In Reiseberichten äußern sich ausländische Besucher neugierig, aber auch moralisch entrüstet über die freizügigen Spielhäuser und Bordelle in Amsterdam. Dabei wies Am-sterdam in der frühen Neuzeit nicht mehr Prostituierte auf als etwa Paris oder London. Worüber empörten sich also britische und französische Besucher? Laut der Autorin folgten sie einem alten Muster: Sünde und Unmoral sah man – vielleicht nicht nur in dieser Zeit – vorwiegend bei den anderen. Daher hieß die Syphilis in den Niederlanden „Spanische Pocken“, im Deutschen „Franzosenkrankheit“, während die Spanier meinten, die Syphilis sei von heidnischen Indios aus den Kolonien eingeschleppt worden. Folgerichtig mutmaßten kalvinistische Moralisten, daß Prostituierte vornehmlich katholisch seien. Nein, ein Gewerbe wie jedes andere war die Prostitution nie. Wie van de Pol präzise darlegt, war sie im Mittelalter zwar über einen längeren Zeitraum geduldet worden, doch mit der Reformation setzte eine massive Ausgrenzungspolitik ein. 1578 übernahmen in Amsterdam die Kalvinisten die Macht, die umgehend die Prostitution untersagten. Doch der Fundamentalismus scheiterte an der sozialen Realität: Die Politik changierte in den folgenden Jahrhunderte zwischen Verfolgung, Duldung und Kontrolle. Dies ist Thema des Buches. Den Alltag im Milieu rekonstruiert van de Pol vorwiegend aus Gerichtsakten. Aus ihnen scheint ein zumeist freudloses und beschwerliches Leben auf. Die Prostituierten gingen offenbar zuweilen recht rauh und ordinär auf Kundenfang. Zu den Sexualpraktiken ist wenig überliefert. Überra-schend ist die häufige Erwähnung von Männern, die sich auspeitschen lassen wollten. Verhütung schien den Freiern und auch den Prostituierten entbehrlich, da die Annahme vorherrschte, Prostituierte seien durch den häufigen Geschlechtsverkehr gleichsam unfruchtbar. Der sorglose Umgang führte natürlich zu Infektionen, Geschlechtskrankheiten und ungewollten Schwangerschaften. Doch van de Pol beschreibt weitere, zum Teil überraschende Gefahren, insbesondere für Ehemänner. Wurden sie bei einer Prostituierten ertappt, drohte ihnen eine Anzeige, die sie nur mit einer Bußgeldzahlung abwenden konnten. Dieses System nutzten wiederholt Polizisten, Zuhälter und Pro-stituierte dazu, betrunkene Ehemänner zu einer Prostituierten aufs Bett zu drapieren und dann die bereits eingeweihte Polizei herbeizurufen, die hohe Bußen einforderte. Polizisten unterhielten gar eigene Bordelle, um so Bußgelder ehebrüchiger Männer abzukassieren. Lotte van de Pols Beschreibung des Amsterdamer Milieus liest sich streckenweise spannend wie ein Roman. Sie will aufklären über ein lange von Historikern vernachlässigtes Thema. Die Prostitution war ein wichtiger sozialer und wirtschaftlicher Faktor. Sie schuf nicht zuletzt Arbeitsplätze für Menschen, „die in der ehrbaren Gesellschaft keinen Platz hatten … und sich über den Lockruf des Sex einen Teil des Geldes der reichen Welt aneigneten“.
Rezension: Schuster, Peter





