Eine illustre Gesellschaft versammelte sich im März 1409 in der Stadt Pisa in der Toskana. Kardinäle und andere hohe Geistliche sowie die Gesandten zahlreicher weltlicher Herrscher hatten sich zusammengefunden, um den größten Missstand der Zeit zu beseitigen: Seit 1378 spaltete das „Große Abendländische Schisma“…
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Am Anfang der Geschichte des Großen Abendländischen Schismas stand eine Rückkehr. Nachdem die Päpste rund 70 Jahre im avignonesischen Exil verbracht hatten, war Gregor XI. – auch auf Drängen der heiligen Katharina von Siena – im Januar 1377 nach Rom zurückkehrt. Doch der Neuanfang in Italien fiel schwer. Als Gregor XI. im März 1378 starb, erschütterten schwere Unruhen die Ewige Stadt. Nachdem nacheinander sieben Franzosen auf dem Stuhl Petri gesessen hatten, forderte die römische Bevölkerung ultimativ die Wahl eines Italieners: Um ihr Leben fürchtend, wählten die Kardinäle den Erzbischof von Bari, Bartolomeo Prignano, zum Papst. Er nahm den Namen Urban VI. an. Bis heute war es die letzte Wahl eines Nicht-Kardinals – und es war keine glückliche Wahl.
Nur bedingt erlauben die Quellen ein objektives Urteil über Urban VI., doch scheint er ein Talent dafür gehabt zu haben, seine Mitmenschen vor den Kopf zu stoßen. Bald schon kam es zu heftigen Auseinandersetzungen an der Kurie. Orchestriert vom mächtigen Chef der päpstlichen Kammer, Kardinal Pierre de Cros, verließen die Kardinäle einzeln Rom und versammelten sich in Anagni. Dort erklärten sie die Wahl Urbans VI. wegen der chaotischen Umstände für ungültig und wählten statt seiner Robert von Genf zum neuen Papst Clemens VII. Der zog zurück nach Avignon und etablierte dort eine zweite Kurie.
Die Gefolgschaften haben zunehmend wenig Interesse daran, den Gegensatz zu beenden
Wenngleich unmittelbar Anstrengungen unternommen wurden, das Schisma zu beenden, verfestigten sich bald zwei Obödienzen – Gefolgschaften, die wahlweise dem römischen oder dem avignonesischen Papst den Gehorsam versprachen. Dabei folgte die Wahl der Partei in erster Linie praktischen Überlegungen: Weltliche Herrscher und Kirchenfürsten, Orden, Universitäten und Städte verpflichteten sich dem Papst, der ihnen am meisten Nutzen zur Erlangung eigener politischer oder persönlicher Ziele versprach. Das Problem: Je länger das Schisma andauerte, desto größer wurde die Gefahr, dass die jeweiligen Unterstützer durch eine Einigung verlieren würden, was ihnen vom eigenen Papst versprochen oder bereits gegeben worden war – ihr Interesse an einer Einigung schwand also, die Fronten verhärteten sich stattdessen.
Ein weiterer Grund für die Unauflöslichkeit des Schismas war die relative Ausgeglichenheit der Machtverhältnisse. Während der größte Teil des römisch-deutschen Reichs und England auf Seiten Roms standen, unterstützte das mächtige Frankreich nach anfänglichem Zögern den avignonesischen Papst. Die politischen Verhältnisse schufen eine Pattsituation, die aufzulösen beide Lager wenig Interesse hatten.
Dabei wurden von Juristen und Gelehrten von Beginn an mögliche Wege diskutiert, wie das Schisma zu beenden sei – neben der Schaffung von politischen Realitäten (via facti) wurden Überlegungen angestellt, beide Kandidaten zum Rücktritt zu bewegen (via cessionis) oder ein Konzil über die Rechtmäßigkeit der Ansprüche entscheiden zu lassen (via concilii). Gegen Letzteres sprachen neben Zweifeln an seiner Effektivität vor allem praktische Erwägungen. Besonders die Frage eines geeigneten sicheren und für beide Seiten akzeptablen Ortes schien lange unlösbar zu sein.
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Erst in den 1390er Jahren wurden die Initiativen konkreter. Bevor 1394 Benedikt XIII. zum Nachfolger von Clemens VII. gewählt wurde, musste er beschwören, die via cessionis zu verfolgen, also zurückzutreten, falls auch der römische Papst dazu bereit war. Nachdem Verhandlungen über eine Übereinkunft mit der Gegenseite zunächst ergebnislos blieben, erhöhte Frankreich den Druck, indem es Benedikt XIII. 1398 die Obödienz entzog und ihn zwischenzeitlich sogar gefangen setzte.
