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Der Deutsche auf Rumäniens Thron
Mitte des 19. Jahrhunderts strebten die rumänischen Eliten nach Modernisierung und Unabhängigkeit. Um ihre Ziele zu erreichen, suchten sie nach einem westeuropäischen Adligen, dem sie die Führung ihres Fürstentums anvertrauen konnten. Die Wahl fiel schließlich auf einen jungen deutschen Offizier aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen.
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Im Mai 1866 bewegte sich ein Schweizer Kaufmann namens Carl Hettinger durch österreichisches Herrschaftsgebiet. Er reiste nur mit Handgepäck und hatte es sehr eilig. Wichtige Geschäfte trieben ihn nach Odessa, so gab er zumindest vor.
In Wirklichkeit war Hettinger kein Schweizer, sondern Schwabe. Sein Schweizer Pass war gefälscht, und sein richtiger Name lautete nicht Carl Hettinger, sondern Karl Eitel Friedrich Zephyrinus Ludwig von Hohenzollern-Sigmaringen (1839–1914). Auch war nicht Odessa sein Ziel, sondern Rumänien, wo ihm der Sinn allerdings nicht nach Handel stand, sondern nach Ruhm und Ehre: Karl wollte Fürst von Rumänien werden.
Für den jungen Hohenzollern-Prinzen, der bei seinem Abschied aus der preußischen Armee ausgetreten war, bedeutete die Fahrt ein großes Abenteuer. Für die rumänische Regierung hingegen hing sehr viel davon ab, dass Karl es unbehelligt nach Bukarest schaffte. Es ging um den Erhalt der Union der Fürstentümer Walachei und Moldau – und letztlich auch um die Hoffnung, eines Tages die osmanische Oberherrschaft abzuschütteln.
Die Idee, einen westeuropäischen Fürsten an die Spitze der Regierung zu setzen, gab es in Rumänien seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Dahinter stand die Überlegung, dass ein solcher Herrscher das Land enger an die westlichen Monarchien heranführen und so dem Einfluss des Sultans und des Zaren entziehen könne. Ein halbes Jahrhundert lang war die Idee nicht besonders weit verbreitet; das änderte sich jedoch im Verlauf des Krimkriegs (1853–1856), in dem das Zarenreich und das von Frankreich und Großbritannien unterstützte Osmanische Reich einander gegenüberstanden. Die gegenseitige Schwächung der Mächte in diesem Konflikt, der sich besonders für Russland fatal entwickelte, ermöglichte es rumänischen Politikern, neu über die Zukunft ihres Landes nachzudenken. Die Idee, einen ausländischen Fürsten mit der Herrschaft zu betrauen, erreichte nun in kürzester Zeit große Popularität.
Die innenpolitische Lage in den Fürstentümern Moldau und Walachei ist aufgeheizt und instabil
Der erste Fürst, der den Fürstentümern Moldau und Walachei in Personalunion vorstand, war allerdings kein Ausländer: Alexandru Ioan Cuza (reg. 1859–1866) begann mit der an Frankreich orientierten Reformarbeit, welche die vereinigten Fürstentümer modernisieren und dem Westen annähern sollte. Seine Politik rief jedoch schnell einflussreiche Gegner im In- und Ausland auf den Plan. Von Anfang an galt es in den Reihen der rumänischen Eliten als abgemacht, dass früher oder später ein westeuropäischer Fürst das Land würde führen müssen – jemand, dessen dynastische Verbindungen stark genug waren, um ihm die Durchsetzung seiner Ziele gegen die Partikularinteressen der Adligen zu ermöglichen. Nur der Zeitpunkt dieses politischen Wechsels war umstritten. Politiker aus dem konservativen Lager nutzten das Argument der baldigen Einsetzung eines fremden Fürsten seit der Wahl Cuzas, um dessen Autorität bei jeder Gelegenheit infrage zu stellen.
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Die Liberalen, denen viel an der Herrschaftsübernahme durch einen Westeuropäer lag, hielten dagegen lange zu Cuza, da sie in den Angriffen der Konservativen in erster Linie die Absicht erkannten, die Union der Fürstentümer wieder aufzulösen oder das Fürstenamt mit einem eigenen Kandidaten zu besetzen. Doch das Bündnis zwischen Cuza und den Liberalen ging allmählich in die Brüche – eine Entfremdung, die mit einem Streit über die Agrarpolitik eskalierte. Pessimisten sprachen bereits von einem drohenden Bürgerkrieg.
