Solche Stereotype prägten das deutsch-polnische Verhältnis seit dem 18. Jahrhundert, wie Studien zur Geschichte der deutschen Polenwahrnehmung herausgestellt haben. Nun liegt eine neue Untersuchung vor, die zeigt, dass es bereits früher zur Stereotypisierung des deutschen Polenbilds kam.
Der Historiker Wacław Pagórski untersucht in seiner Studie anhand von Reisebeschreibungen aus dem 17. Jahrhundert, welches Bild sich Reisende aus dem deutschsprachigen Raum von Polen-Litauen machten. Die Reiseberichte stammen von Schülern, Studenten, Kavalieren, Gesandten, Sekretären oder Kaufleuten.
Dabei wird deutlich, dass die deutschen Reisenden ein überwiegend negatives Bild ihrer östlichen Nachbarn zeichneten. Sie schrieben den Polen Neigung zu Pracht, übermäßigen Alkoholkonsum, Falschheit und Zanksucht zu. Sie hielten sie für unbeständig, ungezähmt, rückständig und faul. Zudem unterstellte man ihnen Bestechlichkeit, wie diese spöttischen Verse eines anonymen Autors zeigen: „Bey dem die harten Thaler klingen / Dem willst du deine Vota [Stimmen] bringen.“ Der Diplomat Ulrich von Werdum wusste in seinem Reisejournal zu berichten: „So ist auch die gantze lebenß manier der Polnischen Nation noch sehr rauh, undt fast barbarisch.“
Die meisten dieser Zuschreibungen waren zwar nicht neu, aber ihre Funktion änderte sich im 17. Jahrhundert. Bedingt durch die Entwicklung der frühneuzeitlichen nationalen Identität in der deutschen Gesellschaft im Zuge des Dreißigjährigen Krieges, wurde die angebliche Rückständigkeit der Polen nun betont, um auf die scheinbare Fortschrittlichkeit der Deutschen anzuspielen. Es finden sich zunehmend Beispiele, in denen Autoren vermeintlich deutschen Tugenden wie Höflichkeit oder Fleiß „polnische“ Untugenden wie Grobheit, Nichtstuerei oder Trunkenheit gegenüberstellten. Das Polenbild wurde somit zu einer Art Kontrastfolie für das frühneuzeitliche Selbstbild der Deutschen – und die nationale Komponente spielte dabei eine immer größere Rolle.
Autorin: Anna Joisten