Wenig hilfreich war jedoch die politische Entwicklung auf der Gegenseite. Im Jahr 1400 erklärten vier Kurfürsten des Heiligen Römischen Reichs König Wenzel für abgesetzt und wählten Ruprecht von der Pfalz zum neuen König. Doch die allgemeine Anerkennung blieb Ruprecht verwehrt. Mit nur einer schwachen Machtbasis im Rücken zog er es vor, den römischen Papst nicht zu verärgern. Und doch kam auch in dessen Obödienz langsam, aber sicher Bewegung in die Frage des Schismas. Als im Jahr 1406 Gregor XII. zum römischen Papst gewählt wurde, wurde auch er von seinen Kardinälen gezwungen, sich zur via cessionis zu verpflichten. Beide Obödienzen wurden nun jeweils von einem Papst regiert, der versprochen hatte, gegebenenfalls zurückzutreten und einer Einigung nicht im Weg zu stehen.
Nachdem sich Vertreter beider Seiten 1407 in Marseille auf ein Treffen in Savona (Ligurien) geeinigt hatten, näherten sich beide Päpste einander bis auf 85 Kilometer an – nur um dann Bedenken gegen den vereinbarten Ort vorzubringen. Die an der Vermittlung Beteiligten waren so entnervt, dass nun von collusio die Rede war: Es schien, als würden die Päpste insgeheim zusammenarbeiten, um ihr Amt nicht – wie versprochen – abgeben zu müssen. Im Januar 1408 drohte Frankreich, das sich Avignon zwischenzeitlich wieder verpflichtet hatte, Benedikt XIII. mit dem abermaligen Entzug der Obödienz. Auch die römischen Kardinäle erhöhten den Druck auf Gregor XII.: In ihrem Auftrag erstellte die Universität Bologna ein Gutachten, das sich der Frage widmete, wie mit einem Papst umzugehen sei, welcher der Beilegung eines Schismas im Weg stehe.
Im Mai 1408 hatten vier von Gregors Kardinälen genug und setzten sich nach Pisa ab. Benedikt XIII. erkannte darin eine Chance und schickte seinerseits vier Kardinäle ins nahegelegene Livorno. Dort traf am 5. Juni eine Meldung aus Paris ein: Frankreich hatte Benedikt XIII. erneut die Obödienz entzogen und forderte die Kardinäle beider Parteien zum gemeinsamen Handeln auf.
Einer der avignonesischen Kardinäle verließ daraufhin Livorno und folgte seinem Papst, der aus Frankreich nach Aragón floh. Die anderen blieben, und weitere kamen hinzu, so dass bald 13 Kardinäle in Livorno konferierten. Ihre Gespräche verliefen außerordentlich produktiv. Dabei wurde die zunächst vorgebrachte Idee, dass die Kardinäle jeder Obödienz ein jeweils eigenes Konzil ausrufen sollten, auf diesem ihren jeweiligen Papst für abgesetzt erklären und sich dann zu einem Konzil vereinigen sollten, schnell wieder verworfen – wohl weil ihnen aufging, dass ein solches Vorgehen letztlich inkonsequent gewesen wäre.
Neuer Ansatz: Häretiker sind die beiden Amtsinhaber
Kern der gemeinsamen Initiative war nämlich ein neues Narrativ: Die abtrünnigen Kardinäle definierten das Schisma nicht mehr als den Streit zweier Lager, bei dem die eine Seite dem „wahren“ Papst gehorchte und die andere aus Häretikern bestand. Nein, die Päpste waren es, die durch ihr hartnäckiges Verharren im Schisma die eine, unzertrennliche Kirche verlassen hatten und zu Häretikern geworden waren!
Die Konfliktlinien wurden dadurch verschoben: Von jetzt an hieß der Kampf nicht mehr Obödienz gegen Obödienz, sondern die eine universale Kirche gegen die beiden Päpste. Nicht mehr die Anhänger der anderen Obödienz waren die Häretiker, sondern Benedikt XIII. und Gregor XII., die sich trotz wiederholter Ermahnungen geweigert hatten, die Zession zu vollziehen, jenen Schritt, der die Kirche heilen und vereinen würde.