In dieser Atmosphäre fanden Konservative und Liberale zueinander. Im Geheimen verschworen sich die Politiker beider Lager, um von nun an gemeinsam auf den Sturz Cuzas hinzuarbeiten. Sie verpflichteten sich zudem, im Falle ihres Erfolges einen westeuropäischen Fürsten zu seinem Nachfolger zu machen. Die „Monströse Koalition“ war geboren. Ihre Mitglieder konnten sich berechtigte Hoffnungen machen, denn Cuzas Stern sank inzwischen merklich: Ein Aufstand von Kleinhändlern erschütterte Bukarest, der Lebenswandel des Fürsten wurde zunehmend als skandalös empfunden, und sein Desinteresse an Verwaltung und Finanzen spielte umtriebigen Höflingen in die Karten. Bald spürten auch ausländische Diplomaten, dass sich unter der Oberfläche etwas zusammenbraute. Und am 11. Februar 1866 war es schließlich so weit: Cuza wurde zur Abdankung gezwungen und musste ins Exil gehen.
Damit war der erste Teil des Plans geglückt. Ein Nachfolger stand allerdings noch nicht bereit – es gab nun ein gefährliches Machtvakuum in Rumänien, das schnellstens gefüllt werden musste. Philipp von Flandern wurde zum Fürsten von Rumänien ausgerufen, ohne dass man ihn vorher gefragt hätte. Selbst wenn er Interesse gehabt hätte, wäre allerdings nichts aus diesem Plan geworden, denn der französische Kaiser Napoleon III. (reg. 1852–1870) lehnte die Berufung eines Fürsten aus dem Hause Orléans strikt ab. Die Übergangsregierung in Bukarest stand mit leeren Händen da, und schon regte sich der Widerstand. In Moldau sollten bald Stimmen laut werden, die ein Ende der Union forderten. Und in der Walachei brachten sich im Hintergrund erste Aristokraten als mögliche Nachfolger von Cuza in Stellung.
Die Kandidatenkür gewinnt in einem Damensalon an Fahrt
In dieser Zeit wurde der Name Karl von Hohenzollern-Sigmaringen zum ersten Mal ins Spiel gebracht. Dies geschah zunächst im privaten Kreis, in einer kleinen Gruppe um Hortense Cornu (1809–1875), eine Schriftstellerin und Salonnière, die als Patentochter und Ziehschwester von Kaiser Napoleon dessen besonderes Vertrauen genoss. Auch die Frau des französischen Außenministers gehörte zu diesem Zirkel. Aus rumänischer Sicht entwickelte sich dieser zum Schlüssel der Suche, denn die Zustimmung des französischen Kaisers galt als Grundvoraussetzung für jede Kandidatenauswahl. Hortense wurde zu einer wichtigen Vermittlerin.
Noch bevor Karl erfuhr, welche Zukunft ihm zugedacht war, wurde sein Name nach Bukarest übermittelt. Unabhängig davon hatte er selbst sich bereits mit dem Gedanken befasst, das Amt zu übernehmen. Dass die Rumänen einen Aristokraten seines Zuschnitts suchten, war inzwischen bekannt. Der belgische Gesandte in Berlin hatte ihm nahegelegt, sich um das Fürstenamt zu bewerben, kurz nachdem Philipp von Flandern das Angebot ausgeschlagen hatte. Karl war nicht begeistert gewesen. Der Gang nach Bukarest erschien ihm reichlich riskant. Trotzdem reizte ihn der Gedanke. Seine militärische Karriere in Berlin verlief ganz und gar nicht nach seiner Zufriedenheit; eine Beförderung stand lange aus, und er begann darüber nachzudenken, seinen Abschied zu nehmen. Als der Führer der rumänischen Liberalen, Ion C. Bra˘tianu, an Karl herantrat, um ihm das Fürstenamt anzutragen, war die anfängliche Skepsis bald verflogen. Karl bekundete sein Interesse, machte aber deutlich, dass er seine Zusage vom Willen des Königs abhängig machen müsse.
