich darüber, wie der aufrechte Wittenberger von fehlgeleiteten Anhängern missverstanden wurde, und schoben die Verantwortung dafür radikalen Elementen zu, allen voran dem gottlosen Propheten Thomas Müntzer.
Selbst Voltaire, der ungekrönte König der Aufklärung, räumte zwar ein, die Bauern hätten Menschenrechte eingefordert, notierte aber mit Abscheu, sie hätten sich wie wilde Tiere benommen und allerorten Adlige abgeschlachtet.