Durch ihr Verharren im Schisma waren sie, so sahen es die Kardinäle, von der Kirche abgefallen und Häretiker geworden – der einzige Anklagepunkt, der gegen einen amtierenden Papst überhaupt zulässig war. Mit dieser Neudeutung des Schismas gelang den Kardinälen ein entscheidender Schritt hin zu seiner Beseitigung. Bevor sie aber zur Tat schreiten konnten, blieb eine lange Reihe schwieriger Verfahrensfragen zu klären. Wollte das zu berufende Konzil erfolgreich gegen die contendentes de papatu, die um das Papstamt Streitenden, vorgehen, so durfte es sich keine Fehler erlauben.
Den größten juristischen Einwand bot das Konzil seinen Gegnern in der Frage der Einberufung. Das Recht dazu stand gewöhnlich dem Papst zu. Dass Kardinäle zu einem Konzil aufriefen, war ohne Vorbild. Umso wichtiger war die Begleitung des Aufrufes durch eine breite diplomatische Offensive. Die Gesandten der Kardinäle – meist ortskundige, hochrangige Kleriker – reisten quer durch Italien, Frankreich und das Reich, nach England und Böhmen und bis ins Baltikum, nach Skandinavien, Schottland, Irland, Portugal, Ungarn, Griechenland und Byzanz.
Bei den wichtigsten Herrschern sprachen die Kardinäle selbst vor. Einen großen Erfolg verzeichnete Francesco Uguccione, dem es in England gelang, König Heinrich IV. von der Sache des Konzils zu überzeugen. Auch Frankreich stand fest hinter den Kardinälen, doch viele andere europäische Herrscher verhielten sich abwartend. Auch Fehlschläge waren zu verzeichnen: Anfang des Jahres 1409 erklärte König Ruprecht nach langem Zaudern, er sei nicht bereit, sich von Gregor XII. loszusagen. Hinter der Initiative der Pisaner stünden zweifellos finstere Pläne des französischen Königs, so sein wichtigstes Argument. Tatsächlich fürchtete Ruprecht den Einfluss Frankreichs – sein erbittertster Gegner im Reich war Erzbischof Johann von Mainz, der die Annäherung an Frankreich suchte und sich früh für das Konzil von Pisa ausgesprochen hatte.
Um Zeit zu gewinnen, riefen Gregor XII. und Benedikt XIII. ihrerseits ihre verbliebenen Anhänger zu – weitestgehend wirkungslos gebliebenen – Konzilen auf. Es nützte nichts. Die Pisaner hielten an ihrem Zeitplan fest. Als am 25. März 1409 in der Kathedrale von Pisa feierlich der Eröffnungsgottesdienst gefeiert wurde, waren zahlreiche Teilnehmer zusammengekommen, und weitere sollten in den kommenden Tagen und Wochen noch eintreffen. Die Liturgie dieses ersten wie auch der vielen weiteren Gottesdienste hob besonders die Rolle des Heiligen Geistes hervor – dessen tätiges Wirken das Konzil erst legitimierte und dessen beharrliches Anrufen auch disziplinierend auf die Anwesenden wirken sollte. Um die Eintracht zu betonen, in der die universale Kirche in Pisa versammelt war, wurde in der Folge jede Handlung, jede Äußerung sorgfältig vorbereitet – keinesfalls durfte der Anschein von Uneinigkeit und Zwietracht erweckt werden.
In Ermangelung eines Papstes, der das Konzil gewöhnlich leitete, wurden wichtige Aufgaben, zum Beispiel die Verkündung von Beschlüssen oder die Vereidigung von Neuankömmlingen, von verschiedenen Personen übernommen, die nie zu betonen vergaßen, dass sie im Namen des Konzils sprachen und handelten.
Um den Beschlüssen mehr Gewicht zu verleihen, wurde zudem stets auf die Berücksichtigung der Ratschläge der anwesenden Vertreter der Universitäten geachtet – besonders der einflussreichen Gelehrten aus Paris und Bologna. Als der eigentliche Prozess gegen Benedikt XIII. und Gregor XII. begann, wurde zudem große Sorgfalt auf die Einhaltung der Verfahrensregeln kirchlicher Prozesse gelegt.
Auch wenn das Urteil von vornherein feststand, fand eine gründliche Beweisaufnahme statt. Dutzende Zeugen wurden befragt, um die Schuld der Angeklagten, ihr hartnäckiges Verharren im Schisma und ihre Häresie zweifelsfrei festzustellen und zu belegen. Wollten die Konzilsteilnehmer ihrem Urteil Akzeptanz verschaffen, das war den versammelten Kardinälen klar, so war die Form, in der es zustande kam, von größter Wichtigkeit. Das Bemühen um die richtige Form prägte nicht nur den Prozess, sondern einfach alles: die Sitzordnung, die Art der Beschlussfassung, die Arbeitsabläufe – und, natürlich, die Liturgie.