König Wilhelm I. von Preußen (reg. 1861–1888) konnte mit der Idee, einen Hohenzollern an die Spitze Rumäniens zu setzen, nicht viel anfangen. Er erkannte die dahinterstehende Absicht der Rumänen und die Schwierigkeit, die sich daraus für Preußen ergab: Die Oberherrschaft der Osmanen sollte mit einer Integration Rumäniens in das Gefüge westeuropäischer Dynastien untergraben werden. Und wenn er erlaubte, dass Karl nach Bukarest ging, würden die Rumänen damit bis zu einem gewissen Punkt Erfolg haben. Denn nach den Regeln aristokratischer und familiärer Solidarität wäre Preußen gezwungen, einem Hohenzollern-Fürsten beizustehen, wenn er in Bedrängnis geriet. Das schrieb der König auch in einem Brief an Karls Vater Karl Anton, der sich beherzt für das Rumänien-Unternehmen seines Sohnes einsetzte. Außerdem sei der Widerstand der anderen Mächte gegen einen solchen Schachzug zu groß.
Bismarck nutzt die Personalie als Trumpf im Spiel der Mächte
Der zukünftige Reichskanzler Otto von Bismarck – mit einer kurzen Unterbrechung von 1862 bis 1890 preußischer Ministerpräsident – sah die Sache anders: Einen Hohenzollern in Rumänien zu installieren, würde bedeuten, dass man an der Flanke der verfeindeten Österreicher plötzlich einen Verbündeten hätte. Dabei war es ihm letztlich gleichgültig, ob Karl auf mittlere oder lange Sicht Erfolg in Rumänien haben würde. Seinen größten Nutzen versprach Karl als Trumpf, den Preußen am besten schnell ausspielte. Eile war also geboten. Karl gegenüber erklärte Bismarck, er solle es einfach darauf ankommen lassen. Und wenn er sich am Ende nicht würde halten können, sei das Ganze doch sicher ein vergnügliches Abenteuer gewesen.
Karls Sicht auf die Dinge war ambitioniert. Er wollte nicht nur das Zahnrad in einem viel größeren Plan sein; vielmehr wollte er sich bewähren, sich auszeichnen, sich verewigen. Zweifel an seiner Eignung kamen ihm dabei nicht. Er wollte Rumänien einfach mit seinem jugendlichen Tatendurst umkrempeln. Gemeinsam mit seinem Vater entschied er, auch gegen den Willen des Königs und gegen den Willen der anderen Mächte das Fürstenamt anzunehmen. Bestärkt wurde er darin von den ungeduldigen rumänischen Politikern, die ihrerseits auf die Botschafterkonferenz in Paris keine Rücksicht nehmen wollten und Karls Erhebung zum Fürsten kurzerhand offiziell machten. Bestätigt wurde Karls Wahl durch einen Volksentscheid am 14. April.
Trotzdem ließ sich Karls Ernennung zum Fürsten nicht erzwingen. Die Botschafterkonferenz in Paris kam zu dem Ergebnis, dass man von den Rumänen die Ernennung eines einheimischen Aristokraten erwarte; auch von Napoleon III. kamen nun ablehnende Signale. Zudem trauten die Sigmaringer dem rumänischen Volksentscheid nicht. Zweifel kamen auf. War es wirklich möglich, Karls Gang nach Bukarest gegen den Widerstand aller Kaiser und Könige durchzusetzen? Die Rumänen gaben jedenfalls nicht auf. In Gesprächen mit Bra˘tianu und seinen Kollegen am 1. und 2. Mai konnten die Bedenken überwunden werden, die bei Karls Vater aufgekommen waren. Karls Zusage war verbindlich. Er würde nach Rumänien gehen.
Karl will das Land modernisieren, stößt aber schon bald auf Probleme
Am 5. Mai gab es einen weiteren Durchbruch. In einer Audienz bei Wilhelm I. konnte Karl Anton den König endlich umstimmen. Er gab seine Zusage – unter der Voraussetzung, dass Karl bei seinem Abschied aus Preußen seinen Abschied aus der Armee nahm. Am 11. Mai verließ Karl Düsseldorf und begann seine Reise als Carl Hettinger. Im Gepäck hatte er große Pläne: Er wollte Rumänien mit den Errungenschaften der Neuzeit versehen. Das Land sollte etwa ein modernes Eisenbahnnetz bekommen. Die Erwartungen der fünf Millionen Rumänen, die ihn per Volksentscheid zu sich gerufen hatten, wollte er nicht enttäuschen. Und über allem stand das Ziel der Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, die Karl – wie er dem König gegenüber kundgetan hatte – auf dem Schlachtfeld erringen wollte. Ohne erkannt zu werden, passierte Karl die österreichischen Gebiete und kam schließlich im ersten rumänischen Donauhafen Turnu Severin an. Von dort aus ging es mit Höchstgeschwindigkeit per Postkutsche nach Bukarest, wo er am 22. Mai 1866 eintraf und triumphal Einzug hielt. Der Coup war geglückt.
Sofort wurde Karl aber auch deutlich vor Augen geführt, wie weit Rumänien von der ihm vertrauten Welt westeuropäischer Hofkultur und Herrschaftsrepräsentation entfernt war: Einer bekannten Anekdote zufolge machte Karl beim Einzug in die Stadt eine Beobachtung. Er sah ein einstöckiges, gänzlich schmuckloses Haus, vor dem eine Ehrenwache Aufstellung bezogen hatte. Als er seinen Begleiter, General Golescu, danach fragte, erwiderte dieser verlegen, es handle sich um den Fürstenpalast. Karl dachte zuerst, er habe sich verhört, aber der General konnte seine Antwort nicht ändern. So eigenartig es Karl auch erscheinen mochte: Dieses Haus war seine Residenz – und der eindrückliche Beweis dafür, dass das rumänische Fürstentum bislang nur ein Spielball russischer und osmanischer Interessen gewesen war, regelmäßig überflügelt von mächtigen Aristokraten, die weit prunkvollere Paläste bewohnten, und außerstande, Bukarest ein repräsentatives Zentrum zu geben, in dem Machtpolitik Gestalt annehmen konnte.
Karl hatte viel vor. Und erreichen musste er all das mit Gegenwind. Bismarck war zwar zufrieden, aber entsprechend ungehalten waren seine Feinde in Österreich. Und auch in Paris überwog der Ärger. Napoleon III. fühlte sich vor den Kopf gestoßen, da der Beschluss der Konferenz in Paris ignoriert worden war. Obwohl er nun beteuerte, nichts mit Karls Plan zu tun gehabt zu haben, glaubte man von Istanbul bis London, dass Frankreich hinter alldem stecken müsse. Schließlich hatte sich Frankreich lange Zeit als einzige Macht hinter die rumänischen Pläne gestellt, einen ausländischen Fürsten zu ernennen. Der Sultan dachte darüber nach, militärisch zu intervenieren, konnte aber davon abgebracht werden – unter anderem deshalb, weil er von den preußischen Erfolgen im Krieg gegen Österreich beeindruckt war.
Karl I. lässt sich eine Krone aus Stahl fertigen
Die Rumänen hatten ihr Ziel zwar erreicht, aber es war teuer erkauft worden: Für den losen Bund mit den Hohenzollern und die Stabilisierung ihrer Union hatten sie fast alle Regierungen düpieren müssen – mit unabsehbaren Folgen für die Sicherheit des Landes in den kommenden Jahren. Nicht nur der Sultan mochte einmarschieren; auch aus Wien kamen entsprechende Andeutungen.
An Fürst Karl war es nun, diplomatisch die Wogen zu glätten, sich einerseits mit dem Sultan gut zu stellen und andererseits genau das zu tun, was man von ihm erwartete: seine hohe Geburt zur internationalen Aufwertung seines Fürstentums zu instrumentalisieren. Obwohl er letztlich ein Vasall des Sultans war, mussten ihn seine europäischen Standesgenossen wie einen der ihren behandeln, von gleich zu gleich. Das sollte auf die Behandlung Rumäniens abfärben.
Die nächsten Jahre wurden nicht leicht. Karl verhob sich mit seinem Eisenbahnprojekt und verärgerte einen Teil der Eliten mit seinem preußischen Stil. Eine Verschwörung von Offizieren hätte das Ende seiner Herrschaft bedeuten können.
Letztlich konnte sich Karl jedoch im Sattel halten – und nicht nur das: Den Russisch-Osmanischen Krieg (1877–1878) konnte er nutzen, um Rumänien für unabhängig zu erklären. 1881 wurde aus dem Land ein Königreich in Europa und aus dem Fürsten Karl ein europäischer König. Als er sich am Tag seiner Krönung von Tausenden begeisterten Rumänen auf seinem Weg von der Metropolitankirche zum Königspalast feiern ließ, trug er eine Krone aus Stahl, geschmiedet aus einem erbeuteten osmanischen Geschütz. Sein Abenteuer, das 15 Jahre zuvor mit einem falschen Pass und einer riskanten Reise ins Ungewisse begonnen hatte, war so gut ausgegangen, wie selbst Karl es wohl nicht für möglich gehalten hatte.
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