Waren Liturgie und Ordnung bei einem Konzil gewöhnlich auf den Papst ausgerichtet, so wählte man nun eine Mischung aus Rang und Dienstalter, um den Platz des Einzelnen in der Kathedrale zu bestimmen. Bei der Feier der täglichen Messe, dem Sprechen der Gebete und der Lesung der Evangelien wechselten sich die Kardinäle nach einem ausgeklügelten Rotationsprinzip ab. Dabei wurden Rang und Würde jedes Einzelnen beachtet – egal, welcher Papst ihn dahin erhoben hatte. Keiner Seite wurden Ansprüche zu- oder abgesprochen, die Handlungen der Vergangenheit wurden nicht diskutiert.
Am 5. Juni verkündete der Patriarch von Alexandrien, Simon de Cramaud, im Auftrag der Versammlung das Urteil gegen die Angeklagten. Einstimmig erklärte das Konzil sie zu notorischen Schismatikern. Beide hätten das Schisma gefördert und unterstützt. Sie seien vom Glauben abgewichen und zu Häretikern geworden. Damit hätten sie sich der päpstlichen Würde als unwürdig erwiesen. Das Konzil erklärte den päpstlichen Stuhl daher für vakant und alle Gläubigen von ihrer jeweiligen Obödienz gelöst.
Ein Fortschritt immerhin – aber noch keine endgültige Lösung
Mit dem Urteil gegen die alten Päpste war es jedoch nicht getan. Nun musste ein neuer gewählt werden. Um das Konklave vor jeder äußeren Einflussnahme abzuschirmen, bezog der Hochmeister der Johanniter mit einigen Rittern vor dem Bischofspalast Stellung. Im Konklave zeigte sich dann, dass der alte italienisch-französische Gegensatz durchaus nicht vollständig ausgeräumt war. Erst nach elf Tagen konnten sich die Kardinäle auf einen für alle annehmbaren Kandidaten einigen: Pietro Philargi, der Erzbischof von Mailand, war auf Kreta geboren und hatte in Oxford und Paris studiert. Dank dieser Verbindung nach Frankreich war er, wenngleich er ehemals der römischen Obödienz angehört hatte, für die Avignoneser akzeptabel.
Mit seinen ersten Rechtsakten bestätigte Alexander V., wie er sich nun nannte, alle Handlungen und Rechtsakte der Kardinäle seit dem 3. Mai 1408 – dem Tag, der zum Stichtag für den Abfall der alten Päpste von der Kirche erklärt wurde. Er bekräftigte die Vereinigung der Kardinalskollegien und bestätigte alle Kardinäle als solche. Statt Ämterkonkurrenzen aufzulösen, wurden Dopplungen in der Folge hingenommen: Es gab nun für eine Weile zwei Kardinalkämmerer und zwei Kardinalgroßpönitentiare (Vorsteher einer vatikanischen Behörde, unter anderem für das Ablasswesen zuständig).
Überhaupt bemühte sich der neue Papst angesichts der nun einsetzenden Flut von Anträgen und Bittbriefen, bei der Bestätigung von Ämtern, Absolutionen und Dispensen aus der Zeit des Schismas um eine möglichst großzügige Handhabung zugunsten der Antragsteller. Um den Frieden der Kirche zu sichern, schien es geboten, jedermanns Gewissen zu beruhigen und niemandem den Lebensunterhalt zu nehmen.
Das Hauptziel des Konzils, die unumstrittene Anerkennung des neuen Papstes durch die Christenheit, blieb Alexander V. indes verwehrt; auch traten die anderen beiden Päpste nicht zurück. Wenngleich die Zahl der unter einem Papst vereinten Christen größer war als zuvor und England und Frankreich erstmals seit langer Zeit derselben Obödienz angehörten, waren die politischen Bedingungen für eine Überwindung des Schismas noch nicht gegeben. Erst als sich die Verhältnisse im Reich ordneten, gelang es seit 1414 dem Konzil von Konstanz, unter Mitwirkung von König Sigismund nun gleich drei Päpste zu beseitigen und dem „Großen Abendländischen Schisma“ ein Ende zu setzen. Dass und wie ein Konzil selbsttätig handeln konnte, hatte jedoch Pisa bereits gezeigt.
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